E-Visite: Tschüss Wartezimmer

19. Mai 2010
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Dermatologen können von den USA lernen: Als einen ersten Erfolg des neuen Gesundheitssystems feiern die „Archives of Dermatology“ die Einführung der Online-Sprechstunde. Doch anders als bei reinen Onlineberatungen in Europa zeigen sich Amerikaner pragmatisch.

Das Massachusetts General Hospital in Boston ist eine renommierte Adresse. Was das älteste und größte Lehrkrankenhaus der Medizinischen Fakultät der Harvard University herausfindet und publiziert, hat Gewicht. 500 Millionen US-Dollar umfasst das Forschungsbudget der Institution, kein anderes Krankenhaus der Vereinigten Staaten verfügt über so viel Geld.

Einen winzigen Teil dieser Summe investierten Mediziner um Alice J. Watson nun in die Erforschung der Online-Therapie von Akne. 121 Patienten, die das Hospital aussuchte, dienten als Probanden in einem zunächst skurril wirkenden Projekt. 74 der Patienten, denen vor dem Erstbesuch beim Arzt milde Akne zusetzte, verzichteten im Dienste der Wissenschaft freiwillig auf das persönliche Aufsuchen des Arztes. Stattdessen verpflichteten sie sich, über eine eigens dazu erschaffene e-Plattform des Krankenhauses im Intervall von jeweils sechs Wochen Bilder der zu Hause behandelten Hautpartien zu stellen. Am anderen Ende der virtuellen Sprechstunde sahen sich Dermatologen die Aufnahmen nach entsprechendem Upload an – und stellten die weitere Therapieempfehlung samt Arzneimittelverschreibung in den gesicherten Bereich des medizinischen Secure Web.

Die Ergebnisse sind erstaunlich. Denn nahezu alle “E-Visiten” nach der eigentlichen Behandlung führten zum gleichen Outcome der Therapie wie der wiederholte reale Besuch beim Arzt. Zudem zeigten sich die Patienten auf Grund der massiven Zeitersparnis wesentlich zufriedener mit der Therapie. Zwar ließ sich für die teilnehmenden Dermatologen kein signifikanter Zeitgewinn feststellen, die e-Visite schlug pro Sitzung mit vier Minuten und acht Sekunden zu Buche, während der Praxisbesuch im Schnitt auch nur 14 Sekunden länger dauerte. Doch konnten die Ärzte ihre Zeit besser einteilen – und lieferten Hinweise auf einen vollkommen neuen Aspekt der Diagnostik.

Digitale Bilder, so hat es Watson zufolge den Anschein, reichen in Verbindung mit digitalen Zusatzinfos des Patienten womöglich als Grundlage der Nachbehandlung aus. Der Wegfall des Smalltalks scheint zudem mit einer objektiveren Schilderung der Beschwerden durch den Patienten einherzugehen, was letztendlich dem Arzt die Therapie-Entscheidung erleichtert.

Gezwitscher statt Wartezimmer

Der Mausklick gegen Pickel kommt nicht von ungefähr und belegt einen neuen Trend. Während Europa in erster Linie auf nur aufwändig umsetzbare e-Health Lösungen setzt, praktizieren die US-Amerikaner eine pragmatische, virtuelle Offensive. Das Fachblatt Telemedicine and e-Health beispielsweise berichtete im vergangenen Jahr über die Einsatzmöglichkeiten von Twitter. Mittlerweile informiert das staatliche US Centers of Disease Control and Prevention (CDC) über eigene Tweets Ärzte und Patienten, hierzulande weiß hingegen manche Behörde im Gesundheitsbereich kaum etwas mit PING, Tweets oder Co Tweet und Seesmic anzufangen. Amerikanische Arztpraxen wiederum nutzen die virtuelle Power des Web – deutsche Sprechstundenhilfen zwitschern dagegen höchstens nach Feierabend über medizinisch belanglose Dinge. „Twitter ist eine Methode der Massenkommunikation“, erklärt jedoch Joseph C. Kvedar, Direktor des Center for Connected Health in Boston und betont dabei den größten Vorteil solcher Dienste für den praktizierenden Arzt: Die Infos kommen in Echtzeit daher.

Zudem ebnet Barack Obamas Gesundheitsreform den Weg zu noch mehr e-Visiten. Denn was bislang lediglich gut betuchten Bürgern zu Gute kam, dürfen nun auch Millionen Neuversicherte des Medicare Systems erfahren: Mitunter sind Therapien in den eigenen vier Wänden ebenso effektiv wie in der Arztpraxis. Ärzte müssen aber mit einem ernstzunehmenden Risiko rechnen: Die meisten e-Health Plattformen ließen sich auch als mobile Applikationen fürs Handy verbreiten – die Aknebilder des Patienten verfolgten, schlimmstenfalls, den Arzt auch noch nach Feierabend.

65 Wertungen (4.18 ø)
Allgemein

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6 Kommentare:

wehe wenn der pc ausfällt.jeder kennt die tücken de5#r pcs.

#6 |
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Ja ist es denn zu fassen, da schreibt ein vom Vor- und Nachnamen Vlad Georgescu her offensichtlich aus Rumänien stammender Medizinjournalist in formal und inhaltlich perfektem Deutsch einen Artikel. Und ein womit auch immer promovierter Dietrich E. Fischer meldet sich hier als Erster und ist nicht in der Lage, im Pschyrembel unter Hospital (lat. hospitalis gastlich) nachzulesen. Ja tatsächlich, das ist das “Klinische Wörterbuch” mit den für Sie sieben Siegeln, wo man den Buchstaben H immer so schwer findet, wenn man das ABC nicht kann.
Hospital ist kein Siechenhaus, das weiß doch jedes Kind ohne “frag doch mal die Maus”!
Mit semantisch-syntaktischen Grüßen!

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dr.dr. Juergen Koelzsch
dr.dr. Juergen Koelzsch

das wäre das ende der Dermatologie- persönliche arztkontakte sind bei allen krankheiten, auch dermatosen, wichtig, weil auch psychische problme dahinterstehen. der nächste schritt wären ebay-angebote von ärzten zu besonders günstigen preisen. der preisdruck der kassen geriet offensichtlich solchen unsinn!!

#4 |
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Dr. Mirjam Gzara-Ajaga
Dr. Mirjam Gzara-Ajaga

Akne per E-Mail behandel – meinetwegen. Aber die Idee einer virtuellen Psychotherapie, wie sie mancherorts diskutiert wird ist für mich undenkbar! Nonverbale Signale des Patienten sind so nicht mehr zu bemerken und gerade diejenigen Patienten, die an Beziehungs- bzw. Kontakängsten leiden würden ihre Symptome auf solche Weise, durch Vermeidung eines echten Kontaktes, zementieren.

#3 |
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Ph.D. Dipl.-Psych. Ewald Weigle
Ph.D. Dipl.-Psych. Ewald Weigle

Klingt gut. Ich würde die E-Sprechstunde, dort wo sinnvoll, sehr begrüßen.

E. Weigle

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Dr. med. Dietrich E. Fischer
Dr. med. Dietrich E. Fischer

Das englische Wort “hospital” wird mit dem deutschen Wort “Krankenhaus” übersetzt.
Das deutsche Wort “Hospital” hat eine andere Bedeutung, etwa wie Siechenhaus, Pflegeheim oder Hospiz.

#1 |
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