Opium fürs Volk

14. Mai 2010
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Die Experten haben gesprochen: Tramadol und Co sollen auch künftig ohne BtM-Rezept rausgehen dürfen. Eine gute Nachricht, vorerst zumindest. Spannender ist, dass vielleicht demnächst Medikamente aus Cannabis-Extrakt in den Apotheken aufschlagen.

Als die Linke und die Grünen vor anderthalb Jahren fast gleichlautende Anträge in den Deutschen Bundestag eingebracht hatten, wonach der Gebrauch von Cannabis bei medizinischer Begründung straffrei gestellt werden sollte, war die Ablehnung der übrigen Parteien einhellig. Zu hohes Suchtpotenzial, kein nachgewiesener Nutzen, das waren die Argumente, mit denen die Anträge abgeschmettert wurden. Nun wird sich die deutsche Politik wohl noch einmal mit dem Thema Cannabis im medizinischen Kontext auseinandersetzen müssen.

Sachverständigenausschuss startet das Joint-Venture

Zwar wird wohl auch künftig kein privater Cannabisanbau zu medizinischen Zwecken in Deutschland gestattet sein. Aber Cannabis-Extrakt als Fertigarzneimittel, das von Ärzten dann per BtM-Rezept verordnet werden kann, das könnte demnächst tatsächlich auf die Apotheken in Deutschland zukommen. Denn der Sachverständigenausschuss für Betäubungsmittel hat in seiner Mai-Sitzung empfohlen, Cannabis-Extrakt als Bestandteil von Fertigarzneimitteln in die Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes aufzunehmen. Damit könnte es dann, entsprechende Zulassungen vorausgesetzt, genauso wie andere Betäubungsmittel bei passender Indikation in den Verkehr gebracht werden. Bisher gab es das nicht, beziehungsweise nur bei einigen handverlesenen Ausnahmepatienten. Wer in Deutschland bei chronischen Schmerzzuständen oder beispielsweise bei Multipler Sklerose THC einsetzen wollte, musste auf das synthetische Dronabinol zurückgreifen. Das hatte Nachteile. Zum einen kostet eine Therapie mit Dronabinol mehrere hundert Euro im Monat, die von den Patienten meist selbst aufgebracht werden müssen. Schon aus Kostengründen ist das wesentlich günstigere Cannabis-Extrakt deswegen für viele ausgesprochen attraktiv. Zum anderen gab es immer wieder Stimmen, die behaupteten, es gebe Konstellationen, in denen Cannabis-Extrakt wegen der darin über THC hinaus enthaltenen Wirkstoffe effektiver sei als die THC-Monokultur Dronabinol.

Diese Stimmen scheinen sich jetzt Gehör verschafft zu haben. Zumindest der beim BfArM angesiedelte Sachverständigenausschuss wurde überzeugt. Bevor Cannabis-Präparate tatsächlich in der Apotheke ankommen, muss der Deutsche Bundestag jetzt allerdings das BtM-Gesetz ändern. Das freilich dürfte keine unüberwindbare Hürde sein: Die Ausschuss-Empfehlungen werden kaum je nicht umgesetzt. Bis zur endgültigen Zulassung eines Fertigarzneimittels mit Cannabis-Extrakt wird es dann vermutlich nicht mehr lange dauern: Denn in anderen Ländern laufen bereits entsprechende Zulassungsverfahren, an die sich die deutschen Behörden zwanglos dranhängen können.

Baby-Opioide behalten ihren Baby-Status

Keine neuen gesetzgeberischen Aktivitäten erforderlich werden bei den niedrigpotenten Opioiden Tramadol und Tilidin. Tramadol (Tramal) unterliegt bisher nicht dem Betäubungsmittelrecht. Und auch Tilidin bleibt zumindest in Kombination mit Naloxon (Valoron) außerhalb des Btm-Sektors. Im Vorfeld der Ausschusssitzung hatte es Spekulationen gegeben, wonach die Zeit der „Baby-Opioide“ in Deutschland dem Ende zugehen könnte. Lediglich bestimmte Retardformulierungen sollten noch BtM-frei bleiben. Der Grund war, dass viele Experten von einem erheblichen Missbrauch dieser Schmerzmittel bei älteren Menschen ausgehen – inklusive aller damit verbundenen Probleme wie etwa einer Zunahme der Sturzneigung bei versehentlicher oder auch absichtlicher Übermedikation.

Auf der anderen Seite freilich stand die Frage der Alltagstauglichkeit von Gremienbeschlüssen. Wenn Tramadol und Tilidin von jetzt auf gleich im BtM—Nirvana verschwänden, dann würde die ambulante Schmerztherapie für Ärzte wie auch Apotheker in jedem Fall um Einiges umständlicher. Wer letztlich die Oberhand behält, die Schutzengel oder die Praktiker, das ist auch nach der Mai-Sitzung des Sachverständigenausschusses noch nicht endgültig geklärt. Denn bei der nächsten Sitzung des Ausschusses Ende des Jahres kommt das Thema „Baby-Opioide“ nochmal auf die Tagesordnung.

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7 Kommentare:

Rettungsassistent

Na zumindest bei Naloxon oral (in Kombination mit Tillidin) funktioniert das wohl eher nicht, es verhindert lediglich den parenteralen Konsum. Was ja auch logisch ist: Ein effektiver Antagonistenanteil würde auch die analgetische Wirkung aufheben.

#7 |
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Medizinjournalist

das Missbrauchrisiko von Tilidin ist größer als das von Buprenorphin. Dieses Opiat macht keine Atemdepression und ist (auch) deshalb in Frankreich kein BtM. Wenn von Baby-Opiaten gesprochen wird, dass ist Buprenorphin mit einer Potenz von 100 wohl der Großvater.

#6 |
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Axel Fingerhut
Axel Fingerhut

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit (vielleicht führen leichte Schläge auf den Hinterkopf zur Entspannung und erhöhen das Denkvermögen, wie einer meiner Lehrer zu sagen pflegte) das Totschlagsargument des “Sucht”potenzials eingesetzt wird – was zum einen bei Cannabis nicht wirklich erwiesen ist und im Übrigen auf eine calvinistisch geprägte Lebensauffassung zurückzuführen sein dürfte – oder um (in eine andere, vergleichbare Substanzkiste greifend) mit Terence McKenna zu sagen: LSD erzeugt psychotisches Verhalten bei denen, die es nie genommen haben.

#5 |
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Dipl.Med. Christian Typke
Dipl.Med. Christian Typke

Die häufige Anwendung unretardierter Formen von Tilidin oder Tramadol werden wohl aus Kostengründen für den Verordner gewählt. Viele schmertherapeutisch tätige nicht subspezialisierte Kollegen hegen große Ängste vor Regressen. Bei Regreßverhandlungen ist ein emenser Arbeitsaufwnd notwendig und immer noch ist der Fachgruppendurchschnitt eine heilige Kuh bei diesen Verhandlungen. Pharmakolgische Aspekte wie Mechanismen der Schmerzchronifizierung spielen als Argunent eine sehr untergeordnete Rolle. Hier wäre auch Aufklärungsbedarf bei den Prüfgremien.

#4 |
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Als Schmerztherapeutin erlebe ich täglich wie besonders mit nichtretardiertem Tramal und Tilidin mitunter sehr sorglos umgegangen wird. Besonders die Tropfen werden häufig mißbräuchlich benutzt. Da ich gleichzeitig auch Heroinabhängige substituiere weiss ich ,dass die Medikamente der Großeltern nicht selten eine Abhängigkeit unterstützen.
Dieser Aspekt findet kaum Beachtung.! Für mich wäre es schon eine Überlegung wert, besonders die kurzwirksamen ,”kickenden” Darreichungen unter BtM-Pflicht zu stellen.Auch erlebe ich ,dass Pat. häufig erst nach Anamnesezeiten von 5 Jahren und mehr bei ungenügender Schmerzreduktion einem Schmerztherapeuten vorgestellt werden. Bei unserem Wissen um die Entwicklung des Schmerzgedächtnisses ein Unding.
Hier gäbe es dringenden Handlungsbedarf sowohl in der Lehre als auch bei der kollegialen Zusammenarbeit. Viele chronische Verläufe könnten verhindert werden. Die Pat.wären zufriedener und die Kosten würden sinken!
Den Pat. bliebe vielmals ein sozialer Abstieg erspart und den Kassen unnötige EU-Rentenzahlungen.

#3 |
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Heilpraktikerin

Vermutlich hat von den Politikern, die diese Entscheidungen treffen, noch niemand an so starken Schmerzen gelitten, die den Einsatz solcher Präparate erforderlich gemacht hätten…Aber Scherz beiseite, mit dem Argument des potentiellen Missbrauchsrisikos könnte man ja letztendlich alle stark wirksamen Medikamente unter Btm- Pflicht stellen. Denjenigen Patienten, die solche Mittel dringend benötigen, erweist man dann aber einen Bärendienst, wenn man ihnen den Zugang zu diesen Medikamenten noch mehr erschwert. Aus meiner PTA- Zeit habe ich noch genau in Erinnerung, dass viele Ärzte das Verschreiben eines BtM so lange wie möglich hinauszögern, um sich den mühsamen Papierkrieg zu ersparen. Dadurch leiden die Patienten unnötig lange an Schmerzen, die man mit einem entsprechenden Mittel längst hätte lindern können.

#2 |
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Frau Beatrice Greyer
Frau Beatrice Greyer

Na klar, warum sollten es auch die vielen schmerzgeplagten Patienten auch einfach haben….und die Schmerztherapeuten erstmal!Noch weniger Zeit, weil noch mehr Schreibkram und Dokumentation und die Apotheker sind hocherfreut über noch mehrVeränderungen. Wir haben sie doch, die Zeit, die letztendlich dem Patienten gestohlen wird,bei einer vernünftigen Schmerztherapie und den Arzt vom Arbeiten abhält…..nichts für ungut! Ihr seid super Politiker

#1 |
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