Herzkatheter: Gier am Aortenbogen

12. März 2018

Um ein neues Herzkatheter-Labor rechtfertigen zu können, sollte der Herzkathetertisch möglichst oft belegt sein. In einer Klinik in NRW gefährden Ärzte deshalb Patienten mit kardiologischen Untersuchungen weit abseits der Leitlinien. Dies berichtet ein Arzt exklusiv der Redaktion.

„Ich konnte meine Tätigkeit in der Kardiologie nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren“, sagt Stefan Fendt (Name geändert). Er ist Arzt und arbeitet in einer Klinik in Nordrhein-Westfalen. Er berichtet von Überdiagnostik teilweise zum Schaden von Patienten und Krankenkassen: „Da ist aus betriebswirtschaftlichen Gründen einfach zu viel gelaufen.

Der Chefarzt will ein neues Herzkatheter-Labor

„Fielen Schlagwörter wie Thoraxschmerzen oder Angina pectoris, hat es keine 24 Stunden gedauert, bis ein Patient für mich ohne Indikation auf dem Herzkathetertisch lag“, berichtet Fendt. Linksherzkatheter-Untersuchungen seien auf der Tagesordnung gewesen, selbst bei Patienten zwischen Ende 80 und Anfang 90 mit augenscheinlich leichten Beschwerden.

„Aufgrund geltender Leitlinien gibt es klare Indikationen, um zu sagen, beim Patienten ist die Wahrscheinlichkeit einer koronaren Herzerkrankung groß und die Untersuchung macht Sinn.“ Nichtinvasive Verfahren wie Kardio-CTs oder Kardio-MRTs, die Patienten mit geringem Risiko das unangenehme Prozedere ersparen könnten, seien gar nicht erst diskutiert worden. Des Weiteren seien auch viele Personen zur Kontrollkoronarangiographie einbestellt worden, ohne dass es zuvor schwerwiegende Interventionen gegeben habe.

Die Gründe liegen für Fendt auf der Hand: „Bislang gab es im Haus zwei Herzkatheter-Labore. Das große Ziel vom Chef war ein drittes Labor.“ Ohne entsprechende Zahlen spiele die Verwaltung nicht mit. „Um Quoten zu erfüllen, wurden Indikationen deshalb sehr großzügig gestellt.“

Damit ließ es die Kardiologie aber nicht bewenden. „Ich habe öfter erlebt, dass Patienten im hohen Alter katheterisiert wurden, sich ein bypasspflichtiger Befund ergab und sie dann zur OP geschickt wurden“, berichtet der Arzt. „Bei Freunden oder Bekannten hätten wir das nie zugelassen.“ Fendt weiter: „Wir haben erfahren, dass es Verträge oder zumindest Absprachen zwischen Kliniken gibt, dass pro Quartal eine gewisse Zahl an Patienten zur Bypass-OP vorbeigeschickt wurden.“ Denn sein Haus habe keine eigene Herzchirurgie. „War eine Indikation nicht eindeutig, also wenn Stent oder Bypass aus medizinischer Sicht möglich gewesen wären, war klar, dass man sich für den Bypass entschied.“

Dieses System aus Überdiagnostik und Übertherapie schadet nicht nur Krankenkassen, sondern vielen Menschen auch direkt. Fendt verweist auf mögliche Komplikationen von Herzkatheter-Untersuchungen wie Nierenversagen durch Kontrastmittel, Einblutungen in die Bauchhöhle oder Aneurysmen. Im OP gehen die Probleme dann weiter. „Nicht selten haben wir Patienten in gutem Allgemeinzustand weggeschickt und postoperativ traten Wundheilungsstörungen, Narkoseschäden oder Infektionen auf.“

Gastroenterologie: Magenspiegelung für wirklich jeden

Deshalb hat Fendt die Abteilung intern gewechselt. Er ist jetzt in der Gastroenterologie – und kommt vom Regen in die Traufe: „Gerade heute hatten wir einen jungen Mann mit Erbrechen bei uns. Da wurde gleich eine Magenspiegelung durchgeführt.“ Er bezweifelt, dass das angesichts fehlender Hinweise auf eine schwere Erkrankung, erforderlich gewesen wäre. Naheliegende Erklärungen wie Infektionen oder auch erhöhter Alkoholkonsum seien gar nicht in Erwägung gezogen worden. „Auch hier legen Chefs Indikationen eher großzügig aus, wobei Gastroskopien oder Koloskopien deutlich weniger risikoträchtig sind, verglichen mit Herzkatheter-Untersuchungen.“

Betten-Tetris für maximalen Gewinn

Neben Untersuchungen ärgert sich Fendt auch über Fallpauschalen. „Viele Krankenhäuser haben heute Programme mit einem symbolhaften Ampelsystem.“ Liegt der Patient zu kurz, warnt eine rote Farbe vor frühzeitigen Entlassungen. Möchte er aber noch eine Nacht bleiben, weil seine Angehörigen ihn vielleicht erst nach dem Wochenende abholen, warnt das System ebenfalls, dass die Klinik so ein Minus macht. „In der Kardiologie hat unser Chefarzt jeden Morgen alle Daten durchgeklickt und teilweise Patienten hinausgeworfen. Sie kamen dann nach ein paar Tagen wieder, weil sie alleine nicht zurechtgekommen sind.“

Um Klinikbetten möglichst gewinnbringend einzusetzen, werden aber nicht nur Fallpauschalen ausgereizt. „In unserem Haus gibt es eine Geriatrie, die sogenannte Komplexbehandlungen durchführt“, berichtet der Arzt. Zielgruppe sind Patienten, denen es zu gut für die Heimunterbringung, aber zu schlecht für die Versorgung in der eigenen Wohnung geht. Innerhalb von drei Wochen versuchen Fachkräfte per Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie, Senioren zu mobilisieren, damit sie wieder zu Hause klarkommen. „Neulich bekamen wir die Ansage, Komplexbehandlungen deutlich zu reduzieren, um Betten nicht für das Tagesgeschäft zu blockieren.“ Hier gebe es klare Anweisungen von oben.

Rendite trifft Risiko

Wer die Schilderung von Stefan Fendt als Einzelfall abtut, irrt sich gewaltig. Bundesweit komme es aus Kostengründen vor, dass Patienten ohne medizinischen Grund im Krankenhaus untersucht bzw. behandelt würden, sagt Professor Karl-Heinz Wehkamp vom SOCIUM-Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Uni Bremen. Vor wenigen Monaten hat der Wissenschaftler Ergebnisse einer detaillierten Befragung veröffentlicht.

Er hat aus dem klinischen Bereich bundesweit 32 Ärzte aus der inneren Medizin, der Gynäkologie, der Chirurgie, der Neurologie, der Psychosomatik, der Dermatologie und der Anästhesie befragt. Darunter waren 7 Fachärzte, 13 Oberärzte und 4 Chefärzte. Hinzu kamen Gespräche mit 31 Geschäftsführern. Sie arbeiteten in einzelnen Häusern (19), waren Konzernvorstände (10) oder Regionaldirektoren (2). Seine Arbeit ist nicht repräsentativ, weist aber dennoch auf gefährliche Trends hin.

Die Einschätzungen aus Administration und Medizin unterscheiden sich grundlegend. Geschäftsführer verweisen auf erforderliche Renditen, betonen aber mehrheitlich, medizinische Entscheidungen nicht zu beeinflussen. Das sehen viele der befragten Ärzte anders. Sie kritisieren, Entscheidungen treffen zu müssen, die nicht immer zum Wohle ihrer Patienten sind. Einige ausgewählte Ergebnisse aus der Befragung sind anhand eines Leitfadens in der Tabelle zusammengefasst. Daran nahmen 20 Ärzte und 21 Geschäftsführer teil.

 ÄrzteGeschäftsführer
Aus wirtschaftlichen Motiven werden Patienten aufgenommen, die nicht unbedingt ins Krankenhaus gehören.ja (16), nein (1) k. A. (3)ja (3), nein (17), k. A. (1)
Aus wirtschaftlichen Motiven werden lukrative DRGs (diagnosebezogene Fallgruppen) bevorzugt aufgenommen. ja (9), nein (9), k. A. (2)ja (3), nein (16), k. A. (2)
Medizinische Abteilungen und Verfahren, die dem Haus viel Geld bringen, werden bevorzugt ausgebaut. Das entspricht nicht immer dem medizinischen Bedarf.ja (18), nein (0), k. A. (0), weder ja noch nein (2)ja (5), nein (13), k. A. (2), weder ja noch nein (1)
Der Entlassungszeitpunkt von Patienten ist oft nicht nur durch medizinische und soziale Umstände begründet.ja (11), nein (8), k. A. (2)ja (11), nein (8), k. A. (2)
Aus Kostengründen wird gelegentlich auf die zweit- oder drittbeste Therapie zurückgegriffen.ja (7), nein (8), k. A. (5)ja (1), nein (19), k. A. (1)

