Herzinfarkt und Parodontitis: Genfunktionen erklärt

26. Juli 2013
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ANRIL gilt als der wichtigste genetische Risikofaktor für Herzinfarkt und Parodontitis. Die Funktion von ANRIL in der Ursachenlehre beider Krankheiten war bislang jedoch völlig unklar. Nun haben Wissenschaftler bedeutende Funktionen des Gens entschlüsselt.

Wissenschaftler des Instituts für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) konnten gemeinsam mit Kollegen der Freien Universität Amsterdam und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn nachweisen, dass Produkte des Gens ANRIL andere Gene regulieren, die weit von ihrem Ursprungsort im Erbgut des Menschen liegen. Zusätzlich entdeckte das Forscherteam weitere genetische Risikovarianten, die ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung des Herzinfarktes und der Parodontitis spielen.

Das Immunsystem der Zellen ausgetrickst

Um den Aufgaben von ANRIL auf die Spur zu kommen, entwickelten die Wissenschaftler um Dr. Arne Schäfer ein molekularbiologisches Konstrukt, mit dem das ANRIL-Gen zu definierten Zeitpunkten an- und ausgeschaltet werden kann. Diesen Schalter schleusten sie in Zellkulturen ein. Dabei sorgt eine sogenannte small hairpin RNA, ein RNA-Molekül, das eine Haarnadelstruktur bildet, dafür, dass die Zellen ihre eigene RNA spezifisch zerstören. Das Zielgen wird damit stillgelegt. „Wir haben das Immunsystem der Zellen ausgetrickst, um zu sehen, welche Gene beim Ausschalten von ANRIL hoch- oder herunterreguliert werden“, erklärt Schäfer. Rund 22.000 Genprodukte beobachteten die Biologen über verschiedene Zeiträume, nachdem sie ANRIL ausgeschaltet hatten. Drei Gene stachen jedes Mal besonders heraus und wurden in ihrer Funktion herabgesetzt: ADIPOR1, VAMP3 und C11ORF10, welche in einem wichtigem Zusammenhang zum Fett- und Zuckerstoffwechsel stehen.

Weitere genetische Risikovariante gefunden

Im weltweit größten Kollektiv von Parodontitispatienten des European Periodontitis Genetics Consortium fanden die Forscher eine weitere genetische Risikovariante, indem sie die DNA von 870 Parodontitispatienten und einer Kontrollgruppe von 2.700 Gesunden untersuchten. Dieser Befund konnte in mehr als 21.000 Herzinfarktpatienten und in 44.000 Kontrollen des größten europäischen Patientenkollektivs des Herzinfarktes (CARDIoGRAM) bestätigt werden. Der Abschnitt der DNA, in dem diese Variante liegt (VAMP3/CAMTA1), wurde bereits zuvor mit einem deutlich erhöhten Auftreten krankmachender Parodontalkeime in Verbindung gebracht. „Bei der Zielgruppe der Parodontitispatienten haben wir uns auf normalgewichtige Personen unter 35 Jahren konzentriert, um die Unabhängigkeit der Befunde von anderen Ursachen der Krankheit, wie jahrzehntelanges Rauchen und Übergewicht, zu gewährleisten. Der Befund in der riesigen europäischen Stichprobe zum Herzinfarkt, der sich unabhängig vom Alter und Geschlecht zeigte, weist auf die generelle Bedeutung der gefundenen Zusammenhänge für diese Krankheit“, erläutert Schäfer die Ergebnisse seiner Forschung weiter.

Gestörter Fett- und Zuckerstoffwechsel

Das Team der Kieler Universität und des UKSH identifizierte auch neue Risikogenvarianten der Parodontitis, die innerhalb des C11ORF10/FADS- (Fettsäuren-Desaturase) Genclusters liegen. Sie stehen schon länger in Zusammenhang mit der Entstehung des Metabolischen Syndroms (Diabetes mellitus, gestörte Glukosetoleranz, Insulinintoleranz, Bluthochdruck, abdominelle Fettleibigkeit) und chronisch entzündlicher Darmerkrankungen. „Unsere Ergebnisse bringen uns bei der Erforschung der genetischen Ursachen des Herzinfarktes einen sehr großen Schritt voran“, sagt Arne Schäfer, „Sie weisen auch darauf hin, dass ein gestörter Fett- und Zuckerstoffwechsel, vermutlich durch seine Effekte auf die Bildung von Entzündungsmediatoren, eine große Rolle bei der Entstehung der Parodontitis spielt. Parodontitis und die Arteriosklerose, die häufig zu Herzinfarkten führt, scheinen einen gemeinsamen kausalen Zusammenhang zu haben, der möglicherweise auch in Prozessen des Fettstoffwechsels zu finden ist.“

Originalpublikation:

The large non-coding RNA ANRIL, which is associated with atherosclerosis, periodontitis and several forms of cancer, regulates ADIPOR1, VAMP3 and C11ORF10
Arne Schäfer et al.; Human Molecular Genetics, doi: 10.1093/hmg/ddt299, 2013

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3 Kommentare:

Dr.med.dent. Manfred Kräutler 87700 Memmingen
Dr.med.dent. Manfred Kräutler 87700 Memmingen

Dr.med.dent Manfred Kräutler 87700 Memmingen
2003 kam mein Patient zur Kontrolluntersuchung; er ist 60 Jahre alt und hat nach eigenen Angaben seit dem 5 Lebensjahr Ichthyose mit fast täglichen Schüben.
Da ich seit einiger Zeit mit Dr.med. Henning Gerhardt vom Klinikum Mannheim in fachlicher Korrespondenz wegen Weihrauchtherapie in Verbindung stand und er in einem Bericht erwähnte, dass bei Patienten mit Colitis-Crohn und gleichzeitiger Neurodermitis auch letztere positiv gelindert werden konnte, empfahl ich meinem Patienten eine Therapie mit Weihrauchtabletten zu starten. Bereits nach 1 Jahr hatte der Patient nur noch alle 3 Monate einen Schub, der nach eigenen Angaben harmlos sei. Auch bei der Tochter einer Patientin(6Jahre) verschwand nach Einnahme von Weihrauchtabletten deren Neurodermitis nach 5 Monaten.
Auch nach Veröffentlichung meiner Erfahrungen auf der Internetseite der Ichthyosis-Selbsthilfegruppe bekam ich lediglich eine Antwort von dem Bundestagsabgeordneten Ruediger Schleicher, dass die Betroffenen sich bei der Kostenübernahme durch die Krankenkasse auf die Drucksache 15/5516 des Deutschen Bundestages, 15.Wahlperiode vom 13.05.2005 berufen können.
Leider kam von ärztlicher Seite keinerlei Resonanz, hier wird weiter mit Kortisonsalben und chemischer Keule gehandelt.
Die empfehlenswerten Sallaki-Boswellia-Weihrauchtablette beziehen meine Patienten von der Apotheke im Rott (Dr.M.Zimmer) Marie-Bernays-Platz 2
68309 Mannheim.

#3 |
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Vor langer Zeit, im April 1962, habe ich mich an der J.W.v.Goethe Univers. in Ffm. für das Fach Medizin immatrikuliert. Der damalige Rektor der Univ. hielt zur Begrüßung der Erstsemester ( aller Fakultäten ) in der Aula eine Rede, aus der mir e i n markanter Satz in Erinnerung geblieben ist und der da lautet : “Spezialisten sind Menschen, die immer mehr von immer weniger wissen, bis sie zum Schluß alles von Nichts wissen”.– Zwei so verschiedene Erkrankungen wie Parodontitis einerseits und Koronarerkrankung mit Folge Herzinfarkt andererseits, beide m u l t i k a u s a l bedingt, auf die Störung eines einzelnen Gens zurückzuführen, erscheint mir sehr s p e k u l a t i v. Leider sind hoffnungsvolle Forscher aller Zeiten gezwungen, zu publizieren und neue “Erkenntnisse” zu bieten. Unter diesem Erfolgszwang leidet oft die Qualität.MfG, GB, Kinderarzt i.R.

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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

..sieste alles ist viel komplizierter als man anfangs vermuten würde..

#1 |
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