Zahnpasta: Die Fluorid-Verschwörung

2. März 2018

Die Frage, ob Fluorid gesund oder sogar schädlich ist, hören Zahnärzte nicht selten. Vor allem seit sich Zahncremes ohne Fluorid als Nischenprodukt etabliert haben. Diese enthalten stattdessen Hydroxylapatit, das angeblich genau so gut vor Karies schützt. Gibt es dafür Beweise?

Fluoride in Zahnpasta sind gefährlich, hieß es Anfang 2018 in einer Anzeige, die in einer renommierten deutschen Tageszeitung erschienen war. In der angeführten Werbung wird außerdem behauptet, Fluoride stünden im Verdacht, sich als Giftstoffe im Körper abzulagern. Eine Studie aus Mexiko wird als Beweis angeführt und soll darüber hinaus zeigen, dass Kinder von Schwangeren mit hoher Fluoridaufnahme einen niedrigeren IQ haben.

Im Anschluss wird der Konsument aufgefordert, fluoridhaltige Zahnpasta zu vermeiden und lieber auf das fluoridfreie Produkt umzusteigen: Es enthält Hydroxylapatit, den Baustoff, aus dem die Zähne hauptsächlich bestehen. Die angepriesene Zahnpasta wirke genauso gut für den Zahnerhalt wie fluoridhaltige Pasten. Wieder wird eine Studie, diesmal aus Deutschland und noch unveröffentlicht, beweisführend genannt.

Kritik ohne wissenschaftliche Grundlage

Prompt reagierten sowohl Die Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ), die Deutsche Gesellschaft für Präventivzahnmedizin (DGPZM) und die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) auf die Werbung für das neue Zahnpflegeprodukt.

Vertreter aller drei Organisationen waren sich dabei in einem Punkt einig: Die Wirkung des Produktes sei wissenschaftlich nicht belegt, ganz im Gegensatz zum Einsatz von Fluoriden in Zahnpasten. Einem solchen Angst-Marketing müsse entschieden mittels seriöser und wissenschaftlich begründeter Fakten entgegengetreten werden.

Die zitierte Studie aus Mexiko wurde an Schwangeren durchgeführt, welche Fluorid über das Trinkwasser oder Salz systemisch aufnahmen. Die Ergebnisse der Studie, obgleich in der Argumentation gegen Fluorid in der Zahnpasta angeführt, geben dazu erst einmal überhaupt keine Auskunft. Darüber hinaus wird Zahnpasta nicht konsumiert, sondern wieder ausgespuckt, weshalb das Fluorid in seiner Wirkung lediglich auf die Zähne reduziert bleibt und eben nicht systemisch wirken kann.

Fluoridgegner: Eine vielversprechende Zielgruppe

Dem gegenüber steht der Fakt, dass die Wirkung von Fluoriden in der Zahnpasta zum Zwecke des Zahnerhalts in zahlreichen Studien wissenschaftlich sehr gut belegt ist. Zuletzt bestätigte eine im Jahr 2010 veröffentlichte Meta-Analyse der Cochrane Collaboration, welche 71 qualitativ hochwertige klinische Studien einschloss, sowohl die Sicherheit als auch den Nutzen von Fluoridanwendungen. Ferner erschien im Jahre 2016 eine „S2k-Leitlinie zur Kariesprophylaxe bei bleibenden Zähnen“, die ebenfalls empfiehlt, mindestens zweimal pro Tag fluoridhaltige Zahnpasta zur Kariesprophylaxe anzuwenden.

Es gibt auch nicht weder gab es zu irgendeinem Zeitpunkt Bestrebungen von Verbraucherschutz-Organisationen, ein Verbot von Fluoriden in Zahnpflegeprodukten zu erwirken, wie die Werbeanzeige behauptet. Die wissenschaftliche Basis für ein solches Bestreben fehlt schließlich völlig. Hier scheint es, dass bewusst Ängste, Unsicherheit und Skepsis gesäht wurden, um ein neues Produkt am Markt zu etablieren und die dafür nötige Nische überhaupt erst zu erschaffen.

Denn auf der anderen Seite müsste sich die Firma sonst wohl der Frage stellen, wo der wissenschaftliche Beweis dafür liegt, dass eine Hydroxylapatit-basierte Zahncreme die bisherige Zahnpflege nicht zum Nachteil der Patienten ersetzen könnte. Dieser öffentlich geführte Beweis jedoch steht derzeit noch aus.

78 Wertungen (4.06 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

15 Kommentare:

#Annika Diederichs: oh Gott! Ich kenn das, bin auch in den 70igern durch ganz Europa getrampt… Aber so komplett ungeputzte Zähne sind echt ne Zumutung! Sowas ist wirklich noch unter “primitiv”, das der überhaupt eine Frau abgekriegt hat!
Selbst echte Naturvölker reinigen sich die Zähne.
Ausserdem noch an meine Kollegin Frauke Lippens, Hebamme: ich habe endlose Gespräche mit meinen “Schnuller-Müttern” geführt, die gerne dazu neigen, den heruntergefallenen Schnuller (ICH BIN SCHNULLERFEIND!) abzulecken und dann ihrem Baby wieder in den Mund zu stecken!
Herzlichen Glückwunsch zur frühkindlichen Karies! Denn Karies ist ansteckend!
Hoffe, dass da alle Kolleginnen vermehrt darauf achten!

#15 |
  4

P.S.: sollte jemand hier in absehbarer Zeit nach Sri Lanka fliegen/fahren wollen kann ich nur die ayurvedische “SUPERIVICKY-“Zahnpasta empfehlen!
Die ist absolut grossartig! Dunkelgrün, nur aus Kräutern, z.B. Ingwer, Chili etc., scharf wie die Hölle (für europäische ” Normalbürger” jedenfalls, deshalb nur kleine Menge benutzen erstmal) und die putzt die Zähne so quietschglatt und sauber, einfach grossartig, natürlich OHNE FLUORID! Auch mein (hochmoderner Implantologe etc.) Zahnarzt war völlig begeistert! Ich bin 63 J., seit 37 J. in Asien, und hab (bis auf Weisheitszähne) noch alle Zähne. Und die sind schneeweiß und gesund! Trotz rauchen etc.! Und das bei schlechten genetischen Verhältnissen…

#14 |
  3

Ganz ehrlich: ich bin diese ganze “Fluorid-Verschwörung” dermassen satt!
Würden die Menschen in der ach so “zivilisierten” westlichen Welt, die im Überfluss schwelgt, sich nicht andauernd mit komplett “artfremder” und industriell hergestellter Süsskram-“Nahrung” vollstopfen, dann hätten wir ganz sicher auch deutlich weniger Zahnprobleme (und auch noch ein Dutzend anderer Erkrankungen!).! Da muss man als denkender Mensch doch nur in die Einkaufskörbe schauen, die vor einem so vor der Kasse stehen! Voll mit Industriemüll (sorry, aber bitte: ist doch so!), den sich die Leute in sozial bzw. finanziell “ärmeren” Ländern gar nicht erst leisten können. Ich war viel im Ausland, eben genau in diesen “ärmeren” Ländern, und hab mich früher immer gewundert, warum die Leute dort so beneidenswert tolle, knallweisse und auch im hohen Alter noch gute Zähne haben! Tja.. Ist mir dann klar geworden, nachdem ich dort oft u. lange war und die Ernährungsgewohnheiten (Gottseidank!) selbst übernommen habe!
Das Fluorid den Zähnen (in normalem Maß!) nicht schadet sondern zur Härtung des Zahnschmerzen beiträgt ist doch gar keine Frage! Aber wie sehr gut und logisch bereits beantwortet: weniger Süsskram, bessere, gesündere Ernährung, regelmäßige Zahnreinigung (wird in diesen o.g.Ländern auch vorgenommen!) und die Beisserchen (und auch das Zahnfleisch!) bleiben viel länger gesund und schön!
Vielen Dank an Hrn. Zahnarzt Karsten Lüder, da sind wir völlig einig!

