ED: Urologen surfen die Stoßwelle

27. Februar 2018

Bei erektiler Dysfunktion können selektive PDE-5-Hemmer helfen – doch nur symptomatisch und temporär. Durch extrakorporale Stoßwellen sollen vaskuläre Erektionsstörungen dauerhaft, ursächlich und schmerzfrei behandelt werden. Zu gut, um wahr zu sein?

Jeder 3. Mann über 40 Jahren leidet unter einer erektilen Dysfunktion und bei ungefähr 70 % der Betroffenen ist die Ursache vaskulär. Der mangelnde Blufluss in die Schwellkörper lässt den Penis nicht ausreichend versteifen. Aktuell ist die Therapie der erektilen Dysfunktion hauptsächlich auf die Einnahme selektiver PDE-5-Hemmer eingestellt, die Nebenwirkungen verursachen können und eine symptomatische, zeitbegrenzte Wirkung aufweisen. Die Spontanität des Geschlechtsverkehrs ist somit beeinträchtigt. Die extrakorporale Behandlung mit Stoßwellen niedriger Intensität verspricht hingegen eine dauerhafte, ursächliche Therapie der vaskulären erektilen Dysfunktion.

Was sind Stoßwellen und wie wirken Sie?

Die therapeutische Anwendung der Stoßwellen ist nichts Neues. Nieren-, Gallen- und Bauchspeicheldrüsensteine werden damit schon seit ungefähr vierzig Jahren erfolgreich zertrümmert. Auch Pseudarthrosen, Sehnenansatzbeschwerden und Verbrennungen können mit Stoßwellen behandelt werden.

Stoßwellen sind akustische Wellen, die traditionell durch elektrische Funkenentladungen unter Wasser erzeugt werden. Auch magnetische Felder oder Quarzkristalle werden zur Stoßwellenproduktion eingesetzt. Je nach Wellenparameter, haben Stoßwellen unterschiedliche Möglichkeiten, die in verschiedenen Indikationen angewendet werden.

Später, um die Jahrtausendwende, entwickelten Forscher die Theorie der Angioneogenese: mit Stoßwellen wurden neue Gefäße gebaut, sowohl im Herz als auch im Penis. Heute sagen Urologen, wie Dr. Christoph Pies: ,,Der Penis ist die Antenne des Herzens‘‘. Klar! Denn Koronarinsuffizienz und vaskuläre erektile Dysfunktion haben gemeinsame Ursachen und Risikofaktoren. Einige Experten sehen sogar beide Gesundheitsprobleme als unterschiedliche Manifestationen derselben Grunderkrankung: der Arteriosklerose.

Experimente und klinische Daten sind ermutigend

Das therapeutische Prinzip, aus dem Standpunkt der Pathophysiologie gesehen, ergibt Sinn. Experimente haben dokumentiert, dass Zellen auf Stoßwellen reagieren, indem sie Stammzellen aktivieren, das Abwehrsystem positiv beeinflussen, Nervenzellen reparieren und die Gefäßwandinnenschicht stimulieren, so dass neue Gefäße gebildet werden. Somit handelt es sich um die einzige Therapiemöglichkeit, die eigentlich an der Ursache der vaskulären erektilen Dysfunktion arbeitet. Darüber hinaus sind die Anwendungen nicht-invasiv, schmerzfrei, können mit Medikamenten kombiniert werden und haben keine klinisch signifikanten Nebenwirkungen. Zu gut, um wahr zu sein?

Eine Metaanalyse der 16 klinischen Studien, mit über 800 Männern, die seit 2010 durchgeführt und veröffentlicht wurden, zeigt, dass mehrere Studien eine deutliche Verbesserung der erektilen Funktion nachweisen, gemessen mit dem Internationalen Index der Erektilen Funktion (IIEF) und der Erektionshärte Skala (Erection Hardness Score, EHS). Die Erfolgsrate der Therapie betrug insgesamt bis zu 78 % bei Probanden, die eine leichte bis mäßige erektilen Dysfunktion hatten und bis zu 54 % bei Probanden, deren PDE-5-Hemmer-Therapie nicht anschlug. Auch die Durchblutung des Penis, untersucht mit Triplex-Ultraschall, verbesserte sich sichtlich nach der Stoßwellen-Therapie und der Effekt hielt in einer Studie bis zu 12 Monate an. Stoßwellen waren auch für die Behandlung der Peyronie-Krankheit hilfreich, die durch schmerzhafte Erektionen mit starker Biegung des Penis gekennzeichnet wird.

Studien in der Kritik

Die Methodologie einiger Studien wurde jedoch kritisiert. Folgende Punkte sind besonders wichtig:

  • Die Simulation der Stoßwellen-Anwendungen für die Placebo-Kontrolle ist nicht einfach. Normalerweise sind Stoßwellen hörbar und verursachen einen milden Druck. Beteiligte in den Kontrollgruppen, die eine unkoordinierte Tonaufnahme des akustischen Signals wahrnahmen, den Druck nicht spürten, oder sahen, dass sie mit einem bedeckten Applikator behandelt wurden, konnten wahrscheinlich nachvollziehen, dass sie zur Placebo-Gruppe gehören.
  • Das Therapieprotokoll variierte von Studie zu Studie, wobei zum Beispiel 600 bis 3.000 Stoßwelleneinheiten, mit einer Energieflussdichte von 0.09 bis 0.25 mJ/mm2, im Zeitraum von sechs bis zwölf Wochen verabreicht wurden. Verschiedene Typen von Stoßwellenmaschinen wurden benutzt, was sich ebenso auf die Erfolgsquoten auswirkt. Darüber hinaus ist eine Variabilität der Anwendung des Applikators von Hand zu Hand möglich.
  • Die meisten Studien hatten eine kurze Beobachtungsdauer und die Selektion der Beteiligten war sehr unterschiedlich, so dass die Ergebnisse nicht immer vergleichbar sind. Patienten mit unterschiedlichen Impotenz-Schweregraden nahmen an den Studien teil. Bei einigen hatte die PDE-5-Hemmer Therapie angeschlagen, bei anderen nicht.

Ablauf der Stoßwellen-Therapie für vaskuläre erektile Dysfunktion:

Zu Beginn ist der Ausschluss anderer Ursachen der erektilen Dysfunktion wichtig, bevor die Möglichkeit der Stoßwellen-Therapie einem Patienten angeboten wird. Darüber hinaus sollte jeder Mann mit einer vaskulären erektilen Dysfunktion auf ,,Herz und Niere‘‘ geprüft werden. Bluthochdruck, Diabetes oder erhöhte Fettwerte müssen unbedingt parallel behandelt werden.

Insgesamt werden Patienten, je nach Schweregrad der Erkrankung, sechs bis zwölf Mal mit Stoßwellen behandelt, in der Regel zwei Mal pro Woche. Jede Behandlung dauert ungefähr 20 bis 30 Minuten. Vor der ersten Behandlung hält der Urologe meistens den Applikator einmalig über die Hand des Betroffenen, so dass er den leichten Druck der Stoßwellen spürt und sich daran gewöhnt.

Der Urologe streckt danach den Penis manuell, bestreicht die Region mit Ultraschallgel, und führt den Applikator der Stoßwellen über mehrere Punkte am Penisschaft und dem Beckenboden, mit einer Frequenz von 120 Impulsen pro Minute. Ein bis drei Monate nach der Beendigung der letzten Sitzung ist eine Nachuntersuchung ratsam.

Die Therapie der Zukunft und offene Fragen

Seit 2010 gibt es Studienergebnisse, die belegen, dass Männer, die an einer vaskulären erektilen Dysfunktion leiden, mit Stoßwellen behandelt werden können. Eine relevante Umfrage von 192 Personen, die während dem 18. Kongress der Europäischen Gesellschaft für Sexualmedizin im Jahr 2016 durchgeführt wurde, ergab: Mehr als 70 Prozent der Teilnehmenden sagten, dass Stoßwellen in dieser Indikation effektiv sind, fast 85 Prozent waren überzeugt, dass die Therapie auch sicher ist, und 14 Prozent behandelten schon zum Zeitpunkt der Befragung ihre Patienten mit der neuen Methode.

Die moderne Stoßwellen-Therapie niedriger Intensität ermöglicht eine ursächliche, nicht-invasive, nicht-medikamentöse und schmerzlose Behandlung der vaskulären erektilen Dysfunktion, aber – es gibt offene Fragen, die mit gut konzipierten Studien beantwortet werden müssen. Zum Beispiel ist noch nicht klar, welches Anwendungsprotokoll für welche Patientengruppen am effektivsten ist oder wie lang eine erfolgreiche Therapie anhält.

Die existierenden Daten, die qualitativ nicht makellos sind, deuten darauf hin, dass jüngere Männer mit milder vaskulären erektilen Dysfunktion, die nicht zu lang andauert, sowie Männer bei denen die PDE-5-Hemmer-Therapie anschlägt, eher von der Stoßwellen-Therapie profitieren. 32 weitere Studien, die aktuell zu diesem Thema laufen, sollen klären, wie die Therapie in Zukunft optimal angewendet werden kann.

58 Wertungen (4.28 ø)
Medizin

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13 Kommentare:

Gast
Gast

An Frau Modex,

Einige Anwender in Norddeutschland finden Sie unter
https://ed-shockwave.com/doctors/

#13 |
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Dr. Aigyptiadou
Dr. Aigyptiadou

An Prof. Gros
Hier finden Sie eine Liste der Publikationen auf PubMed:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=Shockwave+therapy+erectile+dysfunction

#12 |
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Gast
Gast

http://www.ed-stosswelle.de

da gibt es Anwender und mehr Infos

#11 |
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Gast
Gast

Die Kritikpunkte sind meiner Meinung nach hauptsächlich akademischer Natur. Der Patient sollte im Mittelpunkt stehen.

#10 |
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Gast
Gast

Ich finde das Thema sehr spannend.
Habe in letzter Zeit häufiger das Gefühl, dass sich aufgrund von Schlagwörtern in der Headline im Newsletter, ein gewisses B…-Niveau etabliert.
“Hyper, hyper, auf der Stoßwelle surfen…”
Ich würde mir wünschen, dass eine gewisse Sachlichkeit und v.a. Transparenz für alle Teilhabenden dieses Forums bleibt….

Herzlichen Dank

#9 |
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Dr. med. Frank Eitner
Dr. med. Frank Eitner

Vielleicht hilft auch schon die geschickte Applikation desGels

#8 |
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An die Autorin: Gibt es hierzu Originalpublikationen? Danke.

#7 |
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Welcher Urologe in Norddeutschland hat Erfahrung hiermit?

#6 |
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Weitere medizinische Berufe

ok.
Kassen übernehmen das sicher nicht!
Was kostet den so eine kpl. Behandlung?
Danke

#5 |
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Eberhard Zittrell
Eberhard Zittrell

ich dachte immer der Penis ist das Sekundärgehirn des Mannes – vielleicht würde Hirntraining bei ED auch helfen

#4 |
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Beim googeln fand ich schon auf den ersten Blick auf der ersten Seite mehrere Verweise auf entsprechende Artikel aus dem Jahr 2013…

#3 |
  4

“der Penis ist die Antenne des Herzens”
Fehlt nur noch Bild oder Karikatur!

#2 |
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Gast
Gast

Interessanter Artikel! Bei ,,der Penis ist die Antenne des Herzens‘‘ musste ich allerdings etwas lachen :D

#1 |
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