Wem nützt Cannabis auf Rezept wirklich?

22. Dezember 2017

Der erste Hype um Cannabis auf Rezept ist vorbei – von einzelnen Ausreißern abgesehen. Ärzte und Apotheker sind sich aber einig: Bei ausgewählten Indikationen kann die Medikation helfen. Eine neue Übersicht bewertet, bei welchen Beschwerden der Einsatz sinnvoll ist.

„Kiffen auf Staatskosten – Polizei in München muss Mann Joint erstatten“ – solche Schlagzeilen sind in den letzten Wochen selten geworden. Auch das anfängliche Interesse vieler Patienten an Cannabis als Medikament lässt langsam, aber sicher nach. „Das hat sich wieder relativiert“, sagte der Landesvorsitzende des Berufsverbands der Schmerztherapeuten, Ingo Palutke. Seiner Erfahrung nach habe sich herumgesprochen, dass cannabishaltige Arzneimittel nur für einen stark eingeschränkten Patientenkreis zugelassen seien und die Krankenkassen eine solche Behandlung deshalb häufig ablehnten.

Palutke weiter: „Der Hausarzt besetzt die Schlüsselposition auf dem Behandlungspfad, da er erste Anlaufstelle ist und die Weichen für den weiteren Verlauf der Therapie stellt.“ Allerdings betreten viele Ärzte Neuland, das Wissen über den therapeutischen Nutzen von medizinischem Cannabis ist häufig unzureichend. Ihnen hilft eine kürzlich veröffentlichte Meta-Studie von Privatdozentin Dr. Eva Hoch, Forscherin am Klinikum der Universität München.

Kiffer im Versuchslabor

Zusammen mit Kollegen hat Hoch mehr als 2.100 wissenschaftliche Studien ausgewertet – und ist teilweise auf frustrierende Ergebnisse gestoßen. „In den letzten zehn Jahren ist vor allem ein deutlicher Anstieg der wissenschaftlichen Literatur zu vermerken, die sich mit den Risiken des Cannabiskonsums zu Rauschzwecken befasst“, berichtet Hoch. Beispielsweise gibt es klare Hinweise auf Einschränkungen bei der Gedächtnisleistung, der Aufmerksamkeit und der Psychomotorik – bis hin zu schlechteren Bildungserfolgen. An bestimmten Gehirnregionen mit vielen Cannabinoid-Rezeptoren wie der Amygdala und dem Hippocampus treten strukturelle Veränderungen auf, was entsprechende Beobachtungen erklären könnte.

Die Forscherin kann anhand von Papers auch zeigen, dass unsere Atmung sowie das Herz-Kreislauf-System Schaden nehmen. Entgegen früheren Vermutungen gab es jedoch keinen Zusammenhang zwischen dem Cannabiskonsum und Krebserkrankungen im Bereich von Kopf, Hals oder Lunge. Mögliche Effekte stehen eher mit Tabak oder Alkohol in Zusammenhang. Allerdings fand die Wissenschaftlerin signifikante Assoziationen mit Hodenkrebs.

Nicht zuletzt erhöhte sich durch Cannabis das Verkehrsunfallrisiko um den Faktor 1,25 bis 2,66. Unklar ist jedoch, welche Menge an aktiven Substanzen in den Körper gelangt ist oder ob zusätzlich Alkohol im Spiel war.

Schmerz, lass nach

Im medizinischen Bereich fand Hoch vor allem Hinweise für einen Nutzen bei Übelkeit, Erbrechen oder Inappetenz. Davon profitieren beispielsweise Patienten mit Krebserkrankungen, speziell bei der Chemotherapie. Auch bei HIV/AIDS könnte Cannabis einen Mehrwert bieten.

Deutlich schlechter war die Datenlage bei chronischen Schmerzen. Hier gab es nur Hinweise auf eine leichte Verringerung der Beschwerden. Meistens wurde Cannabis zusammen mit anderen Analgetika eingesetzt. „Die Daten sprechen derzeit eher nicht für eine substantielle Reduktion der Symptomatik“, fasst Hoch zusammen. Auch bei Patienten mit Spastiken aufgrund von Multipler Sklerose oder Paraplegie gebe es „subjektive, jedoch nicht ausreichend objektivierbare Hinweise für eine Besserung der Symptomatik“. Und bei gastrointestinalen, neuroinflammatorischen, neurologischen oder psychischen Erkrankungen fehlen eindeutige Hinweise.

Ein Versuch kann sich lohnen

Die Daten bieten eine Chance für Ärzte, Patienten auszuwählen, bei denen es zumindest eine gewisse Chance auf Therapieerfolge gibt. Bleibt als gute Nachricht zum Schluss: Zwar traten in den analysierten Studien Nebenwirkungen auf. Diese waren durchwegs leicht und nur vorübergehend. Alle beim unsachgemäßen Gebrauch genanten Effekte spielen therapeutisch eine untergeordnete Rolle.

43 Wertungen (2.6 ø)

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21 Kommentare:

Gast
Gast

@20 Hanf ist aber auch nicht gleich Hanf. Die Nutzpflanze auf dem Feld hat kaum etwas mit dem Hochleistungspflänzchen zu tun die für berauschende Zwecke angebaut werden. Ich stimme zu dass Cannabis und Hanf oft fälschlicherweise verteufelt oder verkannt werden (ich erinnere mich an Kinder die versuchten die Blätter eine Kastanie zu rauchen weil sie dachten dass sei das “Spaß-Gras”) aber dass da eine gezielte Verschwörung dahinter steht, wage ich zu bezweifeln.

#21 |
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Gast
Gast

CBD wird sehr erfolgreich eingesetzt bei Krebspatienten, diversen entzündlichen Prozessen, zur Schmerztherapie, Epilepsie, COPD.
Was irritiert, ist, dass stets von Cannabis geredet wird und kein Bezug genommen wird auf Was für ein Cannabis, welche Sorte, wieviel THC, CBD, CBN, CBG?
Leider ein weiterer Artikel mit mehr Propaganda Mitteilung als wirklich neuer Information. Und es gibt genügend neue Informationen zu Cannabis.

Vor ca. 100 Jahren war der Plan aus der Hanfpflanze nicht nur Medizin herzustellen, sondern auch: Kleider, Papier, Möbel, Plastik, Seile, Automobile (Ford T-Modell) und auch Benzin. Um nur einige Einsatzgebiete der Hanf Pflanze zu nennen.
Die politische und gesellschaftliche Einstufung von Cannabis als Droge geht auf die Kräfte zurück die vor ca. 100 Jahren verhindert haben, dass der Hanf die ideal schnell nachwachsende Nutzpflanze für die Menschheit ist.
Fast alle unsere Großeltern hatten Hanf im Garten.

#20 |
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Gast
Gast

Naja, der Punkt des Artikels war ja dass es eben kaum Studien zum medizinischen Nutzen von Cannabis gibt sondern hauptsächlich welche die sich mit dem Missbrauch beschäftigen und dass die wenigen die wir haben unzulänglich sind. THC-haltige Medikamente an sich sind nicht viel neues aber es geht hier hauptsächlich um die rauchbare Darreichungsform. Meiner Meinung nach sagt der Artikel nur aus dass da Forschungsbedarf besteht. Und dass Nutzen, wie auch Risiken, kritisch und objektiv zu betrachten sind.

#19 |
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Krankenpflegehelfer

„subjektive, jedoch nicht ausreichend objektivierbare Hinweise für eine Besserung der Symptomatik“
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

#18 |
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Gast
Gast

Das ist alles nur deutschlandtypisch: Selbst Staaten wie
Kalifornien, wo der Krieg gegen Rauschdrogen erklärte Sache war, schwenkten längst um und legalisierten diese Heilpflanze.Wovon hier gedacht wird, wird nicht immer Sein und Wahrheit sein.Often ist aufgrund von vorurteilshaft verweigerten Mediakationen Selbstmedikation angezeigt:Selbst Wein ist mir die beste Arznei, auch wenn der medizinell wohl gar nicht mehr verordnet wird.(Gab es früher auch mal in der Apotheke) Philosophisch-wahrheitsentsprechend darf der arzneilich-therapeutische Wert dieser Pflanze nicht unterschätzt werden, ebenso wie ein Abusus streng verurteilt werden muß.

#17 |
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Gast
Gast

also ich nehme seit 2 monaten dronabinol. ich habe mehere banscheibenvorfälle und künstlichen wirbel mit versteifung.
kurzum ich habe nervenschmerzen und allgemein schmerzen. ich habe 7 jahre oxicodon usw genommen, aber die schmerzen sind nie weggegangen. jetz, da ich dronabinol nehme habe ich 6 bis 8 stunden teilweise ruhe.

#16 |
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Gast
Gast

Ich leide seit einer Rektopexie-OP unter permanenter Übelkeit. Alle Standardmittel wie Haldol, Vomex, Dexamethason usw. helfen nicht. Da wollte das Krankenhaus eine Therapie mit Dronabinol starten. Habe es drei Tage im Krankenhaus bekommen ohne nennenswerte Wirkung oder Nebenwirkungen. Sollte die Therapie fortsetzen was letztlich an der Nichtgenehmigung der Krankenkasse gescheitert ist. Übelkeit sei keine Krankheit und damit nicht therapiewürdig für Cannabis. Obwohl man weiß, dass es gegen Übelkeit helfen kann?!
Ich fühle mich von den Ärzten leider überhaupt nicht ernst genommen und total allein gelassen. Was wenn Cannabis das einzige ist was mir helfen würde? Dann bin ich in einem Jahr gestorben aufgrund der nicht therapierten permanenten Übelkeit. Aber wen interessiert das?
Was hilft es, wenn eine Meta-Studie einen Nutzen aufzeigt, Patienten aber nicht in den Genuss dieses Wirkstoffs kommen weil er für die Krankenkassen zu teuer ist. Da kann man sich solche Studien auch gleich sparen.

#15 |
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Gast
Gast

Es ist und bleibt augenfällig: Geht es um Cannabis, werden Äpfel mit Birnen verglichen, werden Studien in Metastudien zusammengefasst, die von der Erhebungsidee, Fragestellung ect.pp. nicht im Entferntesten zusammen passen, nur um etwas gegen Cannabis ins Feld zu führen, geht es aber um Alkohol schweigt die hetzende Meute fein still.
Missbrauch gbit es über all. Aber sicher am meisten beim Alkohol.
Bei Cannabis ist zumindest in Teilbreichen der Konsum als helfend belegt. Die Ausführungen von # 13 Alex Baird-Winter sind vollumfänglich korrekt. Kleinste Mengen von Alkohol, so zeigen jüngste Studien hingegen, sind von Beginn an toxisch. Ich möchte sicher niemanden seinen Wein, sein Bier etc. madig machen, aber diese negative Einstellung zu Cannabis erinnert an alte dunkle Zeiten, da man, ob besseren Wissens, kräuterkundige Frauen schnell der Hexerei bezichtigte…. Hauptsache irgend eine Sau wird durchs Dorf getrieben….

#14 |
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Alex Baird-Winter
Alex Baird-Winter

Die Aussage dieser Studie ist nebulös und indifferent. Wer nicht weiß, dass Cannabis längst nicht gleich Cannabis ist, sollte die Hände bzw. den Geist von Studien über Themen mit hochkomplexen Zusammenhängen lassen – so können gewisse Sorten den Schlaf rauben, während andere den Patienten in Tiefschlaf katapultieren; Viele Sorten können den Appetit steigern, oder Übelkeit wirksam unterdrücken, aber es gibt auch welche, die auf dieser Ebene nicht wirken…
Mit Schmerzbekämpfung, Effekten bei inflammatorischen Prozessen, Unterstützung im psychiatrischen Sektor u.v.m. ist es ähnlich: Manches wirkt, manches kaum, manches gar nicht, manches ist kontraindiziert.
Das Potential dieser uralten Kulturpflanze ist riesig, ob medizinisch oder sozial (durch Entkriminalisierung) gesehen – aber es scheint, als ob sich die vielen selbst ernannten “Gutmenschen” auf Teufel komm raus um Veränderungen drücken wollen. Solche Berichte helfen in keinster Weise, sondern stellen nur weitere Munition für eine selbstgefällige “Opposition” dar. Wann werden endlich wissenschaftlich saubere Studien durchgeführt?

#13 |
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KWR
KWR

Die Hauptaussage der Metastudie von Frau Dr. Hoch lautet, dass die lückenhafte Studienlage kaum abschließende Bewertungen zulässt. Ich hätte es ehrlicher gefunden, wenn eine solche Aussage vor der Auflistung der möglichen Risiken erwähnt wodern wäre (die Gewichtung in desem Text orientiert sich eher an der Pressemittelung der Drogenbeauftragten). Darüber hinaus scheint mir in der Studie eine problematische Vermischung von natürlichem Cannabis und Legal Highs vorzuliegen.

#12 |
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Gast
Gast

Aus der Praxis:
Seit Jahren MS-krank und entsprechend mit Neurologika und Psychopharmaka rundum versorgt. Therapieerfolg mit bekannter Symptomatik: Das Alltagsleben erheblich beeinflussende Bewusstseinsdämpfung. Die Schmerztherapie führte zu weiteren Einschränkungen der Beweglichkeit. Häufig auftretende Depressionen mit Suizidwünschen. Ein Teufelskreis.
Die Hausärztin schlug einen Versuch mit Cannabis-Mundspray als Ersatz vor. Ergebnis nach kurzer Zeit und anhaltend: Bewusstseinsdämpfung und Depressionen verschwunden, Beweglichkeit wieder hergestellt.

#11 |
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Gast
Gast

Ich denke das System ist aktuell noch nicht offen genug, dass die Vergleichbarkeit wirklich gewährleistet ist. Mein Fall ist das beste Beispiel dass man nicht nur auf die Statistik zählen kann. Ich nehme ausschließlich Cannabis(blüten) und stehe wieder mitten im Leben nach vielen Jahren der Qual.

#10 |
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Altenpfleger

Oberflächlicher Bericht mit wenig Aussagekraft. Konkrete hinweise, bei welchen Krankheiten und Symptomen Cannabis hilft bzw. einen Nutzen hat, fehlen schlichtweg. All das, obwohl Patienten in der Praxis gegenteiliges berichten!

#9 |
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Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann
Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann

Mir ist der Informationswert des Artikels nicht ganz klar.
Ich denke, wenn man querbeet 2.000 irgendwie erstellte Studien über gerauchtes Pfefferminzkraut auswertet, käme man zu ähnlichen Ergebnissen, obwohl Mentha piperita anerkannt gegen alles mögliche hilft.
Wenn es keine Erhebungen über positive Wirkungen des Hanfs gibt, wird es ja langsam Zeit, daß man Abhilfe schafft, es ausprobiert und dokumentiert. Der Einsatz der meisten anderen Medikamente am Pat. passiert ja auch nach der Methode try an error, also nichts Neues.

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Sie
Sie

Mir, denn ich habe ich Aktien investiert.

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Max Schlommski
Max Schlommski

@Gast 2/4, die besoffenen auf dem Weihnachtsmarkt lassen mich mehr am Verfall eine Kultur glauben wie eine ärztlich begleitete THC Therapie….

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Max Schlommski
Max Schlommski

Verkehrsunfallrisiko ist Quatsch! Bei entsprechender verordneter Einnahme tritte in gewöhnungseffekt ein und beispielsweise in der Schweiz wird nach einer gewissen Zeit geprüft ob man wieder am Strassenverkehr teilnehmen kann. Diese Prüfungen werden zumindest nicht wegen Cannabiskonsum negativ bewertet, es spielen immer andere Dinge bei einer Nichtgenehmigung eine Rolle.

Und das irgendwo THC haltige Medikamente ohne weitere Kontrollen verabreicht werden darf normalerweise nicht sein.
Aber wie immer, die Pharmaindustrie verdient an Cannabis nichts und es gibt mehr wie genug “Wissenschaftler” die geneigt sind entsprechend positive Erfahrungen herunter zu spielen oder gänzlich weg zu lassen….

#5 |
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Gast
Gast

Die fast immer unbegründete Befürwortung von Drogen (insbesondere auch Cannabis) für medizinische Zwecke bedeutet für mich einen kulturellen Verfall, eine Untugend und ein weniger an Zivilisation.

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Manfred L. DIETWALD, Apotheker
Manfred L. DIETWALD, Apotheker

#2) Anonymen Unfug brauch man nicht lesen und ist trotzdem im Vorteil.

#3 |
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Gast
Gast

Wer lesen kann, ist im Vorteil: “Zusammen mit Kollegen hat Hoch mehr als 2.100 wissenschaftliche Studien ausgewertet”. Es würde mich sehr wundern, wenn es bei solch einer Auswertung von Studien, die ja unter sehr unterschiedlichen Fragestellungen durchgeführt wurden, tatsächlich zu einer einheitlichen Bewertung des Verkehrsunfallrisikos gekommen wäre. Bei vielen der Studien ging es ja offenbar um den Gebrauch/Missbrauch von Cannabisprodukten zu Rauschzwecken.

Ganz im Gegenteil zu Ihrer Einschätzung halte ich es für wissenschaftlich gllaubwürdiger, die sehr unterschiedlichen Studienergebnisse zu erwähnen, statt z.B. einfach Mittelwerte o.ä. zu bilden.

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“Nicht zuletzt erhöhte sich durch Cannabis das Verkehrsunfallrisiko um den Faktor 1,25 bis 2,66. Unklar ist jedoch, welche Menge an aktiven Substanzen in den Körper gelangt ist oder ob zusätzlich Alkohol im Spiel war.”

“Daumen mal Pi” oder: So ruiniert man seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit.

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