Gelegenheitsraucher: Einmal ist einmal

6. Februar 2018
Teilen

Selbst bei Rauchern, die nur eine Zigarette pro Tag konsumieren, erhöht sich das Risiko, dass Krebs, koronare Herzerkrankungen oder Schlaganfälle auftreten deutlich. Das berichten Forscher auf Basis mehrerer Studien. Sie liefern einen Grund mehr, dem Laster zu entsagen.

„Ich paffe ja nur nach dem Essen eine Zigarette“ oder „Mehr als fünf stecke ich mir pro Tag nicht an“: Mit derartigen Argumenten versuchen Raucher, sich und ihre Umwelt zu beruhigen. Sie haben in mehrfacher Hinsicht unrecht, wie ein Blick in die Literatur zeigt.

Zellen auf Abwegen

Markus Christmann, Forscher an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz untersuchte, welche Effekte schon geringe Mengen des Kanzerogens Benzpyren auf Zellen haben. Zuerst beobachteten Forscher bekannte Mechanismen. Ist das Erbgut stark beschädigt, gehen Zellen kontrolliert zu Grunde. Neben dieser Apoptose gibt es enzymatische Reparaturmechanismen, die anhand eines nicht beschädigten Molekülabschnitts den komplementären Strang wieder aufbauen.

Ein weiterer Teil kam aber mit hinzu: Normalerweise lesen Enzyme Base für Base des Erbguts ab, um bei der Zellteilung (Replikation) eine Kopie zu erstellen. Im Experiment wurden Bereiche mit Defekt beim Ablesen jedoch übersprungen. Das führt zu „Schreibfehlern“ im neu entstandenen Code. Christmann konnte nachweisen, dass Zellen, die durch geringe Mengen an Benzpyren nicht zugrunde gingen, vermehrt Mutationen aufwiesen. Da Krebs auf Änderungen im Erbgut zurückzuführen ist, steigt zwangsläufig das Tumorrisiko. Seine Experimente aus dem Labor bestätigte der Wissenschaftler schließlich mit Zellen der Mundschleimhaut von Rauchern.

Auch Gelegenheitsraucher leben gefährlich

Vom Labor in die Praxis. Mit epidemiologischen Studien kann die Relevanz für Menschen ermittelt werden. Maki Inoue-Choi vom amerikanischen National Cancer Institute weiß, dass in den USA viele Raucher nur noch eine bis zehn Zigaretten pro Tag konsumieren. Um mehr über die Mortalität bei dieser speziellen Gruppe zu erfahren, wertete sie Daten von 290.215 Erwachsenen aus. Ihre Teilnehmer waren bei der Studienaufnahme im Zeitraum von 2004 bis 2005 zwischen 59 und 82 Jahre alt. Per Fragebogen erfasste Inoue-Choi das Rauchverhalten und weitere Risikofaktoren. Wissenschaftler erfassten alle Mortalitäten bis Ende 2011.

Selbst Gelegenheitsraucher, die jahrelang ab und an mal eine Kippe konsumierten, hatten ein um 64 Prozent erhöhtes Risiko, verfrüht zu sterben. Bei zehn Zigaretten pro Tag waren es 87 Prozent. Als Todesursachen gibt die Forscherin Bronchialkarzinome (neun- bis elffach erhöhtes Risiko), weitere Krebsarten und kardiovaskuläre Erkrankungen (zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko) an. „Schon wenige Zigaretten am Tag schaden der Gesundheit erheblich“, fasst Inoue-Choi ihre Ergebnisse zusammen.

Keine herzlichen Züge

Wer jetzt noch Zweifel hat, sollte einen Blick in die Publikation von Allan Hackshaw und Kollegen vom University College London werfen. Sie erfassten alle in der Literatur bis Mai 2015 erschienen Studien, um Assoziationen zwischen dem Nikotinkonsum und kardiovaskulären Risiken zu ermitteln. Die Metaanalyse war mit 55 Publikationen und 141 Kohortenstudien vergleichsweise groß.

Zum Beispiel fand Hackshaw Veröffentlichungen zur koronaren Herzkrankheit mit 3,07 Millionen Männern. Darunter waren als 75.000 Ereignisse. Beim Schlaganfall wurden 3,53 Millionen Männer eingeschlossen, und es kam zu 73.000 Erkrankungen. In ähnlicher Weise untersuchte Hackshaw Studien mit 2,56 Millionen Teilnehmerinnen. Von ihnen entwickelten rund 36.000 eine koronare Herzkrankheit. Beim Schlaganfall gab es Papers mit 3,78 Millionen Teilnehmerinnen und 62.000 Ereignissen.

Schon eine Zigarette pro Tag erhöhte bei Männern das Risiko koronarer Herzerkrankungen um 48 Prozent. Beim Schlaganfallrisiko waren es plus 25 Prozent. Selektierte der Forscher Daten aus Studien mit geringem Bias, kam er sogar auf 74 beziehungsweise 30 Prozent. Bei Frauen führte die tägliche Zigarette ebenfalls zu höheren Risiken, koronare Herzerkrankungen (plus 48 Prozent) oder Schlaganfälle (plus 25 Prozent) zu erleiden. Arbeitete Hackshaw auch hier gezielt mit Studien ohne Störfaktoren, kam er auf 119 Prozent beziehungsweise 46 Prozent.

„Die Ergebnisse widersprechen einer weit verbreiteten Ansicht, dass das Rauchen von nur wenigen Zigaretten pro Tag relativ sicher ist“, fasst der Erstautor zusammen. Wenig überraschend rät er, auf das Laster komplett zu verzichten.

