Schwanger und Chemo: Geht das?

27. April 2010
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Können Frauen mit Brustkrebs im Falle einer Schwangerschaft schnell mit Chemotherapie behandelt, eine Gefährdung des Ungeborenen also ausgeschlossen werden? Eine auf der European Breast Cancer Conference vorgestellte Studie eröffnet neue Perspektiven.

In Barcelona offenbarte die an der Frankfurter Uniklinik lehrenden Medizinprofessorin und Gynäkologin Sibylle Loibl einem erstaunten Fachpublikum Neuartiges aus der Krebsheilkunde. Schwangere Frauen mit Brustkrebs, so die zentrale Aussage, dürfen entgegen der gängigen Onkologenmeinung durchaus mit den üblichen Chemotherapiestandards behandelt werden – dem ungeborenen Nachwuchs schade die chemische Keule nicht.

Tatsächlich ist das, was Loibl behauptet, wegweisend. Loibl, die Mitglied der German Breast Group (GBG), einer Forschungseinrichtung zur Planung, Organisation und Durchführung nationaler und internationaler Studien zur Behandlung von Brustkrebs ist, bezieht sich auf Daten der GBG. Insgesamt 235 zwischen 2003 und Oktober 2009 behandelte Patientinnen lieferten die Datenbasis für die Auswertung der therapeutischen Nebenwirkungen der Chemotherapie. Die Frauen waren im Durchschnitt 33 Jahre alt – und in der 23. Woche schwanger. 91 Patientinnen unterzogen sich dabei gleich zwei Chemotherapiezyklen, um dann, bei erreichen des Geburtstermins, die Kinder zur Welt zu bringen.

Zwar ließen die Auswertungen der Ergebnisse zunächst Übles befürchten. Denn von den 91 Kindern waren mit einem Durchschnittsgewicht von 2636 Gramm praktisch alle etwas leichter als jene Babys, deren Mütter trotz Brustkrebs keine Chemo erhalten hatten. Auch wiesen drei neue Erdenbürger Alopezie auf, ein Kind wiederum kam mit Trisomie 18 zur Welt und verstarb nach einer Woche. Ein Kind erlitt eine nekrotisierende Enterokolitis und starb. Es traten ausserdem je einen Fall von Sepsis bzw. Neutropenie auf und in zwei Fällen Anämie. Doch erst der Blick auf die Chemotherapie-freien Babys zeigte, dass die gesundheitlichen Schäden statistisch betrachtet im Rahmen des Üblichen lagen. So litten Kinder, deren Mütter trotz Brustkrebs auf die lebensverlängernden Substanzen verzichtet hatten, an Gastroenteritis oder zu hohen CRP-Werten (C-reaktives Protein). „Die Probleme lassen sich nicht auf die vorausgegangene Chemotherapie der Mütter zurückführen“, ließ Loibl die Fachwelt in Barcelona wissen, denn die Rate der natürlich auftretenden Komplikationen liege ohnehin zwischen einem und zwei Prozent.

Nur zögerliche Akzeptanz – trotz neuer Daten

Die Aussagen kommen überraschend, nachdem Loibl bereits 2008 anlässlich der 6. Europäischen Brustkrebskonferenz in Berlin auf erste Anzeichen hingewiesen hatte – und damals bis auf wenige Ausnahmen noch weitgehend unbeachtet blieb. Zwar berichteten die Deutsche Krebsgesellschaft und die Ärzte Zeitung kurz über Loibls ersten Aufklärungs-Versuch vor zwei Jahren. Doch das war’s dann auch. Die Universitätsklinik Bonn etwa postuliert nach wie vor die These, wonach Chemo und Schwangerschaft mit Vorsicht zu genießen seien. So heißt es in einer Internetpublikation der anerkannten Universität: „Die Risiken einer Schwangerschaft, nachdem die Frau eine Knochenmarktransplantation und hochdosierte Chemotherapie mit oder ohne Ganzkörperbestrahlung erhalten hat, sind unbekannt, aber sie könnten in einer Frühgeburt und einem geringen Geburtsgewicht bestehen“.

Das Brustzentrum der Uni-Frauenklinik Düsseldorf wiederum erklärte noch auf dem Herbstsymposium 2009, dass eine Chemotherapie bei Schwangeren nach dem ersten Trimenon in Frage kommen sollte. Genau das aber ist nach den neusten Ausführungen in Barcelona womöglich veraltet. Denn die ohnehin nur zögerlich akzeptierte Trimenon-Karenz, zeigen jetzt Loibls aktuellen Daten, ist womöglich Medizingeschichte: Die Konferenz empfahl, die Chemotherapie möglichst zeitnah zu den Therapieplänen der Nichtschwangeren zu starten.

95 Wertungen (4.45 ø)
Allgemein

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9 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpflegerin

Sehr geehrte Frau Wismar, Chemotherapie hat mich fast umgebracht, Einzelheiten sind für Sie sowieso uninteressant. Lebensqualität, Stärke und angstfreies Leben ist mit Hilfe alter Erfahrungsheilkunde geschehen.

#9 |
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Ärztin

das verminderte geburtsgewicht der kinder bezieht sich nur auf die 91 patientinnen, die zwei zyklen chemo erhalten haben.

alle anderen unerwünschten ereignisse beziehen sich auf sämtliche “neue erdenbürger”, womit wir also bei einer gesamtzahl von 235 babies und 8 auffälligkeiten (die trisomie rechnet sich nicht mit, da schon vorher bestanden) einen prozentsatz von 3,4 erhalten – immerhin noch etwas über der normrate, aber doch weitaus weniger dramatisch.

natürlich sind langzeitstudien unbedingt vonnöten, ich würde auch noch lange nicht in jubel ausbrechen wollen.
übrigens glaube ich nicht, daß es in diesem fall eine rolle spielt, welches (oh so böse) pharmaunternehmen die untersuchung gesponsort habe – das thema ist viel zu heikel und die zahl der in Frage kommenden patientinnen doch nicht so hoch, als daß sich jemand mit durchsichtiger beeinflussung die finger verbrennen möchte.

@7/8: den sinn der überflüssigen verweise auf ganzheitlichen ansatz und fehlende studien zur naturheilkunde entgeht mir wohl – das thema des artikels lautet eindeutig “chemotherapie”.

#8 |
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Dr. Rüdiger Gall
Dr. Rüdiger Gall

Ich weiß nicht, wie Loibl rechnet: In dem Artikel haben 10 Kinder mehr oder weniger starke Nebenwirkungen oder sind gestorben nach Chemo der Mutter. 10 von 91, das sind nicht
1-2 % an Komplikationen wie bei den “normalen” Müttern sondern über 10 % !!!!!

#7 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Es gibt heute schon recht gut entwickelte Test`s, die die Wirksamkeit bestimmter Zytostatika analysieren können.
Einzelschicksale in Statistiken zu verpacken, ist einfach nur grausam.
Bevor einer Schwangeren diese Möglichkeit offeriert wird, sollten verstärkt naturkundliche Heilansätze besser erforscht werden, auch wenn man keine Patente damit erwarten kann. Wie werden diese Kinder später ihr Dasein erleben? Niemand weiss es, deshalb ist mehr Achtung gefragt u. nicht allein bezahlte Studien.

#6 |
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Diplompsychologe Axel Lohse
Diplompsychologe Axel Lohse

Es wäre sehr interessant offen zu legen, von wem diese Studie initiert und von wem sie bezahlt wurde. Auch sollte eine solche Studie Mehrpunktmessungen nach Monaten und Jahren einschließen, um zu zuverlässigen Aussagen zu kommen. Einzelbeobachtungen wie von Christine Huack hier angegeben, lassen hoffen, aber wissenschaftlich valide ist das noch lange nicht …. !

#5 |
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Christine Hauck
Christine Hauck

Meine Freundin entwickelte während der Schwangerschaft Leukämie, die sich durch vaginale Blutungen bemerkbar machte. Nur durch Glück wurde die Blutungsneigung von ihrem eigenen Mann über entsprechende Laboruntersuchungen der lebensbedrohlichen Erkrankung zugeordnet – die Frauenärzte hätten wohl erst sehr viel später geschaltet. In der Uniklinik Frankfurt verbrachte sie viele Monate in Isolation unter Chemotherapie – ohne Haare und Wimpern, aber mit einem gesunden Baby im Bauch. Das Kind entband sie regulär, etwas früher um Zeit zu gewinnen, aber mit druchaus gutem Geburtsgewicht. Zugegeben, die härtesten Therapien, die z.B. die Mundschleimhäute “auflösen” – wurden erst nach der Geburt begonnen, aber trotzdem grenzte das Ganze damals für mich an ein Wunder.
Nach”erfolgreicher” Stammzelltherapie soweit auf dem Posten, ist meine Freundin glücklich über ihr inzwischen 5 Jahre altes gesundes Kind. Insofern kann ich aus voller Überzeugung sagen: Die Frankfurter wissen wohl was sie tun, haben Erfahrung aus vielen Jahren, sicher auch was Brustkrebs betrifft.

#4 |
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Es ist sicher ratsam, zunächst sämtliche Laborparameter z.B. auch die Proteasenkonzentrationen zu nutzen, um festzustellen, ob diese Patientinnen überhaupt von einer Chemotherapie profitieren.

#3 |
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trotz dieser (vorerst !)erlaubten Möglichkeit kann ich nur zu äusserter Vorsicht raten: erstens erscheint mir die Studie noch sehr fortführungsbedürftig und zweitens sind die Langzeitwirkungen auf die Kinder noch längst nicht geklärt…

#2 |
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Nach Lektüre des Artikls bin ich doch äußerst skeptisch.

#1 |
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