Showtime im Colon

30. April 2010
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Darmkrebs lässt sich verhindern, suggerieren Promi-Testimonials und haben damit Erfolg. Was den einen noch nicht genug ist, ist den anderen viel zu viel. Die Koloskopie als Vorsorgeuntersuchung für jeden Normalbürger ist umstritten.

Die Koloskopie wird allen deutschen Bürgern ab 55 Jahre im Rahmen des Vorsorgeprogramms für Darmkrebs in zehnjährigem Abstand empfohlen. Werbewirksam sind Medienauftritte der Felix-Burda-Stiftung mit Prominenten, die die große Bedeutung der Koloskopie für die Sicherheit eines jeden Bürgers betonen.

Die Kampagnen haben Erfolg: Jährlich nehmen laut Felix-Burda-Stiftung rund 500.000 Menschen auch ohne Beschwerden an der Koloskopie teil. Wie einer aktuellen Nachricht im Ärzteblatt zu entnehmen ist, beläuft sich die Zahl der Menschen, die bislang teilgenommen haben, auf vier Millionen. Dabei hätten sich 80.000 fortgeschrittene Ademone identifizieren und resezieren lassen, die sich in den folgenden Jahren zum Karzinom entwickelt hätten – wobei fraglich ist, ob das tatsächlich so ist. Immerhin erkranken in Deutschland jährlich mehr als 70.000 Menschen an Darmkrebs, über ein Drittel der Erkrankten stirbt daran. Ist das für eine Screeningmaßnahme nicht Rechtfertigung genug?

Wahre Gefahren und Risiken werden verschwiegen

Nein, Kampagnen verhindern Aufklärung, meinten Ingrid Mühlhauser und Anke Steckelberg der Universität Hamburg bereits wenige Jahre nach Einführung der Krebsvorsorge für alle im Jahre 2002. Kampagnen verfestigten den Irrglauben der Bevölkerung über eine mögliche Krebsvorsorge. Krebsrisiko und Nutzen von Früherkennungsuntersuchungen würden massiv überschätzt, der mögliche Schaden bliebe völlig unberücksichtigt. Kampagnen sorgten dafür, dass sich Bürger in falscher Sicherheit wiegen, andererseits unnötig verunsichert würden. Die Begriffe Früherkennung und Vorsorge wären zu trennen, und eine informierte Entscheidung werde durch Kampagnen verhindert.

Risiken würden absichtlich verschwiegen. Die Aussage prominenter Werbender „Das tut gar nicht weh“, bagatellisiert den Forscherinnen zufolge einen Eingriff, den ein Viertel der Untersuchten mindestens als unangenehm, beunruhigend oder gar schmerzhaft empfinden. Bereits vor der Untersuchung sei mit Komplikationen zu rechnen. Nahrungskarenz, Abführmittel und zuzuführende Flüssigkeit belasteten Herzkreislaufpatienten unnötig. Bereits zu diesem Zeitpunkt müssten manche Patienten Beruhigungsmittel einnehmen. Besonders ältere Menschen könnten mit Atemstörungen reagieren.

Nach einer Aufklärungsbroschüre von Mühlhauser und Steckelberg kann es im Rahmen der Koloskopie zu schwereren Blutungen (30 von 10.000), Perforationen (10 von 10.000) und Todesfällen kommen (2 von 10.000). Komplikationen wie diese würden in größeren randomisierten klinischen Studien unzureichend erfasst. Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie aus 2009, die das Komplikationsrisiko älterer Patienten ab 66 Jahre untersuchte. Demnach ist eine Entscheidung zur Koloskopie insbesondere bei älteren, komorbiden Patienten zu überdenken.

Informierte Entscheidung gefordert

Einer Mediendarstellung wie „Jährlich sterben in Deutschland 30.000 Menschen an Darmkrebs“ oder „1 von 18 erkrankt an Darmkrebs“ treten die Forscherinnen deutlich entgegen. Denn die Zahlen werden auf ein Alter von 85 Jahre hochgerechnet. Wie viele aber sterben in jüngeren Jahren an anderen Erkrankungen? Wie viele Polypen älterer Patienten haben ein hohes Potential zu entarten? Die Wahrscheinlichkeiten in unterschiedlichen Alterklassen innerhalb der nächsten zehn Jahre zu erkranken, fallen nämlich erheblich geringer aus, errechneten Mühlhauser und Steckelberg. Bei Personen mit erhöhtem Risiko gelten die errechneten Zahlen jedoch nicht.

Während offizielle Stellen wie der Krebsinformationsdienst weiter zur Darmspiegelung für alle aufrufen, verhält sich unser Nachbarstaat, die Schweiz, bezüglich der Einführung dieses Screenings eher zögerlich. Entscheidend ist nach Experten das individuelle Krebsrisiko. Dieses können Interessierte anhand eines Online-Tests auf den Seiten der schweizerischen Krebsliga abschätzen.

Mühlhauer und Steckelberg fordern eine informierte Entscheidung und legen ethische Leitlinien zur Information über eine Screeningmaßnahme aus Großbritannien zugrunde: Demnach sind vor der Untersuchung Zweck der Untersuchung, Prognose ohne Untersuchung, die Behandlungsmöglichkeiten der Erkrankung mit Erfolgs- und Misserfolgsaussichten und mögliche Schäden durch die Untersuchung selbst dem Patienten verständlich darzulegen. Auch über die Wahrscheinlichkeit von falschen Untersuchungsergebnissen muss der Patient informiert sein wie auch finanzielle und soziale Auswirkungen des Screenings. Nicht zuletzt sollten Patienten Beratungs- und Unterstützungsangebote erhalten.

123 Wertungen (4.13 ø)
Medizin, Pharmazie

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12 Kommentare:

@ PT: “Seit mehreren Jahren habe ich (47) einen unkomplizierten, aber äußerst lästigen Reizdarm, bin familiär (Polypen, Darmkrebs) belastet und habe daher schon einige Darmspiegelungen erlebt.”
–> Man sollte nicht die Screening-Koloskopie mit der sogenannten kurativen Koloskopie (Blut im Stuhl oder Schmerzen heißt automatisch “keine Screeningsituation mehr”) in einen Topf werfen, das macht die Diskussion noch schwieriger als sie ohnehin ist.
–> Einzelfälle, bei denen eine zeitigere Koloskopie vermutlich geholfen hätte, sind kein Argument für oder gegen das Screening, da man Screeningmethoden eben prospektiv beurteilen muss.
–> Das RDS ist explizit kein Grund, schon mit 47 Jahren mehrere Koloskopien hinter sich zu haben. Im Gegenteil wird von der Wiederholung zu Recht eher abgeraten. Inwieweit die angeführte familiäre Belastung ein Grund für mehrfache Koloskopien gewesen sein sollte, ist anhand der Eintragungen natürlich nicht zu beurteilen (und sollte hier auch nicht diskutiert werden).

#12 |
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I)ch halte die regelmäßige Kolposkopie für sehr wichtig.Sicher läßt sich damit das Coloncarcinom nicht verhindern aber suspekte Befunde lassen sich frühzeitig entdecken.

#11 |
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Frau Jutta Maria Nagel
Frau Jutta Maria Nagel

Die meisten Patienten scheuen sich aus unterschiedlichen Gruenden ohnehin vor einer Darmspiegelung- nicht nur die Angst vor Schmerzen oder Komplikationen spielen eine Rolle, zusaetzlich verhindert das Schamgefuehl, dass man einer Untersuchung so leicht zustimmt wie z.B. einem CT.
Als Gastroenterologin kann ich nur sagen, dass man das Risiko von Herz-Kreislaufproblemen etc. doch meist abschaetzen kann und ggf. eine stationaere Vorbereitung durchfuehren kann- ohne Frage ist die Vorbereitung meist das Unangenehmste und Aufwaendigste, Ob man die Darmspiegelung im Einzelfall bei schwierigen Spiegelungsverhaeltnissen wie bei Dr. Pitzken erzwingen muss, laesst sich kontrovers diskutieren, jedoch nicht auf alle Menschen verallgemeinern.
Ich denke, dass ein Bewusstsein fuer sowohl den unbestreitbar erwiesenen Nutzen vs. die Risiken bestehen sollte- nur auf gesunde Ernaehrung (die allg. eine ungefaehrliche Empfehlung darstellt) zu verweisen, verschleiert jedoch das Thema. In der Nutzen-Risiko-Abwaegung sollte einen der gesunde Menschenverstand zu einer fuer den einzelnen adaequaten Entscheidung fuehren. Dabei ist es hilfreich, dass die Kassen die Kosten uebernehmen, dies sollte nicht in Frage gestellt werden duch diejenigen, die die ohnehin zu niedrigen Spiegelungraten durch Verunsicherung der Bevoelkerung weiter erniedrigen.

#10 |
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Andreas Bruckmeier
Andreas Bruckmeier

Der Online Test der Schweizer Krebsliga verzichtet u.a. auf die Integration des wichtigen Risikofaktors “Vererbung” in der Berechnung. So entstehen leider falsche Aussagen über das individuelle Risiko. Gerade Personen mit nachweislich bedeutsamen Risikofaktoren sollten auf die Möglichkeit des Screenings nicht verzichten.

#9 |
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Der (Noch-)Nicht-Nachweis der Wirksamkeit ist kein Nachweis der Nicht-Wirksamkeit.
Das sehe ich – als EbM-Verfechter! – als das Problem bei der Argumentation von Frau Prof. Mühlhäuser. Niemand hat doppelblind randomisiert nachgewisen, dass es besser ist, einen Fallschirm umzuschnallen, zu reanimieren oder bei einer Allgemeinanästhesie für eine Beatmung zu sorgen, machen wir aber trotzdem.
Dass 80.000 fortgeschrittene Adenome nicht in absehbarer Zeit ihre Dignität geändert hätten – wohl kaum vorstellbar, oder??
Keine Frage, die Wirksamkeit der Vorsorgekoloskopie muss bewiesen werden, aber es gibt kaum eine Maßnahme, bei der so wie bei der Vorsorge-Koloskopie versucht wird, eben dies und eben auch die Nebenwirkungsrate zu erfassen.

#8 |
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Wie bei vielen in der Medizin diskutierten Problemen wird es auch hier keine allein seligmachende Wahrheit geben, da sich anscheinend immmer für die Unterstützung jeder These und Gegenbehauptung eine Statistik finden läßt. Ich habe in meiner ersten Ausbildung zum Chirurgen meinen Katalog am schnellsten mit Darmresektionen gefüllt, da Colonkarzinome die Mehrzahl unseres Krankengutes ausmachten.Die Vorstellung das eine Coloskopie zum richtigen Zeitpunkt das häufig traurige Schicksal dieser Patienten verhindert hätte, hat mich tief beeindruckt und bestimmt auch mein Handeln als jetzt niedergelassener Landarzt. So fallen mir auch jetzt spontan 3 Patienten im letzten Halbjahr ein, die durch rechtzeitige Vorsorgecoloskopie einem sicheren Neo entgangen sind. Keiner von ihnen wäre im Raster eines individuell erhöhten Risikos hängengeblieben. Ernsthafte Komplikationen bei Coloskopien sind extrem selten in der Hand des Geübten und Perforationen kommen in der Regel nur beim vorgeschädigten Darm oder grob falscher Technik vor( habe persönlich keine bislang miterlebt ).
Liebe Frau Kollegin Pitzken, meinen Sie nicht, daß Sie Ihre sicherlich starken Beschweden heute in einem anderen Licht sehen würden, hätte der Untersucher einen positiven Befund ausgemacht?
Natürlich sollte man nicht jeden multimorbiden Patienten auf den Untersuchungstisch ziehen,aber das haben wir Ärzte doch in der Hand. Wichtiger ist doch viel mehr, daß prinzipiell die Möglichkeit besteht jeden untersuchen zu lassen. Wir haben doch letztlich bei jeder Therapie oder Diagnostik das letzte Wort. Warum wollen wir sie uns von vornherein wieder vom Gesetzgeber nehmen lassen?
Den Statistikfreaks rate ich auf die erste 10 Jahres Studie bezüglich Senkung der Karzinomrate in Deutschland durch Vorsorgecoloskopie zu warten .

#7 |
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Die richtige Indikation ist wichtig: bei positiver Familienanamnese ist die Coloskopie ab 40 JKahren sehr sinnvoll. Auch begesunden Probanden ist der einmalige Auschluss einer Polyposis sinnvoll. Bei Herzkranken und bei älteren Patienten (über 70) ist ohne Familienanamnese das Risiko vermutlich höher als der Nutzen

#6 |
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Dr. med. vet Gertrude Edtstadtler-Pietsch
Dr. med. vet Gertrude Edtstadtler-Pietsch

Endlich eine ehrliche Aussage. Als Betroffene habe ich bei Fachärzten wiederholte Male überhaupt kein Interesse an meinen anamnestischen Angaben vorgefunden, geschweige denn, den Versuch, eine Diagnose meiner Darmproblematik zu versuchen. Bereits im zweiten Satz wird man in der Regel mit der Frage unterbrochen “Haben Sie schon eine Darmspiegelung machen lassen?”. Verneint man dies, wird das Gespräch damit unterbrochen, dass man sich für die Koloskopie einen Termin ausmachen solle.Und das wars dann meist. Ein Umdenken ist dringend notwendig!

#5 |
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Die Meinung von Frau Dr. Heinz, daß eine gesunde Ernährung dem Darmkrebs vorbeugt, wird seit Jahrzehnten vertreten, konnte aber in klinischen Studien nur vereinzelt verifiziert werden. Die Anzahl gegenteiliger Studienergebnisse überwiegt bei weitem. Andererseits konnte aber wiederholt gezeigt werden, daß die rechtzeitige Entfernung von Colon-Polypen die Entstehung von Karzinomen verhindert. Daß beinahe jede medizinische Intervention auch ein Risiko beinhaltet muß selbstverständlich berücksichtigt werden, aber das gilt auch für jede Medikation.

#4 |
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Dieser Artikel war überfällig – gut so und danke!

#3 |
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Ich selber bekam vom Oberarzt des Krankenhauses eine sehr schwierige Darmspiegelung, welche trotz Propofol abgebrochen wurde. Er riet dazu diese in Narkose durchzuführen.
In einem anderen Krankenhaus gestaltete die Untersichung sich ebenfalls schwierig, da es kaum möglich war die linke obere Flexur zu überwinden. Anschließend hatte ich eine sehr schmerzhafte Reizperitonitis und hatte echt Sorge, dass eine Perforation stattfand. Dies hat aber keiner weiter berücksichtigt. Also kann ich der zurückhaltenden Sicht der Schweizer nur zustimmen

#2 |
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Ich finde die Aktion der Schweizer Krebsliga hilfreich. Ich denke nicht, daß regelmäßige Koloskopien die Darmkrebsrate vermindern können, höchstens das Entdeckungsstadium.
Gut den Leuten zur Prävention zu raten, diese kommt ja in D stets zu kurz.
Viel Obst, Gemüse, Bewegung und fettarme Ernährung. Nicht nur der Darm dankt….

#1 |
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