Wehkamp lässt auch ein paar Ärzte anonym zu Wort kommen:

  • „Wir sind indirekt beteiligt – Wirbelsäulenpatienten, Bandscheibenvorfälle und solche Dinge. Da gibt es schon Anweisungen, die in die Richtung gehen, auch niederschwelliger in die neue Wirbelsäulenabteilung zu verlegen […].“
  • „Ja, man kann nicht das zur Behandlung nehmen, von dem man überzeugt ist. Da muss man nehmen, was am günstigsten ist. In der Onkologie war es nicht so, dass wir Therapien aus finanziellen Gründen modifiziert haben. Aber wo es um Einsatz von Fremdmaterial geht, in der Kardiologie bei Schrittmachern, Stents, Katheter, da konnte nicht das ausgesucht werden, was am besten war […].“
  • „Ja, es gibt mit Sicherheit sehr viele kleinere Entscheidungen, die vor dem Hintergrund betriebswirtschaftlichen Denkens von den Einzelpersonen getroffen werden. […] Da geht es um alle Abläufe in der Abteilung: Aufnahme- und Entlassungsmanagement, da geht es um die Behandlungsdauer, Untersuchungen, die gemacht werden oder auch nicht gemacht werden, auch um Medikamente und Behandlungsstrategien […].“

Geschäftsführer bestätigen dies durch ihre anonymen Statements mehr oder minder direkt:

  • „Betriebswirtschaftliche Vorgaben leiten auch unternehmerische Entscheidungen. So wird das Portfolio des Krankenhauses nicht nur nach medizinischem Bedarf, sondern entsprechend seinem Einfluss auf den Gewinn des Krankenhauses weiterentwickelt. Auch die Vorgaben für die Abteilungen werden in diesem Sinne geplant.“
  • Ich möchte nicht, dass ein Arzt einen Patienten ohne eindeutige medizinische Indikation aufnimmt […].“

Kontrollmechanismen greifen nicht

Im Gespräch mit Spiegel online erklärt Wehkamp, warum etablierte Kontrollmechanismen nicht greifen. „Nehmen wir Hüftgelenksoperationen: Anhand der medizinischen Daten und der Überlebensrate von Patienten kann man zwar einiges über den Erfolg und die Qualität des Eingriffs aussagen. Ob er in den einzelnen Fällen tatsächlich medizinisch notwendig war, kann man nicht sehen.“ Deshalb rät der Experte allen Patienten, eine zweite Meinung einzuholen. Patentrezepte gegen die Kollision medizinischer und ökonomischer Interessen hat auch er nicht.

Fendt hat inzwischen eine eigene Art gefunden, mit der Situation umzugehen: Er rät allen Ärzten in einer ähnlichen Lage, ausführlich mit Patienten zu sprechen: „War die Indikation mehr als fragwürdig, habe ich deutlicher auf mögliche Komplikationen hingewiesen als üblich – und mögliche Alternativen aufgezeigt.“ Für ihn ist aber klar, dass sich so schnell nichts ändern wird. Deshalb wechselt er bald in eine Tätigkeit als niedergelassener Arzt. Probleme gebe es auch dort, allerdings keine patientengefährdenden Untersuchungen.

91 Wertungen (4.7 ø)
Gesundheitspolitik, Medizin

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20 Kommentare:

Peter Klein
Peter Klein

…gute Milieustudie, kann ich nach Jahrzehnten ebenda nur bestätigen.

#20 |
  1
Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

Wozu sollten die Krankenkassen denn die Kliniken und deren erbrachte Leistungen schärfer im Blick behalten?
Die Kassen geben ja “nur” die Beiträge der Mitglieder aus.. nicht ihr eigenes Geld.. zur Not wird eben ein Zusatzbeitrag erhoben..
Und wenn eine Klinik mehr Umsatz macht.. man betrachte mal die Aktionärsstruktur z.B. der Sana Kliniken AG.. wohin läuft das Geld
Cui bono… ?

#19 |
  2
Sonstige

@ Herr Cortes,

machen Sie eine Reise über Holland nach Norwegen und Sie werden Lösungen finden, die für Patienten in vielerlei Hinsicht wesentlich besser sind. Aber auch Mediziner und das Pflegepersonal haben hinsichtlich einkommen und Belastungsstruktur hier eindeutig die besseren Karten!
Unbezahlbar??? Mitnichten!!!! Das ganze kostet dort nur rund 8% des Bruttoinlandsproduktes und nicht fast 11% wie das im Schlaraffenland der Pharmaindustrie und zu Markte getragenen Pflegebedürftigkeit der Fall ist. Man könnte fast meinen, dass man in Deutschland absichtlich möglichst lange und möglichst krank am Leben bleiben soll…. ein Schelm, wer Böses dabei denkt :-)

#18 |
  1
Nichtmedizinische Berufe

Ich wünsche mir von DocCheckNews einen Artikel darüber, wie man es besser machen kann. Ist das System rein staatlich, kommt es zu Schlendrian und Ressourcenvergeudung, ist es privatwirtschaftlich, wird die Gier zur obersten Priorität. Gibt es Gesellschaften/ Staaten, die diesen Spagat besser hinbekommen als hierzulande ? Und was machen sie anders und wie?

#17 |
  2

Mal ehrlich. In einem ökonomisierten Gesundheitssystem, in welchem der Betriebswirt die Entscheidungshiheit hat, nachdem der Staat geistesgestört die Privatisierung erlaubt und gewünscht hat, ist der Patient zur Wäre geworden. Die Politik hat es gewollt, die Krankenkassen haben es sich gewünscht, die Investoren haben sich darauf gestürzt und damit das Arzt-Patient-Verhältnis nachhaltig vergiftet und auch bei den Ärzten den widerwärtigen Raffzahn den Boden geebnet. Und nur dieser kann mittlerweile überleben, da für eine zugewandte und humane ärztliche Therapie nicht mehr bezahlt wird. Das war und ist gewollt! Schwarze Zahlen und eine wenigstens gute Medizin funktionieren nicht zusammen. Deutschland ist zu einer Bananenrepublik verkommen, in welcher es wenigen sehr gut und vielen sehr schlecht geht. Privatisierung und „Gott Kapital“ schüren Ungleichheit, schaffen Armut und interessieren sich überhaupt nicht für das Allgemeinwohl. Alles bekannt, nur keiner unternimmt etwas dagegen! Zum Kotzen!!!!

#16 |
  1
Nichtmedizinische Berufe

#13
Dennoch fand ich mit 7 Stents mich zureichend gut behandelt: Auch wenn der Chefarzt das anzweifelte.Er verabreichte das schließlich.Sicher wollte er, dass ich zum Bypass gehen solle: Heißt:Thoraxfraktur total.Ich lebe mit diesen sieben Stents seit 2013:Dass ich später noch zum Bypass gehen könne, wurde mir frei gestellt.

#15 |
  15
Nichtmedizinische Berufe

Ich persönlich vermisse gar nichts an Stents am Herzen:Ich erhielt sieben und weiß mich als gut , ja sehr gut behandelt

#14 |
  15
Prof Dr. Bernhard Hoeltmann
Prof Dr. Bernhard Hoeltmann

Es gab sogar Patienten, die darüber berichteten, dass oft bei über mehrere Jahre durchgeführten halbjährlichen Herz-Katheterkontrollen jeweils zusätzlich entweder eine Angiographie der Nierenarterien, der Becken-Beinetage oder auch mal ein Koronar-CT erfolgte, was sowohl die Strahlenbelastung als auch die Kontrastmittelbelastung in die Höhe trieb.

Es ist nicht nur der Amortisationsdruck der investierenden Unternehmen, die solche Auswüchse entstehen läßt. Das Vergütungssystem ist noch in keiner Spielart jemals frei von Mitnahmeffekten oder Fehlanreizen gewesen.

