Medizin-Humor ist, wenn man trotzdem lacht

24. Juli 2013
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Jeder Medizinstudent kennt sie aus seinen Erfahrungen - Situationen, die so unheimlich komisch sind, dass man meint, sie entsprängen einem Drehbuch. Wir möchten Facetten des Humors im medizinischen Kontext beleuchten und betrachten, ob man Lustigsein lernen kann und wenn ja, wie überhaupt.

Zu Beginn eine Bewusstseinsbildung – was ist Humor? Der Ausdruck „Bewusstseinsbildung“ passt, denn auch Sigmund Freud hat sich zur Funktion des Humors seine Gedanken gemacht – er erklärt uns in seinem Buch „Der Humor“, „dass die Person des Humoristen den psychischen Akzent von ihrem Ich abgezogen und auf ihr Über-Ich verlegt hat. Diesem so geschwellten Über-Ich kann nun das Ich winzig klein erscheinen, seine Interessen geringfügig”. Demnach wäre “der Humor der Beitrag zur Komik durch Vermittlung des Über-Ichs.” Unser Gewissen spielt also eine große Rolle – Humor verrät bekanntlich viel über unseren Charakter. Eine andere Definition von Humor ist, auch in schwierigen Situationen trotzdem zu lachen – eine Eigenschaft, die für eine überarbeitete, übernächtigte Arztseele Gold wert sein kann. Wie alle Talente ist aber auch dieses ungleichmäßig auf uns alle verteilt, manche sind lustiger als andere, das ist nun mal so. Das bedeutet jedoch nicht, nichts aus seinen individuellen Fähigkeiten machen zu können, denn wie alle Eigenschaften kann man auch diese üben und in individueller Ausprägung starker hervorbringen.

Dieser Aufgabe hat sich die Kompetenzschule Elsys der Forschungsakademie der Universität Leipzig angenommen und bietet zweitätgige Workshops an, in denen Studenten der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig die Kunst der humorvollen Sprache lernen sollen – ein Unikum im deutschsprachigen Raum. Man lernt jedoch keine Witze, sondern Methoden, seinen eigenen Humor besser zur Wirkung zu bringen – Teilnehmer halten Impro-Vorträge über Alltagsgegenstände, nehmen an Arzt-Patient Rollenspielen teil und führen in der Gruppe Rechenspiele durch – mit viel Lachpotenzial. Das grundlegende Ziel des Workshops: Durch den gezielten Einsatz von Humor in der Kommunikation mit den Kollegen, dem Pflegefachpersonal und den Patienten den Arbeitsalltag angenehmer zu gestalten – it’s all about communication! Ein Teilnehmer führte den Grundgedanken des Workshops weiter und – schau schau – gründete eine ganze Bewegung namens „Arzt mit Humor“. Die Grundidee – vor allem Jungmedizinern einen humorvolleren Umgang beizubringen. Die Ausführung – Humor-Stammtisch in Leipzig, Inhouse-Seminare an Kliniken, Vorträge bei Kongressen.

Eine unangenehme Wahrheit humoristisch verpackt

Humor im Klinikalltagg bedeutet aber nicht, den Arztberuf weniger ernst zu nehmen, sondern den Stress erträglicher zu machen, die Spannung zu lindern. Es geht nicht um kindische Blödeleien, sondern um Gewahrwerdung einer komischen Situation und deren Ansprache. Humor kann neben all seinen Funktionen auf kognitiver, sozialer und linguistischer Ebene vor allem eines sein – direkt. Eine unangenehme Wahrheit kann humoristisch verpackt viel leichter ausgesprochen werden als auf sachlicher Ebene. Man muss sich jedoch wiederum eines vor Augen führen: Humor hebt die sachliche Argumentation auf eine andere Ebene und entzieht sich der rationalen Argumentation. Katie Watson, Bioethikprofessorin der Northwestern University, Illinois, USA, hat eine sehr schöne Analyse des Galgenhumors unter Medizinern veröffentlicht. Zwei schöne Beispiele daraus, die das Wesen des Humors veranschaulichen: Ein Team von Neonatologen diskutiert die Prognose und weitere Vorgehensweise bei einem neurologisch schwerst beeinträchtigten Säugling. Einer der Neonatologen setzt mit einem kernigen Kommentar einen Strich unter die Debatte, indem er meint –  „He will more probably be second base than ever play second base“. Voilà, Ende der Diskussion. Ethisch kann man das natürlich bedenklich finden, muss man aber nicht.

Ein anderes Beispiel ist der Österreicher Viktor Frankl, KZ-Überlebender, Neuropsychiater und Erfinder der Logotherapie als psychotherapeutisches Verfahren. Er beschreibt die Witze unter den KZ-Häftlingen als eine psychologische Waffe zur Selbstrettung – klingt logisch, ist jedoch trotzdem kaum vorstellbar. Das Humor in solch unmenschlichen Situationen immer noch lebendig bleibt, unterstreicht seine Wichtigkeit.

Zwei „Extreme“

Im medizinischen Kontext sind als die zwei Extreme des Humors der Gute-Laune Humor eines Patch Adams sowie der bissig zynische (Galgen-)Humor eines Samuel Shem in „The House of God“ zu nennen. Das Buch, in dem ein bizarres, schreckenhaftes Bild des Alltags auf medizinischen Abteilungen gezeichnet wird, eingerahmt von den 13 Hausregeln und einem eigenen Vokabular (Gomer, turfen…) gilt als Pflichtlektüre für Medizinstudenten.

Patch Adams auf der anderen Seite – Arzt, politischer Akivist, Clown, Darsteller, Autor, Gründer des „Gesundheit! Institutes“. Sein Leben von Hollywood verfilmt, mit Robin Williams in der Hauptrolle – ein Wunderwuzzi mit der Idee, Alternativ– und traditionelle Medizin zu kombinieren und Freude und Liebe als wichtigstes Therapeutikum zu verwenden. Würde diese Idee auch im deutschsprachigen Raum, dem ja eher unlustige Attribute wie Disziplin und Fleiß zugeschrieben werden, funktionieren? In der Tat – Dr. Eckhart von Hirschhausen griff sie auf und verbreitete sie sehr erfolgreich. Er ist ebenfalls Arzt, Autor sehr erfolgreicher Sachbücher („Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“, „Glück kommt selten allein“) und Gründer einer Stiftung. Diese hat es sich zum Ziel gesetzt, die positive Wirkung des Lachens auf Psyche und Körper zu verwenden, um Patienten Linderung zu verschaffen. Wie? Unter anderem mittels Rekrutierung, Ausbildung und Entsendung von „Clown-Doktoren“ in Kliniken.

Schwarz-rot-goldenes Bundeshirn

Und noch was: Etwas humoristisch darzustellen, kann komplexe Zusammenhänge auch verständlich machen – Stichwort Science Slams, wo – meist junge – Wissenschafter in einem maximal 10-minütigen Vortrag ihr Forschungsgebiet humoristisch zu präsentieren versuchen. Das Publikum bestimmt den Gewinner, wer sich durchsetzen kann erlangt einen Preis mit symbolischem Charakter und der Thematik entsprechendem Namen – die Trophäe für den deutschlandweiten Sieger etwa heißt schwarz-rot-goldenes Bundeshirn.

Dann hören wir uns mal um, was Medizinstudenten zum Thema Humor im Arbeitsalltag eines Arztes so zu sagen haben – ist er gut, der Humor im Klinikalltag? „Ach, überall herrscht so viel Perfektionismus, ich bin so wie ich bin, lache auch über Dinge, die eigentlich nicht so lustig sind und verstelle mich nicht, ich muss mich ja schließlich wohl fühlen in meinem Arbeitsumfeld, und ein gutes Arbeitsklima gewährleistet auch eher eine gute Patientenversorgung.“ „Ich finde es toll, wenn bei der Arztvisite der Schmäh nicht zu kurz kommt, nur dürfen die Witze nicht auf Kosten der Patienten gehen, Witze über andere zu machen, das ist für mich kein Humor.“ So zwei Wiener Medizinstudenten. Und wann ist Humor angebracht? – „Ich denke, dass man im Laufe des Arztberufes ein Gespür dafür bekommt, wann ein Witz angebracht ist und wann nicht, man arbeitet schließlich täglich mit Menschen.“ Gibt es Unterschiede zwischen den Fachrichtungen? „Je weniger die Ärzte denken müssen und umso mehr die Macher sind, desto tiefer sinkt auch sowohl die Qualität der Witze als auch die Lachschwelle.“

Form der Selbstexpression

Es bleibt also festzuhalten: Humor ist eine Form der Selbstexpression und prägt das Selbst- und Fremdbild ungemein, ihn zu beherrschen ist eine Kunst und wer das kann, ist als Arzt ausgestattet mit einem universell einsetzbarem Tool, das Brücken baut, psychische und körperliche Leiden heilt und zu neuem Lebensmut motiviert.

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