Neue MS-Therapie: Erst mal halbe Kraft voraus

14. Mai 2010
Teilen

Bisher mussten Medikamente gegen MS gespritzt werden. Studien zeigen jetzt, dass der oral verabreichte Wirkstoff Fingolimod den Krankheitsverlauf verlangsamt. Doch das Nebenwirkungsprofil spricht zunächst gegen den Einsatz als Basistherapeutikum.

Anfangs kribbelt es MS-Patienten in Armen und Beinen; Sehstörungen treten auf. Diese Funktionseinbußen machen sich in Intervallen von meist mehreren Monaten bemerkbar. Die Symptome bilden sich oftmals ganz oder teilweise wieder zurück, sie können aber auch schlimmer werden. Dann leiden die Betroffenen an Lähmungserscheinungen in den Gliedmaßen, Schluck- und Sprechschwierigkeiten oder einem Nachlassen der Blasenfunktion.

Ursache der häufigsten entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems sind fehlgeleitete Zellen des Immunsystems. Sie zerstören die Myelinscheide, die als Isolationsschicht die Fortsätze der Nervenzellen umhüllt. Obwohl immer noch unklar ist, was eigentlich den Angriff auf die Nervenzellen auslöst, lässt sich die schubförmig verlaufende Variante der Krankheit, an der rund 85 Prozent aller Patienten leiden, inzwischen recht gut therapieren. Interferon beta-1 und Glatirameracetat verringern Stärke und Frequenz der Schübe, beide Substanzen müssen jedoch gespritzt werden.

Fortschreiten der Krankheit wird abgebremst

In zwei kürzlich veröffentlichen Zulassungsstudien wiesen Forscher bei MS-Patienten nach, dass auch der als Tablette verabreichte Wirkstoff Fingolimod der Firma Novartis den Verlauf der Krankheit verlangsamen kann. Professor Ludwig Kappos von der Universitätsklinik Basel und seine Kollegen berichteten im Fachblatt New England Journal of Medicine über ihre Ergebnisse mit dem Medikament, das ursprünglich bei Nierentransplantationen eingesetzt werden sollte, um in Kombination mit Cyclosporin die Abstoßungsreaktion zu unterdrücken.

Die neue Substanz verhindert, dass potenziell schädliche Immunzellen aus den Lymphknoten in die Blutbahn gelangen und somit nicht mehr das Gehirn erreichen können, um dort Myelinscheiden zu zerstören. Präklinische Untersuchungen weisen daraufhin, dass Fingolimod auch direkt mit Zellen des zentralen Nervensystems interagiert und dadurch die Regeneration des beschädigten Gewebes fördern könnte.

Reduzierte Schubhäufigkeit

In der ersten Studie erhielten 1272 MS-Patienten im Alter von 18 bis 55 Jahren über einen Zeitraum von zwei Jahren entweder den Wirkstoff in zwei verschiedenen Dosierungen oder ein Placebo. Es zeigte sich, dass Fingolimod nicht nur die Anzahl der Schübe um 54 bis 60 Prozent sondern auch die Anzahl der Entzündungsherde deutlich verringerte. Außerdem ließ sich das Ausmaß der Funktionsstörungen mit beiden getesteten Dosierungen um rund 30 Prozent vermindern.

In der zweiten Studie nahmen 1292 MS-Patienten im Alter von 18 bis 55 Jahren teil, die über einen Zeitraum von einem Jahr entweder den neuen Wirkstoff in zwei verschiedenen Dosierungen oder Interferon beta-1 verabreicht bekamen. Auch hier konnten die Forscher nachweisen, dass die Häufigkeit von Schüben in den beiden Fingolimod-Gruppen im Vergleich zur Interferon-Kontrollgruppe um 38 bis 52 Prozent nachließ; zudem wiesen die mit Fingolimod behandelten Patienten weniger Entzündungsherde auf.

Zahlreiche Nebenwirkungen

Auch wenn die Studien eindrucksvoll bestätigt haben, dass Fingolimod das Fortschreiten von MS abbremsen kann und in der Wirkung dem Standardmedikament Interferon beta-1 überlegen ist, wird die Zulassung durch die Behörden vermutlich nicht ohne Auflagen erfolgen. Denn der neue Arzneistoff scheint eine Reihe von Nebenwirkungen zu haben: Während der Studien kam es nicht nur zu zwei tödlichen und etlichen glimpflich verlaufenden Herpes-Infektionen, sondern die Probanden erkrankten auch an Herzrhythmusstörungen, Makulaödemen, Hautkrebs und einer Reihe anderer Nebenwirkungen.

Auch wenn nicht bei allen Nebenwirkungen unbedingt ein direkter Zusammenhang mit dem neuen Medikament bestehen muss, so könnte die langfristige Anwendung von Fingolimod mit erheblichen Risiken verbunden sein. „Es ist prinzipiell zu befürchten, dass auch bei der in der Studie ungefährlichen Fingolimod-Dosierung von 0,5 Milligramm pro Tag durch Herpes-Viren bedingte Gehirnentzündungen auftreten könnten, die eventuell tödlich verlaufen, wenn man sie nicht innerhalb 24 Stunden behandelt, “, sagt Professor Ralf Gold, Direktor der Klinik für Neurologie der Universität Bochum.

Vorsicht beim Einsatz

Deswegen plädieren er und sein Kollege Professor Roland Martin, Direktor des Instituts für Neuroimmunologie und Klinische Multiple Sklerose Forschung in Hamburg, für Zurückhaltung beim zukünftigen Einsatz von Fingolimod: „Wir sollten das Medikament erst einmal nur bei MS-Patienten anwenden, bei denen die etablierten Therapien keinen Erfolg zeigen und über mehrere Jahre Erfahrungen sammeln“, sagt Martin.

Der Hamburger Mediziner hat noch einen weiteren Kritikpunkt: In den beiden Studien habe die niedrigere Dosierung von Fingolimod die gleiche Wirkung gezeigt wie die hohe Dosierung, habe aber das bessere Nebenwirkungsprofil aufgewiesen. „Vielleicht würde eine noch niedrigere Dosierung den Verlauf der schubförmigen MS genauso günstig beeinflussen, aber mit noch weniger unerwünschten Wirkungen“, sagt Martin. „Ehe man über den Einsatz von Fingolimod als Basismedikament nachdenkt, sollte man diese Frage im Rahmen einer weiteren Studie klären.“

155 Wertungen (3.89 ø)
Medizin, Neurologie

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

4 Kommentare:

Ärztin

@ 2: erlauben Sie eine kleine korrektur: patienten mit depressionen oder unruhe können mit interferonen behandelt werden. die depression muß natürlich vorher gut eingestellt sein (das sollte sie aber so oder so!), und muß sorgfältig beobachtet werden.
suizidgeneigte patienten sollte man hiervon allerdings tatsächlich ausnehmen.

#4 |
  0
Horst Rieth
Horst Rieth

was will uns dr.voigt wohl sagen ?
macht er die teilnahme an der studie für das auftreten der schübe verantwortlich ?
oder eventuell den wirkstoff selbst ?
sonstige nebenwirkungen ?

#3 |
  0
Inga Nelson
Inga Nelson

Interessant wäre zu wissen, ob eine Kontraindikation für Patienten mit Depression oder psychomotorischer Unruhe besteht. Diese können auf ß-Interferon und Copaxone nicht zurückgreifen

#2 |
  0
Dr. Bernd Voigt
Dr. Bernd Voigt

Ich war selbst Teilnehmer der zweiten Studie und habe diese kurz vor ihrem Ende aufgrund des Auftretens von neuen Schüben nach mehreren Jahren Ruhe zuvor abgebrochen.

Dr. Bernd Voigt

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: