Kreißen auf der Couch

6. April 2010
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Eine Geburt zuhause ist ebenso sicher wie das Kreißen in der Klinik, zumindest wenn bei der Schwangeren ein geringes Risiko vorliegt. Das zeigen die Zahlen von Studien aus Kanada und den Niederlanden.

Ob der Klapperstorch die Babys bringt, ist längst wissenschaftlich geklärt. Unterschiedliche Meinungen gibt es dagegen immer noch zur Frage, ob der Langschnabel besser in einer geburtshilflichen Abteilung oder zuhause landen sollte. Nur wenige Themen rund um die Geburt erhitzen derart die Gemüter. Die so genannte Gesundheitsführung des Dritten Reiches zum Beispiel propagierte aus ideologischen Gründen die Hausgeburt. Es bedurfte einer Denkschrift der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie, um die staatliche Benachteiligung der klinischen Gynäkologie aufzuheben. Am 21. Dezember 1938 wurde das Hebammengesetz erlassen, das dazu verpflichtete, zu jeder Geburt eine Hebamme hinzu zu ziehen.

Nur wenige Kinder werden zuhause geboren

Längst haben sich die Verhältnisse ins andere Extrem verkehrt. Nach Angaben der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG) kamen im Jahre 2007 in Deutschland lediglich 1,65 Prozent aller Kinder außerhalb der Klinik auf die Welt. Das liegt etwa im langjährigen Durchschnitt. Wie viele dieser Geburten echte Hausgeburten sind, ist nicht bekannt. Prof. Dr. Beate A. Schücking von der Universität Osnabrück schätzt, dass lediglich jedes 100. Neugeborene den ersten Schrei im heimischen Schlafzimmer tut. Das entspricht etwa den Zahlen, die man auch aus den USA kennt. Dort entscheiden sich laut einer Umfrage Frauen vor allem deshalb für eine Hausgeburt, weil sie in der Klinik unnötige medizinische Eingriffe fürchten, dort schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht haben, ein beruhigendes Umfeld haben wollen oder allgemein – um bei der Geburt die Kontrolle zu behalten.

Damit handeln diese Frauen gegen den Rat vieler Ärzte. Im Jahre 2002 behauptete zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe bei ihrem 54. Kongress, dass bis zu 18 Prozent aller außerklinischen Geburten wegen Komplikationen letztlich doch im Kreißsaal enden würden. Von Hausentbindungen werde daher abgeraten. Ins gleiche Horn stieß im vergangenen Jahr die Deutsche Gesellschaft für Pränatale- und Geburtsmedizin bei ihrer Jahrestagung in Bonn. „Unser Ziel ist eine optimale Versorgung und eine sichere Geburt, die am ehesten in großen Kliniken gewährleistet wird“, sagte Tagungspräsident Prof. Dr. Ulrich Gembuch damals. Er riet auch bei risikolosen Fällen zur ambulanten Geburt.

Bei geringem Risiko wenig Komplikationen

Dem widersprechen allerdings neuste Zahlen einer kanadischen und einer niederländischen Studie. So kam es in British Columbia bei 2.889 geplanten Hausgeburten mit Hilfe einer Hebamme zu 0,35 perinatalen Todesfällen pro 1.000 Geburten. Im Krankenhaus starben dagegen statistisch 0,57 Kinder, wenn eine Hebamme dabei war. Unter ärztlicher Hilfe traf es sogar 0,64 Neugeborene. In der niederländischen Studie wurde die gewaltige Datenmenge von 321.307 Hausgeburten über sieben Jahren bei Schwangeren mit geringem Risiko analysiert. Im Vergleich zu 163.261 geplanten Krankenhausgeburten zeigte sich dabei kein statistisch signifikanter Unterschied in Bezug auf neonatale Todesfälle oder die Notwendigkeit einer intensivmedizinischen Behandlung des Neugeborenen. Was genau den Ausschlag einer sicheren Hausgeburt gibt, konnten auch die Wissenschaftler nicht final bestimmen. Forscherin Patricia Janssen, Leiterin der kanadischen Studie, hält es in ihrem Bericht aber für möglich, dass die “bewusste Entscheidung” der Frauen für eine Hausgeburt stark zu deren Gelingen beiträgt. Dazu kommt ein oft in den Hintergrund gerücktes Argument: Hausgeburten verlaufen oftmals deshalb unkritisch, weil seitens der Hebammen auch nur den “problemlosen” Fällen zum Gebären im eigenen Heim geraten wird. Kritische Fälle werden oft direkt an die Klinik empfohlen.