#13 |
  2
Gesundheits- und Krankenpfleger

Wer das Gesundheitswesen in die Hände gewinnorientierter Unternehmen gibt kann doch nicht allen ernstes eine andere Entwicklung erwarten, oder ?
Sterben darf man in Deutschland nur noch wenn man entweder bei klarem Verstand ist und das Wissen hat selbst zu entscheiden ob eine Behandlung sinnvoll ist,oder nicht, oder wenn kein Geld mehr aus dem Patienten heraus zu quetschen ist. Zumindest ist das die Entwicklung auf die wir scheinbar zusteuern.
Die einzigen die was dran ändern könnten wäre die Politik, die hat aber dank guter Lobbyarbeit der Klinikkonzerne kein Interesse daran.

#12 |
  0

Hier greift die These von Karl Marx über das Unheil des Kapitalismus! Krankheit ist keine ausgesuchte Profession, sondern ein Schicksal biologischer Fehlallokation. Das sich sich hier Ärzte als Sachkundige einbringen hat eine lange Tradition in der Menschheitsgeschichte. Die eigentliche Perversion liegt an der merkantil ausgerichteten Versorgungsstruktur von Menschen, die nicht mehr normkonform gesund und gesellschafsdienlich, sonder “fehlerhaft” behaftet sind, der Gesellschaft vollends zur Verfügung zu stehen. Kranke benannt. Die hierbei vorkommenden Konstellationen von leicht, vorübergehend oder schwer sind von Volkswirtschaftlich und Medizinwirtschaftlich betrachteter Seite unterschiedlich. Die Wiederherstellung zu einer gesellschaftsdienlichen Leistungsfähigkeit ist primär von Volkwirtschaftlichem Interesse gleichwohl auch aus merkantilen Gründen der Wiederherstellungsversuch als solcher wirtschaftliche Bedeutung hat. Das die Medizin hier zu einer Verhaltensweise verkommt, die eigentlich nichts mit dem ureigenem selbstlosen Anspruch der eigenen Profession zu tun hat, ist den Göttern des Geldes geschuldet die da heissen: Rhoen-Kliniken, Asclepios, Helios… Herrlich wie sich alte griechische Götternamen benutzen lassen um von den eigentlichen Absichten abzulenken. Ehrlicher und vielleicht moderner wäre : Dagobert-Duck-Clinical Money-Resource Consultation.

#11 |
  4
Ärztin

Es ging schon in den 90ern los. Patienten in der Entgiftung, die schon auf der Trage den gelben Zettel auf dem Bauch hatten, auf dem man die Notwendigkeit der Behandlung begründen musste. Und dann die Nachfragen des MDK, wie hoch war der Blutdruck, warum länger als sieben Tage … immer wieder Akten nachträglich aus dem Archiv holen für die Rechtfertigung einer etwas längeren Behandlung. Immer weniger Zeit für aktuelle Patienten. Da kann man der Klinik doch nur noch den Rücken kehren, sobald es geht.

#10 |
  0

Das System ist krank!
Wer ist denn auf die Idee gekommen, daß ein Krankenhaus sich rentieren muß? Rentiert sich etwa die Feuerwehr, der Rettungsdienst, die Abwasserentsorgung und vergleichbare Einrichtungen. Das haben wir den von uns selbst gewählten Politikern zu verdanken. Paradigmatisch steht dafür der Professor Lauterbach, Karl, der mit seiner kaltschnäuzigen Art schon vorher weiß, wie teuer – in summo – eine bestimmte Leistung kostet; er ignoriert vorsätzlich die individuellen Fall-Risiken. Patienten werden zu einem Kunden degradiert. Kein Wunder, daß in den Krankenhausverwaltungen nur noch arrogante BWL-ler regieren, vor denen auch gestandene Chefärzte in die Knie zu gehen haben. Daß unter den ltd. Ärzten gelegentlich auch solche mit krankhaftem Ehrgeiz zur ‚Pflichterfüllung‘ sich reihen, sei am Rande erwähnt.

#9 |
  2

Sehr guter und mutiger Artikel. Ich kann aus eigener Erfahrung das Dargelegte nur bestätigen; das sind keine Auswüchse, das ist Standard.

