Facharzt für Gemäldologie

1. April 2010
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Wer mit Schrecken an den nächsten Museumsbesuch mit den kulturell ach so begeisterten Eltern denkt und sich dabei mehr auf Böcklin´s Toteninsel fühlt als von künstlerischer Muse geküsst, der sollte seine Begeisterung für Blickdiagnosen neu entfachen und mal sehen, was die Portraits der Altmeister so zu Tage bringen…

Das verzaubernde Lächeln der auf 77 mal 53 cm portraitierten Mona Lisa im Louvre beeindruckt den Betrachter seit rund fünfhundert Jahren. Die Präzision der anatomisch korrekten Strichführung und die Einzigartigkeit der Mundpartie machen es wohl zum berühmtesten menschlichen Abbild, das je geschaffen wurde. Das Fundament der Perfektion fängt jedoch an zu bröckeln, wenn man das Bildnis mit dem richtigen – nämlich dem medizinisch diagnostischen – Auge betrachtet. Dann tritt unter dem Schleier der jugendlichen Schönheit eine Pathologie zu Tage, die man bei einer 25 – 30 Jährigen so eher nicht erwartet hätte.

Betrachtet man die Madonna also etwas eingehender, fallen hinweisgebend wohl auch dem klinischen Theoretiker die wohlgenährten Pausbacken auf, die schon einen übernormen BMI vermuten lassen. Der geschulte Blickdiagnostiker erkennt aber auf den zweiten Blick Hinweise auf eine wohl schon länger währende Hyperlipidämie. So zum Beispiel am medialen Lidwinkel des linken Auges xanthelasmenartige Prominenzen. Ebenso eine Schwellung am rechten Handrücken, welche wohlmöglich auf ein Lipom zurückzuführen ist. Durch seine Liebe zum Detail konservierte da Vinci zum ersten Mal diese pathognomische Merkmale einer essentiellen Hyperlipidämie. Sowohl für Medizin- als auch Kunsthistoriker gleichermaßen interessant ist wohl die Tatsache, dass diese Hauterscheinungen erst grob 350 Jahre später von Ärzten beschrieben und in Zusammenhang mit Fettstoffwechselstörungen gebracht wurden.

Ähnlicher Liebe zum Detail verpflichtet fühlte sich anscheinend auch der Ende des 14. Jahrhunderts geborene flämische Maler und Naturalist Jan van Eyck. Eines seiner wichtigsten Werke „Die Madonna des Kanonikus van der Paele, 1436“ hängt im Musée Communal des Beaux Arts in Brügge. Die Szenerie stellt die Madonna umringt von prachtvoll dekorierten Herrschaften dar. Zur Linken der Dame fällt ein etwas grimmig schauender Herr in weißem Gewand auf, der Kanonikus. Eine Erklärung für diesen Gesichtsausdruck könnte der geschulte Blickdiagnostiker parat haben, fällt auf der linken Temporalregion doch ein sehr prominenter Arterienverlauf auf. Zudem finden sich hier narbige Hautveränderungen, zugleich ist die Region vor dem Ohr und der laterale Teil der linken Augenbraue haarlos. Auch ohne Biopsie kann der Kliniker ohne weiteres die Arbeitshypothese einer Riesenzellarteriitis temporalis (Morbus Horton) stellen.

Prüft man das Bild weiter als fiktiver ophtalmologischer Konsiliarius, so kann man dem Kanonikus einen leichten Strabismus divergens diagnostizieren, gepaart mit einer Myopie, was sich dank der Distorsion der Linsen, die der Geistliche in der rechten Hand vor einem Buch hält erkennen lässt. Der dermatologisch Vorgeprägte findet am Ohr eine sebazeöse Cyste, ebenso malignitätssuspekte Muttermale auf der linken Wange, sowie ein Epitheliom der Lippe. Bemerkenswert scheint auch die Schwellung und leicht verkrampfte Haltung der linken Hand zu sein, welche zum Schulter-Hand-Syndrom im Rahmen einer Polymyalgia rheumatica passen würde. Diese Diagnosen scheinen auf jeden Fall Grund genug zu sein, um einen grimmigen Gesichtsausdruck an den Tag und damit auf die Leinwand zu legen.

Diese beiden Gemälde sind unter Medizinhistorikern wohl die bekanntesten und am breitesten diskutierten Exemplare, wenn es um portraitierte Krankheiten geht. Allerdings gibt es noch zahlreiche andere markante Sujets, zum Beispiel die Rheumatische Arthritis in „The painter’s family“ von Jacob Jordaens oder das Lymphom in Marinus van Reymerswaele´s „The Moneychanger and his Wife“.

Abschließend kann gesagt werden, dass diese Beobachtungen in der Welt der Kunst wohl einen Teil des berühmten zeitlosen Aphorismus des Hippokrates unterstützen: „Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, die Gelegenheit vorübergehend, die Erfahrung verräterisch, die Beurteilung schwierig.“

Quellen:
· Medicine and the artist (2008) . Age and Ageing, von Jan Dequeker zuletzt aktualisiert am 21.12.2007
· Xanthelasma and Lipoma in Leonardo da Vinci’s Mona Lisa (1503 1503–1506) by Jan Dequeker, MD, PhD, Erik Muls, MD, PhD and Kathleen Leenders, BA. IMAJ 2004: 6: August: 505-506
· Bemerkungen zur ‘Madonna des Kanonikus van der Paele’ Rudolf Terner Zeitschrift für Kunstgeschichte, 42 Bd., H. 2/3 (1979), pp. 83-91 (article consists of 9 pages) Published by: Deutscher Kunstverlag GmbH Munchen Berlin, http://www.jstor.org/stable/1481969

30 Wertungen (4.87 ø)
Allgemein

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2 Kommentare:

Ärztin

Habe den Artikel mit viel Interesse gelesen.
Es hat in mir das Interesse an mehr Kunst und
“Blickdiagnostik” geweckt.
Super gemacht.

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Cool!

#1 |
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