Beide Studien kommen dennoch zum selben Ergebnis: Eine Schwangere mit geringem Risiko darf guten Gewissens zu Hause gebären – so sie sich denn in die Hände einer erfahrenen Hebamme begibt und im Notfall die Verlegung ins Krankenhaus gewährleistet ist. Das darf man laut Prof. Schücking getrost auf Deutschland übertragen, wo Hausgeburtshilfe „nachgewiesenermaßen sicher“ sei. Einer gesunden Schwangeren, die möglichst interventionsarm gebären möchte, könne die Hausgeburt als sichere Alternative zur Klinik empfohlen werden, so ihr Fazit.

165 Wertungen (3.33 ø)
Allgemein

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6 Kommentare:

@ 29: Peter Sennholz, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe.

#6 |
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Dr. med. Anemone Strasser
Dr. med. Anemone Strasser

Wenn man wie ich schon öfter erlebt hat, wie schnell aus einer natürlichen Geburt bei einer Frau ohne erkennbare Risikofaktoren ein Notfall mit vitaler Gefährdung für Mutter und Kind werden kann, der dann eben keinen zeitlichen Aufschub für einen Transport in die Klinik mehr duldet, der kann über eine Hausgeburt und (ja, auch!!) eine Geburt im Geburtshaus ohne Möglichkeit für einen Notkaiserschnitt nur den Kopf schütteln! Ich weiß definitif von einem Fall, wo der Entchluss zur Hausgeburt das Kind das Leben kostete! Eine ambulante Entbindung mit rascher Rückehr ins gewohnte Umfeld ist doch eine gute Alternative. Aber doch bitte keine radikale Naturideologie auf Kosten der Kinder !!

#5 |
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Rettungsassistent

Aber jetzt hauen Sie doch nitte nicht alle auf dem armen Herrn Hopmann herum! Er ist Student in einer Ideologie- und Standesfabrik und kann es mit seinem Horizont und seiner Lebenserfahrung gar nicht besser wissen.
Es ist beruhigend zu wissen, dass es auch genug altgediente, efahrene und praktische Ärzte gibt, die die Wahrheiten (aner-)kennen.
Allerdings, ein Tenor kristallisiert sich aus den Meinungen heraus: Es ist absolut richtig, dass die Menschheit längst ausgestorben wäre, wäre eine “industrielle” Geburtshilfe unbedingt nötig. Jedoch darf man nicht übersehen, dass die Sterblichkeitsrate unter/nach der Geburt insgesamt noch nie so niedrig war, wie heute…

#4 |
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Anett Müller-Hilt
Anett Müller-Hilt