#8 |
  4
Helmut K Heckele
Helmut K Heckele

Ich denke alle hier im Forum wissen um die teilweisen Mißstände im Gesundheitssystem. Alle Verantwortlichen sollten dazu beitragen, dass solcherlei Auswüchse schnell und “wurzeltief” ausgerottet werden.
Wir alle sollten uns aber davor hüten, Einzelfälle zum allgemeinen Standard zu erklären. Auch ideologisch – sozialistische Parolen helfen nicht wirklich das Problem zu lösen.

#7 |
  16
Medizinisch-Technischer Assistent

Ein guter Artikel. ich stelle mir aber auch die Frage, inwieweit das “Anspruchsdenken” der Patienten solche Praktiken fördert? Hat unsere Gesellschaft in ihrem Jugendwahn verlernt zu sterben? Muß jeder 100 Jahr alt werden und dennoch “fit wie ein Turnschuh” sein? Ich habe durch meine Tätigkeit in der Pathologie die Erkenntnis geworden, daß der Mensch ab 60 Jahren auf Kredit lebt. Wenn er einen guten Kredit ausgehandelt hat – schön für ihn, wenn nicht – nun, dann beißt er eben früher ins Gras und keine medizinische Koryphäe wird daran etwas ändern können. Also genieße ich den Rest der mir bleibt.

#6 |
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Sonstige

Ihrem Mut zolle ich wirklich Respekt. Es ist schon beängstigend, wie die Flutwelle einer kapitalistischen Doktrin der Gier nach Gewinnmaximierung den hippokratischen Eid geradezu verwässert. Wir haben halt kein Gesundheits- sondern eher ein Krankheitssystem … es sind ja auch Krankenkassen / Krankenhäuser und nicht Gesundheitskassen und Gesundheitshäuser … mich macht das nachdenklich.

#5 |
  8
Dr. Andreas Triebel
Dr. Andreas Triebel

Die Überkapazitäten im stationären Bereich sind seit Jahrzehnten bekannt. Es wird nicht wirklich etwas getan.
Wenn das Thema wieder mal virulent wird, werden z.B. von der Inneren Abteilung mit 100 Betten 50 abgetrennt und als geriatrisch geführt und alles ist wie vorher, aber die Statistik stimmt jetzt.
Zu großen Teilen sind die Häuser eine riesige Beschäftigungs- und Ruhigstellungsmaschinerie. Ärzte kommen oft nicht dazu, die Medizin zu machen, die sie für notwendig halten. Übergeordnete Gesichtspunkte sind wichtiger.

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Prof. Dr. Dr. Wulf von Restorff
Prof. Dr. Dr. Wulf von Restorff

Es gibt sie, diese Kollegen, siehe Mattias Thöns: Patient ohne Verfügung.
Es gibt aber auch viele andere, bei denen das Wohl des Patienten an oberster Stelle steht.-
Es ist aber gut, wenn solches Fehlverhalten publiziert wird, vielleicht nicht nur in unseren Kreisen.
Bitte Einzelfälle nicht verallgemeinern.

Mit freundlichem Gruß

#3 |
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Rettungsassistent

Sie haben ja sowas von Recht!!! Ein toller Beitrag!!! In meinem beruflichen Umfeld (Rettungsdienst einer Berufsfeuerwehr) wurde mir mal in einer “medizinischen Fortbildung” angewiesen, genau jene oben beschriebenen Patientengruppen sofort in das ortsansässige Herzkatheter Labor zu verfrachten. Studien wurden genannt, tolle Reden geschwungen…aber eben nicht evidenzbasiert!? Auf meine Nachfrage hin, wurde seitens des Kardiologen wutentbrannt geäußert, dass sich “unser Siegeszug” nicht durch irgendwelche Boulevard Presse aufhalten lassen würde…. Er meinte die Bild, den Stern, die Süddeutsche etc…. ich meinte aber The Lancet, IQWIG, Cochrane etc…
Es stinkt zum Himmel was in diesem “Gesundheitssystem” abläuft…. Patienten als Ware und Konsumgut!? Ich kläre jeden Patienten auf, ob es den “speziellen Bonusärzten” gefallt oder nicht. Getreu dem Motto: Handle so, wie du behandelt werden möchtest!!! LG

#2 |
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Chemiker

Da tun sich Abgründe auf – unfassbar!

#1 |
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