Appetenz: Kein Sex ohne Kisspeptin

2. Februar 2018
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Neurologen fanden heraus, dass das Signalmolekül Kisspeptin unser Sexualverhalten steuert. In Zukunft könnten diese Erkenntnisse in der Sexualtherapie nützlich sein. Ein mögliches Anwendungsgebiet ist die Behandlung der verminderten sexuellen Appetenz.

„Diese Forschungsarbeit hat uns neue Erkenntnisse darüber geliefert, wie das Gehirn Signale aus der Außenwelt entschlüsselt und diese Umwelteinflüsse dann in Verhalten umsetzt. Bei vielen Tieren ist das Sexualverhalten eng mit dem Eisprung verbunden, um die höchstmögliche Chance auf Befruchtung und somit das Fortbestehen der Art zu gewährleisten“, sagt Ulrich Boehm, Professor für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Universität des Saarlandes.

„Bis jetzt war wenig darüber bekannt, wie das Gehirn Eisprung, Anziehung und Sex miteinander verbindet. Jetzt wissen wir, dass ein einzelnes MolekülKisspeptin – all diese Aspekte durch verschiedene, parallel zueinander laufende Gehirn-Schaltkreise steuert“, fügt er hinzu.

Ein Molekül steuert alles

Bei weiblichen Mäusen konnten die Forscher beobachten, dass das Kisspeptin sowohl die Anziehung zum anderen Geschlecht als auch das sexuelle Verlangen steuert. Sie entdeckten auch, dass bestimmte Duftstoffe, die von der männlichen Maus ausgesendet werden, speziell die Nervenzellen stimulieren, die das Kisspeptin produzieren.

Hierdurch wird ein Schaltkreis im Gehirn aktiviert, der ein Neurohormon freisetzt und damit die Aufmerksamkeit des Weibchens für das Männchen erhöht. In einem parallelen Schaltkreis wird das Kisspeptin-Signal auch an Zellen übertragen, die den Neurotransmitter Stickstoffmonoxid produzieren, um die sexuelle Bereitschaft zu stimulieren.

Neue Behandlungsansätze bei sexueller Appetenz

Von einem einzigen Molekül, dem Kisspeptin, werden also Pubertät, Fruchtbarkeit, Anziehung zum anderen Geschlecht und sexuelle Motivation kontrolliert. Diese Erkenntnis eröffnet neue, vielversprechende Möglichkeiten für die Behandlung von Patienten mit psychosexuellen Störungen wie zum Beispiel der verminderten sexuellen Appetenz. „Es gibt derzeit keine guten Behandlungen für Frauen mit geringem sexuellem Verlangen. Die Entdeckung, dass Kisspeptin sowohl die Anziehung als auch das sexuelle Verlangen kontrolliert, hilft uns dabei, neue Therapien für solche Störungen zu entwickeln“, erklärt Professorin Julie Bakker, die das Labor für Neuroendokrinologie an der Universität Lüttich leitet.

Der Text basiert auf einer Pressemitteilung der Universität des Saarlandes.

Quelle:

Female sexual behavior in mice is controlled by kisspeptin neurons.
Vincent Hellier et al.; Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-017-02797-2; 2018

33 Wertungen (4.45 ø)
Bildquelle: Daniel Lobo, flickr / Lizenz: CC BY
Allgemeinmedizin, Forschung

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16 Kommentare:

Muss denn jede molekularbiologische Erkenntnis in ein pharmakologisches Produkt umgesetzt werden? Gerade im Bereich der Sexualität besteht ohnehin schon ein hohes Potential an Manipulation, sei es durch erektionsfördernde Pharmaka und Drogen, sei durch eine Hypersexualisierung des Alltagslebens in allen möglichen Formen. Man sollte nicht vergessen, dass die simple Voraussetzung für gelungene Sexualität ein möglichst entspanntes und zufriedenes Leben und vertrauensvolle Partnerschaft ist. Die fortschreitende Entwicklung von biologischen Eingriffen in die Sexualfunktion erhöht eher den Druck auf diejenigen, die gerade wenig sexuelles Verlangen verspüren, “ihrere Rolle gerecht zu werden” und stigmatisiert sie evtl. auch als Sexualversager oder in Neudeutsch low-performer. Natürlich kann bei sexuellen Funktionsstörungen mit Gewinn medizinisch agiert werden , -ich selbst konnte bei vielen männl. Patienten mit PDE-5-Inhibitoren Hilfe leisten- ; man sollte sich aber stets über den biopsychosozialen Gesamtkontext solcher Interventionen Rechenschaft ablegen.
Dr. Christof von Gliszczynski

#16 |
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Nichtmedizinische Berufe

Gast 15 : eine sehr kapitalistische Herangehensweise: Sex ist eine Dienstleistung, für die der eine Partner zu sorgen hat – ob er will oder nicht. Würde es Ihnen denn gefallen, mit einer Frau zu schlafen, die nur auf Sie Bock hat ,weil sie sich Kisspeptin eingeworfen hat? – oder wäre es Ihnen gleich?
Ich spreche nicht von einem Hilfsmittel wie Viagra. Es geht nicht um körperliches Unvermögen, sondern um Verlangen.

