Humanitäre Hilfe: Keine Postkartenromantik

10. April 2013
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"Menschen helfen" – ein Aufhänger, mit dem viele Medizinstudenten Ihre Studienwahl begründen. Ein Weg, dieses Motiv zu erfüllen, ist ein Engagement für eine humanitäre Hilfsorganisation. Wir schauen genauer hin und skizzieren einen Tagesablauf abseits medienwirksamer Bilder und hoher Moralvorstellungen.

Sommer 1967, Nigeria: Biafra, eine Region im Osten des Landes deklariert seine Unabhängigkeit und löst damit einen Bürgerkrieg aus. Um der leidenden Bevölkerung zu helfen, schickt das internationale Rote Kreuz ein Team von Ärzten in die Region, unter ihnen ein 29-jähriger Gastroenterologe aus Frankreich, sein Name: Bernhard Kouchner.

Der Einsatz ist erfolgreich. Geprägt von den dort gemachten Erfahrungen kehrt Kouchner in seine Heimat zurück. Dort realisiert der junge Arzt, dass er der neutralen Haltung des Internationalen Roten Kreuzes in militärischen Konflikten wenig abgewinnen kann. Aus diesem Ärger heraus entsteht zwei Jahre später mit Hilfe eines Teams aus Medizinern und Journalisten “Médecins Sans Frontières” (im deutschsprachigen Raum ist der Name “Ärzte ohne Grenzen” geläufiger) durch Fusionierung zweier Hilfsorganisationen. Kouchner übernimmt die Führungsposition.

Allgemeiner Zugang zu medizinischer Versorgung

Diese Rolle legt Kouchner 1979 wieder ab – er ist sich uneins mit den anderen Führungsmitgliedern, Grund der Debatte ist abermals die Neutralitätsfrage. So erblickt “Médecins du Monde” (“Ärzte der Welt”) das Licht der Welt, ein Zwillingsbruder von Ärzte ohne Grenzen. Was sie voneinander unterscheidet ist, dass Ärzte der Welt auch in “entwickelten Ländern” agiert. Dort gilt es zum Beispiel, das HI-Virus zu bekämpfen oder den Versuch zu unternehmen, einen allgemeinen Zugang zu medizinischer Versorgung zu gewährleisten, wie das Münchener Projekt “open med” zeigt.

Aktiv sind beide Gruppierungen heute in jeweils mehr als 60 Staaten rund um den Globus, bauen Grundstrukturen zur Gesundheits-, Wasser- und Nahrungsversorgung auf und versuchen unermüdlich, das Leid der Menschen ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu rufen. Wer sich bei einer der beiden NGOs engagieren möchte, findet reichlich Möglichkeiten dazu, unter diesen Links gewinnt Ihr einen tieferen Einblick:

Was finanzielle Aspekte betrifft, wird Ärzte der Welt zu zwei Dritteln aus privaten Quellen und zu einem Drittel von öffentlicher Hand finanziert. Ärzte ohne Grenzen hingegen lebt ausschließlich von privaten Spenden und kann deshalb ganz nach eigenen Vorstellungen agieren. Aus diesem Grund lehnte die Organisation in der Vergangenheit auch des Öfteren die Kooperation mit anderen Hilfsorganisationen, weshalb Ärzte ohne Grenzen mitunter Einzelkämpfertum und mangelnde Kooperation vorgeworfen wird.

Dicke Haut und großes Leid

Leichtgläubig ist, wer denkt, er könne kurz entschlossen sein Selbstwertgefühl durch eine Mitarbeit bei einer humanitären Hilfsorganisation steigern. Man reist nicht um des Reisens Willen, sondern um hart zu arbeiten. Die physischen und psychischen Belastungen sind hoch. An persönlichen Eigenschaften sind Organisiertheit, Flexibilität, Teamfähigkeit, Offenheit sowie Führungs- und Lehrqualitäten gefragt. Man sollte ausgestattet sein mit einer dicken Haut gegen Arbeit unter schwierigsten Bedingungen und einem kühlen Kopf, um in hektischen Situationen die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Man sieht todkranke Menschen, schwere Kriegsverletzungen, an Hunger Leidende. Es sehen einen auch Augen, die erfüllt sind von wahrer Dankbarkeit, es begegnen einem Menschen mit einer unglaublich positiven Lebenseinstellung, allen Widrigkeiten trotzend.

Voraussetzung für eine Mitarbeit bei Ärzte ohne Grenzen sind ein abgeschlossenes Medizinstudium und zwei Jahre Berufserfahrung. Außerdem ist es von Vorteil, fundierte Kenntnisse in den Fächern Pädiatrie, Allgemeinmedizin, Chirurgie oder Gynäkologie vorweisen zu können. Ebenso sollte man Englisch und idealerweise auch Französisch fließend sprechen können. Der erste Auslandseinsatz bei Ärzte ohne Grenzen dauert zwischen sechs und zwölf Monaten. Hat man bereits bei einigen Projekten mitgeholfen, verringert sich die Mindesteinsatzzeit auf drei Monate, 6-wöchige Kurzeinsätze sind nur für Chirurgen und Anästhesisten möglich. Einmal in der Krisenregion angekommen, ist man entweder an der Front tätig und versorgt unter schwierigsten Bedingungen Patienten oder man engagiert sich in der Verwaltung von Gesundheitsprojekten und Ausbildung neuer Mitarbeiter.

