Organspende: Gut verwaltet sterben

8. März 2018

Im letzten Jahr starben hierzulande fast 1.000 Menschen, die auf ein Organ warteten. Die Zahlen der Organspenden und Transplantationen sinken in Deutschland kontinuierlich. Experten schlagen seit Jahren Alarm, doch eine Änderung ist nicht in Sicht. Auf der Suche nach Ursachen.

Fast sieben Jahre wartete Jens G. aus Hamburg auf ein Herz, drei Mal war es fast soweit, immer wieder drohten Herzinfarkt oder Schlaganfall. Der heute 73-Jährige traute sich kaum aus dem Haus. Er lebte maßvoll und ängstlich bis es endlich soweit war und er ein Herz bekam – das eines hirntoten Mannes, der einen Unfall mit dem Motorrad gehabt hatte.

Das war 2007. Jens G. hatte Glück, heute wäre seine Aussicht auf ein neues Herz mehr als gering. „Viele Zentren melden vielfach nur noch Patienten, die dringlich ein Spenderorgan brauchen. Ein Patient hat kaum eine Chance, wenn er nicht auf der Hochdringlichkeitsliste steht“, sagt Jan Gummert, Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie an der Uniklinik Bochum. Nur etwa zehn Prozent der Patienten auf der Warteliste für ein neues Herz haben einen Hochdringlichkeitsstatus. Rund 90 Prozent von ihnen bekommen eine Transplantation, so der Kardiochirurg: „Es besteht ein krasses Missverhältnis. Je weniger transplantiert wird, desto mehr Patienten bleiben auf der Warteliste. Dann steigt natürlich die Zahl derer, die transplantiert werden müssen. Patienten mit normaler Dringlichkeit haben kaum noch eine Chance, transplantiert zu werden.“

939 Menschen starben, weil es keine Organe gab

Was für das Herz gilt, trifft ebenso auf andere Organe zu: Insgesamt 10.107 Patienten waren 2017 zur Transplantation gelistet. Allerdings wurden nur 3.383 Herzen, Lebern und Lungen, Pankreata, Dünndarm oder Nieren tatsächlich transplantiert. 939 Menschen starben in diesem Jahr, obwohl sie für ein oder mehrere Organe auf den Wartelisten standen, heißt es nach den jüngsten Erhebungen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Bezogen auf je eine Million Bürger habe die Zahl an transplantierten Patienten im Jahr 2016 in Spanien 102,3, in Österreich 87,2, hierzulande aber nur 44,4 betragen, so die Fachgesellschaft weiter.

akuehn@hdz-nrw.de

Keine Chance ohne Hochdringlichkeitsliste, weiß Kardiochirurg Jan Gummert.

„Leider waren die jetzt gemeldeten offiziellen Zahlen auch so zu erwarten“, sagt Gummert: „Mehrere Faktoren sind dafür verantwortlich. Einer ist die fehlende Widerspruchslösung. Zahlen der DSO zeigen, dass eine bestimmte Anzahl von Spenden nicht realisiert werden konnte, weil unklar ist, wie derjenige zu Lebzeiten darüber gedacht hat. Wenn hier die Widerspruchsregelung gelten würde, dann wären das potenzielle Spender.“ Die Widerspruchsregelung besagt, dass ein Spender automatisch einer Organspende zustimmt, solange er nicht widerspricht – also genau umgekehrt, wie es hierzulande der Fall ist. In Italien und Österreich zum Beispiel gibt es diese Regelung schon länger, in den Niederlanden wurde sie kürzlich eingeführt.

„Bei uns ist es historisch gewachsen, dass jeder Mensch einer Spende von sich aus zustimmen muss“, sagt Andreas Frewer, Medizinethiker am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Uni Erlangen-Nürnberg. „Dies entspricht einer Kultur des kritischen Zugangs beim Thema Organbedarf für die Medizin.“ Mit deutscher Mentalität allein könne man das Phänomen jedoch nicht erklären, so Frewer, dazu sei Deutschland zu groß und zu vielfältig: „Es gibt zum Beispiel ein deutliches innerdeutsches Gefälle mit einer höheren Quote in den östlichen Bundesländern bis zu einem Spitzenwert in Mecklenburg-Vorpommern.“

Im Osten mehr Spenden

In der ehemaligen DDR habe es die Widerspruchsregelung gegeben. Sie war in der „Verordnung über die Durchführung von Organtransplantationen“ vom 4. Juli 1975 geregelt und wurde faktisch aufgehoben durch den Einigungsvertrag vom 31.08. 1990, erklärt Axel Rahmel, medizinischer Vorstand bei der DSO. „Man konnte widersprechen. Der Widerspruch musste schriftlich erfolgen und sollte dem Personaldokument beigelegt werden.“ Ein Register habe es nicht gegeben.

