Milli-Weh oder Mega-Pain?

28. April 2010
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Bei der Dosierung von Schmerzmitteln nach einer OP oder bei chronischen Schmerzen sind die Ärzte auf Aussagen Ihrer Schützlinge angewiesen. Die Angaben über gefühlten Schmerz variieren dabei stark. Mit einem Gehirnscan könnte es eine objektive Skala geben.

Kann man Liebe messen? Wie schön ist eine Frau? Und wie groß ist der Schmerz, den die Seele, eine Infektion oder eine chronische Krankheit erzeugt? Bisher erscheint es unsinnig, Gefühle auf einer Skala unterzubringen. Allenfalls taugte ein Schmerzfragebogen dazu, die Menge an Schmerzmittel ungefähr einzustellen.

Zähneziehen im Kernspin

Entsprechend eines Berichtes des englischen Wissenschaftsmagazins New Scientist lassen sich Schmerzen jetzt objektiv messen und vergleichen. Im Februar präsentierte Tara Renton vom Londoner King’s College Messungen, die sie als Zahnärztin an 16 jungen Männern angestellt hatte. Sie mussten sich nicht nur ihre Weisheitszähne entfernen, sondern gleichzeitig auch mittels Magnetresonanztomografie (MRT) in ihr Gehirn schauen lassen.

Schon sein längerem dient die funktionelle MRT dazu, Bereiche im zentralen Nervensystem zu kartieren, die sich auf die Verarbeitung der Schmerzsignale aus den peripheren Rezeptoren und der subjektiven Empfindung spezialisiert haben: Renton ging aber noch weiter: Sie nutzte die Technik des Arterial Spin Labeling (ASL). Die Vormagnetisierung des einfließenden Bluts erlaubt auch quantitative Aussagen über die Aktivität bestimmter Gehirnzentren.

Die ASL-Signalstärke in den schmerzrelevanten Bereichen korrelierte dabei mit dem Ausmass des gefühlten Schmerzes beim Verlust des Weisheitszahns. Bisher sind diese Daten jedoch noch nicht publiziert. Die Beurteilung durch Schmerzforscher ist dementsprechend vorsichtig. „Im Prinzip möglich“, meint beispielsweise Markus Ploner, der an der Neurologischen Klinik der Münchner TU forscht. Andere sind da etwas direkter: „Die Messung nach einem objektiven Schmerzmaß hat keinen Sinn“ zitiert der New Scientist etwa den Schmerzforscher Stuart Derbyshire aus dem englischen Birmingham. „Schmerz ist eine subjektive Erfahrung, daher sagen uns objektive Daten nicht allzu viel“.

Angsthasen sind geringer vernetzt

Dass sich aber gerade diese subjektiven Empfindungen im Gehirn widerspiegeln, hat Ploner in einer PNAS-Veröffentlichung im Januar dieses Jahres gezeigt. Er nutzte die funktionelle Magnetresonanz, um die Vernetzung einzelner Gehirnareale untereinander darzustellen. Je enger etwa die Inselrinde des Großhirns mit dem Hirnstamm kurz vor dem Reiz vernetzt ist, desto geringer ist die subjektive Schmerzempfindung. Viele Faktoren beeinflussen dieses Gefühl. „Bei ängstlicheren Personen konnten wir zum Beispiel einen schwächeren Einfluss der Vernetzung in der Phase kurz vor dem Schmerzreiz feststellen“, beschreibt Ploner die Ergebnisse.

Bereits vor einigen Jahren hatte er ein anderes neuronales Phänomen beobachtet, das die subjektive Schmerzstärke widerspiegelt. Die Forscher verabreichten ihren Versuchspersonen dazu eine Reihe gleich starker Schmerzreize. Wie stark sie den dazugehörigen Schmerz empfanden, zeigte sich in der Aktivität von Nervenzellen im somatosensorischen Kortex. Die Signale oszillieren im Bereich von 60 bis 95 Hz. Die Amplitude dieser Schwingungen korreliert dabei mit der subjektiven Stärke des Reizes.

Fibromyalgie: Anderes Schmerzbild im Gehirn

Erst vor kurzem demonstrierte auch eine andere deutsche Forschergruppe, dass moderne Technik wie fMRI subjektives Schmerzempfinden aufzeichnen kann. An der Uniklinik in Münster verglichen Forscher unter der Leitung von Bettina Pfleiderer die Schmerzverarbeitung von Gesunden, Rheumakranken und Patienten mit Fibromyalgie. Als Antwort auf den künstlich gesetzten Schmerzreiz, aktivieren jene mit Fibromyalgie anders als die beiden anderen Gruppen vorübergehend eine Region im Stirnlappen des Gehirns. Entsprechend den Signalen aus dem cingulären Kortex bei Fibromyalgie-Patienten konnte das Team nachweisen, dass der subjektiv empfundene Schmerz von der Signalstärke kurz vor dem Reiz abhängt.

Aus für Schmerz-Faker und Helden

Vania Apkarian, Neurowissenschaftler an der Northwestern University im amerikanischen Illinois zeigte bei Rückenschmerzpatienten, dass die Stärke des Feuers aus dem präfrontalen Kortex und der rechten Inselrinde mit der Dauer und Intensität der chronischen Schmerzen einhergeht. Er sagt voraus, dass objektive Schmerzmessungen wie bei Lügendetektoren schon bald verlässliche Daten liefern – möglicherweise auch bei Schadenersatzklagen vor Gericht: „Vielleicht schon 2012 – das kommt zwangsläufig.“

Schmerzmessungen bei Koma– und Locked-in-Patienten, bei Kleinkindern und vielleicht sogar bald bei Ungeborenen. Und schließlich auch bei Labortieren. All die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass der subjektiv empfundene Schmerz nicht nur von der Verletzung im Gewebe abhängt, sondern auch von Genen und Erfahrungen. Das Bild auf dem Monitor könnte den Schmerzfragebogen gut ergänzen, um auch bei der Dosierung von Schmerzmitteln nicht mehr auf Bauchgefühl und Studien mit Standardpatienten angewiesen zu sein.

62 Wertungen (4.05 ø)
Medizin, Pharmazie

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8 Kommentare:

Dr. Peter Speitel
Dr. Peter Speitel

Interessante Aspekte – noch interessanter wäre,wenn sich das Ganze umkehren ließe etwa Schmerzausschaltung durch gezielte elektrische Stimulation ohne Sedierung und ohne Atemdepression

#8 |
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Altenpfleger

Ich finde es Phantastisch. Sicher wird auch der Nutzen für einen Patienten da sein, Doch beziehe ich mich hier auf die Aussage eines individuellen Schmerz, ferner auch wie Dr. Schmitz, auf das individuelle Ansprechen von Schmerzmitteln.
Irgendwann werden die Krankenkassen dann auch noch Regresse anstreben, wenn der Wert im Gehirn nicht mit dem gefühlten Schmerz oder dem Schmerz unter Analgesie, so wie gewünscht, analog geht.

Ich finde es Phantastisch. Sicher kommt dann die Zeit, wo viele Schmerzpatienten ihren eigenen Paper Somniferum im Garten pflanzen, um irgendwie durch zu kommen.

Zynisch
M. Neumärker
Pflegefachkraft
Betroffener

#7 |
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Steffen Schmitz
Steffen Schmitz

…in Bezug auf Schmerzmitteldosierung ist das Verfahren wohl eher ungeeignet, da das Ansprechen auf Analgetika eben auch sehr individuell ist. Hingegen werden wohl Rentenversicherer und Gutachter aufhorchen, endlich eine Methode, mit der man die geklagten Schmerzen der Antragsteller überprüfen und die Anträge vermeintlicher Simulanten mit wissenschaftlicher Begründung abweisen kann. Oder doch eher eine Chance für die Gegenseite?

#6 |
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Therese Wittmann
Therese Wittmann

Man sollte den Menschen behandeln und nicht das Bild, das man von ihm hat.

#5 |
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Dipl.Med. Christian Typke
Dipl.Med. Christian Typke

Intressant , nur noch nicht ausgereift. Frage auch nach möglichen Kosten!

#4 |
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Florian Behrchen
Florian Behrchen

Ich denke, dass im letzten Absatz schon eigentlich das größte Problem mit angesprochen wird:
” All die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass der subjektiv empfundene Schmerz nicht nur von der Verletzung im Gewebe abhängt, sondern auch von Genen und Erfahrungen.”
So wird ein Patient, der z.B. über chronische Schmerzen in der Schulter klagt, weniger Schmerzen bei anderen Verletzungen empfinden. Genauso Patienten die spezielle Sportarten betreiben, wie Kampfsport.

Allerdings bin ich sehr darauf gespannt wie sich diese Methode weiterhin entwickeln wird, denn wenn es wirklich so “einfach” sein könnte, dann würden sich viele Schmerzpatienten besser behandelt werden können.

#3 |
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Rettungsassistent

Kommt da nicht die “Qualiafrage” ins Spiel?
Man kann vielleicht messen, wie viel Aktivität im Gehirn bestimmte Reize in Abhängigkeit von vorhandenen Neuronen verursachen. Aber wie sich diese Neuronenaktivität “anfühlt”, wird wohl kaum zu beurteilen sein. Wenn dann bei einer solchen vermeintlichen Objektivierung von subjektiven, ja individuellen Inhalten, auch noch die Interessen von Versicherungen ins Spiel kommen, dann sind die Forschungsergebnisse jedenfalls schon prädestiniert.

#2 |
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Martin Vierl
Martin Vierl

Da fehlt doch was?

#1 |
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