Seekrankheit: Schwank aus der Medizin

6. Mai 2010
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Schon ewig plagen sich Seefahrer mit ihr herum - im Zuge von 3D bekommen jetzt auch Cineasten Probleme mit der Seekrankheit. Bewährtes hilft, hat aber Nebenwirkungen. Dabei gibt es laut eines Wiener Professors ein einfaches Mittel: Ascorbinsäure.

In den Kinos hat die neue Technik ganz furios Einzug gehalten. Filme, die den Zuschauer so realistisch wie noch nie zuvor auf Reisen durch die Luft oder in die Tiefen des Meeres mitnehmen. 3-D Filme wie etwa „Avatar“ nehmen manchen Zuschauer aber auch so sehr mit, dass er mit verkrampftem Magen, kaltem Schweiß und bleichem Gesicht das Kino lange vor dem Ende verlässt.

Schweine werden nicht seekrank

Die Irritationen bei der Seekrankheit, die nichts anderes als ein „Bewegungsschwindel“ ist, reichen vom leichten Unwohlsein bis zur vollständigen Magenentleerung. Dabei spielt der Sehsinn eine wichtige, aber nicht die einzige Rolle. So werden auch Blinde seekrank, nicht aber taubstumme Personen mit defektem Gleichgewichtsorgan. Frauen sind sensibler als Männer. Ratten und Mäuse, ja sogar Fische (wenn man das Aquarium dreht) leiden unter der Verwirrung der Sinne, nicht aber Schweine. Warum? Das, so ist Jarisch überzeugt, hängt mit dem Histamin-Stoffwechsel zusammen.

Schweine produzieren als Allesfresser große Mengen des Histamin-abbauenden Enzyms Diaminoxidase, mit denen es ihnen auch leichter fällt, etwa verdorbenes Fleisch mit großen Histamin-Konzentrationen zu verwerten. Studien und Tierversuche geben eindeutige Hinweise dafür, dass überschüssiges Histamin zu den Symptomen bei Seekrankheit führt. Blockiert man bei Ratten den Abbau der Aminosäure Histidin zu Histamin, zeigen sie keinerlei Symptome. Ebenso verhält es sich bei Tieren, deren Histamin-Rezeptor inaktiviert wurde.

Widersprüchliche Informationen von Auge und Innenohr

Seine Augen hinter der 3-D Brille melden dem Zuschauer den Flug durch den Raum, während ihn sein Körper über Propriozeptoren und Bogengänge über die bequeme Sitzposition im Kinosessel informiert. Das verwirrt die zentrale Steuerung. Im Kino passiert genau das Umgekehrte, was Touristen, aber auch vielen alten Seebären in den ersten Tagen nach der Ausfahrt auf Schiff zu schaffen macht. Wenn das Auge sich an den scheinbar ruhigen Umrissen des Schiffs festhält, aber die Sensoren unseres Körpers ständig unregelmäßige Bewegungen vermelden, werden die meisten von uns seekrank. Der Fachjargon dafür: Kinetose.

Salzbrezeln, warme Cola, Akupressur oder Ingwer, ja sogar Spezialbrillen mit Horizontalbalken sollen gegen die Übelkeit helfen. Sensible Personen berichten, dass sie sogar den Wunsch hatten zu sterben. Angeblich sollen Passagiere schon festgebunden worden sein, um sie am Sprung über Bord zu hindern. Ein Mediziner aus dem eher meerfernen Österreich will eine einfache Kur gegen das Leiden gefunden haben. Einfach etwas Ascorbinsäure – Vitamin C – und die Beschwerden seien vorbei. Für einen ersten Test seiner These nützte Reinhart Jarisch, Leiter des Allergiezentrums in Wien-Floridsdorf, das Wellenbecken des Marinestützpunkts im holsteinischen Neustadt. 50 Männer und 20 Frauen erprobten im Gummi-Rettungsfloß bei hohem Wellengang ihre Seefestigkeit. Tatsächlich mussten 23 Probanden das Floß vor Ablauf des 20-Minuten-Sturms verlassen.

Auch im Blut der Seekranken in Neustadt stieg der Histamin-Spiegel stark an. Deswegen verwundert es auch kaum, dass es sich bei der Mehrzahl der gängigen Mittel gegen die Übelkeit auf Schiff um Antihistaminika handelt. Cinnarizin und Dimenhydrinat haben sich dabei bewährt. Scopolamin ist ein Antagonist von Acetylcholinrezeptoren, Andockstationen für Neurotransmitter im Gehirn. Beide Wirkstoffgruppen haben jedoch Nebenwirkungen: Unter anderem Müdigkeit und Trübung des Sehsinns.

Histaminsenkung durch Vitamin C?

Das Rezept von Reinhart Jarisch käme fast ohne Begleitscheinungen aus. Vitamin C ist auch in höherer Dosierung weitgehend harmlos. Wahrscheinlich, so vermuten Experten, ist es am Abbau von Histamin direkt oder indirekt beteiligt. Es hilft, so Jarisch, nicht nur bei Übelkeit auf See, sondern auch bei Mastozytose. Auch dort erhält der Körper mehr Histamin, als er braucht. 

Zur Wirkung von Vitamin C gibt es zwar eine Reihe von Erfahrungsberichten, aber bisher keine handfesten Beweise aus einer Studie. Auch der Test in Neustadt hat das nicht geändert. Nur bei Frauen und Teilnehmern unter 28 Jahren war der Effekt einer Vitamin-C Gabe signifikant besser als ein Placebo. Bezogen auf alle Teilnehmer half das Vitamin nur tendenziell gegen die Übelkeit.

Dennoch denkt das schifffahrtsmedizinische Institut der Marine über eine Langzeitstudie mit Vitamin C nach. Bis dahin raten Seebären und Mediziner, alles zu vermeiden, was viel Histamin freisetzt: Rotwein, Hartkäse, Salami oder Schokolade. Wer es sich leisten kann, hat auch noch eine weitere geprüfte Option zur Senkung seines Histamin-Spiegels: Im Schlaf wird Histamin schneller abgebaut. Im 3-D Kino dürfte das aber keine Hilfe gegen zu viel Realität auf der Leinwand sein.

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Medizin, Pharmazie

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14 Kommentare:

Psychotherapeutin

Zur Frage im Kommentar Nr. 4 von Herrn Daniel Küpper:

Zwar ist bekannt, dass Neuroleptika eine symptomreduzierende Wirkung bei vestibulärem Schwindel und somit auch damit zusammenhängender Übelkeit haben. Neben ihren Wirkmechanismen an Rezeptoren des dopaminergen Systems bestehen auch Einflusse im Neurotransmitter-Bereich auf Rezeptorebene hinsichtlich Histamin, was somit als inhibitorisch über Senkung der dortigen Histamin-Verfügbarkeit mit der Linderung bei vestibulären Irritationen und der Schwindel- und Übelkeits-Symptomatik in Verbindung gesehen werden kann.
So nannte zwar auch ein Neurologe das Depot-Neuroleptikum-Präparat Imap als entsprechend wirksam bei Schwindel.
Jedoch sollte eine Neuroleptika-Medikation hier für völlig kontraindiziert erklärt werden, da man für diese eine dann bei vestibulärem Schwindel erwünschte Wirkung nicht die ‘eigentlichen’ Wirkungen der Neuropeltika und deren Einflüsse auf die Neurotransmitter-Systeme quasi ‘in Kauf nehmen’ kann. Neuroleptische Medikation sollte sicherlich ausschließlich bei strenger, zwingender Indikation hinsichtlich des eigentlichen Indikationsbereiches erfolgen. Auch ohne Symptome der Seekrankheit bagatellisieren zu wollen, wäre eine Neuroleptika-Gabe dagegen als ein ‘Mit Kanonen auf Spatzen schießen” unbedingt als nicht indiziert abzulehnen.
Die Vitamin C Wirkung einer Senkung von Histamin-Ausschüttung scheint ja eine gute Alternative zu Antihistaminika zu sein. Wird dies auch im allergologischen Fachbereich als interessant hinsichtlich ergänzender oder ersetzender Medikation diskutiert?

#14 |
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Na ja, diese Erkenntnis ist ja nun nicht wirklich neu. Kann zwar keine Lit.angabe machen, aber auf der Uni wurde das schon vor 10 Jahren gelehrt…

#13 |
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Uwe Dietze
Uwe Dietze

Ich habe mal einen Versuch mit Cinnarizin gemacht, als Nebenwirkung konnte ich dafür eine endlose Nacht nicht schlafen. Meine Empfehlung war seither immer Superpep-Kaugummi. Der enthält Diphenhydramin, welches im Bedarfsfall schnell freigesetzt wird. Man kann es sich leisten damit zu warten bis es nötig wird und erspart sich möglicherweise die Therapie ganz wenns doch nicht so schlimm kommt. Die sedierende Nebenwirkung des Antihistamins ist schließlich nicht immer erwünscht.

#12 |
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Apothekerin

Ein Hinweis am Rande an Herrn Dr.Lederer:
Der Begriff “taubstumm” sollte heutzutage für gehörlose Menschen nicht mehr verwendet werden, da diese ihn als abwertend und diskriminierend empfinden.

#11 |
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Medizinjournalist

Ich zitier mal Dr. Jarisch (aus bereits erwähnten “Yacht”-Artikel):”Mindestens zwei Gramm Vitamin C ta¿glich ko¿nnen die Seekrankheit unterdru¿cken. Beim Auftreten von Symptomen sollte zusa¿tzlich Vitamin C in Form von 500-mg-Kautabletten u¿ber die Mundschleimhaut aufgenommen werden. So wird vorhandenes Histamin abgebaut.”

Erklärung: über die Mundschleimhaut gelangt Ascorbinsäure sehr schnell ins Blut. Denn da liegt auch die Krux: Die Aufnahme über den Darm ist sehr ineffizient. Weil sie auch sehr schnell abgebaut wird, rät Jarisch zu diesen hohen Werten.

#10 |
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Dr. Ilse Glatzel
Dr. Ilse Glatzel

Seekrankheit und Vitamin C
hier fehlt die Mengenangabe
Einnahmehmnodus wie , wie oft
meist werden viel zu hohe Mengen Vitamin C geschluckt,
die der Körper bald über die Niere abbaut.

SVit. C Spiegel halten wäre wahrscheinlich bei längeren Törns gut .
Dr. Glatzel Ilse

#9 |
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Renate Utke
Renate Utke

wenns hilft…gerne
aber die tips zu dem, was weg gelassen werden sollte
sind immer zu beachten….

#8 |
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Dr.med Egon Stadtfeld
Dr.med Egon Stadtfeld

Zu 5 : Ob und wie stark es gegen Seekrankheit hilft, das gut XITIX, ist ungewiss.Eines ist sicher: 1/2 Tbl tgl.Oberkiefer-A buccal abwechselnd re u. li und Parodontitis, Zahnfleichbluten und Taschenbildung sind Vergangenheit.
Obwohl oral als Scorbut Med. anerkannt. ersetzen selbst Privatkassen Xitix meist nicht.Egal! Das Ergebnis ist
f R A P P A N T:

#7 |
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Dr. med.dent Uwe Dietrich
Dr. med.dent Uwe Dietrich

als skipper bei verschiedenen segeltörns habe ich die besten erfahrungen bei seekranken crewmitgliedern mit scopolaminpflastern – auf den proc.mastoideus geklebt-
als prophylaxe gemacht.

#6 |
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Vitamin C zur Linderung der Seekrankheit ist tatsächlich altbekannt, die vermuteten Mechanismen nun etwas klarer. Der Histaminbezug klingt logisch, dennoch sind wir gespannt auf weitere Untersuchungen. Selbes Vit C reduziert ja auch die Symptome der Sonnenallergie, somit ein doppelter Nutzen für hellhäutige Segler in sonnenreichen Gefilden. Vielleicht auch vor Besuch eines 3D-Kinos anwendbar: Ingwer kann auch einfach inform von Lutschtabletten genommen werden, hilft schnell und nebenwirkungsfrei, habe beste Erfahrungen beim Segeln damit. Freundlicher Gruss und einen schwankungsfreien Sommer !

#5 |
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Altenpfleger

Von Neurotransmitter war die Rede. Welche Wirkung hat Haloripridol auf die Seekrankheit?
Ich habe gehört, die psychologische Wirkung von Haloriperidol sei zufällig entdeckt worden, als man nach einem Mittel gegen Seekrankheit gesucht hatte. Stimmt das usd wieso?

#4 |
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Der Inhalt des Artikels ist nicht neu. Bereits vor einigen Jahren wurde ein ähnlicher Artikel in der Zeitschrift Yacht veröffentlicht. Leider ist es mir nie gelungen, diesen noch mal zu bekommen.
Wenn ich mich richtig erinnere war damals die Empfehlung allerdings so,
täglich 1000mg Vitamin C mindestens 4 Wochen vor Beginn des Segeltörns einzunehmen.
Histaminreiche Nahrungsmittel sind selbstverständlich zu meiden.
Ingwerwasser als Antiemetikum ist aus der Onkologie bekannt.
Rezeptur: 5 Scheiben Ingwer mit heißem Wasser übergießen und schluckweise trinken.
Dr.Zindel, Internist

#3 |
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Roelof de Haan
Roelof de Haan

wir,meine kollege drs.martin roovers und ich haben seit einige jahren hohere dosis vit c geschluckt und koenten beim navigation am kartentisch laenger in die kajute verbleiben.das bei windstaerke 7-8 bft mit segelschiff auf der nordsee

#2 |
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Dr. Erich Behrendt
Dr. Erich Behrendt

Die hier dargestellten Ergebnisse sind über ein Jahr alt. Nur weil Seekranke einen erhöhten Histaminspiegel haben, daraus eine Kausalität abzuleiten erscheint sehr gewagt. Da müsste man schon sehr viele andere Parameter testen. Ich denke, da steigt noch einiges andere stark an. Und je nach Signifikanzniveau kann ein Zusammenhang zwischen der Gabe von Vitamin C und des Rückgangs des Schwindels in einer Teilgruppe (warum gerade dieses Alter?) bei kleinen Stichproben zu einem Zusammenhang führen. Vielleicht hilft die Gabe von Vitamin C ja denjenigen, die generell zu wenig Vitamin V zu sich nehmen. Nur eines ist klar: Wenn es hilft, dann ist Vitamin C eine gute Wahl.

#1 |
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