„Wenn kein Widerspruch vorlag, konnte die Organspende über die Transplantationszentren realisiert werden. Die Transplantationsmediziner durften weder an der Hirntoddiagnostik, noch am Angehörigengespräch beteiligt sein“, so Rahmel. In der ehemaligen DDR sei das Gesundheitswesen autoritärer gewesen als im Westen, sagt Frewer.

Mögliche Spender bleiben unerkannt

In der Bundesrepublik gab es schon vor 2012 einen Einbruch der Spenderzahlen, als gleich mehrere Skandale die Glaubwürdigkeit in das bestehende System erschütterten. Damals „wurde bekannt, dass an den Transplantationszentren der Universitätskliniken Göttingen, Regensburg, München rechts der Isar und Leipzig Daten über den Gesundheitszustand von Patienten, die auf eine Spenderleber warteten, systematisch manipuliert worden seien, um Patienten auf der Warteliste zu bevorzugen“, so ein Bericht der Bundesregierung vom Dezember 2014.

Die Organe, die in Deutschland zur Transplantation gespendet werden, werden nach Richtlinien vermittelt, die die Bundesärztekammer (BÄK) erstellt. Die Vermittlung erfolgt über Eurotransplant (ET): Hier sind Patienten aus acht Mitgliedsländern registriert, die auf ein oder mehrere Organe warten. Hier besteht jedoch ein deutliches Ungleichgewicht: „Im Jahr 2017 gingen 434 Organe aus Deutschland zur Transplantation in andere Länder des Verbunds, 609 Organe aus anderen Ländern wurden in Deutschland transplantiert“, sagt Rahmel.

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Engagiert im Kampf für mehr Organspenden und bessere Abläufe in den Kliniken: Axel Rahmel von der DSO.

Tatsächlich sinken die Zahlen hierzulande seit 2010. Die Gründe sind laut Rahmel vielschichtig: „Auf den Intensivstationen müssen die Ärzte mögliche Spender erkennen und die Koordinierungsstelle informieren. Unsere Auswertungen zeigen, dass bei Therapieentscheidungen am Lebensende die Organspende teilweise nicht in Betracht gezogen wird.“ Auch die zunehmende Arbeitsverdichtung und -belastung auf den Intensivstationen sei eine zusätzliche Hürde für die Organspende.

Register im Aufbau – seit 2016

Eine der Maßnahmen der Bundesregierung war es, 2016 das Transplantationsregistergesetz (TxRegG) zu erlassen. Demnach soll es eine Transplantationsregisterstelle geben, wo „erstmals Daten von verstorbenen Organspendern, Organempfängern und Lebendspendern bundesweit zentral zusammengefasst und miteinander verknüpft werden“, so Sebastian Gülde, Pressereferent im Bundesministerium für Gesundheit.

Das Register solle langfristig unter anderem dazu beitragen, die Wartelistenkriterien sowie die Verteilung der Spenderorgane weiterzuentwickeln. Wann die Stelle tatsächlich ihre Arbeit aufnehmen kann, ist allerdings noch unklar: „Der Zuschlag für die Transplantationsregisterstelle ist den Gesundheitsforen Leipzig erteilt worden, der für die Vertrauensstelle des Transplantationsregisters ging an die Schütze AG“, so Mark Berger, Referent der BÄK, auf Nachfrage von DocCheck. Beide Stellen seien nun mit dem Aufbau des Transplantationsregisters befasst.

