Das 37-Grad-Dogma

5. Januar 2018
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Für Ärzte beginnt die subfebrile Körpertemperatur seit knapp 150 Jahren bei etwa 37°C. Dieser Wert ist allerdings ungenau. Wie aus aktuellen Auswertungen ersichtlich wird, sind diese Annahmen mittlerweile überholt, die Bezugstemperatur ist niedriger.

Ärzten blieb vor vielen Jahren noch nichts anderes übrig, als die vermeintlich erhöhte Körpertemperatur mit ihren Händen zu bestimmen. 1592 präsentierte Galileo Galilei ein erstes, noch sehr ungenaues Thermometer. Dieses Instrument ließ die Ärzte aber noch eher kalt, bis Carl Reinhold August Wunderlich 1868 sein Werk „Das Verhalten der Eigenwärme in Krankheiten“ veröffentlichte.

Er berichtete von tageszeitlichen Schwankungen, zeigte Unterschiede zwischen den Geschlechtern und gab bereits 37°C als Bezugspunkt für Fieber an. Unterhalb dieses Werts sprach Wunderlich von normalen Körpertemperaturen. Basis seiner Arbeit waren mehrere Millionen Messungen an schätzungsweise 25.000 Probanden – eine zur damaligen Zeit unfassbar große Datenmenge. Wie er damit tatsächlich gearbeitet hat, lässt sich kaum noch nachvollziehen.

Normalerweise 36,6°C

Heute ist die Sache deutlich einfacher. Mitte Dezember 2017 haben Ziad Obermeyer und Kollegen vom Department of Emergency Medicine, Brigham and Women’s Hospital, Boston, eine umfangreiche Arbeit zur Körpertemperatur veröffentlicht. Ihre Kohorte umfasste 35.488 Probanden, die laut Patientenakten keine Infektionen hatten und auch keine Antibiotika einnahmen. Obermeyer konnte also erwarten, dass die gemessenen Körpertemperaturen innerhalb normaler biologischer Grenzen liegen würden. Er hat nicht als erster Forscher das Thema untersucht, legt aber besonders umfangreiche Daten vor, die kaum noch Interpretationsspielraum lassen.

Basierend auf 243.506 Messungen ermittelte er 36,6°C als mittlere Temperatur gesunder Menschen. Außerdem fand er ein paar Besonderheiten. Ältere Probanden hatten niedrigere Werte (-0,021°C pro Jahrzehnt). Bei afroamerikanischen Frauen lag die Temperatur sogar um 0,052°C höher als bei weißen Männern. Hier handelt es sich wie so oft um eine Kohortenstudie. Außerdem standen mehrere Komorbiditäten mit niedrigeren Temperaturen (Hypothyreose: -0,013°C) oder höheren Temperaturen (Krebs: 0,020°C) in Zusammenhang. Ein höherer Body Mass Index ließ die Werte nach oben klettern (0,002°C pro 1,0 kg/m²). Über alle Indikationen gemittelt, fand Obermeyer Assoziationen zwischen der Temperatur und der Sterblichkeit. Ein Anstieg um 0,149°C war mit einer 8,4 Prozent höheren Mortalität verbunden.

Big Data trifft Bias

„Wie Wunderlich mussten sich Obermeyer und Kollegen mit einer Vielzahl klinischer Beobachtungen unterschiedlicher Qualität und unsicherer Präzision auseinandersetzen“, kommentiert Philip A. Mackowiak von der University of Maryland School of Medicine in Baltimore, Maryland. „Aber während Wunderlich die Technik fehlte, um seine Daten zu verarbeiten, stellten Obermeyer und Kollegen das Verständnis der durchschnittlichen Leser in Frage, indem sie eine Analyse auswählten, die sich durch eine verwirrende Mischung komplizierter Modellierungstechniken auszeichnete.“

Als Problem sieht er vor allem, dass Daten zu unterschiedlichen Zwecken gesammelt worden seien. Offen bleibt der Einfluss von Untersuchern, aber auch der Effekt mancher Arzneistoffe. Viele Daten wurden nicht für die Studie selbst, sondern für Abrechnungszwecke in stark abstrahierter Form gesammelt.

Was bleibt ist ein „unerschütterlicher Glaube“

Obermeyer und Kollegen verwendeten eine Vielzahl statistischer Techniken, um verzerrende Effekte zu minimieren. Vieles von dem, was sie bei Krankheiten entdeckten, bestätigte Wunderlichs weniger ausgefeilte Beobachtungen vor fast anderthalb Jahrhunderten.

„Ihre provokativste Feststellung – dass die Temperatur mit der Sterblichkeit korreliert – ist unbestätigt, wenn auch interessant genug, um weitere Untersuchungen zu rechtfertigen“, schreibt Mackowiak. Warum die meisten an der 37 festhalten, ist auch ihm ein Rätsel: „Noch faszinierender ist unser scheinbar unerschütterlicher Glaube an die ursprüngliche Bezugstemperatur von Wunderlich, trotz aller Beweise, die wir seither angesammelt haben.“

28 Wertungen (4.32 ø)

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17 Kommentare:

Ich habe vor 30 Jahren in meiner Krankenpflegerausbildung gelernt, daß die Körpernormaltemperatur bei 36,6 Grad liegt. Wow, jetzt haben wir es endlich schwarz auf weiß.
Womit sich die Leute so ihre Zeit vertreiben ist manchmal schon erstaunlich!

#17 |
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Gast
Gast

Danke #15. Also doch einen “Normalverteilungskurve”, wo alles zwischen 35,7 und 37,7 noch im Rahmen der Normalvariation ist. Wenn man die individuellen Werte nicht kennt – ist ja meistens der Fall – macht es mehr Sinn, “Fieber” als etwas zu definieren, was definitiv ausserhalb der Kurve liegt, z.B. 38 Grad, oder zusätzlich das Allgemeinbefinden mit einzubeziehen. Wer sich mit 37,7 Grad topfit fühlt, ist das vielleicht auch. Und wer sich mit 37,8 Grad krank fühlt, ist es auch.

#16 |
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Guest
Guest

Ich wünsche mir, daß die Kollegen von Annals of Improbable Research den verlinkten Artikel (http://www.bmj.com/content/359/bmj.j5468) zur Kenntnis genommen haben und im nächsten Herbst mit einem Preis honorieren werden.
Es wäre unverzeilich, sollte dieses Glanzstück der statistischen Interpretation für die Nachwelt verloren gehen.
Ich danke auch der DocCheck Redaktion, daß sie den Artikel ohne viel Rumnörgeleien und Anzweifelungen einem repräsentativen Querschnitt geballter mathematisch-statistischer Kompetenz unterbreitet hat. Rein statistisch gesehen sind Toleranzen in der Öffentlichkeit ein rein zwischenmenschliches Phänomen und sollte auf keinen Fall auch noch gemessen werden.

#15 |
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Gast
Gast

Gibt es nur den einen Grenzwert – 36,6 – oder ist es nicht vielleicht eine Art “Normalverteilungskurve”, auf der durchaus etwas höhere Werte noch “gesund” sein können? Bei meinem Kindern rechne ich im Schnitt > 37,5 erhöhte Temperatur, > 38 Fieber. Das korreliert gut mit deren Allgemeinbefinden und Krankheitsgefühl. Welche klinische Relevanz hat es, wenn ich Temperaturen um 37 schon als erhöht definiere?

#14 |
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Prof. Dr. Johann Buchler
Prof. Dr. Johann Buchler

Die gemessene Körpertemperatur hängt von der Mess-Stelle ab. Wo wurde gemessen – rektal, unter der Schulter, im Außenohr oder oral unter der Zunge?
Der Artikel macht darüber keine Aussage. Ganz schlecht! JWB

#13 |
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Medizinischer Laie
Medizinischer Laie

Kann es sein, dass damals
einfach weniger Medikamente geschluckt und
mehr körperlich gearbeitet wurde und
deshalb 37°C normal waren während heute
im Mittel niedrigere Temperaturen “normal” sind
und nebenbei chronische Krankheiten zunehmen?

#12 |
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Heilpraktiker

Um ein exaktes Resultat der Körpertemp. zu erhalten, kann der frisch ausgeschiedene Urin genutzt werden.

#11 |
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dochanns
dochanns

Die signifikanten Unterschiede zwischen schwarzen Frauen und weißen Männern sollten unsere zukünftigen differentialdiagnostischen Erwägungen verändern.

#10 |
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Gast
Gast

Oder um es auf den Punkt zu bringen: Statistische Signifiganz sagt weder etwas über die Konsistenz von Daten, noch über die klinische Relevanz der Ergebnisse aus.

#9 |
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Gast
Gast

@ Remedias Cortes: Die Autoren diskutieren die Tatsache, daß nur in einer Klimazone (wo eben das Klinikum stand) die Daten erhoben wurden, als Schwäche ihrer Studie: “Although we controlled for the substantial variation in environmental conditions within this zone, temperature and compensatory mechanisms may vary across climactic zones.” Ansonsten stelle ich mir aber schon sehr die Frage, was ich mit diesen Daten anfangen soll: Es geht nicht klar hervor, an welcher Körperstelle die Temperatur gemessen wurde, die Daten selbst sind retrospektiv und auch in USA, dem Land der fancy unbegrenzten technischen Möglichkeiten wird kein Thermometer auf mehr als eine Nachkommastelle genau messen. Was soll ich also mit diesem Datensatz anfangen und welche Prognosen sollte ich dataus für meinen Patienten wohl erstellen können? Das ist doch alles Signifikanz durch große Patientenzahlen mit einer mehr als wackeligen Datenbasis ohne praktischen Nutzen!

#8 |
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Nichtmedizinische Berufe

Vielleicht kann mich jemand aufklären. In Südamerika in Bogota , was 2600 m hoch liegt, war meine gemessene Körpertemperatur immer 37 – 37, 1. Hier in Deutschland liegt sie um 36 Grad. Gibt es nicht nur Unterschiede Alter- Geschlecht- Rasse, sondern auch lokale?

#7 |
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Annette Creson
Annette Creson

” our estimate of population mean temperature differed from other studies—for example, it was lower than in a sample of primarily young, healthy participants”
Die Studie hatte ein deutlich höheres Durchschnittsalter als der z.B. deutsche Durchschnitt von ca. 45 Jahren. Und im Alter, so schreiben die Autoren selber, sinkt die Körpertemperatur. Also null neue Info.

#6 |
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Annette Creson
Annette Creson

Zwei Dinge, die mich nachdenklich machen bzgl. der Aussagekraft der Studie:
1. Es handelt sich letztlich bei allen Probanden um Patienten, also nicht um Gesunde. Auch wenn sie keine Infektionskrankkheiten aufwiesen, haben diese Menschen doch ein Krankenhaus als “outpatients” besucht, d.h. zwar ambulant, aber dennoch behandlungs-oder zumindest kontrollbedürftig. Da könnte es leicht im Durchschnitt zu niedrigeren gemessenen Temperaturen kommen als in der Durchschnittsbevölkerung.
2. Bei Hypothyreose wird eine durchschnittliche Abweichung von ca. -0,013 Grad festgestellt. Das scheint mir ausgeschlossen. In 20 Jahren habe ich keinen Menschen erlebt, der eine normale-hohe Temperatur in Unterfunktion hatte. Es mag so etwas im Ausnahmefall geben, aber die durchschnittliche Abweichung nach unten ist deutlich höher. Untertemperatur ist eines der klarsten Anzeichen für eine Unterfunktion.
Bevor also nun alle Lehrbücher neu gedruckt werden, erstmal genau hinsehen:)

#5 |
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Dr. med. Dieter Encke
Dr. med. Dieter Encke

An welchen Stellen wurde mit welcher Methode gemessen? Rectal und vaginal war die Normalthemperatur früher 36,8 °C.

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Dr. Hans Stange
Dr. Hans Stange

Meine Mutter hat Anfang der 30er Jahre Krankenschwester gelernt und mir als Kind beigebracht dass 36,6 ° die Normaltemperatur sei.

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Gast
Gast

„Der Mangel an mathematischer Bildung gibt sich durch nichts so auffallend zu erkennen, wie durch maßlose Schärfe im Zahlenrechnen.“
Carl Friedrich Gauß

#2 |
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Gisela Schmidt, Lenningen
Gisela Schmidt, Lenningen

Ich vermisse das Thema zu Fehlsichtigkeit der Augen und wie diese mit einer Brille korrigiert werden kann, um mehr Lebensqualität und Sicherheit durch besseres Sehen zu erreichen.
Ganz wichtig auch bei Senioren um den Alltag bewältigen zu können, in Alten- und Pflegeheimen in Alltags-Situationen teilnehmen zu können.
Wer nicht gut sehen kann, ist unsicher und nimmt weniger im alltäglichen Leben teil.
Jungen Menschen muß Gutes Sehen erlebbar gemacht werden!

#1 |
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