Man gibt viel, was bekommt man eigentlich dafür? Der Erstanstellungsvertrag bei Ärzte ohne Grenzen schreibt eine monatliche Entlohnung von 900 Euro brutto vor, die Bezahlung steigt mit der Anzahl der Einsätze und der Höhe der Verantwortung. Teilnehmende Ärzte erfahren manchmal erst wenige Tage vor der Abreise nähere Daten zum konkreten Einsatz, bei denen jedoch immer ein umfassender Versicherungsschutz gewährleistet wird. Praktika oder Teile des Praktischen Jahres bei Ärzte ohne Grenzen zu absolvieren ist nicht möglich, da man nicht eingesetzt wird, um zu lernen, sondern um zu lehren und zu arbeiten.

Reise in eine andere Welt

Frühling 2013, Deutschland. Dr. Jan Brommundt ist 41 Jahre alt. Mit 20 Jahren begann er, Medizin in Bonn zu studieren und machte danach seine Facharztausbildung zum Anästhesisten an der Uniklinik Aachen, dem Ealing Hospital in London und dem Royal Brompton Hospital in Adelaide, Australien. Als Facharzt arbeitete er an verschiedenen Krankenhäusern und ist nun als Herzanästhesist an der Uniklinik in Groningen tätig.

Von Zeit zu Zeit jedoch unterbricht er diesen europäischen Alltag für mehrere Monate und reist in eine andere Welt, nämlich dann, wenn er auf Einsatz geht: Zu Beginn war das für Ärzte ohne Grenzen an der Elfenbeinküste, inzwischen arbeitet er für Ärzte der Welt, wo er auch Vorstandsmitglied ist. Im Zuge seines dortigen Engagments arbeitete er bei Projekten in Eritrea und im Gaza-Streifen mit – im Folgenden erzählt er von seinen Erfahrungen:

Meine Erlebnisse während meiner Einsätze für Ärzte der Welt haben mich Bescheidenheit gelehrt und ein wahres Verständnis der Medizin, aber um humanitäre Hilfe zu verstehen, ist eine differenzierte Sichtweise unabdingbar. Was ich mir vor meinem ersten Einsatz nicht erwartet hätte, war zu sehen, wie ressourcenorientiert große Teile Afrikas mit ihrer politischen, wirtschaftlichen und militärischen Realität umgehen und wieviel Optimismus herrscht, von dem nichts in unserem westlichen Afrikabild bekannt ist. Während der Arbeit für ein Emergency-Project ist jeder Tag anders. In einem typischen afrikanischen Krankenhaus in einem Konfliktgebiet beginnt der Tag gegen 7:30 Uhr, wie in einem europäischen Krankenhaus auch, mit einer Visite. Danach beginnt der Chirurg mit den Notoperationen des Tages: Kriegsverletzungen, Kaiserschnitte, Kinder und Babies mit Abszessen. Ich als Anästhesist checke die Patienten kurz und bespreche mit meiner Anästhesiekrankenschwester, welche Narkosen sie alleine tun kann und bei welchen sie mich a priori braucht. Via Walkie-Talkie bin ich innerhalb von zwei Minuten immer in den OP zu rufen. Danach schaue ich kurz in der Geburtshilfe vorbei.

Die australische Hebamme lässt mich drei Todesbescheinigungen unterschreiben, von den Neugeborenen, die in der Nacht verstorben sind. Ich beginne, Sprechstunde zu halten und sehe Kinder mit Malaria, Lungenentzündung, Meningitis sowie ein an Tetanus erkranktes Kind. Der passive Impfstoff ist uns vor Wochen ausgegangen. Danach werde ich in das OPD (out patient department) gerufen. Ein einjähriges Kind mit einem unvorstellbar niedrigen Hb ist somnolent zu uns gebracht worden. Malariatest natürlich positiv. Wir bereiten eine Bluttransfusion vor. Erst danach wird bei so niedrigen Hämoglobinwerten die Malaria therapiert. Das Kind wird vier Tage stationär bleiben. Zwei Kinder und zwei Mütter teilen sich jeweils ein Bett in unserem IPD (in patient department). Ich versuche, die Familie zu überzeugen, uns Blut zu spenden, damit wir, abgeschnitten von regelmäßigen Lieferungen, weiterhin Blut haben. Wir sind erfolgreich, aber der Spender stellt sich in unserem Test als HIV positiv heraus und die Blutspende kann natürlich nicht verwendet werden.

Widerstandskraft setzt Energien frei

Ich helfe im OP bei einer schwierigeren Spinalanästhesie. Ein angeschossener Patient wird eingeliefert. Streifschuss am Bein, Durchschuss der Hand, die zertrümmert ist. Ich steche einen Axilarblock, um den Arm für mehrere Stunden zu anästhesieren. Der Patient selbst bleibt bei Bewusstsein und ich muss seine Herz-Kreislauf-Funktion nicht wie bei einer Vollnarkose kontinuierlich überwachen – so bin ich nicht an den OP gebunden. Wenn der Chirurg später am Bein operieren will, komme ich zurück und verabreiche eine kurze Vollnarkose.