#15 |
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Gast
Gast

#2: Es wäre schon schön, unterschiedlich ausgeprägte Sexualbedürfnisse können eine ansonsten sehr harmonische Beziehung durchaus belasten. Wenn einer mehrmals die Woche Bedürfnisse hat, der andere aber nur einmal im Monat, muss man eine Lösung für beide finden…Regulär befindet sich da der Kompromiss in der Mitte und da wäre es doch schön, wenn der weniger erregte Partner sich da mit Hilfsmitteln stimulieren kann und nicht nur “erduldet”.

#14 |
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Medizinjournalist

Als homosexueller Mann frage ich mich: ich habe mein bisheriges Leben lang versucht, mein sexuelles Verlangen irgendwie zu kontollieren und bin gescheitert. Kann Kisspeptin auch mein Verlangen kontrollieren, und wenn ja, wie denn genau?

#13 |
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R. Kumm
R. Kumm

Es gibt allerlei Bücher aus dem Bereich angewandte Aromatherapie z.B. unter dem Stichwort “Wonnestunden”, Fussreflexzonen therapie kann sinnvoll sein wie manche Hebammen und sogar manche Männer wissen – nur kann man daraus keine patentierbaren Drogen machen.

#12 |
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Dr. Elisabeth Wagner
Dr. Elisabeth Wagner

Das Pepitid halte ich für eine vorweggenommenen Faschingsscherz!

#11 |
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Gast
Gast

Das Bild, das Graffito, ist sehr schön.

#10 |
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Gast
Gast

„Es gibt derzeit keine guten Behandlungen für Frauen mit geringem sexuellem Verlangen…
alles schön und gut, aber es gibt ja auch nix für Männer mit geringem Verlangen – nur für Verlangen mit geringer Erektionsfähigkeit, oder irre ich mich?

#9 |
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Gast
Gast

Entschuldigung aber ich empfinde alle bisherigen Kommentare als völlig unqualifiziert. Es handelt sich um einen interessanten Beitrag der Forschung.
Vielen Dank für den Artikel!

#8 |
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Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

“Das Beste an Kisspeptin ist sein Name. Das kann selbst ich mir merken”. Wer da die leise Ironie nicht bemerkt, für den füge ich zum “Mit Kisspeptin kein me too-Problem mehr” noch einen Satz hinzu: “Oder hab ich wieder mal alles ganz falsch verstanden?” Aber ich gebe zu,
das Parkett ist derzeit noch glatter als es ohnehin schon ist.

#7 |
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Hebamme

Danke Frau Heyden!
Kisspeptin in Lippenstiftform statt k.o-Tropfen, oder wie stellen Sie sich das vor, Herr Traub?
Sex ist wunderbar – wenn ich will und der Mann Frauen respektiert….

#6 |
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Heilpraktikerin

was heisst hier mit kisspeptin kein mee too problem mehr???????da scheint jemand ganz wesentliches nicht verstanden zu haben!
sehr traurig, herr traub!!!

#5 |
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Heike Galoci
Heike Galoci

gibts das auch für Männer?

#4 |
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Heilpraktiker

Die Lösung ist ganz einfach, ausprobieren und dann vielleicht die Anwendung in Form eines Lippenstifts, dann passen Bezeichnung und Wirkung zusammen.

#3 |
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Nichtmedizinische Berufe

“„Es gibt derzeit keine guten Behandlungen für Frauen mit geringem sexuellem Verlangen”
Braucht es dafür eine Behandlung? Ist das eine Krankheit?
Anmerkung: Das sexuelle Begehren von Frauen ist im höchsten Maße stressanfällig.
Existentielle Sorgen, Störungen, Routine, fehlende Gefühle etc. fahren es hinunter.
Ist es denn erwünscht, über diesen Stress hinwegzugehen ? ” Fehlt der Wille, nimm ne Pille”

#2 |
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Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

Das Beste an Kisspeptin ist der Name. Den kann selbst ich mir merken. Und die Wirkung beim
Säugetier Mensch ist ganz sicher die gleiche. Mit Kisspeptin kein me too-Problem mehr !

#1 |
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