Verschollen im Facharzt-Dreieck

6. April 2010
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Ein Drittel der zu einem Facharzt überwiesenen Patienten vereinbart in Folge keinen Termin beim Kollegen. Nur die Hälfte der Überweisungen führen tatsächlich auch zum Besuch in der entsprechenden Fachpraxis, wie eine aktuelle US-Studie zeigt.

Bekommt ein Patient eine Überweisung, befolgt er diese und stattet der betreffenden Arztpraxis auch tatsächlich seinen Besuch ab. Möchte man meinen. Das und wie häufig dem allerdings nicht so ist, brachte nun eine Studie von US-Wissenschaftlern in Indianapolis ans Licht. Ihr Fazit ist niederschmetternd: Fünfzig Prozent der Patienten, die zu einem Facharzt überwiesen worden waren, kamen nicht wie geplant in dessen Sprechstunde. In Folge dessen erhielten sie auch nicht die für sie vorgesehene Behandlung. Dass im Rahmen von Überweisungen des Öfteren Fehler auftreten, ist keine neue Erkenntnis. Die erschreckende Dimension, in der dies der Fall ist, war bislang jedoch nicht bekannt.

Ziel oftmals verfehlt

Die Forschergruppe vom Indiana University Center of Aging Research ging der Frage nach, in wie weit Überweisungen vollständig zum Abschluss kommen – den Patienten mithin tatsächlich zur Konsultation in die betreffende Facharztpraxis führen. Dazu analysierten sie unter Leitung von Prof. Dr. Michael Weiner in einer zweijährigen Querschnittuntersuchung die Krankenpapiere und Abrechnungsunterlagen von Patienten einer medizinischen Praxis an einer Universitätsklinik. Diese waren dort zwischen dem 1. Juli 2000 und dem 30. Juni 2002 in ambulanter Behandlung.

Alle der 6.785 Teilnehmer der Studie befanden sich im Alter von 65 Jahren und darüber. Das Durchschnittsalter betrug 72 Jahre, 66 Prozent davon waren Frauen und 34 Prozent Männer. Sämtliche Arztbesuche wie auch Klinikaufenthalte der Patienten wurden elektronisch erfasst. Die Daten umfassten zudem demografische Angaben wie Geschlecht, Geburtsdatum und Krankenversicherung. Die Zahl der Überweisungen aus der ambulanten Versorgung zu einer fachärztlichen Behandlung betrug insgesamt 7819.

Prof. Weiner und sein Team hatten bei der Auswertung der Daten eine zeitliche Frist festgelegt: Die Überweisung galt als korrekt durchgeführt, wenn der betreffende Patient binnen 180 Tagen nach der Ausstellung in der Praxis des Facharztes erschienen war. »Wie wir feststellten, erfolgte allerdings nur in 71 Prozent der Fälle in Folge der Überweisung die Vereinbarung eines Termins bei dem betreffenden Arzt«, so Prof. Weiner. Von diesen Patienten nahmen wiederum nur siebzig Prozent den vereinbarten Arzttermin auch tatsächlich wahr. Folglich bekamen laut Prof. Weiner »nur fünfzig Prozent – also siebzig von 71 Prozent – der zum Facharzt überwiesenen Patienten die ihnen ursprünglich zugedachte Therapie«.

Um zu prüfen, ob sich dieser unerfreuliche Umstand seit dieser Untersuchung möglicherweise verändert hat, nahm man sich am Indiana University Center of Aging Research zusätzlich noch die Daten einer jüngeren Erhebung aus dem Jahr 2005 vor. Sie hatte 19.294 Überweisungen erfasst und lieferte Prof. Weiner und seinen Kollegen ein ähnliches Ergebnis: »Die Analyse unserer Stichproben zeigte, dass nur knapp über die Hälfte der Überweisungen korrekt abgeschlossen wurden«. Ziel mithin ebenso verfehlt: Lediglich 54 Prozent der überwiesenen Patienten hatten sich in der entsprechenden Facharztpraxis vorgestellt.

Fehlerteufel lauern vielerorts

Die Gründe für die fehlgeschlagenen Überweisungen sind nach Ansicht der Experten aus Indianapolis weit gefächert. Denn die Fehlerquellen sprudeln zahlreich: Sei es, dass die Facharztpraxis die Anfrage für die Konsultation nicht erhält, weil vielleicht im Fax-Gerät kein Papier mehr war. Sei es, dass schriftliche Patientenunterlagen verlegt werden beziehungsweise verloren gehen, Sprechstundenhilfen vergessen, den Termin zu bestätigen oder dass der Patient wegen Problemen mit der Anfahrt nicht erscheint. »Es wird immer Gründe dafür geben, warum ein überwiesener Patient es nicht zu dem Spezialisten schafft, den er eigentlich benötigt«, so Prof. Weiner. Doch darunter befinden sich so einige, die zu vermeiden wären: »Diese Fehler könnte das System selbst korrigieren«. Das gilt vor allem für Defizite im Informationsfluss innerhalb des therapeutischen Netzwerkes. Hier kann der gezielte Einsatz moderner Informationstechniken die Pannenquote senken. Denn damit kann nach den Worten des Wissenschaftlers aus Indianapolis »die Versorgung besser koordiniert und am Patienten orientiert werden«. Systeme zum elektronischen Datentransfer zwischen Primär- und Sekundärversorgern haben sich bereits als sehr nützlich erwiesen. So zeigte sich, dass beispielsweise die Verwendung EDV-gestützter Patientenakten die Fehlerrate im Überweisungsprozess erheblich reduziert – laut Prof. Weiner »von fünfzig auf weniger als zwanzig Prozent«.

