Ein bitchen Anamnese, bitte!

12. Mai 2010
Teilen

Fehler bei der Diagnose sind häufiger als im OP. Ist in der Sprechstunde wenig Zeit, werden bei der Anamnese Fragen vergessen oder Akten unvollständig geführt. Die digitale Unterstützung will das zukünftig ändern, liegt aber noch in der Entwicklerschublade.

Sie sollten eigentlich etwas Neues entwickeln und sind doch heillos zerstritten. Eine Pressemeldung von der IT-Medizinmesse Conhit verkündete vor einigen Tagen, dass die Zuständigkeiten der elektronischen Gesundheitskarte völlig neu geregelt werden sollen. Die Ärzteschaft übernähme dabei die Verantwortung für medizinische Fragen, die Kostenträger sollen sich ausschließlich um die administrativen Daten kümmern.

So schnell wird also aus der engen Zusammenarbeit von Ärzten, Krankenkassen und Apotheken per Daten-Sharing wohl nichts werden. Dabei hätte die Zusammenarbeit von Ärzten per vernetzter EDV durchaus seinen Charme.

eAnamnese-Konzept in der KVB-Schublade

Schon seit längerem hat etwa die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KBV) ein Konzept für eine elektronische Anamnese (eAnamnese) in der Schublade, das auf die Umsetzung in die Praxis wartet. Auf einer Ärztetagung („Zuhören zahlt sich aus“, DocCheck berichtete darüber) stellte Sonja Froschauer, Leiterin der Stabsstelle fachärztliche Strategie und Versorgung, ihr Konzept vor. Mit Rechner-Unterstützung will es den Arzt durch die Patientenbefragung führen. Punkte wie Vorsorgestatus, frühere und aktuelle Erkrankungen, Notfallversorgung oder psychische Symptome brauchten dann einmal aufgenommen und bei der Weiterbehandlung durch Spezialisten nur mehr ergänzt werden.

Statistiken belegen die Notwendigkeit der Reform von Notizen in der Patientenakte. Entsprechend KVB-Dokumenten erhält jeder 30. Marcumar-Patient auch kontraindizierte ASS. Interessant dabei: knapp die Hälfte dieser Patienten werden von mehr als einem Arzt betreut. Auch in Kliniken sind Anamnesebefunde nur rund zu Hälfte digitalisiert. Fehler bei der Diagnostik sind in den Vereinigten Staaten häufiger als solche im OP. Die Vorstellungen einer elektronisch geführten Anamnese gehen daher weit über die Sammlung von Patientendaten hinaus. Bei der eAnmnese der Zukunft sollte das System auf Risiken hinweisen, ohne den Arzt zu bevormunden.

Platz für Freitext statt Multple-Choice-Sammlung

Neben der Kassenärztlichen Vereinigung hat sich auch Paul Schmücker von der Hochschule Mannheim Gedanken gemacht, wie eine solche eAnamnese aussehen könnte. Der behandelnde Arzt soll sich nicht erst durch einen Datenwust kämpfen müssen, um auf die Informationen zu stoßen, die für ihn wichtig sind. Deswegen muss die Dokumentation sehr strukturiert sein und gleichzeitig flexibel, um den Ansprüchen verschiedener Fachrichtungen entgegenzukommen.

Im Schmücker‘schen Modell sieht der weiterbehandelnde Facharzt eine Übersicht aller bis dahin vorhandenen Teilanamnesen, einen Zugriff erhält er jedoch nur zu den Befunden seines Fachgebiets. Keinesfalls sollte der Erfassungsbogen am Computer eine Ansammlung von Multiple-Choice Fragen mit den entsprechenden Kästchen sein, sondern Platz für Freitext haben. Tabellen sollen genauso wie Skizzen von Körper und Organen zum Markieren nach den Wünschen der Entwickler dabei Platz finden.

Dokumentation ärztlicher Entscheidungen

Viel Platz für Individualität und gleichzeitig standardisiert, um Daten weiterverwerten zu können. Damit stimmen die Vorstellungen von Schmücker in großen Teilen mit den Wünschen von Gordon Schiff und Davis Bates von der amerikanischen Harvard Medical School an die elektronisch unterstützte Anamnese überein, die sie vor einigen Wochen im New England Journal of Medicine veröffentlichten.

Deutlich wird in ihrem Artikel auch, was die computergeführte Anamnese ganz sicher nicht sein darf: Ein Arbeitsanleitung á la Diagnose-Meisterdetektiv. Entsprechend dem Stand der Technik könnte man jedoch entsprechende Informationsquellen zu bestimmten Symptomen direkt verlinken oder symbolische rote Warnlichter bei kritischen Befunden einblenden. Auf dem Weg zur sicheren Differentialdiagnose könnte die Online-Verbindung zu entsprechenden Datenbanken den Arzt unterstützen. Eine solche Patientenakte wäre entsprechend den beiden Autoren des Artikels im New England Journal eine Dokumentation ärztlicher Entscheidungen und deren Auswirkungen auf die Gesundheit des Patienten. Damit ließen sich auch Schlüsse auf ähnliche Fälle ziehen.

Elektronische Fallakte im Praxisbetrieb

Und wieweit haben es diese Vorstellungen inzwischen in die Praxis geschafft? Vor einigen Jahren haben sich die Klinikbetreiber Asklepios, Rhön-Klinikum und Sana mit der deutschen Krankenhaus-Gesellschaft sowie dem Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) zusammengeschlossen und die elektronische Fallakte entwickelt. Inzwischen sind etwa ein Dutzend weitere Partner an Bord und haben zahlreiche Pilotprojekte für die Kommunikation in den Einrichtungen und nach außen zu niedergelassenen Ärzten gestartet. Die Fallakte bezieht sich jedoch ausschließlich auf den aktuellen Behandlungsfall. Jeder behandelnde Arzt, Pfleger oder Therapeut hat damit nur soviel Einblick in die Geschichte seines Patienten, wie für ihn notwendig ist.

Herausforderungen an den Datenschutz sind es auch, die dem Konzept der bayrischen KBV bisher den Weg in die Praxis versperrt haben. Für die Entwicklung eines eAnamnese-Prototypen sucht auch Paul Schmücker noch fähige Mitarbeiter. Sie sollen mithelfen, dass der Computer den Arzt beim Patientengespräch unterstützt, ihn aber nicht an Monitor und Keyboard fesselt.

43 Wertungen (3.51 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

12 Kommentare:

Mal zurück auf den Boden der Tatsachen: Jeder von uns hat nach einigen Berufsjahren ein Grundgerüst bei der Anamneseerhebung im Kopf, das er abfragt, um eine gewisse Vollständigkeit zu gewährleisten sich und dem Patienten die Möglichkeit zu nehmen, diesen Pfad zu verlassen. Alle praktisch Tätigen wissen aber auch eine kurze Aufstellung der aktuellen Medikamente und Krankheiten/ Voroperationen oder alte Arztbriefe zu schätzen.Denn das gibt uns die Gelegenheit, die immer (zu) knappe Zeit zu nutzen, um wichtige Sachen zu vertiefen.
Sind wir doch mal ehrlich, (gefühlte) 30% der Anamneseerhebung (gerade bei älteren Patienten) läuft nach folgendem Schema ab:
“Haben Sie Krankheiten wie hohen Blutdruck, Zucker o.ä.?”
“Nö.”
“Nehmen Sie für oder gegen irgendetwas Tabletten?”
“Ja, so für den Blutdruck.”
“Also haben Sie doch hohen Blutdruck?”
“Nö, mit den Tabletten ist der gut.”
“Hm, okay, wie heißen den diese Tabletten?”
“Weiß nicht, sind so weiße, müssen Sie doch wissen, wie die heißen.”

Wenn also eine Chipkarte, eine CD oder etwas vergleichbares mir wichtige Vorinformationen gesammelt zur Verfügung stellt, fühle ich mich in meiner Diagnose- und Entscheidungsfindung in keinster Weise gestört.

#12 |
  0
Annette Peter
Annette Peter

Ehrlich gesagt, geht diese e-Anamnese-Gedöns doch schon wieder am eigentlichen Problem vorbei: allerorten nimmt die Zeit (ZEIT – Zett Eee Iii Tee – ZEIT !!!!! DARUM geht es, um sonst nichts !) – also: allerorten nimmt die ZEIT für eine ordentliche Anamnese ab, und dann soll ein elektronischer Fragebogen das wieder ausgleichen, das ist doch lächerlich. Ich bin es so so so SOOOOOO leid, dass ureigenste ärztliche Tätigkeiten und Fähigkeiten immer mehr einem für die Behandlung des Pat. völlig irrelevanten Bürokratismus zum Opfer fallen, und wenn dann die Lücke entdeckt wird (z.B.: “Huch, wir haben ja gar keine schönen Anamnesen mehr !”), soll das mit noch mehr Bürokratismus wieder ausgeglichen werden. Es ist so dermaßen zum KOTZEN, dass ich das jetzt AUSSCHREIBE (ursprünglich wollte ich artig “Ko…” abkürzen) und es sind MAL WIEDER nur des Kaisers neue Kleider, die hier vorgeführt werden … wie tief muß die Schulmedizin in ihrer Aktion dem Pat. gegenüber noch sinken´und sich dann wundern, wenn die Pat. zum Homöopathen rennen (der kann nämlich zumindest DAS: Anamnesen erheben !) ??? Wie schlecht muß sie sich noch verkaufen, bevor ihr in den Sinn kommt, den PATIENTEN wieder in den Mittelpunkt ihres Handelns zu rücken ?
O no, ich halt’s wirklich bald nicht mehr aus.

#11 |
  0
Dr Joachim Gartzke
Dr Joachim Gartzke

“…wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,
das nicht die Vorwelt schon gedacht.” (Faust II). Also lernen, lernen nochmals lernen. Jeder Arzt sollte mindestens 1mal im Monat/Woche in die Pathologie sich begebn müssen.

#10 |
  0

Eine Digitalisierung von Anamnesedaten halte ich für hilfreich. Gar nichts halte ich von “Ankreuzbögen” für die Anamnese, sei auf auf Papier- oder EDV-Basis. In der Regel blockieren diese tatsächlich das freie Denken (wie schon angemerkt) und führen eher zu einer Art “Abarbeiten” der Anamnese als zu konzentriertem Zuhören und Querdenken. Daher habe ich auch in meiner Klinik die damals vorhandenen Standard -Anamnesebögen mit tausenden von kleingedruckten Vorgaben abgeschafft und einen wesentlich einfacheren Bogen (dafür mit viel Freitext) eingeführt. Es hat sich bewährt.
Patientenanamnesen lassen sich eben nur zu einem Bruchteil standardisieren…

#9 |
  0
Rettungsassistent

Wie oft erlebt man es, das wichtige Informationen fehlen oder nicht weitergegeben wurden. Kann man das vorgeschlagene System nicht dahingehnend verstehen, Informationsverlusten vorzubeugen?
Gerade über Notfallpatienten ist im Regelfall sehr wenig an Informationen verfügbar.
Ob man unbedingt Therapievorschläge haben muss, weiß ich auch nicht, aber einfach mal konsequent alle Informationen über einen Patienten allen behandelnden Ärzten zur Verfügung zu stellen ist mit Sicherheit nicht falsch.

#8 |
  0
Maximilian Micka
Maximilian Micka

Ich frage mich, wohin diese Tendenz dann gehen soll. Führen wir das Gedankenexperiment doch weiter:
Der Arzt hackelt sich durch seine PC Maske.
Die Maske gibt nach DD-Überlegungen bald auch noch Therapievorschlägen gemäß Leitlinien – die der KV selbstredend.
Später kann man dann auch eine Arzthelferin mit der Aufgabe betrauen und kann sich endlich wieder seiner wirtschafts-juristischen Weiterbildung hingeben.
Wieder einige Tage später gibt es dann eine online-Version, mit der sich der Patient von zuhause aus untersuchen und behandelnt lassen kann, inclusive Anleitung zur Selbst-OP. Die Hardware kann direkt über eine an die KV angegliederte FIrma bezogen werden, die als einzige ein undefinierbares (KV-eigenes) Zertifikat zur Qualitätssicherung vorlegen kann. Diese Firma gehört natürlich anteilsmäßig einem KV-Vorstandsmitglied und heißt wahrscheinlich AMBDOK … oder so. (Die Notärzte unter uns wissen was ich meine). Ärzte, insbesondere Niedergelassene sind dann fast überflüssig – fast nur deshalb weil man ja einen Idioten braucht, den man verantwortlich machen kann.
Dankeschön!

#7 |
  0
Ärztin

Ich stelle mir vor, wie ich die vorgegebenen strukturierten Fragen stelle und abhake- das blockiert mein Denken und das des Patienten und lässt keinen Raum für Intuition und unerwartete Wendungen.

#6 |
  0
Dinah Murr
Dinah Murr

Ist nicht die höchste Qualität einer Ärztin und auch eines Arztes die, unoffensichtliche Zusammenhänge zu erkennen, Offensichtliches in Frage zu stellen? Wie soll genau dieses gelernt, geübt, wachgehalten werden, wenn die Struktur in den Händen des Computers liegt, wenn die zugrundeliegende Denkstruktur die eines anderen ist? An den Unis beginnt übrigens erst jetzt die Wichtigkeit Anamneseerhebung ins Bewusstsein zu rücken!

#5 |
  0
Franziska de Jong
Franziska de Jong

Jetzt mal Hand aufs Herz, hat der Arzt in der Klinik denn auch die Zeit eine detailierte Anamnese durchzuführen, geschweige denn in einem separaten Raum mit der Ruhe die er benötigt? Bevor der Inhalt einer Anamnese genauer beleuchtet wird, sollten zuerst einmal die Rahmenbedingungen kritisch beäugt werden. Wobei ich die Entwicklung einer eanamnese insgesamt als einen Schritt in die richtige Richtung sehe.

#4 |
  0
Dr Armin Renk
Dr Armin Renk

Rate zu mindestens zwei Beisitzern bei der Erhebung der Anamnese ,die minimal 100 Seiten umfassen sollte ,erstens ein Volljurist und ein weiterer Zeuge b.B ein Ubersetzer. Diese sollten vierteljahrlich kostenpflichtigen Qualitaetsicherungsmassnahmen unterworfen werden,die selbtverstaendlich vom Arzt finanziert werden sollten vom
RLV. Das Ergebnis waere dann Kassenvertretern, dem IQwig und
Fachgesellschaften und Gesundheitspolitikern vorzulegen. Diese bestimmen dann die Therapie ,die je nach Anamneseerebis anteilig vom Kollegen mitfinanziert wird.
Noch etwas Fachliches. Die gleichzeitige Gabe von Marcumar
und ASS ist in etlichen Faellen kein Widerspruch. Aber das
geht in diesem System sicherlich schon zu weit.

Big Brother

#3 |
  0

Es wäre schon hilfreich, wenn die mitgegebenen und zielgerichteten Notizen des Hausarztes an den weiterbehandelnden Facharzt – vor allem in den Kliniken – wenigstens gelesen würden (und wohlgemeinte Hinweise von uns, die wir unsere Patienten jahrzehntelang kennen, zumindest zur Kenntnis genommen würden). Hausarztzentrierte Versorgung ist das Zauberwort – aber man muss den Hausarzt dann auch fragen!!

#2 |
  0
Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Die Welt wird in jedem Jahrhundert dreimal neu erfunden. Es hat lang gedauert bis die Erfindung des Drucks den Alltag
durchdrang. Der Weg vom Buchdruck zu Schreibmaschine war mühsam.Ich empfehle Interesse für die Medizingeschichte !
Manche handschriftlich geführte 2oo Jahre alte Arztakten sind
genauer als die durch gute Hacker knackbaren elektronischen Texte von heute. Wir wollen unsere digialen Knechte mit Aufgaben betrauen (betreuen ?), die weit über die Vertraulichkeit selbst meiner früheren Assistentin hinausgeht, die perfekt zu schweigen verstand Der heilige Nepomuk läßt von jeder bayrischen Bach-Dorfbrücke aus grüßen nicht nur aus Prag ! Skepticus

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: