Gut besiedelter Stuhlspender gesucht

6. Februar 2018

Neben Samenbanken und Blutbanken könnte es bald auch Stuhlbanken geben: Durch die Transplantation einer Spende von 30 g frischem oder gefrorenem Stuhl können Patienten, die an Clostridium difficile leiden, in den meisten Fällen geheilt werden.

Clostridium difficile (seit August 2016 korrekt bezeichnet als Clostridioides difficile) plagt vor allem ältere Menschen: 90 Prozent der Patienten mit einer Clostridium-difficile-Enteritis sind älter als 65 Jahre, das Durchschnittsalter der Infizierten liegt bei 76 Jahren. Zwei Drittel der Infektionen sind nosokomial, ein Drittel ambulant erworben.

In den letzten Jahren stieg sowohl die Zahl als auch die Schwere der Infektionen durch Clostridium difficile signifikant. Die Ursachen sind unter anderem die weite Verbreitung der Antibiotika-Therapie, das zunehmende Alter der Menschen, Co-Morbiditäten bei Patienten, die Einnahme von säurehemmenden Medikamenten (insbesondere von Protonenpumpeninhibitoren) und die zunehmende Virulenz einiger Bakterienstämme. Die Mortalität einer Clostridium-difficile-Enteritis liegt bei etwa sieben Prozent. Die Einschränkung der Lebensqualität durch die heftigen Durchfallattacken wird von den meisten Betroffenen jedoch als beträchtlich eingestuft.

Antibiosen mit Kollateralschäden

Eine Infektion mit C. difficile ist in erster Linie eine Störung der Darmmikrobiota, auch Dysbiose genannt. Bis vor wenigen Jahren bestand die einzige Therapieoption in einer antibiotischen Behandlung – entweder mit Metronidazol oder mit Vancomycin. Da beide Antibiotika zwar den Erreger bekämpfen, gleichzeitig aber auch zahlreiche weitere Bakterien der natürlichen Darmflora abtöten, kommt es bei etwa 25 Prozent der behandelten Patienten zu einem Rezidiv. Von diesen Personen erleiden 45 bis 60 Prozent weitere Rückfälle. Die Einführung des Antibiotikums Fidaxomicin konnte diese Zahlen nur geringfügig verbessern. Umso mehr überzeugen die Zahlen der Stuhltransplantation oder, patientenfreundlicher ausgedrückt, des Mikrobiota-Transfers.

92 Prozent der C. difficile-Patienten können geheilt werden

Die erste randomisierte Studie zum Mikrobiotatransfer wurde im Jahr 2013 von holländischen Wissenschaftlern publiziert, praktisch angewendet wird die Methode allerdings schon länger. Die Erfolgsrate des Verfahrens kann sich sehen lassen: Durchschnittlich sind nach einem Mikrobiotatransfer 85 Prozent der Patienten geheilt, nach einem weiteren Transfer sogar 92 Prozent. In Deutschland werden die Daten dazu im sogenannten MicroTrans-Register gesammelt.

Prof. Dr. Peter Konturek ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II der Thüringen-Kliniken am Standort Saalfeld. Seit 2014 hat er bereits über 100 Mikrobiota-Transfers durchgeführt – etwa 80 Prozent seiner Patienten waren an einer rezidivierenden Clostridium difficile-Infektionen erkrankt. „Etwa 20 Prozent der Patienten, die bei uns transplantiert werden, leiden unter einem Durchfall-geprägten Reizdarm, der auf andere Medikationen nicht mehr anspricht.“ Alle Patienten hätten bereits eine sehr umfangreiche Diagnostik und viele verschiedene Therapieansätze hinter sich.

Prof. Dr. Peter Konturek ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II der Thüringen-Kliniken am Standort Saalfeld. Credit: Peter Konturek

Prof. Dr. Peter Konturek ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II der Thüringen-Kliniken am Standort Saalfeld. Credit: Peter Konturek

In einem Fall konnte eine der Mikrobiotatransfer sogar die Besiedlung mit einem multiresistenten Bakterium beseitigen. „Die Frau litt unter einem 3MRGN E. coli, der nach dem Mikrobiotatransfer nicht mehr nachweisbar war“, so Konturek.

Nur ein einziger Rückfall bei C. difficile-Patienten

Nach dem Mikrobiota-Transfer verfolgen Konturek und seine Kollegen den Gesundheitszustand der Patienten noch über weitere zwei Jahre. „Von 30 rückverfolgten, bei uns transplantierten Patienten hat bisher nur ein einziger einen Rückfall mit C. difficile erlitten. Dieser war vermutlich einer sehr intensiven, sechswöchigen Antibiotikatherapie geschuldet“, berichtet Konturek, und weiter: „Das ist ein riesen Erfolg, wenn man bedenkt, dass viele der Patienten zwei bis drei Rückfalle pro Jahr hatten.“

Bei den Reizdarmpatienten ist die Erfolgsquote geringer. „Genaue Zahlen kann ich hier noch nicht nennen, da sie gerade erst ausgewertet werden. Ganz grob profitiert bei uns in der Klinik etwa die Hälfte der transplantierten Patienten mit Durchfall-geprägtem Reizdarm von einem Mikrobiota-Transfer“, so Konturek. Mit Heilung dürfe man den Erfolg allerdings nicht verwechseln – es ginge mehr um eine Besserung der Beschwerden. Kontureks Zahlen sind mit publizierten Daten vergleichbar: In einer skandinavischen Studie erzielte bei Reizdarmpatienten wird von einer Erfolgsquote von 65 Prozent bei Reizdarmpatienten berichtet. Die erste randomisierte placebokontrollierte Studie in dieser Indikation bestätigte die Vermutung, dass ein Mikrobiota-Transfer die Symptome des Reizdarms lindern kann.

Wer bezahlt den Eingriff?

Rechtlich betrachtet gilt ein Mikrobiota-Transfer als „individueller Heilversuch“. Das bedeutet, er darf nur angewendet werden, wenn der Patient mit anderen therapeutischen Methoden keine Besserung erzielen konnte. Die Kostenübernahme für C. difficile-Patienten muss in jedem Einzelfall von der Krankenkasse genehmigt werden. Reizdarmpatienten haben bisher keine Chance auf eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen. „Dafür ist die Datenlage noch zu dünn“, erklärt Konturek.

Der perfekte Spender: hohe bakterielle Diversität im Darm

Ob ein Patient gut auf den Mikrobiota-Transfer anspricht, hängt von verschiedenen Faktoren ab: „Die Dauer und Schwere der Erkrankung spielen eine wichtige Rolle, aber auch die Eigenschaften des gespendeten Stuhls“, so Konturek. Genaue Daten gibt es hierzu noch nicht. „Der Spender sollte eine hohe mikrobielle Diversität in seinem Darm aufweisen. Auch Bifidobakterien haben sich als nützlich erwiesen. Die europäische Konsensus-Konferenz empfiehlt gesunde, junge, gleichgeschlechtliche Spender, die nicht älter als 30 Jahre alt sind, normgewichtig, sowie Nichtraucher sind und ohne Medikamenten-Einnahme auskommen. Vor der Spende sollte Alkohol gemieden werden. „Hier brauchen wir aber in Zukunft noch mehr Studien, um den perfekten Spender ausfindig zu machen.“

Pro Spende 30 g Stuhl – frisch oder gefroren

Nach einer ausführlichen Befragung zu Lebensgewohnheiten, Krankheitshistorie und akutem Gesundheitszustand werden Blut, Urin und Stuhl des potenziellen Spenders gründlich untersucht. Am Tag der Spende wird der Spender noch einmal zu seinem Gesundheitszustand der letzten Tage befragt. Ist alles in Ordnung, gibt der Spender seine Stuhlprobe ab. Davon verwendet das Team um Prof. Konturek etwa 30 g, der Rest wird verworfen. Der Chefarzt benutzt am liebsten frischen Stuhl, der innerhalb von 6 Stunden nach der Spende verarbeitet werden muss. Studien zeigten aber, dass gefrorener Stuhl genauso effektiv ist. „Vielleicht brauchen wir in Zukunft bestimmte Stuhlprofile für bestimmte Empfänger. Dann lässt sich mit gefrorenem Stuhl natürlich sehr komfortabel eine Stuhlbank anlegen, auf die man bei Bedarf zurückgreifen kann“, so Konturek.

Übertragung durch Koloskopie

Die Stuhlprobe wird zunächst filtriert und zentrifugiert. Für den Weg in den Empfänger gibt es für das Bakterienpellet verschiedene Übertragungswege. Bei C. difficile-Infektionen bevorzugen Konturek und seine Kollegen die Koloskopie. Der koloskopische Weg hat hier einige Vorteile: „Zum einen können wir die Intensität der Entzündung beurteilen und wir können lokal an Entzündungsherden größere Mengen von Bakterien applizieren“, so Konturek. Auch Studien würden darauf hindeuten, dass der koloskopische Weg die effektivste Transfermethode sei. Die hohe Effektivität wiege die Nachteile der invasiven Methode, die in seltenen Fällen auch zu Komplikationen führen könne, auf.

Prinzip des Mikrobiotatransfers, Credit: Peter Konturek

Prinzip des Mikrobiotatransfers, Credit: Peter Konturek

Kapseln zum Schlucken als Alternative?

Eine Alternative ist die Applikation über den oberen Intestinaltrakt – über den Dünndarm. „Weil der Weg zum Dickdarm durch Verengungen erschwert war, haben wir zwei Patienten auf diese Weise transplantiert, da wir keine Verletzung riskieren wollten“, so Konturek. Der Transfer sei genauso erfolgreich gewesen wie der koloskopische. Auch Kapseln zum Schlucken zeigten in einer Studie eine genauso hohe Effektivität wie die Koloskopie. Bei dieser Untersuchung wurden die immerhin 40 Kapseln, die die Patienten schlucken mussten, als angenehmer bewertet als die Koloskopie. Die Darmreinigung durch Abführmittel, die viele Patienten als das größte Übel empfinden, ist allerdings auch bei einem Transfer über Kapseln notwendig. Die Rate der unerwünschten Ereignisse war mit 5,4 Prozent niedriger als mit 12,5 Prozent in der Koloskopiegruppe. Und ein signifikant höherer Anteil der Teilnehmer, die Kapseln erhielten, bezeichneten ihre Erfahrung als „überhaupt nicht unangenehm“ (66 versus 44 Prozent).

Infektionsrisiko bleibt bestehen

Ein Mikrobiota-Transfer wird von Patienten in der Regel gut vertragen. Die Nebenwirkungen beschränken sich auf kurzzeitige Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen, Völlegefühl und Unwohlsein. Die Datenlage zu den Langzeitfolgen ist noch dünn, aber vielversprechend: „In der Literatur gibt es Daten zu Langezeitbeobachtungen von vier Jahren. Dabei wurde keine Häufung von bestimmten Erkrankungen festgestellt“, so Konturek. Dennoch bleibt die Mikrobiota des Darms mit ihren unzähligen, teilweise noch völlig unbekannten Mikroben zumindest in Teilen eine „Black Box“, die bei einem Transfer mit auf den Empfänger übertragen wird.

Skeptiker bevorzugen Antibiotika

Nicht für alle ist der Mikrobiota-Transfer daher die beste Wahl bei rezidivierenden C. difficile-Infektionen. Studieneditor Preeti Malani von der Universität von Michigan in Ann Arbor ist eher skeptisch. Er verweist auf eine Studie mit allerdings nur 28 Patienten, die kürzlich in Clinical Infectious Diseases erschienen ist. Hier war eine ausschleichende Therapie mit Vancomycin tendenziell erfolgreicher als ein fäkaler Mikrobiota-Transfer. Malani propagiert die Gabe des Breitbandantibiotikums Fidaxomicin oder Rifaximin – beide würden kaum vom Darm resorbiert. Eine Alternative zur Antibiose sei der monoklonale Antikörper Bezlotoxumab, der die C. difficile-Bakterien neutralisiere und damit den Krankheitsverlauf verbessere. Diese Therapieoption sei allerdings mit hohen Kosten verbunden, so Konturek.

Zukunftsvision: Künstlicher Stuhl

Prof. Konturek hingegen sieht in der fäkalen Mikrobiota-Transplantation großes Zukunftspotential. „Es laufen bereits Untersuchungen zu „Next Generation Consortia“ – das sind im Labor hergestellte Bakterienmischungen, mit denen sich die Risiken einer Infektion durch unbekannte Mikrobiota-Inhalte umgehen lassen. Ein Cocktail aus etwa 35 verschiedenen Bakterienstämmen hat sich hierbei schon als wirksam erwiesen“, so Konturek. Um hier die beste bakterielle Mischung zu finden, müsse allerdings noch mehr über den perfekten Spender herausgefunden werden.

70 Wertungen (4.94 ø)

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14 Kommentare:

Gast
Gast

Zu 8: Furry? Das arme Tier…

#14 |
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Heilpraktikerin

Kann es sein, dass die Universität Michigan – Ann Arbor der Pharmaindustrie nicht weh tun will, denn Stuhl als Therapeutikum kostet ja fast
nichts!

#13 |
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Gast
Gast

Reizdarm – da denke ich, solche Kapseln mit Dutzenden von Bakterienstämmen könnten wirklich hilfreich sein. FODMAP konnte mir auch helfen, ist aber auf Dauer etwas lästiger…

#12 |
  1
Gast
Gast

An Herrn Dr. Graf, ja klar, wenn ich mich schon als Versuchstier hergeben würde, dann nur gegen gute Bezahlung

#11 |
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#10 |
  0

@8 Probieren sie es doch einfach mal aus – dreimal täglich frisch von der Quelle, aber mindestens einen Monat lang, sonst wirkt es nicht! Ihnen wird es vielleicht zu sinnhaften Kommentaren verhelfen und Ihre Mitmenschen freuen sich über weniger Tretminen auf der Straße!

#9 |
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Gast
Gast

Funktioniert das auch mit Hundekot? Ich bin generell allergisch gegen Menschen ,aber ich liebe meine Hunde

#8 |
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Dr. med.sin. Gunter Neeb
Dr. med.sin. Gunter Neeb

In Australien, wo die FMT vor 60 Jahren ihren Wiederentdeckung feierte und in den USA gibt es schon seit Jahren Stuhlbänke. Auf dem Weltmikrobiomkongress 2015 in Heidelberg stellten die Kanadier bereits einen künstlichen Darmtrakt vor, der allerdings mit Astronautenkost Kunststuhl mit Bakterien auswerden sollte.
In China sind bereits Millionen Stuhlproben mit CRISPR auf Zusammensetzungen analysiert worden und füllen die Datenbanken. In den USA und UK gibt es das American/British Gut Project. Auf Youtube wird eine DIY-Stuhltransplantation gezeigt. In der Schweiz gab es bis vor 3 Jahren eine Studie zur Stuhltransplantation und die oben angeführten 92% Effizienz stammen aus einer holländischen Studie von 2003. Soweit was mir so spontan einfällt. Am Kongress lies sich immerhin ein Vertreter aus München zum Thema sehen. Guten Morgen Deutschland! Ich hoffe es ist bald mal ausgeschlafen…

#7 |
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Jürgen Haidorfer
Jürgen Haidorfer

Ich habe gehört, in den Niederlanden gibt es schon seit Jahren eine Stuhlbank. Da kann sich auch jeder bewerben.
Doch was ist mit der Patientin, die nach einer Stuhltransplantation massiv an Gewicht zunahm? Weiss jemand was von diesem Fall? Welche Rolle spielen die Darmbakterien bei Adipositas?
Ich denke, es ist eine interessante Option, aber muss deutlich weiter untersucht weren, da nicht jedem alle Bakterien (Stühle) passen. Die Gefahr einen falschen Stuhl zu verabreichen darf nicht unterschätzt werden.

#6 |
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Gast
Gast

wo kannman Spenden

#5 |
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Maximus
Maximus

In der Studie der Skeptiker ,Universität von Michigan, wurde nicht wirklich ein Mikrobiota-Transfer per Endoskopie oder Kapseln durchgeführt, sondern ein schlichter Einlauf per Klistierbeutel, so dass sich letztlich nur der Enddarm “vorübergehend” kolonisierte.

Die schlechten Ergebnisse d. Studie sind auf diese unübliche Praxis zurückführen.

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Altenpflegerin

Aus Scheiße Geld machen … Jetzt wohl doch möglich!

#3 |
  38
Nichtmedizinische Berufe

“Darmfloratherapien” – ja , eventuell bei Adipositas , hier gab es schon einen Artikel dazu.

#2 |
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Heilpraktiker

Sehr schön! Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass in den vergangenen Jahrzehnten besonders die Gastroenterologen beim Thema Darmflora (so hieß das nämlich mal) sich entweder vor Lachen auf die Schenkel schlugen oder vom müdem Lächeln im Stand einschliefen. So kann man also diesem fäkalem Unmaterial auf einmal doch eine gesundheitsbeeinflussende Wirkung zuschreiben. Interessant. Allerdings uralt, diese Erkenntnis.
Ich wage zu behaupten, dass in einigen Jahren die Erkenntnis sich dahingehend entwickeln wird, dass auch noch weitere Indikationen für Darmfloratherapien sinnvoll erscheinen. Kleiner Tip am Rande: auch hierzu gibt es schon seit Jahrzehnten wertvolle Erkenntnisse aus der Naturheilkunde. So, jetzt bin ich fertig mit den Hinweisen :-)

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