Vorsicht, Anspeckungsgefahr!

9. April 2010
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Vermehrter Appetit und Insulinresistenz als Kennzeichen des Metabolischen Syndroms verbreiten sich in den Industrienationen epidemisch. Nun wiesen US-Forscher nach, dass das Syndrom tatsächlich ansteckend ist. Überträger sind Darmbakterien.

Dass immer mehr Menschen Übergewicht haben und Fettleibigkeit epidemisch zunimmt, schreiben die meisten Bewegungsmangel und einer zu reichhaltigen, falschen Ernährung zu. Die Gier nach Kalorien lässt sich aber möglicherweise nicht allein mit dem undisziplinierten Verhalten von Menschen mit Übergewicht erklären. Denn Darmbakterien beeinflussen Appetit und Gewicht, ergab eine Studie von Matam Vijay-Kumar, Pathologe an der Emory University School of Medicine in Atlanta, USA.

Fehlendes Gen macht Mäuse dick und krank

Der Forscher arbeitet mit Mäusen, deren Immunsystem gentechnisch so verändert ist, dass ihnen der Toll-like Rezeptor 5 (TLR5) fehlt. Der Rezeptor wird überwiegend von Epithelzellen im Darmtrakt exprimiert und hilft beim Erkennen von Bakterien. TLR5 bindet an das Protein Flagellin, aus dem die Geißeln von Bakterien aufgebaut sind. Diese fadenförmigen Gebilde dienen Bakterien zur Fortbewegung.

Unerwartet war zunächst die Beobachtung des Forschers, dass Mäuse mit fehlenden TLR5 etwa 20 Prozent schwerer sind als normale Mäuse. Sie wiesen zudem erhöhte Triglyzerid-, Cholesterin– und Blutdruckwerte auf. Auffällig waren außerdem leicht erhöhte Blutzuckerwerte und Hinweise auf eine Insulinresistenz. Der Nahrungskonsum war gegenüber normalen Mäusen um zehn Prozent erhöht. Nahrungsentzug ließ zwar das Gewicht der Tiere sinken, änderte jedoch nichts an der Insulinresistenz. Bei fetthaltiger hochkalorischer Ernährung nahmen Tiere ohne TLR5 mehr zu, entwickelten eine manifeste Diabeteserkrankung und eine Fettleber. Es folgten weitere Stoffwechselveränderungen im Sinne des Metabolischen Syndroms.

Frühere Untersuchungen hatten bereits ergeben, dass TLR5 bei der Kontrolle von Darmbakterien eine entscheidende Rolle spielt. Unter gewissen Bedingungen entwickeln Tiere ohne dieses Gen eine Kolitis und chronische Entzündungen. „Die Darmflora ist wie eine komplexe Gesellschaft“, so der ebenfalls an der Studie beteiligte Andrew Gewirtz der Emory University School of Medicine. „TLR5 funktioniert wie ein Polizist, der über die Nachbarschaft wacht und zwischen Gesetzestreuen und potenziellen Störenfrieden unterscheidet. Ohne TLR5 ist die Sicherheit der Gesellschaft in Gefahr.“

Antiobiotika gegen Metabolisches Syndrom?

Zwei Umstände belegen, dass Darmbakterien an der Entstehung des Metabolischen Syndroms beteiligt sind: Antibiotika, die die meisten der Darmbakterien von Tieren ohne TRL5 töteten, besserten auch metabolische Parameter. Leider ließen sich keine bestimmten Bakterientypen bei den Tieren verantwortlich machen, wie dies in früheren Untersuchungen vermutet worden war, sodass eine gezielte Antibiotikatherapie nicht möglich ist. Daneben ließen sich die Darmbakterien der Tiere ohne TRL5 auf normale Mäuse übertragen, die dann ebenfalls Charakteristika eines Metabolischen Syndroms entwickelten.

Die Darmflora des Menschen wird vermutlich bei der Geburt von Familienmitgliedern erworben und bleibt relativ stabil, so die Forscher. Ernährung und Antibiotika können die Darmflora allerdings beeinflussen. Möglicherweise spielt bei der Gewichtszunahme und den folgenden metabolischen Veränderungen also doch die Ernährung eine ursächliche Rolle.

Fettleibigkeit schützt vor Metabolischem Syndrom

Dass die Zusammenhänge zwischen Fettleibigkeit und Metabolischem Syndrom anderes sind als bislang vermutet, darauf deuten auch andere Untersuchungen hin. Roger Unger von der Universität Südwesttexas kommt in einem in Trends in Endocrinology and Metabolism im Volltext veröffentlichten Reviewartikel zum Schluss, dass die überschüssigen Pfunde vor dem Metabolischen Syndrom schützen, dieses jedoch nicht verursachen.