32 Wertungen (4.72 ø)
Bildquelle: azrasta /flickr / Lizenz: CC BY-NC-SA

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

7 Kommentare:

Sylvia
Sylvia

Übertreibung hat auch noch nie jemandem genützt. Wenn es ein Raucher schafft auf die 4-5 Zigaretten täglich zu reduzieren, dann kommt automatisch der Punkt der Einsicht, dass man es auch ganz lassen könnte. Andernfalls ist das größte Risiko, dass sich bei Stress die Dosis wieder erhöht. Dafür braucht es keine Studien, die ohnehin nicht alle Ausschlag gebenden Aspekte berücksichtigen können. Diese Gelder liessen sich sinnvoller ausgeben.

#7 |
  3

Rauchen ist die klassische Ausnahme von der “Paracelsus-Weisheit” – Einzig die “Null-Lösung” macht, dass Rauchen kein Gift ist! Den oft von uneinsichtigen Rauchern vorgebrachten Verweis auf andere Risikofaktoren halte ich für völlig unangebracht. Die Existenz weiterer, z. T. nicht individuell beeinflussbarer Risikofaktoren ist doch keine plausible Begründung, diesem Risikoprofil ein weiteres, vollig in eigener Verantwortung liegendes “polytoxisches Gemisch” hinzuzufügen, mit dem man überdies Schädigungen der Mitmenschen billigend in Kauf nimmt. Und was soll der ständige Verweis auf einige Raucher, die trotzdem alt und im eigenen Empfinden gesund bleiben? Glauben diese Leute wirklich, sie würden früher sterben oder erkranken, wenn sie dem Rauchen entsagten? Das erinnert an das “bockige” Kind, dem ein Zoobesuch versprochen wird, wenn es sich das Gesicht wäscht. Es antwortet: “Und wenn der Zoobesuch nun wegen schlechten Wetters ausfallen muss – dann steh ich da mit meinem gewaschenen Gesicht!”

#6 |
  4
Lambert Doll
Lambert Doll

@#1 vollstes Verständnis, schließlich können Sie bei ihrem Gehalt auch 4 mal im Jahr die Innenraumfilter ihrer S-Klasse wechseln :D

#5 |
  16
franz laudenbach
franz laudenbach

Rauchen abgewöhnen, ist mehr als einfach!
Nagle eine volle Zigarettenschachtel, an einer Stelle die Du ständig passieren must, an die Wand!
z.B.: Wohnungseingangstür.
Immer, wenn Du die volle Zigarettenschachtel an der Wand siehst, sagst DU:
“Ich brauche dich nicht mehr”!
“I don’t need you any more”!

So ungefähr geäußert, hilft es dem Entwöhnen!
Gut 15 Jahre benötigt es um eine Raucherlunge von Rauchgasen zu entwöhnen, zu befreien!
Um; 120% LUNGENKAPAZITÄT zu erreichen.
Zuvor lag die Lungenkapazität bei etwa 33-45% (beim Sport zu erfahren).
Die Frage die sich mir stellt:
Warum dürfen Lebensmittel-Händler wie z.B.; Discounter:
Zigaretten, Tabak-Zeugs, verkaufen;
Obwohl auf den Artikeln, per Gesetz, ständig hingewiesen wird;
‘Rauchen ist tödlich’!
‘Rauchen fördert, erzeugt Krebs’!
Usw., ….

#4 |
  4
Johannes Reinders
Johannes Reinders

@Herr Dr. Bordt : Nehmen Sie das körpereigene Co-Enzym Q10 50-100mg pro
Tag, das stärkt Ihr Herz und vermindert die Tachiykardien. Ist logisch, weil der
Körper mit zunehmendem Alter und bei starker Beanspruchung nicht genug Q10
produziert, so dass man es als Nahrungsergänzung einnehmen sollte.

#3 |
  0
Heilpraktiker

Ich(60 J.) bin selbst Raucher und habe bisher alle Phasen vom jahrelangen Stark-Raucher mit 5-7 Jahren Abstinenz zum Schwach-Raucher mit weiteren 5-6 Jahren Abstinenz bis hin zum Wochenend-Genussraucher durch.
Heute liege ich bei max. 3-4 Zigaretten und wenn ich keine habe, rauche ich auch nicht. Ihre Studie möchte ich nur in einem Punkt anzweifeln. Das ist die Pauschalisierung der Gefahr, wie sie mein Kardiologe beim Gesundheits-Check auch geäußert hat. Wenn das aber so ist – woran liegt es dann, dass bei gleichem Verhalten eben “nur” ein Teil der Probanden erkrankt? Da gibt es doch noch einige individuelle Faktoren, die in eine Prädisposition münden oder weitere in Richtung Lebensstil, Aktivitäten und so weiter.
Diese(r) Faktoren sind noch lange nicht erforscht genug, um klare Aussagen treffen zu können.
Dennoch stimme ich Ihrer Grundeinschätzung unter Vorbehalt gerne zu.
Attila G. Sós

#2 |
  8

Und wie steht es mit dem Passivrauchen? Seit ich manifest koronarkrank bin, betreibe ich eine rigide Expositionsprophylaxe. Ich reagiere bereits auf minimale Rauchschwängerungen meiner Atemluft mit Tachykardie.
Sozial verträglich ist dieses Verhalten allerdings nicht: Hab’ Dich doch nicht so!

Egal – es geht ja um mein Herz.

#1 |
  4


Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: