Die Rückkehr der Medi-Ritter

23. April 2010
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Für alle, die Pillen nicht runter kriegen und Spritzen fürchten wie der Teufel das Weihwasser, naht jetzt die Rettung. Mit einem therapeutischen Laserschwert könnten wir künftig unsere Haut durchlöchern, um Arzneistoffe sicher und direkt in den Körper – nun ja – zu ballern.

Wer denkt, dass Liechtenstein nur Banken kann, ist schief gewickelt. Aus Liechtenstein stammt nämlich das Unternehmen Pantec Biosolutions, das antritt, die Applikation von Medikamenten durch den Einsatz modernster Lasertechnologie zu revolutionieren. Statt all den teuer hergestellten, therapeutisch wirksamen Substanzen die Tortur mit der viel zu sauren Magenpassage anzutun oder sie ohne Rücksicht auf Verluste, sprich Blutgefäße, ins subkutane Fettgewebe oder in den Muskel zu injizieren, möchte Pantec Arzneien ganz schonend per Laser durch die Haut befördern. Gelingen soll das mit einem Gerät, das in seiner derzeitigen Version aussieht wie eine Massagehilfe für den Heimgebrauch.

Bohrung mit Zielfernrohr

Das Prinzip ist relativ naheliegend: Um den Kampf, den konventionelle transdermale therapeutische Systeme mit der zähen Epidermis der menschlichen Haut ausfechten, etwas zielführender zu gestalten, hält sich der Patient ein von Pantec hergestelltes Gerät auf die Haut, das auf den Namen P.L.E.A.S.E., hört. P.L.E.A.S.E. ist eine in ihrer Semantik nicht völlig überzeugende Abkürzung für „Painless Laser Epidermal System“. Auf Knopfdruck legt P.L.E.A.S.E. los und perforiert die Haut mit Laserstrahlen, Verzeihung legt Mikroporen an, durch die dann auch großmolekulare Arzneimittel zwanglos ins Körperinnere gelangen können. Der Charme an dem System soll darin bestehen, dass Anzahl und Tiefe der Poren variabel sind. So kann die Zahl der Poren den jeweiligen Bedürfnissen, sprich der Menge der zu applizierenden Substanz, angepasst werden. Pro Array können bis zu 5000 Poren erzeugt werden, mit einem Durchmesser in der Gegend von 200 Mikrometern. Variabel ist auch die Tiefe der Poren, was deswegen wichtig ist, weil P.L.E.A.S.E. so konzipiert sein soll, dass die Poren nur Hornhaut und Epidermis, nicht aber die gefäß- und nervenreiche Dermis perforieren. In Schritten von fünf bis zehn Mikrometern bohrt sich der Laser demnach abladierend durch die obersten Hautschichten und hält an, sobald sich die Umgebung nach Dermis anfühlt. Wer sich die Sache genauer ansehen will, kann das in diesem Video tun.

Studie: Durch die Löcher geht was Großes durch.

Aktuell hat der Hersteller jetzt die ersten Studiendaten vorgelegt, und zwar aus einer klinischen Phase I-Studie mit gesunden Freiwilligen. Ziel der Studie war es, Sicherheit und Verträglichkeit einer Kombination aus Laserbehandlung und FSH-haltigem Pflaster zu evaluieren. FSH, das follikel-stimulierende Hormon, wurde deswegen ausgewählt, weil es ein mögliches Einsatzszenario für die P.L.E.A.S.E.-Laser darstellt. FSH wird unter anderem im Rahmen der in vitro-Fertilisation eingesetzt, um das Follikelwachstum zu stimulieren. Es ist ein großes und relativ empfindliches Hormon, das bisher subkutan oder intramuskulär injiziert wird. Angesichts der oft wiederholten IVF-Zyklen ist das sicher nicht das reine Vergnügen.

In der Studie wurde bei Männern zunächst die Haut mit Hilfe der Lasertechnologie perforiert. Auf das durchlöcherte Areal wurden dann FSH-Pflaster geklebt. Das Ergebnis: Anhand der FSH-Serumspiegel ließ sich nachweisen, dass das 32 KDa-Protein tatsächlich über die Haut aufgenommen wurde. Die Aufnahme geschah zudem mit einer reproduzierbaren Pharmakokinetik, die kaum inter-individuelle Variationen zeigte. „Diese Studie zeigt zum ersten Mal, dass P.L.E.A.S.E. es ermöglicht, große Proteine wie FSH in therapeutischen Mengen aus stabilen Pflastern zu übertragen“, betont Pantec-CEO Christof Boehler. „Die Studie ist für uns ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Kommerzialisierung.“

Zuvor hatte bereits eine Studie mit zwölf Freiwilligen untersucht, ob die Durchlöcherung der Haut von den Probanden einigermaßen vertragen wird. Das war der Fall. 20 Prozent gaben an, bei in diesem Fall 150 angelegten Mikroporen keinerlei Unannehmlichkeiten verspürt zu haben. Weitere 70 Prozent berichteten von leichten Unannehmlichkeiten. Objektiv kam es zu einer Rötung der Haut, die nach Stunden bis Tagen verschwindet. In der histologischen Untersuchung des Porenareals fand sich kein Hinweis auf Hitzeschäden. Der Anfang scheint gemacht.

63 Wertungen (4.02 ø)
Medizin, Pharmazie

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8 Kommentare:

sc.nat./rer.pol. Peter Boltshauser
sc.nat./rer.pol. Peter Boltshauser

Früher wurden viele Medikamente auch in Tropfenform oder in Flüssigkeit aufgelöst verschrieben. Retardpräparate natürlich ausgenommen. Das war sicher billiger!

#8 |
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Ärztin

interessanter wissenschaftlicher ansatz, artikel/video leider informationsarm. offene fragen siehe 3.

grundsätzlich finde ich diese methode für den hausgebrauch eher unnötig. bei patienten mit schluckstörungen oder nach längerer cortisonbehandlung mag sie eine alternative darstellen.

#7 |
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Wer es billiger haben möchte, perforiert die Haut mit einem Microneedle Roller mit der angepassten Nadellänge. Vorher desinfizieren, logisch. Wirkstoff als Lösung oder Salbe, möglichst keimfrei, ohne sesshaftes Konservierungsmittel. Die Poren schliessen sich nach 6-8 Std. Funktioniert gut bei der Hautverjüngung mit hochdosierter Depot-Retinol Therapie.

#6 |
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Arzt

Hört sich interessant an.. Natürich hat die Sache noch einen längeren Weg vor sich, bis sie in den Medizinischen Alltag übergeht (oder auch nicht)
Allerdings sehe ich keine Probleme mit Keimen oder gar Narben… Eine konventionelle Spritze macht ja viel! größere Löcher… Und warum sollte man vorher nicht die Haut desinfizieren?

#5 |
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Wie sieht es mit der Infektionsgefahr von Hautkeimen, die durch diese Poren wandern könnten, aus? Wie lange wurden die gesunden Probanden beobachtet? Schließlich ist die Haut nicht umsonst eine Schutzbarriere…

#4 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Wie ist es mit der Sterilität ? In den 70er -80er Jahren des
vorigen Jahrhunderts gabs schon mal Druckpistolen zur
schmerarmen Massenimpfung. Obwohl diese Geräte aus dem Verkehr wohl wegen der mangelhaften (?) Sterilität aus dem Verkehr gezogen wurden ist von Infektopfern nichts bekannt geworden. Gab es keine ? Wurden diese “Fälle” vertuscht ?
Welche Bakterien vertragen Laserstrahlen? Hochhitzeresistente Keime sind bekannt. Hautreinigung vorher ?
Ein interessanter Artikel aber ohne nähere Einzelheiten so entbehrlich wie ein Wanderführer für Fußwanderungen auf dem Mond !
Neues Schild an der Haustür: “Einbrecher erwartet ein
betäubender Laserschuss mit anschließendem Abtransport in
die Ausnüchterungszelle der Polizei !”
Gruß aus UTOPIA von Skepticus

#3 |
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Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

Mich würde interessieren, wie lange diese Studie an den Männern durchgeführt wurde und ob man P.L.E.A.S.E jeden Tag an einer neuen Stelle benutzen muss. Ebenso ob nach einiger Benutzungs-Zeit Narben überbleiben können.
Aber ansonsten hört es sich interessant an, bin gespannt auf weitere Information und den fortgang der Studie.

#2 |
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Elke von Ehr
Elke von Ehr

sehr interessant

#1 |
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