Abgesehen vom IT-Support richtet auch der persönliche Kontakt der beteiligten Institutionen untereinander eine Menge gegen den medizinischen Fehlerteufel aus. Unter anderem ergab eine Studie von Forrest et al., dass sich die Erfolgsquote der Überweisungen um das Dreifache erhöht, wenn die überweisenden Ärzte selbst direkt mit den Fachärzten die Termine für die Patienten vereinbaren.

Obwohl die Überweisungspannen überwiegend auf Versorgerseite auftreten, betont Prof. Weiner, dass »die Störfälle nicht allein den ambulanten oder stationären Einrichtungen anzulasten sind«. Um Überweisungen effektiver koordinieren zu können, muss vielmehr die Zusammenarbeit innerhalb der gesundheitlichen Netzwerke insgesamt verstärkt werden. Zur nachhaltigen Verbesserung der Versorgungssituation bedarf es fakultätsübergreifender Informationssysteme, welche die klinischen und demographischen Angaben verifizieren und die Qualität und Effizienz der Kommunikation zwischen den einzelnen medizinischen Disziplinen sowie den Patienten steigern.

39 Wertungen (3.33 ø)
Allgemein

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6 Kommentare:

Annette Peter
Annette Peter

Die sog. “Pannen im System” sind sicherlich nicht primär Schlamperei, sondern zu einem nicht geringen Anteil durch extremen Zeitdruck auf Versorgerseite bedingt. Wie soll DAS SYSTEM das ändern ??? DAS SYSTEM SELBST muß geändert werden, weil es so einfach nicht mehr weitergeht. Warum wir uns von bürokratischem Krimskrams, der völlig unsinnig ist und nur ganze Heerscharen von administrativen Arbeitsplätzen sichert, aber nichts zum Sparen im Gesundheitssystem und nichts zur Patientenbehandlung beiträgt, zuschmeißen lassen, werde ich nie verstehen. Aber es ist wie mit des Kaisers neuen Kleidern: wo ist der, der endlich sagt: aber Papi, der Kaiser hat ja gar nichts an ! – übrigens ist dieses Märchen erstaunlich UNbekannt – daher wundert es mich nicht mehr, dass solche sinnlosen Leerlaufprozesse, die uns die Zeit für echtes Tun am Pat. stehlen, realiter nicht erkannt werden: “märchenhafte” Prozesse wie die Anpassung von Luftkleidern an einen Herrscher, der sich einlullen läßt und glaubt, was vermeindlich sachverständige Schneider ihm einreden – hier waren auch keine echten Schneider vonnöten, es reichte, dass die Scheinschneider reden konnten.

#6 |
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Dr. med. Harald Bliesath
Dr. med. Harald Bliesath

Artikel basiert auf US Daten. Dieses Gesundheitssystem ist mit dem in Europa kaum vergleichbar.

#5 |
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@ Mario: Wenn die Arthroskopien nicht gemacht wurden und die Gelenke jetzt in Ordnung sind, muss man sich rückblickend fragen, ob die Untersuchungen wirklich notwendig gewesen wären. Man könnte darin tatsächlich eine Art selbstregulierenden Prozess sehen.
Was das Ganze allerdings mit dem “Einkommen” der betreffenden Ärzte zu tun haben soll, kann ich allerdings nicht nachvollziehen. Der Kassenarzt verdient an gemachten Untersuchungen und nicht an nicht gemachten Untersuchungen

#4 |
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Wenn einer nicht zum Facharzt geht, liegt es vielleicht daran, dass er wieder gesund ist. Bezogen auf deutsche Verhältnisse meine ich damit: Wenn jemand erst nach einem halben Jahr einen Termin beim HNO Arzt bekommt, ist er bis dahin wieder gesund – oder eben nicht. Die Last tragen dann die Krankenhausärzte, die den Strom der Leute abfangen müssen, die Zeichen der Zeit erkannt haben und eben genau wissen, dass auch am Sonntag Abend die Notaufnahme besetzt ist. Warum also 4 Monate warten, wenn ich da nach – sagen wir 3 Stunden – dran komme. Davon abgesehen gehen die Deutschen ja ohnehin viel zu häufig zum Arzt. Diese Studie wird sich in keinem aber auch gar keinem Punkt auf deutsche Verhältnisse anwenden lassen

#3 |
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Ich kann dem Kollegen nur zustimmen. Das amerikanische Gesundheitswesen macht Patienten arm. Kein Wunder daß da Überweisungen zu Fachärzten nicht befolgt werden. Kein Wunder auch, daß Obama erkannt hat, daß – wenn auch gegen schwere Widerstände – eine Reform des amerikanischen Gesundheitswesens längst überfällig ist.

Da diese Situation mit unserer in Deutschland nichts zu tun hat, fragt sich der geneigte Leser:”So – what?”

#2 |
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Das sind amerikanische Verhältnisse.
Ohne Übertreibung kann ich nicht erfolgte Inanspruchnahmen von mir veranlaßte Überweisungen zu fachärztlichen Kollegen in 33 Jahren an den Fingern einer Hand abzählen.Der Patient muß die Notwendigkeit einsehen. Das muß der überweisende Arzt vermitteln. Die Mühe lohnt sich.

#1 |
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