Herzinfarkt: Der Wochenend-Effekt

9. Februar 2018
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Krankenhaus-Patienten versterben deutlich häufiger am Wochenende als an Werktagen an einem Herzinfarkt. Die zugrundeliegende Studie wurde bereits vor zehn Jahren veröffentlicht. Schnell wurde dem ärztlichen Personal die Schuld zugewiesen – doch stimmt das überhaupt?

Zwischen den Jahren 2000 und 2014 stieg die Überlebensrate von Klinikpatienten nach einem Herzinfarkt unter der Woche von 16 % auf 25,2 % an. Im Vergleich dazu brachten es Patienten an den Wochenenden bzw. in der Nacht lediglich auf einen Anstieg von 11,9 % auf 21,9 %. Ofoma und Kollegen untersuchten in ihrer aktuellen Studie die Schicksale von mehr als 150.000 Patienten aus 470 US-Kliniken, nachdem diese einen Herzstillstand erlitten hatten. Den Forschern fiel anhand der Daten auf, dass mehr als die Hälfte der Patienten nachts bzw. an den Wochenenden einen Herzstillstand erfuhren. Doch weshalb starben dann auch mehr daran?

Ursachensuche und doch keine Schuldigen?

Sehr schnell scheinen die Schuldigen ausgemacht: Nachts und an normalerweise „arbeitsfreien“ Tagen gibt es zum einen sehr viel weniger Personal in den Krankenhäusern, sodass wertvolle Zeit für die Behandlung verloren gehen könnte. Zum anderen sind Ärzte nachts vielleicht auch einfach nur müder und machen deshalb vermehrt Fehler? Ist das nicht viel zu einfach gedacht?

Möglicherweise waren die Patienten, deren Herzen außerhalb der normalen Arbeitszeiten aussetzten aber einfach auch schwerer krank? Ein Punkt, den die Studie vollkommen außer Acht lässt. Daneben ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Herzinfarkt jemand anderem auffällt, an Wochentagen sehr viel größer und zwar sowohl innerhalb als auch außerhalb eines Klinikums. Je früher der Patient zudem gefunden wird und eine Reanimation beginnt, desto größer ist letztlich die Chance zu überleben.

Erschwerend kommt hinzu, dass Herzpatienten außerhalb der normalen Arbeitszeiten sehr viel weniger häufig invasive Behandlungen erhalten, wie Studien zeigten. Ebenso gibt es nachts und an den Wochenenden ganz sicher vielerorts Einschränkungen in der Routinediagnostik (EKG, Röntgen, …) nicht nur für Herzpatienten.

Nicht mehr „immer wieder sonntags“ …

Um das Problem des „Wochenend-Effekts“ zu lösen, schlagen die Autoren vor, sich diejenigen Kliniken einmal genauer anzusehen, bei denen sich der prozentuale Anteil der Verstorbenen an Wochentagen bzw. außerhalb der normalen Arbeitszeiten nur geringfügig unterschied. Was machten diese Krankenhäuser anders und damit richtig im Vergleich zu vielen anderen Häusern?

Darüber hinaus zeigt sich der sogenannte Wochenend-Effekt längst nicht in allen medizinischen Disziplinen gleichermaßen, wie Studien belegen. Was läuft demnach in anderen Fachbereichen anders, und was davon ließe sich möglicherweise für die Kardiologie adaptieren? Diese spannenden Fragen begünstigen zukünftig sicher kontroverse Erkenntnisse im Bereich der Wochenendversorgung von Patienten in Kliniken hierzulande. Den Wochenend-Effekt allein auf den Personalmangel schieben zu wollen, scheint jedoch im Angesicht dieser aktuellen Daten, etwas zu einfach gedacht.

 

Quelle:

Trends in Survival After In-Hospital Cardiac Arrest During Nights and Weekends.
Ofoma UR et al., Journal of the American College of Cardiology 2018; 71(4): doi: 10.1016/j.jacc.2017.11.043

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Bildquelle: Ivan Salas, flickr / Lizenz: CC BY
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7 Kommentare:

Gast
Gast

Vielleicht auch ein ähnlicher Mechanismus wie bei “Leisure Sickness”. Dass Emotionen u Stress eine Rolle spielen ist ja vielfach belegt und bekannt

#7 |
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Mögliche Einflussfaktoren
– Vermehrt Besuche der Patienten in der Klinik
– der Abstand zur Arbeitswoche
– Streit / Aussprachen / Geständnisse oder andere Ausnahmesituationen
– emotionale Ereignisse wie eine z. B. Versöhnung innerhalb der Familie oder
Freundeskreis (oft nachdem das geschieht verstirbt der Patient bzw. kommt
es zur Verschlechterung)
– die Hemmschwelle ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen ist am Wochenende
und an Feiertagen erhöht
– das Durchschnittsalter der Patienten
– die Lebensweise der Patienten

