Neues aus der NC-Anstalt

20. Dezember 2017

„Jemand, der ein Telefonbuch auswendig lernen kann, schafft auch das Medizinstudium, aber wird noch lange kein guter Arzt“, fasst der Dekan einer Medizinischen Hochschule die NC-Misere zusammen. Ende 2019 müssen Auswahlkriterien, die es neben der Abinote gibt, neu geregelt sein.

Die bisher geltenden Vorschriften zur Zulassung zum Medizinstudium seien in Teilen mit dem Grundgesetz nicht vereinbar, entschied gestern der erste Senat des Bundesverfassungsgerichts (BVG) unter der Leitung von Richter Ferdinand Kirchhoff. Sie verletzten den Anspruch der Bewerber auf gleiche Teilhabe am staatlichen Studienangebot, hieß es in der gegen 10 Uhr 30 veröffentlichten Mitteilung. Zudem würden die Auswahlverfahren der Hochschulen nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Die Karlsruher Richter fordern in ihrem Urteil gesetzliche Sicherungen dafür, dass die Hochschulen Eignungsprüfungen in standardisierten und strukturierten Verfahren durchführen. Das Gericht verfügte, dass bis 31. Dezember 2019 eine Neuregelung gefunden sein müsse.

Heute werden 20 Prozent der Studienplätze für Humanmedizin über das zentrale Vergabesystem Hochschulstart vergeben, hier kommt es nur auf die beste Abiturnote an. Weitere 20 Prozent der Bewerber werden über die Länge ihrer Wartezeit ausgewählt. Den Löwenanteil von 60 Prozent vergeben die Hochschulen selbst, die meisten verzichten aber auf umfangreiche Auswahlverfahren sondern gehen ebenfalls nach dem NC.

Abiturnote maßgebliches Kriterium

Geklagt hatte das Gelsenkirchener Verwaltungsgericht: Das BVG sollte prüfen, ob die derzeitige Praxis verfassungskonform sei, da die freie Berufswahl durch den Numerus Clausus (NC) und die Kapazitätsengpässe eingeschränkt sei. Die Abiturnote sei für die Zulassung das maßgebliche Kriterium, kritisierten die Richter in Nordrhein-Westfalen. Zudem würde bei den Auswahlverfahren der Hochschulen nicht berücksichtigt, dass die Abiturnoten innerhalb der Bundesländer deutlich voneinander abweichen (DocCheck berichtete). Das Karlsruher Urteil betrifft eine wachsende Zahl von Bewerbern: Während zum Wintersemester 1994/95 noch 7.366 Studienplätze für 15.753 Bewerber verfügbar waren, standen etwa zum Wintersemester 2014/15 nur noch 9.001 Studienplätze für 42.999 Bewerber zur Verfügung, so das Gericht.

Das BVG ist nun zu einem Urteil gelangt: Die Vergabe nach bester Abiturnote, Wartezeit und Auswahlverfahren durch die Hochschulen sei grundsätzlich mit dem Grundgesetz vereinbar. Es hält allerdings einige Änderungen für notwendig, um die Ausbildungs- und Berufswahlfreiheit nach Artikel 12 Abs. 1 Satz 1 mit dem allgemeinen Gleichheitssatz nach Artikel 3 Abs. 1 im Grundgesetz zu verbinden. Daraus ergebe sich ein Recht auf Teilhabe an den vorhandenen Studienangeboten, die der Staat mit öffentlichen Mitteln geschaffen habe, so die Begründung der Richter. Wer die subjektiven Zulassungsvoraussetzungen erfülle, habe ein Recht auf gleiche Teilhabe am staatlichen Studienangebot und damit einen Anspruch auf gleichheitsgerechte Zulassung zum Studium seiner Wahl.

NC: Über- und Fehlbewertung

Die Wartezeit von derzeit 15 Semestern dürfe die Studiendauer selbst nicht überschreiten, so das BVG-Urteil. Auch soll es künftig bei der Bewerbung keine Festlegung auf sechs Studienorte mehr geben: So könnte ein Bewerber leer ausgehen, der, hätte er eine andere Stadt gewählt, einen Platz bekommen hätte. Das widerspricht dem Grundgesetz.

Edmund Neugebauer, Dekan an der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB), begrüßt grundsätzlich den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, Hochschulen zu einem bundeseinheitlichen Zulassungsverfahren und Tests zu verpflichten, die über den Numerus Clausus hinausgehen. Die MHB hat es sich zum Ziel gesetzt, fachlich versierte, menschlich kompetente und gesellschaftlich engagierte Ärzte auszubilden. „Für mich ist der Numerus Clausus eine vollkommene Über- und Falschbewertung der Abiturienten, die sich für Medizin interessieren“, sagt Neugebauer, „aber das BVG-Urteil ist schon einmal ein richtiger Schritt in die richtige Richtung.“ Dennoch kritisiert er, dass der Numerus Clausus als wichtigstes Auswahlkriterium für das Medizinstudium erhalten bleibe: „Der Numerus Clausus mit einer Eins vor dem Komma sagt nichts anderes aus, als dass jemand in der Lage ist, eine gute Note zu erreichen und sein Studium erfolgreich zu beenden“, sagt er. „Als Arzt brauche ich aber Sozialkompetenz und Empathie, ich muss kommunikationsstark und teamfähig sein. Genau das aber bildet der Numerus Clausus nicht ab.“

„Mediziner kann jeder werden, der gut lernen kann, aber Arzt nicht.“

Natürlich hätten die Hochschulen den Auftrag, dafür zu sorgen, dass es genug Ärzte gebe. Da es aber deutlich mehr Interessenten als Studienplätze gebe, seien die Hochschulen auf das System Numerus Clausus gekommen. „Der Numerus Clausus ist vielleicht das richtige System, um Mediziner auszuwählen, jedoch das falsche System, um Ärzte auszuwählen. Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied“, so der Dekan: „Mediziner kann jeder werden, der gut lernen kann, aber Arzt nicht.“ Neugebauer bemängelt, das jetzige System fordere von Studenten vor allem die Fähigkeit, Fakten auswendig lernen zu können. „Etwas flapsig formuliert: Jemand, der ein Telefonbuch auswendig lernen kann, schafft auch das Medizinstudium, aber er wird noch lange kein guter Arzt“, sagt er. „Wir brauchen aber Mediziner, die sich in den Dienst des Patienten stellen, sich ihm und seinen Bedürfnissen unterordnen. Nicht ich als Arzt sage, was der Patient machen soll, sondern ich ergründe, was der Patient braucht. Man spricht dann von patientenzentrierter Medizin, wobei insbesondere Kommunikationsfähigkeiten gefragt sind.“

Empfohlen: Pflegeausbildung oder Rettungssanitäter

Mit dem jetzigen Auswahlverfahren werde möglicherweise eine Gruppe von Menschen ausgewählt, die ein patientenzentriertes Gesundheitssystem nicht brauche, so der Dekan. Durch sie werde das ökonomisierte Gesundheitssystem aber in dieser Form weitergeführt: „Die Sicht des Patienten muss die zentrale Rolle spielen für diejenigen, die sich um eine Ausbildung zum Mediziner bewerben.“ Das könne ein Bewerber zum Beispiel sehr gut zeigen, indem er vor dem Studium eine Pflegeausbildung absolviere oder Rettungssanitäter werde, sagt Neugebauer. „Er muss für sich erkennen, dass ihm eine dienende Rolle liegt und er dabei eine gewisse Befriedigung empfindet. Pflegen heißt, ich muss mich dem Kranken und seinen Beschwerden widmen.“ Jetzt sei es eher umgekehrt, sagt er: „Das soziale Ansehen des Arztes ist immer noch hoch, der Verdienst ist gut, man kann viel Geld verdienen. Das könnte die Motivation vieler junger Menschen sein, um Medizin zu studieren. Aber das ist nicht das, was wir brauchen.“

Die große Herausforderung für die Hochschulen und die Bundesländer wird es nun nach dem Urteil der Karlsruher Richter sein, bis Ende 2019 eine Reform für adäquate und gerechte Auswahlverfahren und Eignungsprüfungen zu entwickeln. Zudem wird das Karlsruher Urteil auch Auswirkungen auf andere zulassungsbeschränkte und begehrte Studienplätze haben wie Zahnmedizin, Tiermedizin und Pharmazie – gerechtere als zuvor.

21 Wertungen (4.1 ø)

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20 Kommentare:

Gast X
Gast X

Ich finde es immer wieder lustig dass im Zusammenhang mit der leidigen NC-Diskussion immer wieder von Intelligenz und Fleiß gesprochen wird. Vielen Beteiligte haben offenbar keine Ahnung wie wenig eine Abiturnote oder der NC manchmal darüber aussagt. Ein Note von 1,0 oder darunter quasi als Mindestvoraussetzung zu deklarieren ist schlichtweg utopisch. Zumal die Noten weder im Vergleich mit denen in anderen Bundesländern aussagekräftig sind noch dem Vergleich mit den Abiturnoten von vor 10 oder 20 Jahren standhalten. Man mag es nicht glauben aber auch für ein 1,5 oder 2,0 Abitur darf man kein stinkfaules Dummbrot sein. Auch diese Abiturienten sind in der Regel klug und haben sich ihren Abschluss fleißig erarbeitet. Ja, klug und fleißig genug um Arzt werden zu können. Entscheidend ist die Gewissheit für den Rest des Lebens immer weiter lernen zu wollen. Glauben sie wirklich irgendein Arzt praktiziert wörtlich das was er im Studium auswendig gelernt hat? Dieses Wissen ist doch wenige Jahre später obsolet. Und ja, wenn man nebenbei noch gut mit Menschen umgehen kann, kein Problem damit hat immer wieder die Grenzen der physischen und psychischen Belastbarkeit auszureizen und sich dann auch noch mit den unrealistischen Forderungen auseinander setzen will die alle Welt an einen Beruf knüpft von den sie nicht das geringste wissen dann hat man alles was man braucht.

#20 |
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Ivory
Ivory

nicht wieder das kind mit dem Bade ausschütten!
Gefordert sind Wissen und menschliche Qualitäten. Menschen, die so “dicht an anderen Menschen dran “sind, sollten über beides verfügen. Das gilt auch für andere pflegende Berufe. Es geht um Menschen!
Aber, was nützen die besten menschlichen Qualitäten und Emphatie, wenn das Wissen nicht ausreichend oder nicht verknüpft und abrufbar.
Der Eid des Hippokrates besagt, dass die Hilfe nicht schaden darf. (manchmal zweifele ich allerdings, ob er noch Gültigkeit hat)

#19 |
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Ärztin

Hallo #10 Frau Struller,
studieren Sie Chemie oder Technik, wenn Sie die Forschung interessiert!
Als Medizinstudentin vergeuden Sie Ressourcen und einen teuren Studienplatz.
Als Arzt zu arbeiten, bedeutet, Empathie mit Menschen und insbesondere Kranken zu haben.
Glücklicherweise bin ich nicht Ihre Oma und verzichte aufs Händchchenhalten!
Am besten entwickeln Sie einen Robodoc. Von dem lassen Sie sich dann Händchenhalten, wenn es mit Ihnen zu Ende geht! Viel Spaß damit!

#18 |
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Gast
Gast

„Jemand, der ein Telefonbuch auswendig lernen kann, schafft auch das Medizinstudium …“. Letztens erlebte ich als Patient am eigenen Leibe, wie in einem Uniklinikum vor der Chefvisite die Assistenzärzte aufgeregt in den Patientenzimmern herumliefen um die Anamnesen auswendig zu lernen und dem Chefarzt jahreszahlengenau herunterzubeten! Das wirkte auf mich sehr grotesk und diente definitiv nicht dazu, mein Vertrauen in die Ärzte zu verbessern.
Als Physikstudent schauten wir schon immer etwas belustigt auf die Medizinstudenten, weil dort das Fakten auswendig lernen und das damit verbundene schablonenhafte Denken so im Vordergrund steht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Fähigkeiten wie logisches und analytisches Denken, Zusammenhänge verstehen und erkennen, Gefühl für Zahlen, Statistik und Wahrscheinlichkeiten entwickeln, räumliche Vorstellung usw. für Ärzte mindestens genauso wichtig sind wie das Aneignen von Faktenwissen. Beim Physikstudium, wo reines Fakten-Lernen nicht mehr weiterhilft, war es nicht ungewöhnlich, dass 1-er Abiturienten große Mühe hatten und z.T. sogar das Studium abbrechen mussten.
Bitte diesen Kommentar nicht als Schwarz-Weiss-Malerei missverstehen –Ärzte besitzen in der Regel durchaus überdurchschnittliche und breitgefächerte intellektuelle Kompetenzen.
Übrigens fühle ich mich bei einem Arzt, der in meinem Beisein auch mal in die aktuellen Leitlinien reinschaut, sehr gut aufgehoben. Damit reduziert man das Risiko, dass etwas übersehen wurde und ist auch immer auf dem aktuellsten Stand der Medizin.

#17 |
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Biochemiker

Soziale Kompetenz und Empathie sind sicherlich wichtige Sekundärtugenden (auch) beim Arzt, aber zunächst sollte er doch mal richtig diagnostizieren und therapieren können. Die Studienplatzvergabe in NC-Fächern muss auf quantifizierbaren Leistungen und Fähigkeiten beruhen. Wie wollen Sie sonst den letzten angenommenen vom ersten abgelehnten Kandidaten unterscheiden? Untersuchungen haben gezeigt, dass der Studienerfolg bei Humanmedizinern höher mit den Ergebnissen im Medizinertest als mit denen im Abitur korreliert. Der Test (z.B. in Baden-Württemberg) prüft auch “arztspezifische” Fähigkeiten z.B. zur Diagnostik wie Zeichen- und Mustererkennung, 3D-Wahrnehmung etc. (ähnlich wie in bildungsunabhängigen Intelligenztests). Meiner Meinung nach wäre eine Studienplatzvergabe nach 1. Medizinertest- + 2. Abiturergebnis mit zusätzlichen “Punkten” für eine medizinische Berufsausbildung das kleinste Übel. Keinesfalls Eignungsgespräche für alle, das kann keine Uni bewältigen. Man muss sich das mal vorstellen: Jeder darf sich nach dem Urteil an jeder Uni bewerben, und jede Uni soll mit jedem Bewerber sprechen…

#16 |
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Nils Voss
Nils Voss

Es gibt sicherlich Studiengänge, die eine höhere Intelligenz erfordern als das Medizinstudium. Auch entspricht die Abitur-Note nicht unbedingt dem IQ. Dennoch: Ein Abiturient mit Einser-Schnitt zeigt, dass er über eine gute Grundintelligenz verfügt, leistungswillig und lernfähig ist. Das sind für jedes Studium unabdingbare Voraussetzungen.
Um die Ernsthaftigkeit speziell im Hinblick auf die ärztliche Tätigkeit zu prüfen, sollte aber VOR dem Studium verpflichtend ein mindestens einjähriges Praktikum im Krankenhaus stehen.
Eine Ausbildung als Rettungsassistent oder Krankenpfleger wäre perfekt. Die hier erreichte Abschlussnote sollte dann mindestens so viel Bedeutung wie der Abi-Schnitt haben.
In meinem Bekanntenkreis gibt es einen jungen Mann, der nach Einser-Abi und abgeschlossenem Medizinstudium ein Jahr im Krankenhaus tätig war und dann eine „Auszeit“ brauchte. Diese Auszeit, die er mit Reisen ausfüllt, dauert nun schon fast 2 Jahr an. Da kommt man doch ins Grübeln.

#15 |
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Gast
Gast

An # 9 – absolut einverstanden! Nach beinahe 7j im Beruf habe eine gerade genügend Erfahrung gesammelt und noch viel Erinnerung an Studium und Schule, um zu behaupten, dass wir enorme Intelligenz beim Arzt brauchen, genauso wie das hoch gelobte Interesse am Patienten und diese soziale Kompetenz. Die letzteren können allerdings nach der menschlichen Tagesverfassung schwanken. Ein weniger ausgenutzter Arzt ist in allen obigen Punkten besser. Zum Verständnis – denken Sie an jeden anderen Beruf mit viel Kundenkontakt!

#14 |
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G.B.
G.B.

Ich lese in den Kommentaren viel Aufregung von Seiten der Medizinstudenten und Ärzte in Bezug auf die angeblich zu wichtig genommene soziale Kompetenz. Leider musste ich aber in meiner 27jährigen Laufbahn als Krankenschwester immer wieder feststellen, dass Intelligenz und soziale Kompetenz eben häufig nicht Hand in Hand gehen. Was nützt mir ein Arzt mit einem enormen fachlichen Wissen, der den Patienten nicht für voll nimmt? Auf der anderen Seite habe ich einen Arzt, der vielleicht einen nicht ganz so tollen Abschluss gemacht hat, aber vorbildlich im Umgang mit Patienten ist. Meine langjährige Erfahrung hat mir immer wieder gezeigt, dass letzterer meist wesentlich erfolgreicher behandeln konnte, da er den Patienten stärker in Entscheidungen und Behandlung involviert hat, ihn “gesehen” hat. Für viele (nicht alle!) Ärzte spielt der Patient, in meinen Augen, eine untergeordnete Rolle. Er ist “nur” das Material mit dem gearbeitet wird.
Mir persönlich ist auf meiner Station allemal ein Arzt lieber, der eine große Portion soziale Kompetenz, natürlich mit dem nötigen Fachwissen, mitbringt, als ein fachlicher Überflieger, der das Wort Menschlichkeit kaum buchstabieren kann!
Und leider gibt es von den letztgenannten mehr als man gemeinhin annehmen möchte.

#13 |
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Ich mußte eine dreiteilige Aufnahmeprüfung bestehen, bevor ich zum Vet med. Studium zugelassen wurde. Grundvoraussetzung war eine berufliche Vorqualifikation, sprich landwirtschaftliche Berufsausbildung. Es hat mir nicht geschadet – im Gegenteil. Sicher, das war in einer anderen Zeit -1968 ! Aber ich fand’s ok !

#12 |
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Gast
Gast

Die Kombination aus NC, Praktikum im Krankenhaus/ in einer Praxis, plus psychologischer Test über die menschlichen Fähigkeiten, die ein Arzt braucht um Patienten adäquat versorgen zu können wäre wohl vor einer endgültigen Zulassung zum Medizinstudium sehr sinnvoll. Allein das Superabitur und der Wunsch, einen angesehenen Beruf mit guten Verdienstmöglichkeiten ausüben zu können, läßt den Praxisalltag außen vor.

#11 |
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Studentin der Pharmazie

Als ob jeder Medizinstudent Arzt wollen würde! Ich gebe offen zu, nicht besonders empathisch zu sein und eine soziale Ader – pfff. Hätte ich deswegen nicht Medizin studieren dürfen? Wollen die keine Wissenschaftler? Keine Fachjournalisten? Aber Hauptsache, ich kann Omis Händchen tätscheln.

#10 |
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Maren Wagener
Maren Wagener

Neben der angesprochenen Ökonomisierung des Gesundheitssystems (“Ich werde Arzt, da verdient man viel Kohle!”) entsteht das Problem der Studienplatzvergabe auch durch die extreme Leistungsorientierung der Gesellschaft (“Ich werde Arzt, weil ich GUT bin.”) Ein Medizinstudium wird gesellschaftlich oft höher bewertet als andere Studiengänge, wie z.B. Sprachen, Sozialwissenschaften oder BWL. Daher enthält ein Zulassungsbescheid zum Medizinstudium für viele Abiturienten auch jede Menge Selbstbestätigung. Man könnte sogar argumentieren, dass dieser Effekt bei Abiturienten, die sich (ihren persönlichen Wert) in hohem Maße über gute Noten definieren, besonders stark ausgeprägt ist. Natürlich definieren sich nicht alle Einserabiturienten über ihre Noten (!), aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie dies tun, ist vermutlich höher als bei Leuten mit einer 3 vor dem Komma.
Erhalten manche dieser Abiturienten keinen Studienplatz, weil ihre Persönlichkeit tatsächlich nicht geeignet ist um Arzt zu werden, dann werden sie das wahrscheinlich als “Schmach”, “Degradierung” oder eigenes “Versagen” empfinden. Es belastet also ihren Selbstwert.
Von dieser Einschätzung müssen wir weg. Jemand der nicht zum Arzt taugt ist deswegen kein schlechterer Mensch und Leute, die perfekte Ärzte abgeben, sind nicht allein aufgrund ihrer Fähigkeiten “wertvoller” als andere. Das ist deshalb so wichtig, weil das Lebensglück, oder zumindest die berufliche Zufriedenheit, jedes Menschen davon abhängt, dass der Beruf den eigenen Fähigkeiten und der eigenen Persönlichkeit entspricht. Ein “Ausscheiden” im Medizinertest darf daher nicht als Versagen verstanden werden, sondern als Einladung, den eigenen Berufswunsch kritisch zu hinterfragen. Viele Abiturienten haben idealisierte Vorstellung von ihren angestrebten Berufen und / oder keine genaue Vorstellung, wie der Berufsalltag aussieht, welche Fähigkeiten notwendig sind und was sie konkret erwartet. (Weder in der Schule noch im Medizinstudium wird normalerweise erwartet, dass Leute hohe Verantwortung für das Leben anderer tragen, in kurzer Zeit und unter hohem Druck lebensverändernde Entscheidungen treffen und 48 Stunden am Stück auf den Beinen sind. Ob man dazu in der Lage ist, erfährt man daher eigentlich erst bei Berufseintritt, wenn die langen Jahre für das Studium schon investiert sind. Die Durchhaltefähigkeit, die man braucht um immer wieder wochenlang ununterbrochen zu lernen, ist keineswegs die gleiche wie die – u.a. auch körperliche – Beanspruchung durch lange Klinikdienste.)
Daher muss für ALLE Abiturienten [eigentlich: ALLE Schulabgänger!] ein vernünftiges System der Berufsberatung geschaffen werden, dass unterschiedliche Berufe nicht nach irgendeinem gesellschaftlichen “Wert” sortiert, sondern danach, ob sie den individuellen Fähigkeiten und Vorlieben der Berufsanwärter WIRKLICH, IN DER PRAXIS entsprechen. Wer danach unsicher ist, der sollte zunächst über (reflektierte!) Praktika und / oder eine Ausbildung Einblick in die Realität des angestrebten Beruf suchen. Eine anschließende Umorientierung darf weder von den Schülern selbst noch von der Gesellschaft als “Scheitern” verstanden werden, sonder stellt ggf. einen reflektierten, sinnvollen Beitrag zum eigenen Lebensglück dar.
Erst mit einem auf diese Weise gefestigten Berufswunsch sollten Abiturienten ein Medizinstudium (oder welches Studium auch immer) anstreben. Sollte dann immer noch ein Überangebot an Bewerbern bestehen, könnten deren vorausgegangene Berufserfahrungen oder “Vor-Berufserfahrungen” sowie ihre Reflektion dieser Erfahrungen als Zulassungskriterium eingesetzt werden.

N.B.: Die hohe gesellschaftliche Relevanz des Arztberufs soll hier keineswegs in Frage gestellt werden! Allerdings wird hinterfragt, ob das hohe gesellschaftliche Ansehen des Berufs tatsächlich auf seine Bedeutung für die Patienten zurück geht, denn dann müssten eigentlich verwandte Berufe wie Pfleger*in oder Sanitäter*in ein ähnliches Ansehen genießen. Auch gibt es keinen ersichtlichen Grund, warum Chirurgen “wertvoller” sein müssen als Internisten. Im Gegensatz dazu werden viele menschlich hoch relevante (Dienstleistungs-)Berufe leider zunehmend (ökonomisch => gesellschaftlich) abgewertet (Erzieher*innen, die Mitarbeiter von Krankenhaus- und Schulküchen, die Müllabfuhr…). Der gesellschaftliche Stellenwert eines Berufs steckt eher in dem Geld, das man damit machen kann.

#9 |
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Ich habe die meisten Prüfungen als nicht sachbezogene Fallenstellerei erlebt- Multiple Choice war noch nicht erfunden. Als ich dann in Finnland die Prüfung wiederholen musste (damals wurden die Prüfungen noch nicht anerkannt), musste ich zu meiner Freude feststellen, dass alle Fragen die tatsächliche medizinische Arbeit und die dafür notwendigen Kenntnisse betraf. Außerdem waren mir meine Kollegen in der Arbeit am Patienten weit überlegen.Wir gingen mit unseren Dozenten und Professoren zusammen in die Sauna und redeten uns mit Vornamen an. Ich habe nie erlebt, dass ein Kommilitone “fertig gemacht” wurde oder als Lachobjekt diente.
Es muss wohl an unserer deutschen Beckmessermentalität liegen. So ist es eigentlich kein Wunder, dass es hierzulande den NC gibt, den wir haben.

#8 |
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Ärztin
Ärztin

So langsam nervt diese ganze Diskussion. Wer einen Platz haben möchte, weiß schon vor dem Abitur, dass man fleißig sein muss. Natürlich kann ein fauler Schüler auch intelligent sein aber jemand der nicht das Durchhaltevermögen hat, gut in der Schule zu sein, scheitert am Ende am Studium , denn sechs Jahre lang hartes Lernen ist nicht jeder Manns Sache und ich habe sehr viele Leute scheitern sehen. Aber natürlich sind alle ohne einen einser Schnitt geeigneter… ich kann es nicht mehr hören

#7 |
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Medizintechniker

ja, endlich tut sich mal was! Aber warum hat es die Ärzteschaft selbst es nicht fertiggebracht ein Eignungstest zu entwickeln? Der NC war das dümmste Kriterium! Aber wenn die Hochschulen schon nicht schlau sind, wie können dann Studiumabgänger schlauer sein?
Jetzt können sich alle mal zusammen setzen und gute Kriterien erarbeiten …. viel Erfolg

#6 |
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Student der Humanmedizin

In Kommentaren zum Thema Studienzulassung schwingt – jedenfalls für mich als Leser – oft die Annahme mit, dass es einen gewissen Typus Mensch gebe, der zwar gute Noten schreibt, aber in Bezug auf soziale Fertigkeiten ein so hoffnungsloser Fall ist, dass er besser gar nicht Arzt werden sollte. Der hier zitierte Herr Neugebauer wird darin ja sehr deutlich, indem er diesem Menschenschlag gleich mal die Verantwortung für das ökonomisierte Gesundheitswesen gibt (entweder unwissend oder unterschlagend dass hier politische Entscheidungen jenseits der Ärzteschaft zugrunde lagen und noch liegen) und diesen Themenkomplex mit dem Thema der fairen Studienzulassung vermengt.

Ungeachtet der Tatsache dass die meisten intellektuell begabten Menschen durchaus gute soziale Fähigkeiten besitzen: Kann man soziale Kompetenzen in einem Auswahlgespräch effektiv erfassen, ohne dabei größere Willkür einzuladen als sich aus den unterschiedlichen Abiturstandards ergibt? Kann man in einem achtzehnjährigen Studienbewerber bereits erkennen wie er als fertiger Mediziner im Team spielen wird? Und ist Teamfähigkeit wirklich eine individuelle Eigenschaft, auf die bei der Bewerberauswahl abgezielt werden sollte, oder nicht auch ganz wesentlich eine Frage von Organisation am jeweiligen Arbeitsplatz?

Meine persönliche, unverblindete und nicht-randomisierte Erfahrung ist dass mit ein wenig Zeit und im Wissen dass es zu den Zielen gehört nahezu jeder ein einfühlsames, auf den Patienten als Individuum eingehendes Gespräch führen kann. Gleichfalls habe ich unter solchen Voraussetzungen seltenst Probleme im Teamspiel beobachtet. Entweder ich bin nur charakterlich höchst geeigneten Menschen begegnet, die aus purem Zufall auch beim jetztigen Auswahlverfahren dort gelandet sind wo sie waren, oder der Grad an Empathie und Sozialkompetenz den jeder von uns aufbringen kann hängt auch wesentlich davon ab ob wir Zeit haben und uns bewusst werden dass wir eine Verständigung mit den Patienten und untereinander anstreben müssen.

Die Studienzulassung sollte einheitlich und fair sein. Aber man lädt diese Frage mMn. unzulässig auf, wenn man sie mit der Idee, man müsse – oder könne überhaupt! – hier von vornherein die “richtigen” Menschen für den Arztberuf selektionieren, und stellt damit nicht zuletzt auch unlösbare Anforderungen an ein Verfahren dass zunächst einmal für Gerechtigkeit unter den Bewerbern sorgen muss.

#5 |
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Warum nicht das Auswahlverfahren in Relation ändern.
40% Abinote – 20% AdH – 40 % Wartezeit oder ähnlich
Dann kämen auch 2er Kandidaten schneller zum Zuge

#4 |
  9
Gast
Gast

Ich finde es unglaublich, wohin diese Diskussion gerade in den Medien führt. Als ob fachliche Kompetenz im beruflichen Alltag unnötig ist. Als ob soziale Kompetenz das ausschlaggebende Kriterium ist. Im Vordergrund steht meiner Meinung nach immer noch die fachliche Eignung und hierzu muss man viel lernen und auch ganz viel verstehen. Als ob jeder der auswendig lernen kann, auch ein Medizinstudium schafft. Genauso wird es leider dargestellt.

„Mediziner kann jeder werden, der gut lernen kann, aber Arzt nicht.“
Ist das nicht ein wenig abwertend? Als ob es total einfach ist die medizinischen Fachinhalte zu lernen. Das ist jede Menge Arbeit und dafür brauch man auch ein wenig Intelligenz. Wenn wir den Zugang für Leute erleichtern, die intellektuell nicht in der Lage sind Medizin zu studieren, finde ich das falsch. Alles auf die soziale Kompetenz auszurichten ist ein falscher Weg.

Solche Beiträge sind Populismus pur und überhaupt nicht differenziert.

#3 |
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Christian
Christian

Da muss man allerdings sagen dass die MHB als Privatuni auf dicke Hose macht und hier etwas heuchlerisch ist. Auch mit absolvierten Ausbildungen u.a. als Krankenpfleger und zusätzlicher Tätigkeit im Rettungsdienst, Kind einer Großfamilie und ehrenamtlicher Arbeit – hat die MHB mich nicht mal zum Gespräch geladen. Meinen 18 jährigen Bruder mit besserem Abi aber schon.

Völlig egal was sie an den AdHs ändern bis 2020, solange Ausbildungen und 12 Wartesemester nicht deutlich an Bedeutung gewinnen.

#2 |
  3
Pflegepädagogin

Ich würde dreist behaupten, die Aussage des zitierten Kollegen ließe sich auch auf das Studium selbst ausweiten. Denn wenn die Ausbildung zu einem Beruf, der neben Faktenwissen ein Höchstmaß an sozialen Kompetenzen erfordert, aber nur mit Faktenwissen füttert, fault doch bereits da etwas…

#1 |
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