Der Transplantationsbeauftragte des Jahres kommt aus Bayern

Mit der Novellierung des Transplantationsgesetzes wurde auch jedes der rund 1.200 Entnahmekrankenhäuser in Deutschland dazu verpflichtet, „jeweils mindestens einen Transplantationsbeauftragten zu bestellen“, so die Bundesregierung. Dessen Aufgaben umfassen laut DSO die Definition der Abläufe für Organspenden, die Schulung von Kollegen und die Funktion als Schnittstelle zur DSO. Rahmel sieht die praktische Umsetzung dieser Regelung allerdings kritisch: Allein Bayern habe bisher klare Regeln geschaffen und so entgegen dem Bundestrend die deutlichste Steigerung der Organspenden erzielen können, sagt er.

„In Deutschland ist es vielfach noch so geregelt, dass der Transplantationsbeauftragte sich quasi neben seiner normalen klinischen Tätigkeit um die Organspende kümmert“, sagt auch Kardiochirurg Gummert. „Dann hängt es vom persönlichen Engagement des Beauftragten ab, mit wie viel Energie er Spenderverfahren begleitet.“ Die Rolle der Transplantationsbeauftragten müsse weiter gestärkt werden, fordert auch Rahmel: Dies betreffe vor allem die kontinuierliche Weiterbildung, die Entlastung von anderen Aufgaben und die Unterstützung und Wertschätzung ihrer Tätigkeit, insbesondere durch die Klinikleitung.

Nicht nur die Organentnahme kostet Geld

Möglicherweise würde eine attraktive Vergütung helfen – auch die Entnahme von Organen ist für Kliniken wirtschaftlich wenig interessant, ein weiterer Grund für die niedrigen deutschen Zahlen. „Nicht nur die Organentnahme kostet Geld“, sagt Gummert. Hirntote Spender müssen Zeit auf der Intensivstation verbringen und stabilisiert werden, bis man den Hirntod zuverlässig feststellen und die Organentnahme organisieren kann. Dieser Zeitraum wird nicht ausreichend finanziert.“

Bisher gibt es eine Aufwandsentschädigungen für Kliniken, so Rahmel: „Die Pauschalen werden den Besonderheiten des Einzelfalls häufig nicht gerecht und sind dann mitunter nicht kostendeckend.“ Wichtig sei eine stärker aufwandsbezogene Erstattung. Weder durch Arbeitsdruck noch durch finanzielle Engpässe dürfe die Organspende im Klinikalltag an den Rand gedrängt werden.

Vertrauensstelle für Patienten, Angehörige und Ärzte

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Ruth Rissing-van Saan versteht sich als Vertrauensperson an der Schnittstelle zwischen Ärzten, Pflegern und Patienten.

Damit Spenderverfahren sauber und gut laufen, ist seit November 2012 die unabhängige Vertrauensstelle Transplantationsmedizin bei der BÄK eingerichtet worden, ehrenamtliche Leiterin ist die Vorsitzende Richterin am Bundesgerichtshof (BGH) a.D., Ruth Rissing-van Saan. „Die wichtigste Zielgruppe sind Patienten und deren Angehörige sowie Ärzte und Pflegekräfte in den Krankenhäusern“, sagt Rissing-van Saan. „Darum können die Hinweise auch anonym erfolgen. Die Anonymität ist nicht dazu gedacht, die Tätigkeit der Vertrauensstelle geheim zu halten, sondern sie soll den Menschen Schutz geben, wenn sie Anzeige erstatten wollen.“ Sie führe selbstverständlich Buch, berichte und lege in jeder Sitzung der Bundesärztekammer im Zusammenhang mit der Prüfungs- und Überwachungskommission, der sie angehöre, Rechenschaft ab.

„Es wird also öffentlich gemacht, worum es geht“, sagt die Richterin. Seit der Einrichtung der Vertrauensstelle habe sie kürzlich den 300sten Fall registriert. Von diesen hätten nur knapp 20 auf Anonymität bestanden. Die Meldungen reichten von einzelnen Verdachtsmomenten bis hin zu Verbesserungsvorschlägen aus der Bevölkerung. „Ich verstehe mich als Moderatorin“, so Rissing-van Saan. „Es ist eine wichtige Aufgabe, auch weil so der Bevölkerung signalisiert wird, dass es jemanden gibt, der keine eigenen Interessen hat und versucht, die Belange der Patienten und der Ärzte zu vereinen und die Transplantationsmedizin zu fördern.“