#6 |
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Vielen Dank für den tollen Beitrag von “Assistenzarzt”.
Den Ärzten am Wochenende mangelnde Lust zu unterstellen, halte ich für infam. Bin auch schon mal (wg Herz) am WE im KH gewesen und dort sehr professionell behandelt worden.
Im ganzen Gesundheits(un)wesen sind die Anforderungen durch Zweckentfremdung und überbordende Verwaltung immer größer geworden.
Das ist letztlich die zu erwartende Folge der aus den USA mittlerweile bei uns angekommenen Klagewelle, indem immer mehr Vorschriften und Dokumentationen zu beachten und befolgen sind.
Nach 30 Jahren Selbständigkeit im Gesundheitswesen bin ich wirklich froh, endlich aus der Tretmühle raus zu sein und bedaure alle die, die sich diesem Unwesen weiterhin stellen müssen…

#5 |
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Assistenzarzt
Assistenzarzt

Als jemand der regelmäßig sowohl an Werktagen und Nächten als auch an Wochenenden Dienst tut kann ich den Begriff „Sparbesetzung“ nicht unkommentiert stehen lassen. Natürlich wäre eine bessere Besetzung IMMER wünschenswert und sowohl an Werk- als auch Wochenendtagen macht sich der unselige Sparzwang auf obszön menschengefährdende Art bemerkbar, ABER: in vielen Fällen wäre die „Wochenendbesetzung“ mehr als ausreichend wenn wir nicht ständig mit völlig unangebrachten Zusatzansprüchen überrannt würden… Bagatellen in der Notaufnahme, das ständige Einfordern unnötiger Arztgespräche durch Patienten und Angehörige wegen Lappalien die man locker werktags mit dem Stationsarzt klären könnte, vorzeitige Entlassungen auf eigene Verantwortung (noch schnell ein Kontrollsono und ein Wochenendlabor bei dem betrunkenen gestürzten Radfahrer vom Samstag weil der am Sonntag wichtigeres zu tun hat als in der Klinik zu bleiben uvm.) Ich persönlich konnte schon so manchen Infarktpatienten nachts oder am Wochenende schneller einer Intervention zuführen als es an einem durchschnittlichen Werktag möglich ist, dafür darf aber nicht der ganze Laden unter einem unübersichtlichem Berg Zweckentfremdung begraben werden.

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Detlef Exner
Detlef Exner

Interessantes Thema und auch eine interessante Frage !
Sicher ist die “ Spar-Besetzung “ an den Wochenenden oft die maßgebliche Ursache für die prozentual höhere Letalität an den Wochenenden.
Zum einen weniger Personal für die Routinediagnostik, zum anderen dauert es oft viel, viel länger einen eventuell noch erforderlichen Facharzt ans Patientenbett zu bringen. Das alles aber als Ursache anführen zu wollen, wäre mir zu wenig. Woran aber mag es nun tatsächlich mangeln ?
Ein Grund mehr, dieses Phänomen wissenschaftlich begründet, zu untersuchen !
Vielleicht wäre dann qualifizierte Hilfe möglich ?

#3 |
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Rettungsassistent

Ich denke schon, dass das an weniger Personal liegt, aber nicht deshalb, weil das vorhandene keine Lust zu arbeiten hätte:
Nachts um am Wochenende dauert es schlicht und ergreifend länger, bis jemand auffällt, dass der Patient ein Problem hat. Es dauert länger, bis ein Arzt kommt, um sich das anzusehen. Es dauert länger, bis dieser einen Kollegen gefunden hat, der sich damit auskennt. Und (je nach Klinik) dauert es länger, bis die geeigneten Maßnahmen ergriffen werden können.
Schon zu “normalen” Zeiten ist auf den meisten Stationen ein Notfall ein Ereignis, das den kompletten Ablauf durcheinander bringt und manchen Mitarbeiter überfordert. Nachts und am Wochenende mit Sparbesetzung dauert einfach alles etwas länger.

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Gast
Gast

Spannende Fragen. Ich könnte mir auch vorstellen dass ein Patient in der Nacht meist seine Schmerzen erst gar nicht wahrnimmt (schläft ja) und dann zögert (soll ich wirklich? geht es nicht vielleicht bis morgen?) zusammen mit den oben genannten Gründen… oder vielleicht gibt es auch gar keinen “richtigen” Grund. Wer weis. Bin aber gespannt ob da noch was bei rauskommt.

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