MS-Medikament gegen Multiresistenz

7. Dezember 2017
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Glatirameracetat, das seit langem zur Behandlung von multipler Sklerose eingesetzt wird, könnte bald dazu beitragen, multiresistente Bakterien zu bekämpfen. Forscher haben entdeckt, dass das Medikament verschiedene gramnegative Bakterien tötet.

Resistenzen gegen Antibiotika stellen weltweit ein zunehmendes Problem dar. In einer Studie des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité Berlin wird geschätzt, dass in Deutschland zwischen 1.000 und 4.000 Patienten pro Jahr durch antibiotikaresistente Bakterien sterben. Ein Forscherteam von der Aarhus Universität in Dänemark hat nun entdeckt, dass ein seit langem bekanntes Medikament zu Behandlung der multiplen Sklerose (MS) bestimmte Bakterien tötet, die gegen herkömmliche Antibiotika resistent sind.

Das Medikament Glatirameracetat, das seit 20 Jahren zur Behandlung der schubförmigen multiplen Sklerose eingesetzt wird, gilt als sicher und nebenwirkungsarm. Nun hat das Forscherteam um Thomas Vorup-Jensen von der Abteilung Biomedizin der Aarhus Universität einen bislang unbekannten Effekt entdeckt: Glatirameracetat tötet verschiedene gramnegative Bakterien, die zu Erkrankungen wie Lungenentzündungen, Blasenentzündungen oder Blutvergiftung (Sepsis) führen können.

Die Laborexperimente der Wissenschaftler ergaben, dass das Medikament Bakterien der Gattungen Pseudomonas aeruginosa, Escherichia coli und Acinetobacter baumannii effektiv und schnell abtötet. Zudem tötetete es 50 Prozent der Pseudomonas aeruginosa-Bakterien in Proben von Patienten mit Mukoviszidose ab. Auf grampositive Bakterien der Gattung Staphylococcus aureus hatte Glatirameracetat keinen Einfluss.

„Wir können im Kampf gegen multiresistente Bakterien nicht so lange warten“

Pseudomonas aeruginosa gehört zu den häufigsten Krankenhauskeimen in Deutschland, die mehrfache Resistenzen gegen Antibiotika aufweisen. Der Erreger kann zu Erkrankungen wie Hautabszessen oder Lungenentzündungen führen. Auch Acinetobacter-Bakterien sind häufig resistent gegen bestimmte Antibiotika. Sie können Wundinfektionen, Lungenentzündungen und Hirnhautentzündungen (Meningitis) verursachen. Einige Stämme von Escherichia coli führen wiederum zu Darmentzündungen, Hirnhautentzündungen oder Sepsis.

„Unsere Daten zeigen, dass Glatirameracetat gegen Infektionen mit gramnegativen Bakterien wirksam ist, bei denen es durch zunehmende Resistenzen immer weniger effektive Behandlungsmöglichkeiten gibt“, sagt Vorup-Jensen. „Zudem müssen einige der Antibiotika, die bei diesen Bakterien wirksam sind, in so hoher Dosierung gegeben werden, dass sie für die Patienten schädlich sein können.“

Ein neues Medikament so sorgfältig zu testen, dass es für den Einsatz an Patienten zugelassen werden kann, dauere um die zehn Jahre und sei teuer, schreiben die Forscher. „Wir können im Kampf gegen multiresistente Bakterien nicht so lange warten“, betont Vorup-Jensen. Glatirameracetat sei ein sicheres Medikament ohne schwere Nebenwirkungen und komme deshalb auch für die Behandlung potentiell tödlicher Infektionen in Frage, so die Forscher. Die häufigste Nebenwirkung, die in Studien bei 80 Prozent der Probanden beobachtet wurde, waren Hautrötungen (Erythem). 15 bis 20 Prozent der Patienten erlebten zudem vorübergehend ein Engegefühl in der Brust und Kurzatmigkeit.

Neue Behandlungsmöglichkeit mit weniger Nebenwirkungen?

Um Bakterien effektiv abzutöten, könnte Glatirameracetat in einem Mix mit herkömmlichen Antibiotika eingesetzt werden: in niedrigerer Dosierung mit geringeren Nebenwirkungen. „Weiterhin könnte das Medikament eine effektivere Behandlung der Mukoviszidose ermöglichen, für die es sonst kaum effiziente Therapien gibt“, erläutert Vorup-Jensen. Nun müssen Wirksamkeit und Sicherheit der Substanz im Einsatz gegen multiresistente Bakterien in weiteren Untersuchungen geprüft werden.

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Bildquelle: Iqbal Osman, flickr / Lizenz: CC BY-SA
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2 Kommentare:

Diplom-Physiker Achim Lehnert
Diplom-Physiker Achim Lehnert

Die Meldung ist sehr interesant! Ist doch seit längerem bekannt, dass der ewähnte Keim Pseudomonas aerigunosa (Pa) über den Mimikri-Effekt bei MS-Patienten MS-Schübe auslösen könnte und auch vermutet wird, dass er auch ürsächlich an der Entwicklung von MS beteiligt ist.
Dann würden MS-Patienten vielleich auch über den Umweg der Pa-Eliminierung durch Glatirameacetat profitieren?

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Wolfram Berg-Holldack
Wolfram Berg-Holldack

Kein Echo -ist auch ein deutsches Echo !

#1 |
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