Die Vertrauensstelle biete insbesondere auch Menschen die Möglichkeit, ihr Wissen weiterzugeben, wenn sie in den stark hierarchischen Strukturen von Krankenhäusern arbeiteten, sagt Rissing-van Saan: „Wir wollen hier für maximale Transparenz sorgen.“

Mängel bei der Dokumentation von Lungentransplantationen

Wie sehr dies nötig ist, zeigt der jüngste Fall im Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) in Hamburg: Bei den Recherchen zu diesem Artikel sagte eine Sprecherin ein Interview ab mit der Begründung, das UKE wolle sich derzeit aufgrund eines laufenden Verfahrens nicht äußern. Hintergrund sind Vorwürfe einer Untersuchungskommission von 2016, demnach es zwischen 2010 und 2012 massive Mängel bei der Dokumentation von Lungentransplantationen gegeben haben soll, zudem waren Akten verschwunden. Diese sind im vergangenen Jahr gefunden worden – und liegen seitdem bei der Hamburger Staatsanwaltschaft: Die gutachterliche Auswertung der sichergestellten Krankenunterlagen sei noch nicht abgeschlossen, so Oberstaatsanwalt Carsten Rinio.

Der Fall zeigt, wie sensibel das Thema Organspende und Transplantation noch immer ist. Auch Patientenverfügungen, von denen heute immer öfter Gebrauch gemacht wird, behandeln nur selten die Frage der Organspende. Im Zweifelsfall, wenn der Patient sich gegen lebenserhaltende Maßnahmen ausspricht, kann er nicht mehr in Hinblick auf Organspenden exploriert werden. „Man kann die Patientenverfügung aber um eine Einverständniserklärung zur Organspende erweitern“, sagt Gummert. Die Landesärztekammern hätten entsprechende Textvorschläge. Dort stehe zum Beispiel, dass man keine sinnlose Therapie wolle, aber einer möglichen Organspende zustimme: „Patientenverfügung und Organspende sind also kein Widerspruch, sondern können miteinander kombiniert werden.“

Angehörige haben Gewissensbisse

„Die meisten Menschen denken nicht über Organspenden nach, bis sie selbst damit konfrontiert werden“, sagt Rissing-van Saan. Angehörige stünden unerwartet vor Gewissensfragen, weil sie nicht wüssten, wie der Betroffene darüber dachte. Zudem ist der Hirntod nach wie vor ein Zustand mit Fragezeichen. Zwar gilt er als sicheres Todeszeichen, denn mit ihm geht das irreversible Ende aller Hirnfunktionen einher; Kreislauf und Atmung werden mithilfe von Geräten künstlich aufrechterhalten. Auch gelten für die Diagnostik strenge Auflagen. Dennoch weichen die Meinungen auseinander, ob dieser zur Organentnahme berechtige: „Der deutsche Ethikrat hat ein differenziertes Votum zur Hirntod-Definition abgegeben“, sagt Frewer: „Es gab abweichende Auslegungen. Selbst in der Expertise der gesellschaftlichen Gremien besteht also keine absolute Einigkeit.“

Tod versus Hirntod: Die ewige Diskussion

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Das kritische Bewusstsein sei historisch gewachsen und die Debatte konstruktiv, meint Medizinethiker Andreas Frewer.

„Nach Auffassung einer Minderheit des Deutschen Ethikrates ist der Hirntod kein Kriterium für den Tod des Menschen“, heißt es in einer Erklärung von 2015. „Die Integration zu einem Organismus als einem Ganzen ist auch bei einem Patienten mit irreversiblem Ganzhirnversagen noch gegeben. Ein Mensch mit irreversiblem Ganzhirnversagen ist auch fähig zur Interaktion mit der Umwelt.“

Die Mehrheit des Ethikrates sehe den Hirntod aber als sicheres Zeichen für den Tod des Menschen, heißt es weiter: „Wenn durch den irreversiblen Ausfall aller Gehirnfunktionen die notwendigen Voraussetzungen mentaler Aktivität, jedes Empfindungsvermögens und damit jedwede Möglichkeit von selbst gesteuertem Verhalten bzw. Austausch mit der Umwelt für immer erloschen sind und außerdem die Einheit des Organismus zerbrochen ist, kann von dem in diesem Zustand befindlichen Körper nicht mehr als einem lebendigen Menschen gesprochen werden.“ Dennoch vertritt der Ethikrat einstimmig die Auffassung, dass am Hirntod als Voraussetzung für eine postmortale Organentnahme festzuhalten sei.

Großes Misstrauen erfordert Aufklärungsarbeit

„Der Hirntod ist ein gutes und praktikables Kriterium, auch wenn anthropologisch und philosophisch noch einige Fragen offen sind“, sagt Frewer: „Dennoch könnte dies ein Teilaspekt sein, warum manche Menschen sich nicht mit den Kriterien des Todes auseinandersetzen möchten. Die psychologische Situation ist in der Praxis kompliziert. Man erfährt einen hirntoten Menschen physisch als schlafenden oder in tiefem Koma liegenden Menschen, auch wenn ein Hirntoter noch nie wieder aufgewacht ist.“ Hier bestehe Aufklärungsbedarf, so der Medizinethiker: „Menschen, die selbst betroffen sind, ändern meistens sehr schnell ihre Haltung zum Thema Organspenden.“

Gummert sagt, er wundere sich, dass viele Menschen Angst hätten, ein Arzt würde eine Behandlung zu früh unterbrechen, um die Spenderorgane zu bekommen. Die gleichen Menschen fürchteten sich davor, auf der Intensivstation zu lange an Geräten angeschlossen zu sein, weil sie lieber in Frieden sterben möchten. Diesen Widerspruch könne er sich nur mit einem generellen, aber vollständig unberechtigten Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem erklären. „Unsere Gesellschaft ist wachsam gegenüber jedem möglicherweise auch instrumentalisierten Verfahren der Verwertung menschlicher Körper“, sagt Frewer: „Dass wir diese kritische Debatte in Deutschland haben, ist wichtig. Gerade die Ärzteschaft wird hier noch viel Aufklärungsarbeit leisten müssen.“

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14 Kommentare:

Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

Organentnahme ohne Vollnarkose? – für mich – nie und nimmer, auch geköpfte Tiere bewegen sich ganz ohne Hirnfunktionen. Von der deutschen Stiftung für Organtransplantation heißt es: “Während der Organentnahme ist die Durchführung einer Vollnarkose nicht indiziert, da die Hirnfunktion irreversibel erloschen ist.” – dies überzeugt mich aber auf keinem Fall, so einen letzten “Service” am Spender brauche ich auf keinem Fall, nein danke..

#14 |
  1

Mit den Transplantationsskandalen wird immer wieder argumentiert. Aber in keinem der Skandale hat irgendjemand ein Organ erhalten, der es nicht dringend gebraucht hätte!
Es wurde lediglich getrickst, um Empfängern noch eine höhere Dringlichkeitsstufe zu verschaffen.
Wer aufgrund der Transplantationsskandale die Organspende verweigert, verhält sich so, als würde er allen Hungrigen in einer Schlange Essen verweigern, nur weil sich ein paar Leute an der Ausgabe vorgedrängt haben.
Ein sehr mittelalterliches Gerechtigkeitsempfinden, denke ich.

#13 |
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Dr. Rudolf Richard Ruessmann
Dr. Rudolf Richard Ruessmann

Der Artikel geht an den zwei wichtigsten Problem vorbei, erwähnt diese noch nicht einmal mit einem Wort.

Der unsägliche Transplantationsskandal in Göttingen ist nicht vergessen, weil er nicht zufriedenstellend aufgearbeitet wurde. Der Betrug wurde gerichtlich nicht geahndet. Ähnliche Fälle des Indikationsbetrugs wurden nicht weiter verfolgt. Regelungen , dass sich so ein haarsträubender Fall nicht wiederholt, sind zwar getroffen worden, lassen aber immer noch reichlich Spielraum für Karrieristen.

Solange Transplantationen über das DRG-System abgerechnet werden, besteht eine unklare Situation, ob zum Wohle des Patienten oder zur Gewinnmaximierung mit Organen gearbeitet wird.

#12 |
  1
Medizinphysiker

Mit meinen 65 Jahren habe ich als Lebenserfahrung gelernt: beinahe überall wird betrogen. Auch noch nicht vor allzu langer Zeit hat die Organspende ihren Skandal gehabt.
Ich habe zwar noch meinen Spenderausweis, bin aber doch äußerst misstrauisch geworden.