Seiner Meinung nach bedeutet Fettleibigkeit für den Körper nichts anderes als die Möglichkeit Lipide dort zu speichern, wo sie hingehören und am wenigsten Schaden anrichten, nämlich im Fettgewebe. Diese Fettspeicherung schützt andere Organe vor der toxischen Wirkung der Lipide. Unger prägte 1994 den Begriff „Lipotoxizität“. Erst wenn die Speicherkapazität des Fettgewebes bei anhaltend hyperkalorischer Ernährung versagt, käme es zum Metabolischen Syndrom. Dies sei insbesondere jenseits des reproduktiven Alters der Fall, wenn Schutzmechanismen von Adipozyten versagen. Demnach ist das Metabolische Syndrom eine Art alterbedingte Kompensation bei anhaltender Überernährung.

104 Wertungen (3.91 ø)
Allgemein

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15 Kommentare:

Dr. Diana Hegemann
Dr. Diana Hegemann

Da die Problematik Metabolisches Syndrom/Hufrehe in der Pferdepraxis weit verbreitet ist, hätte ich mich von einem Artikel unter dieser marktschreierischen Überschrift auch mehr erwartet.

#15 |
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Angestellte Apotheker

wenn´s so einfach wäre…..ein so komplexes Krankheitsbild wie das metabolische Syndrom durch Bakterien verursacht?! Kaum zu glauben. Trotzdem: Respekt vor dem Mut querzudenken!

#14 |
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Ob TRL5 oder XY 120, weniger essen macht nicht dick.
Was sollen die “hochwissenschaftlichen Ausreden”!

#13 |
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Bettina Moritz
Bettina Moritz

Da würde bei meinen Patienten sicher ein Fest gefeiert, wenn man jetzt mit Antibiotika abnehmen könnte – allerdings:
bei Helicobacter hat am Anfang auch niemand an die Bakterienhypothese geglaubt und heute ist es “Allgemeinwissen”. Wer weiß, vielleicht bekommt dafür auch mal jemand den Nobelpreis?

#12 |
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Arme Bakterien es sei wieder jemand gefunden lt.Forscher der Schuld an Gewichtszunahme haben soll.Und dann Antibiotika dagegen einzusetzen. Die Lobisten sind überall unterwegs.

#11 |
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Was soll das heißen:

Die Darmflora des Menschen wird VERMUTLICH bei der Geburt von Familienmitgliedern erworben und bleibt RELATIV stabil, so die Forscher.

Ernährung und Antibiotika KÖNNEN die Darmflora allerdings beeinflussen.

MÖGLICHERWEISE spielt bei der Gewichtszunahme und den folgenden metabolischen Veränderungen ALSO DOCH die Ernährung eine ursächliche Rolle.

Entweder ich weiß was, oder ich weiß es nicht.

Hier werden doch nur Vermutungen geäußert.

Soll das wissenschftlich sein?

#10 |
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Sandra Pilling
Sandra Pilling

Übertragung auf andere Mäuse, die dann mit verschlechterten Parametern reagieren…
Unter welchen Bedingungen? Ernährung… Zeitraum…
ein wenig suspekt…

#9 |
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Ärztin

ganz netter artikel, interessante ansätze, aber doch etwas unausgereift (siehe kommentar 3).

#8 |
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Wer es noch nicht gemerkt hat: Hier soll ein neuer, gigantischer Markt zur Absatzsteigerung von Antibiotika erschlossen werden.

Kratofiel
Matthias-Georg
Dr med dent
Zahnarzt, Ernährungsmediziner
4 55 25 Hattingen
Kleine Weilstraße 27
Fon: 02324-52600
Fax: 02324-52872
http://www.Altstadtpraxis.de
E-Mail: Kratofiel@web.de

#7 |
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Dr. med. Asude Kocdemir
Dr. med. Asude Kocdemir

wäre viel zu einfach, wenn Bakterien die Ursache wären..

#6 |
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Dr. med. Renate Borchert
Dr. med. Renate Borchert

spannend,aber leicht argwöhnisch betrachtet

#5 |
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Zu diesem Artikel fehlt mir jeglicher Glaube.Miener Ansicht nach spielen eine gesunde Ernährung sowie eine Selbstdisziplin die entscheidende Rolle bei der Gewichtszunahme.

#4 |
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Stephan Holz
Stephan Holz

” Möglicherweise spielt bei der Gewichtszunahme und den folgenden metabolischen Veränderungen also doch die Ernährung eine ursächliche Rolle.”

Ganz großes Kino; wer hätte das Gedacht.

#3 |
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Mit den neuen Ansätzen weiter forschen.

#2 |
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interessant, aber eher unglaubwürdig

#1 |
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