#13 |
  2
Nichtmedizinische Berufe

Was ist mit den von der Zivilisation nahezu unberührten Völkern aus Busch, Dschungel und Wüste? Ich glaube kaum, dass sie morgens und abends vor dem Spiegel stehen und sich die Zähne mit Fluoridszahncreme putzen. Sie essen keinen Zucker und haben völlig andere Ernährungsgewohnheiten als wir. Das schützt vor Karies.

Fluoridzahncreme wirkt übrigends nicht nur an den Zähnen sondern auch über die Mundschleimhaut. Und – schwupps – kreist Fluorid im Körper herum. Ich nehme schon lange fluoridlose Zahncreme aus dem Bioladen.

#12 |
  22
Zahnarzt

Die Tatsache, dass die topische Fluoridanwendung ganz wesentlich zum Rückgang der Karies bei Kindern und Jugendlichen führt, ist doch unbestritten. In diesem Zusammenhang aber von Prophylaxe zu sprechen ist aus meiner Sicht nicht richtig. Die Karies ist doch keine Erkrankung die auf einem Mangel an Fluorid basiert! Unstrittig ist, dass insbesondere unsere falsche Ernährung (Zucker) zu einer Verschiebung der oralen Mikrobiota hin zu den Keimen bewirkt, die Säure produzieren. Somit wird der Vorgang der überwiegenden Demineralisation des Zahnschmelzes eingeleitet, der letztendlich in der etablierten Karies mündet.
Fluorid härtet den Zahnschmelz und macht ihn so säureresistenter.
Fluoridgabe ist somit als Therapie einzustufen! Es ist die Therapie der falschen Ernährungsgewohnheiten!
Echte Prophylaxe würde in der Erziehung zu einer “artgerechten” Ernährung bestehen. Diese Ernährungsweise stabilisiert eine orale Mikrobiota, welche das Entstehen von Karies verhindert.
Wenn man diesen Zusammenhang konsequent bis zu Ende denkt, ist Fluorid dann überflüssig, weil Demineralisation und Remineralisation im Gleichgewicht stehen. Dann kann man sogar über den von Frau Diederichs (#6) erwähnten älteren Herren nachdenken, denn eine im Gleichgewicht stehenden physiologische Mikrobiota muss vielleicht nicht unbedingt entfernt werden.
Das Gebot besteht aus meiner Sicht in der Einführung der Lebensmittelampel, der Zuckersteuer, Ernährungsunterricht an den Schulen, Weiterbildungsangebote für Ärzte und Zahnärzte zur Ernährungsberatung und eine adäquate Honorierung der Ernährungsberatung in jeder Arzt- und Zahnarztpraxis.

#11 |
  0
Gast
Gast

Und die Befunde von Winston Price? Mir sagte noch neulich mein Zahnarzt, ich hätte mich sicher schon mal schlechter ernährt… Er wollte mir ein Kompliment hinsichtlich des Status meines Zahnfleisches und auch der Zähne machen. Seit vielen Jahren nichts zu beanstanden, keine Parodontose, praktisch keine Taschen,… Seit vielen Jahren benutze ich auch keine fluoridierte Zahncreme mehr, sondern die billigste aus dem Bioladen ohne Fluorid oder gleich nur Xylit. Und ich nehme tgl. 5000 IU Vitamin D mit K2….

#10 |
  35

Abenteuerlich mit welcher Unverschämtheit die Industrie neue Produkte im Markt platzieren will, dazu noch enorm teuer. Vor der systematischen Fluorid Anwendung gab es ein Mehrfaches an Karies bei den Jugendlichen.