@ Student Hopman,

1. Sie sprechen von unterlassener Hilfeleistung, nun welche Hilfe wurde denn da unterlassen??? Sicherlich doch nicht die von seitens eines Arztes! In Deutschland sind Hebammen für eine Geburt zwingend notwendig, die eines Arztes nicht. Warum gehen Sie denn außerdem davon aus, das jeder Säugling ärztliche Hilfe benötigt? Und um mal ein anderes Beispiel zu nennen: müßen wir jetzt auch Mitarbeiter von amb. Pflegediensten, welche ihre Patienten zu Hause behandeln (Infusionen, parenterale Ernährung usw.) jetzt alle wegen unterlassener Hilfeleistung vor den Kadi zerren?
2. Nun mal zur Begriffserklärung von Körperverletzung: wer einem anderen vörsätlich an körperlicher, geistiger oder seelischer Gesundheit schädigt……??? Hab ich da was falsch verstanden, oder trifft das nicht eher auf Kliniken zu, wo Gebärende eine PDA oder Sectio aufgedrängt bekommen (näturlich unter Aufzählung aller möglicher Horrorszenarien welche in Frage kommen würeden, sollte man natürlich entbinden wollen). Ist es nicht so, dass die meisten Frauen etwas aufgedrängt bekommen, was sie gar nicht wollen, da man zwischen 2 Wehen eben keine Lust zum diskutieren hat. Ein Wehentropf ist ja mittlerweise schon Standard.
3. Was bleibt am nacharlamierten Notarzt hängen? Nochmal, warum benötigt laut ihrer Aussage jedes Neugeborene intensivmedizinische Betreuung? Wissen Sie denn nicht das in vielen deutschen Kliniken ein Kinderarzt erst angefordert werden muß und eben nicht zeitnah zur Verfügung steht ( sofern er überhaupt benötigt wird).
Und übrigens in vollversorgten Ballungszentren ist eine Hausgeburt vollkommen problemlos, da im Notfall die nächste Klinik kurzfristig zu erreichen ist. Auf dem Land siehts da schon etwas anders aus, aber eine verantwortungsvolle Hebamme läßt keine Risikoschwangere zu Hause entbinden.
Noch ein letztes Wort: eine (streßfreie) Hausgeburt mindert deutlich das Infektionsrisiko für Mutter und Kind (z.B. MRSA); Komplikationen sind sehr selten, da der Gebärenden genügend Zeit gegeben wird und meist geht es sogar schneller als in der Klinik, da alles in entspannter Athmosphäre ohne Hektik, Schichtwechsel und Druck abläuft.

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Sarah Schmid
Sarah Schmid

Zu Hause ist es am schönsten und sicher dazu! Schön, daß das hier mal auftaucht, trotz der heftigen Vorurteile seitens vieler Ärzte! Ich kann übrigens im Gegenteil nicht nachvollziehen, wie Frauen sich das im KH antun können. Genauso wenig wie ich zum Stuhlgang oder Geschlechtsverkehr ins KH gehe, habe ich bei einem so intimen Ereignis wie einer Geburt das Bedürfnis nach Öffentlichkeit, fremden Menschen, mir aufgestülpten Routinen etc… Für eine gesunde Frau ist Geburt nicht gefährlich. Es ist ein normaler, körperlicher Vorgang, den ich genießen kann, wenn ich nur angstfrei entspannen und tun und lassen kann, was ich will. Ich habe im Studium einige KH-Geburten gesehen. So etwas erleben zu müssen, wollte ich tunlichst vermeiden. Ich wollte nicht passiv entbunden oder gar aufgeschnitten werden (wie rechtfertigt sich bitte schön eine Kaiserschnittrate von 30%?). Es war das Beste, was ich tun konnte, meine beiden Kinder zu Hause zu bekommen.

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Heilpraktikerin

Als Mutter von sechs gesunden Kindern (1982, 1984, 1986, 19988, 1992, 1998), davon zwei ambulante Geburten, vier Hausgeburten, bin ich froh, endlich einmal eine positive Abhandlung über Hausgeburten zu lesen. Ich habe es mir mit Entspannung, einer oder zwei lang bekannten Hebammen und Gynäkologen “angetan” einfach zuhause zu bleiben. Viel Vergnügen dem Kollegen Studenten mit seinem emotionalen Beitrag im wirklichen Leben. Bei geplanten Hausgeburten mit verantwortungsvollen Hebammen treten weniger riskante Situationen auf als im herkömmlichen KH-Betrieb. Die Menschheit wäre schon längst ausgestorben, wenn wir nicht von Natur aus gebärfähig geplant wären. Herzliche Grüße von der “Öko”-Mutter mit beiden Beinen auf dem Boden der heilkräftigen Erde und viel Erfahrung mit Schwangeren, Müttern und Kindern

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