#11 |
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Zahnarzt

@Hr.Heinrich
Ich sehe den Sachverhalt genauso.
Wir beschreiten einen Grenzbereich, den zwischen Leben und Tod und erlauben uns dem einen zu nehmen, um dem anderen zu geben- spielen wir Gott? Oder vergleichen wir Menschen mit Autos, tauschen aus, was repariert werden muss, um beim Laufen gehalten zu werden und den Rest setzen wir auf Abwrackprämien?

#10 |
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Zahnarzt

Ich habe weder den Wunsch Organe zu spenden und konsequentlich auch nicht welche zu empfangen; nein, zu den Zeugen Jehovas gehöre ich auch nicht *lol*
HLAs, Oberflächenantigene bso.weise schränken die Verträglichkeit von Transplantaten ein (jeder Mensch ist ein Original).
Menschen, die Organe spenden, sind mitnichten tot, weshalb ich Organspende als schrecklich grausam erachte, für mich einer bewussten Lebensbeendung gleichend. Ich las, dass sie Schmerzen erleiden würden. Diese Vorstellung bereitet mir Gänsehaut.
Es darf jeder entscheiden, wie er das Problem handhaben mag, mein statement bleibt bestehen.

#9 |
  9
Psychotherapeut

Ich werde dann einer Organspende zustimmen, wenn ich sicher sein kann – was in D bisher nicht der Fall ist- dass vor der Entnahme eine Vollnarkose gesetzt wird.

#8 |
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Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast
Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast

Ich kann die Erfahrung von Frau Dr. Zymolka bestätigen. Ich trage seit Jahren einen Organspendeausweis mit mir herum. Interessiert hat das bisher bei diversen Klinikaufenthalten niemanden. Nach einer Patientenverfügung wurde ich bisweilen mal pro forma gefragt. Wirklich wissen, wo sie ist, oder gar, was drin steht, wollte offensichtlich nicht wirklich jemand. Dabei ist in dieser explizit festgelegt, wann lebensverlängernde Maßnahmen unterbleiben sollen, dass jedoch im Zweifel eine mögliche Organspende Vorrang hat.

#7 |
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Medizinjournalist

Warum organisieren wir diese Angelegenheit nicht wie in Österreich ?
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Hier können jeder Person, wenn der Hirntod festgestellt wird, Organe entnommen werden.
Ausser man widerspricht schriftlich !

Das Leben ist endlich und wenn danach Organe entnommen werden, um den Lebenden zu helfen, so ist das ethisch zu vertreten.
Oder sollten wir abwarten, bis beim benötigten Organ der Verwesungsprozess eintritt ?
Helfen wir denjenigen, die oft schon jahreland auf einen Spender warten.

Also: ” Blick nach vorne richten und nie aufgeben ! ”

Karl Vaith

#6 |
  26

Ich arbeite als niedergelassener Nephrologe. Unsere Gemeinschaftspraxis betreut ca. 80 Nierentransplantierte sowie einige Patienten nach Herz oder Lebertransplantation, die dialysepflichtig geworden sind. Ich habe den Eindruck, dass die Bereitschaft zur Organspende in den letzten Jahren trotz der zitierten Skandale eher zugenommen hat. Die Zahl möglicher Organspender ist in Deutschland nicht das Problem. Es fehlt die praktisch-organisatorische Unterstützung der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken und der finanzielle Anreiz für die Intensivstationen. In Zeiten der Intensiv-Kodierung ist die Weiterbehandlung eines Schwerstverletzten oder irreversibel Hirngeschädigten eben nicht attraktiv. Jeder Leiter/in einer Intensivstation muss sich ständig für entstandene Kosten und entgangene Entgelte rechtfertigen. Das sensible Gespräch mit den Angehörigen in der Abschiedssituation kostet Zeit und Kraft, braucht Erfahrung und Einfühlungsvermögen. Das kann aus meiner Sicht nur jemand leisten, der unabhängig von anderen Aufgaben ist und dafür ausgebildet wurde. Noch bis in die 90er Jahre gab es die von der DSO unterstützen Transplantationsteams, die aus den transplantierenden Zentren rekrutiert wurden, was heute natürlich eher kritisch zu werten wäre.
Nebenbei: Die Kostenträger haben durchaus Interesse an der Steigerung der Transplantationszahlen. Eine Nierentransplantation verursacht bei problemlosem Ablauf perioperative Kosten von ca. 25.000 Euro und Folgekosten (Medikamente/Nachbetreuung) von ca. 15.000 Euro/Jahr, während die Nierenersatztherapie mit Begleitkosten je nach Betrachtung 45-60.000 Euro pro Jahr verbraucht.
Und zuletzt: Selbstverständlich soll jeder Mensch die Freiheit haben, über seine Bereitschaft zur Organspende frei zu entscheiden und eine solche Entscheidung jederzeit zu revidieren. Das Gespräch mit seinen Angehörigen über Wünsche und Ängste ist dabei ganz wichtig. Und ich bin ganz fest davon überzeugt, dass in kaum einem anderem Bereich der Medizin ethische Überlegungen und Standards so im Vordergrund stehen wie in der Transplantationsmedizin. Die oben zitierten sogenannten Transplantationsskandale waren nie bei den Transplantationszentren, sondern bei den vorbereitenden Ärzten und Ärztinnen angesiedelt, die Einfluss auf die Transplantationswahscheinlichkeit ihrer Patienten nehmen wollten.

#5 |
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Ralf Dumke
Ralf Dumke

Jahrzehntelang habe ich einen Organspenderausweis mit Entnahmeerlaubnis mitgeführt. Nun führe ich ihn mit Überzeugung seit 8 Jahren mit dem Verbot jeglicher Entnahme mit. Auch diese klare Entscheidung ist damit dokumentierbar. Für mich schließe ich jeglichen Empfang von Spenderorganen aus.

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

Hallo, warum können Ärzte nicht verstehen, dass man seinen Körper nicht ausschlachten lassen möchte? Auch kann “nur” von einem lebenden Körper etwas entnommen werden, daher mag der Mensch vielleicht Hirntod sein, doch sein Körper lebt noch, Herz, Niere usw. arbeiten noch. Wir wissen noch sehr wenig über Gefühle, Gedanken von “Fasttoten Menschen”.
Auch sollten wir “Alle” bewusster mit dem Tod umgehen.
Wenn, warum auch immer die Zeit eines Menschen abgelaufen ist, so sollte man es annehmen und nicht auf kosten “Anderer” weiterleben wollen. Oft sind es Ärzte, die gerade durch “Hoffnung machen” es Patienten schwerer machen friedlich zu sterben. Und wenn man Menschenleben retten will so sollte man an den 15.000 – 20.000 Todesfälle durch Ärztepfutsch arbeiten, dass sind mindesten 10-15 mal mehr Todesfälle wie nicht durchgeführte Organspenden!

#3 |
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Dr. med. Sabine Zymolka
Dr. med. Sabine Zymolka

Liebe Kollegen,
Fangen Sie ganz einfach mit der Aufklärung Ihrer Patienten an. Bestellen Sie Material und legen es in Ihren Praxen aus.
Ich hatte immer einen Ständer mit Ausweisen auf dem Tresen und der musste auch häufig neu aufgefüllt werden.
Jetzt bin ich im Ruhestand, ich habe bisher in keiner Praxis sowas gesehen und bei Klinikaufenthalten hat sich für meinen Ausweis auch niemand interessiert.

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Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast
Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast

Solange die Beteiligten im Gesundheitswesen nicht bereit sind ihre Hausaufgaben zu machen und
– eine vernünftige Infrastruktur schaffen und vor allem finanzieren
– sachgerecht, intensiv und fortgesetzt aufklären
– Skandale und Skandälchen rigoros aufklären und verfolgen
wird sich auch mit einer Widerspruchslösung wenig oder nichts am Organmangel ändern. Und es ist überhaupt nicht einzusehen, dass immer wieder auf eine solche Lösung, die das Pferd vom Schwanz her aufzäumt, abgehoben wird, während einfach behebbare Ursachen für den Mangel an Spenderorganen nicht beseitigt werden.
Was sollen denn mehr potentielle Spender bewirken, wenn ihre Organe wegen struktureller Probleme dann doch nicht genutzt werden (können)?

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