Ich besuche kurz eine Dame, die vor 3 Tagen mit bei Beginn der Geburt rupturiertem Uterus eingeliefert wurde. Die Widerstandskraft der Menschen hier beeindruckt mich tief – nach Reanimation der Patientin hatten wir ihr Kind mit Kaiserschnitt geboren, danach musste der Chirurg ihre rupturierte Gebärmutter herausschneiden. Zwei unserer vier Blutkonserven haben wir ihr gegeben und sie mit Infusionslösungen gefüllt. Es war eine der sehr seltenen Intubationsnarkosen nach westlichem Standard, die wir uns hier logistisch/zeitlich fast nie erlauben. Das Neugeborene hatte nach Stimulation spontan geatmet und ist nun wohlauf. Die Mutter hatte uns mehr Sorgen gemacht und wir hatten sie in einer Ecke unseres OPs 12 Stunden intensivmedizinisch versorgt und sie beatmet. Sie hat weitere vier Kinder und ihr Tod wäre schrecklich gewesen. Heute stehe ich neben ihr – sie lächelt mich an und ist wohlauf. Ich bin wohl nur hierher gekommen, um mir ein bisschen gute Energie abzuholen.

Es ist mittlerweile 16:30 Uhr und mein Magen meldet sich – ich hole mir eine Flasche Coca Cola und schlucke meine Malariatablette. Der OP ruft – der Patient ist stabil, aber die Abszesskinder stauen sich vor der Tür. Der Chirurg hat mich gut angelernt und ich gebe den Kindern Ketamin i.m. und beginne, Abszesse zu öffnen. 18:45 Uhr, mein Magen knurrt nun wie wild. Ich gehe in die Küche des kleinen Baus am Rande des Krankenhausareals – niemand ist da. Ein Eintopf aus Thunfischkonserven und Avocados steht für uns bereit. Ich schlage einfach mal zu und hinterlasse einen Zettel, der den anderen vier Ex-Patriats einen guten Appetit wünscht.

Ein Tropfen in den Ozean

Ich debriefe die Krankenschwester, die mit ihren Mitarbeitern von einer “mobile clinic” zurückkommt. Gegen 20:00 Uhr treffen wir Ex-Patriats aufeinander. Ich bin “on-call” für das IPD. Anästhesiedienst hat die Krankenschwester, die mich aber rufen wird, wenn sie sich unwohl fühlt mit den Herausforderungen der Nacht. Nach einem halben Film werde ich zu einem 6-monatigen Malariakind im IPD gerufen. Die nationale Nachtschwester reanimiert bereits – nach 30 Minuten stellen wir unsere Bemühungen ein.

Ich falle todmüde in mein Bett. Eigentlich wollte ich ja ein Tagebuch führen, dazu reicht aber die Zeit fast nie. Über meinem Kopf liegt mein Walkie-Talkie. Die stündliche Kommunikation unserer Krankenhaussecurity werde ich im Halbschlaf mithören. Ich schlafe kurz ein, mit dem Wissen, dass jede Stunde Schlaf, die ich mir gönne, ein Menschenleben bedeuten kann.

Gegen zwei Uhr Nachts werde ich noch einmal ins IPD gerufen und um fünf Uhr weckt mich die Anästhesieschwester. Der nationale Chirurg, der heute Nachtdienst hat, möchte eine Intubationsnarkose für das akute Abdomen, das gerade reingekommen ist. Damit hat unsere Anästhesieschwester nicht genug Erfahrung – ein guter Fall, um ihr Intubationsgeschick zu verbessern. Teaching ist sehr wichtig, auch morgens um Fünf. Ich schlafe noch einmal ein, bevor um 6:30 Uhr mein Wecker klingelt. Dreimal die Woche laufen wir morgens ein halbes Stündchen. Sport ist gut, um mit dem Schlafmangel und dem Stress umzugehen. Um 7:30 Uhr stehe ich wieder im IPD zur Visite. In der Hand halte ich einen importierten Nescafé und das in einem Land, in dem die Kaffeestauden an der Straße wachsen. Ich denke an Sir Peter Ustinov: “Ihre Tätigkeit mit UNICEF ist doch ein Tropfen auf den heissen Stein”, wurde er gefragt – “Nein. Es ist ein Tropfen in den Ozean.”

Für eine humanitäre Hilfsorganisation zu arbeiten, ist eine Herausforderung, der man gewachsen sein sollte. Auch wenn man sich manchmal vorkommt, wie Don Quijote in seinem Kampf gegen die Windmühlen, Herausforderungen sind dazu da, um bewältigt zu werden. Belohnt wird man wohl mit unvorstellbar bereichernden Erfahrungen und der Gewissheit, mit dem, was man während seines Studiums gelernt hat, etwas wahrlich Sinnvolles bewirkt zu haben.

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Studium

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