#9 |
  11
Dr. med. Vera Jakobs
Dr. med. Vera Jakobs

Es wird argumentiert (Zitat): “Darüber hinaus wird Zahnpasta nicht konsumiert, sondern wieder ausgespuckt, weshalb das Fluorid in seiner Wirkung lediglich auf die Zähne reduziert bleibt und eben nicht systemisch wirken kann.” – Merke: Nicht wirken “kann”!!! – Tatsache oder Postulat???
Woher nimmt der Autor die betonte Gewißheit?
Ganz analog dazu wirkt Nitrolingualspray also nur auf die Zähne ein, weshalb es ebenso “logisch” sein muß, daß Nitrolingualspray dann”… eben nicht systemisch wirken kann.”
Ein Schelm (?), wem jetzt das “Fließgleichgewicht” in den Sinn kommt …

#8 |
  25
Hebamme

Mein inzwischen leider verstorbener Zahnarzt berichtete mir vor vielen Jahren von einer Studie an der Uniklinik HH (UKE): es sollte erforscht werden, welche Zahnpasta die Beste sei. “Sieger” war die Kontrollgruppe, die ohne jegliche Zahnpasta, also ohne Frischeeffekt wohl technisch am besten putzte…

#7 |
  14
Annika Diederichs
Annika Diederichs

Haben Sie noch nie etwas von der großen Zahpastamafiaverschwörung gehört? Zu Studienzeiten bin ich öfters getramp. Einmal fuhr ich mit einem ältern Herrn, der mir stolz davon erzählte, herausgefunden zu haben, daß Zähneputzen völig überflüssig sei und ganz besonders Zahnpasta. Dahinter würden mafiöse Strukturen stehen, verbrecherische Unternehmen, die gezielt Desinformationen verbreiten, um ihr völlig nutzloses Produkt milliardenfach zu verkaufen und sich so in betrügerischer Absicht an arglosen Menschen zu bereichern. Konsequenterweise hatte er natürlich nie Zähne geputzt und habe dennoch völlig gesunde Zähne, was er als Beweis für seine steile These anführte. Neuerdings würde er allerdings doch morgens Zähne putzen – natürlich ohne Paste – weil seine Frau sich an seinen Mundgerucht stören würde. Die Gesamtsituation war leicht verstören für mich, aber durchaus interessant aus Sicht der Verhaltensforschung.^^

#6 |
  10
Gast
Gast

“Promt” oder doch eher “prompt”?

#5 |
  19

Na ja,es nimmt nur Wunder,dass nach Einführung der Fluoridprophylaxe die Kariesrate bei Kindern dramatisch zurück ging. Ich war nur 35 als Zahnarzt in eigener Praxis tätig und weiß wovon ich rede!!

#4 |
  6
Gast
Gast

“Nüchterne Betrachungen zur Auseinandersetzung um die Tabletten-Fluoridierung
Kinderärzte und Zahnärzte: Wie könnten sie besser zusammenarbeiten?”
von Dr. Rudolf Völker, Zahnarzt, Hamburg
https://www.anthronet.de/anthroposophie-artikel/10-gesundheit/38-kinder%c3%a4rzte-oder-zahn%c3%a4rzte-wie-k%c3%b6nnten-sie-besser-zusammenarbeiten-n%c3%bcchterne-betrachtungen-zur-auseinandersetzung-um-die-tabletten-fluoridierung.html

#3 |
  2
Felix M.
Felix M.

Wer brauch schon Studien, um zu wissen was gut ist. Dafür gibt es doch den Farbigen Streifen auf der Tube!

http://www.dadubuzz.de/zahnpasta-bedeuten/

Für den Troll von #1:

http://www.cochrane.org/de/CD002284/fluoridhaltige-mundspulung-zur-vorbeugung-von-zahnkaries-bei-kindern-und-jugendlichen

Es steht ja sogar im Artikel selbst schon, Herr Gott!

#2 |
  4
Gast
Gast

Hier die Fakten: Es existiert bis zum heutigen Tage keine einzige wissenschaftliche, doppelverblindete, placebokontrollierte Studie, die unseren heutigen Standards genügt und zweifelsfrei belegt, dass sowohl die Gabe von Fluorid im Kindesalter als auch der Zusatz in Zahnpflegeprodukten irgendeinen Vorteil bringt.

#1 |
  81


Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: