Protestapothekerin: Es brodelt an der Basis

7. Dezember 2012
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Bessere Honorare, mehr Basisdemokratie: Kollegen zeigten sich zuletzt selbstbewusst. DocCheck sprach dazu mit Gabriela Aures, Inhaberin der Rathaus-Apotheke im bayerischen Gaimersheim. Sie wurde durch deutliche Worte beim Apothekertag und durch nackte Proteste bekannt.

Gabriela Aures weiß sich zu wehren: Nur mit einem Apotheken-A „bekleidet“, ließ sie sich Mitte August fotografieren. Ihr Motto: „Herr Rösler, in welche Tasche wolle Sie uns noch greifen?“ Damit erregte sie bundesweit Aufmerksamkeit, auch über die Grenzen des Berufsstands hinweg. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) antwortete ihr – und bewertete 1,75 Euro als „faire Ausgangsbasis für die folgenden Verhandlungen zwischen Kassen und Apothekern“. Den GKV-Spitzenverband tangieren solche Äußerungen wenig. Das Resümee: Zwei Gesprächsrunden zum Kassenabschlag scheiterten.

Monopol hinsichtlich Macht und Meinung

„Die Kassen haben eine Vormachtstellung, die sie brutal und rücksichtslos ausnutzen“, sagt Gabriela Aures. „Ich habe oft das Gefühl, wenn die Kassen der Politik etwas einflüstern, dann wird das so gemacht.“ Sie kritisiert „eine gewisse Monopolstellung, was Macht und Meinung angeht“, hat aber eigene Wege des Widerstands gefunden. Kunden, die Rabattverträge ausbaden, bekommen einen Vordruck für Ihre Versicherung mit, und Aures dokumentiert diverse Probleme. Zusammen mit Belegen können Kunden die Protestnote bei ihrer Versicherung abgeben und Gelder einfordern, nach dem Motto „steter Tropfen höhlt den Stein“. Auf Bundesebene hat der Konflikt zwischen Kassen und Apothekern längst eine andere Tragweite erreicht.

Auf ganzer Linie gescheitert

Während DAV-Funktionäre beim Abschlag aus ökonomischer Argumentation mit 1,75 Euro rechnen, würde der GKV-Spitzenverband nur allzu gerne den aktuellen Obolus von 2,05 Euro zementieren. Laut DAV sei es jedoch an der Zeit, geänderten Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen. Neben schlechteren Einkaufskonditionen stöhnen Apotheken auch unter der allgemeinen Teuerung. Der Kassenabschlag müsste GKV-spezifische Aufwendungen der Apotheker komplett abbilden, fordern Kollegen. Angesichts tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten scheiterten Gespräche am 17. Oktober und am 14. November. Dazu DAV-Chef Fritz Becker: „Falls der GKV-Spitzenverband den Ausgangswert für die Verhandlungen anders sehen sollte, wird der Deutsche Apothekerverband sehr schnell die Schiedsstelle anrufen.“ Über deren Besetzung scheiden sich indes die Geister: Dr. Rainer Daubenbüchel, ehemaliger Präsident des Bundesversicherungsamts, steht jedenfalls nicht mehr zur Verfügung. Ein neuer Unparteiischer jedenfalls ist momentan außer Sichtweite. Neben der Abgabe selbst entzweien auch technische Fragen die Kontrahenten.

Daten erraten

Im V. Sozialgesetzbuch heißt es lapidar, Abschläge seien so anzupassen, dass „die Summe der Vergütungen der Apotheken für die Abgabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel leistungsgerecht ist unter Berücksichtigung von Art und Umfang der Leistungen und der Kosten der Apotheken bei wirtschaftlicher Betriebsführung.“ Große Worte – um desaströse Rahmenbedingungen schwarz auf weiß zu belegen, kamen Daten der Treuhand und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie zum Einsatz. Zufrieden war der GKV-Spitzenverband damit nicht, über die Medien forderte ein Sprecher unabhängige Gutachten, im Idealfall von Prognos. Der Vorschlag ist nicht ohne Beigeschmack – im Honorarstreit zwischen GKV-Spitzenverband und Ärzteschaft hatte eben dieses Beratungsunternehmen Zahlen abgeliefert. Medizinern kritisierten das Machwerk als stark einseitig.

Abschlag ade?

Gabriela Aures fragt sich indes, ob der Kassenrabatt überhaupt noch zeitgemäß sei oder besser abgeschafft werden sollte. Das wäre mit erheblichem Aufwand verbunden: “Bei der Forderung, die während des DAT aufkam, geht es um eine Gesetzesänderung.” Dennoch sollten auch negative Konsequenzen beleuchtet werden. Beispielsweise könnten Kassen Zahlungen zurückhalten und Gelder lieber gewinnbringend auf dem Kapitalmarkt anlegen, ein Patentrezept dagegen gibt es nicht. Doch momentan geht es um das Jahr 2013, und die ABDA gibt sich selbstbewusst – mit 500.000 Euro in der prall gefüllten Kampfkasse. Davon soll nach etwaigem Scheitern der zweiten Verhandlungsrunde eine bundesweite Informationskampagne gestartet werden. Aures: “Hoffen wir mal, dass es nicht wieder auf Plakate hinausläuft.” Ansonsten sind Apotheker bereit für neue Streiks, das hat eine Umfrage des Kölner Instituts für Handelsforschung ergeben. Neun von zehn befragten Inhabern beziehungsweise Filialleitern befürworteten entsprechende Maßnahmen. Auch würden 86 Prozent ihre Angestellten auffordern, sich an Aktionen zu beteiligen. Dazu gehören Warnstreiks (52 Prozent Zustimmung) und Informationsmaterialien (61 Prozent). Auf Unterschriftenaktionen (zehn Prozent) oder Demonstrationen (neun Prozent) würden Kollegen lieber verzichten. Immerhin stimmten 75 Prozent der Aussage zu, Bürger seien für Belange der Apothekerschaft sensibilisiert worden. Dass entsprechende Botschaften auch bei Politikern angekommen sind, sahen 50 Prozent als bestätigt an.

“Weniger als in Mindestlohnlisten”

Der Zwangsabschlag wird noch einige Zeit als große Unbekannte im Raum stehen. Viel konkreter sind schon Versprechen, Notdienstpauschalen von 200 Euro einzuführen. Nur 200 Euro? “Vor ziemlich genau einem Jahr waren die Forderung höher”, kritisiert Aures. Ein Blick in die Archive fördert interessante Fakten zu Tage: Im Oktober 2011 verlangte die ABDA, dass Apotheken an Werktagen 249 Euro und an Sonn- und Feiertagen 293 Euro als Dienstpauschale erhalten sollten. “Bei einem 24-Stunden-Sonntagsdienst ist eine Pauschale von 200 Euro ein Stundenlohn von 8,33 Euro, also weniger, als in den Mindestlohnlisten angegeben ist.” Ungelernte Maler oder Lackierer können aktuell mit 9,75 pro Stunde rechnen. Ob Kassen bei angekreuztem „noctu“ zusätzlich 2,50 Euro übernehmen, ist ebenfalls unklar. “Fällt das weg oder bleibt das?”, fragt sich Aures. “Sonst wird das für umsatzstarke Apotheken ein Minusgeschäft.” Die Protestapothekerin bezweifelt ohnehin, dass Kollegen plötzlich zusätzliche Dienste übernehmen. “Schwierigkeiten, wie die Politik sie heraufbeschwört, sehe ich nicht.”

Transparenz umsetzen

Doch was werden die nächsten Monate außer Honorarfragen noch bringen? “Momentan gibt es viele Baustellen, auf denen gearbeitet wird”, sagt Gabriela Aures. Für eine Bilanz sei es noch zu früh. Ihr Resümee: “Wir wurden gehört, und die Basis wurde auch ein bisschen politisiert.” Jetzt geht es weiter mit vereinten Kräften: “Wir müssen von unten etwas machen, damit sich oben etwas dreht.” ABDA-Hauptgeschäftsführer Dr. Sebastian Schmitz hatte Apotheker ermuntert, sich in ihrer Berufsvertretung zu engagieren. Gabriela Aures hofft, dass “dieses Engagement auch an entsprechenden Stellen positiv aufgenommen wird und nicht eine rein rhetorische Einladung ist.” Bald wissen wir mehr: In den nächsten Wochen stehen Wahlen bei den Spitzenverbänden der Apothekerschaft an. “Es wird interessant, wie die ABDA, die Kammern und die Verbände mehr Transparenz, wie sie versprochen haben, umsetzen. Und das wird von der Basis natürlich interessiert begleitet”, stellt die Protestapothekerin klar.

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Pharmazie

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13 Kommentare:

@Gabriela Aures,
ja, ich meine ihren Beitrag, die Nr. 11.
Der ist ihre Meinung.
Und mein Beitrag dazu ist meine Meinung.
Lassen wir es dabei.
Guten Abend…

#13 |
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Apothekerin

@w.claus:
welchen beitrag meinen sie ?
den des angestellten kollegen oder meine zusammenfassung ?

#12 |
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Gabriela Aures: ¿ach ein Forentroll¿.
Meines Erachtens ist das ein wertloser Schmuddelbeitrag,
andere zu verunglimpfen.
Ich empfinde es als abstoßend.
Statt Argumentation scheint Im Vordergrund Agitation zu stehen.

#11 |
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Michael Hofheinz
Michael Hofheinz

Die Anzahl der Gesetzlichen Krankenversicherungen hat sich von 1 815 in 1979 auf 144 in 2012 verringert. Die Verwaltungskosten sind jedoch fast um das Doppelte gestiegen.

#10 |
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Apotheker

Es ist sinnvoll die Situation der Apotheken auch aus der Sicht der Bevölkerung zu betrachten: Die Apothekendichte ist sehr hoch. Krankenhäuser wurden geschlossen, gerade jetzt vor Weihnachten stehen in Niedersachsen mehrere Kliniken vor der Schließung mit entsprechenden Entlassungen. Die Zahl der Krankenkassen hat sich halbiert. ¿Den Apotheken geht es doch eigentlich gut !¿ ???
Was aber nicht in der Öffentlichkeit bekannt ist: Viele Kollegen sind zur Selbstständigkeit gezwungen, da sie mit dem niedrigen Tarifgehalt keine Familie ernähren und kaum das Studium ihrer Kinder finanzieren können. Mit der kleinen Vorstadt oder Dorfapotheke konnte man sogar das Einkommen eines höheren Beamten erzielen. Das ist jetzt vorbei. Diesen Betrieben kann auch durch Absenkung des Zwangsrabattes, der Rezepturzuschläge und der Notdienstpauschale nicht geholfen werden, da die Politik die Großhandelsrabatte und Herstellerrabatte (f. d. Apotheke!) fast abgeschafft hat. Das ist eine Tatsache und nicht wegzudiskutieren. Leider wird völlig vergessen, dass die Politik diese Situation geschaffen hat und nicht die Krankenkassen. Die setzen die gesetzlichen Vorgaben um. Viele Diskussionsbeiträge treffen daher nicht die eigentliche Problematik. Es bleibt logischerweise nur die politische Arbeit (auch vor Ort), um die Situation zu verbessern. In vielen Punkten gebe ich Frau Aures recht, nicht aber die Aussagen über die tarifliche Entlohnung der Angestellten. Es bleibt zu hoffen, dass angemessene, gerechte Abschläge verhandelt werden.

#9 |
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Apothekerin

ach, ein forentroll

#8 |
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Apothekerin

danke jensen !

und danke herrn van den heuvel (ich dachte schon, das material wäre unbrauchbar :-) )

#7 |
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Jensen Hsieh
Jensen Hsieh

Guter Artikel, Herr van den Heuvel!

Auch an Gaby vielen Dank & viele Grüße von uns AP’lern!

http://www.apothekerprotest.de
http://www.facebook.com/ApothekerProtest

#6 |
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Apotheker Werner Lukassowitz
Apotheker Werner Lukassowitz

ALLES RICHTIG

ES GEHT NUR NOCH SO,DASS WIR ENTSPRECHEND EINER
UMSATZKLASSE EINE VERGÜTUNG ERHALTEN,
DIE AUCH UNSER EINKOMMEN ALS MINDESTEINKOMMEN FESTLEGT.

#5 |
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Apothekerin

@apotheker:
wann hatten sie ihre letzte tariferhöhung?
wie oft wurde ihr gehalt seit 2004 angepaßt ?
mußte ihr chef/ihre chefin nicht auch für sie ab 2012 eine betriebliche rentenversicherung abschließen ?

wieviele “tariferhöhungen” hat die apotheke als betrieb seit 2004 bekommen ?

aber das gehalt der angestellten ist hier überhaupt nicht das thema.
wenn die apotheke, in der sie angestellt sind schließen muß, dann dürften auch sie ganz andere fragen bewegen als die nächste lohnerhöhung.

#4 |
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Weitere medizinische Berufe

Seit 5.12.12 bekomme ich “Concor” in der Apotheke nur, wenn ich den offiziellen Verkaufspreis selbst bezahle.
Den ausgehandelten Genericapreis übernimmt die Kasse.
Was passiert, wenn nun Nebenwirkungen auftreten ???
Bezahlt die GKV dann das Originalpräparat oder muß ich bezahlen und das mit der Kasse verrechnen ???

#3 |
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Dr. Burkhard Salfner
Dr. Burkhard Salfner

Sozial sind die Leistung die wir erbringen, jeden Tag und jede Stunde, unsozial das Verhalten der Krankenkassen deren Taschen über die Gebühr gefüllt sind. Wer hat will immer noch mehr, Gehen an diesem Gesetz wirklich keine Schritte vorbei??? Bei einem solchen Stand der Dinge sollte wenigstens ein Teil des angesammelten Vermögens den Leistungserbringern zurück gegeben werden.

#2 |
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elvira mayoux
elvira mayoux

diese rabattverträge der krankenkassen sind meiner meinung nach M A F I O S I S C H
keiner denkt an ältre personen die manchmal schwierigkeiten haben die medikamente richtig einzunehmen , da z.b.einmal weiss und rund , dann rosa und oval

#1 |
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