Wundversorgung – die Erben des Pflasters

26. Mai 2010
Teilen

Anfang Mai luden der Deutsche Wundkongress und Bremer Pflegekongress an die Weser. Die Vorträge befassten sich mit Therapiestrategien, neuen Daten aus der Forschung oder Hilfestellungen für die Praxis. Präsentiert wurde manches, das exotisch anmutet.

Neben Innovationen in Wundbehandlung und -management wurden in Bremen auch Veränderungen in den Versorgungsstrukturen vorgestellt. So widmete der diesjährige Wundkongress ein Schwerpunktthema der Qualitätsverbesserung in der Wundversorgung durch vernetzte, multiprofessionelle Kompetenz. Denn nicht zuletzt auch aus ökonomischen Gründen wächst der Bedarf an interdisziplinärer Zusammenarbeit in vernetzten Strukturen stetig: »Aus dieser Notwendigkeit entstehen bundesweit regionale multiprofessionelle Netzwerke«, so Prof. Dr. Matthias Augustin, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie, Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), in seinem Grußwort an die Kongressteilnehmer.

Kompetenz durch Koordination

An Exempeln, die den Erfolg solcher Netzwerke statuieren, fehlt es nicht. So beispielsweise das »Koordinationszentrum chronische Wunden« am Universitätsklinikum Freiburg: Seit seiner Gründung 2006 können »zeitliche Verzögerungen in Diagnostik und Therapie durch enge interdisziplinäre Zusammenarbeit und optimierte Kommunikationsstrukturen effizient vermieden werden«, so Katharina Nocon vom Freiburger Wundzentrum. Mit gutem Beispiel voran geht man auch am UKE in der Hansestadt. Hier öffnete im Januar dieses Jahres das Comprehensive Wound Center (universitäres Wundzentrum, CWC) seine Pforten. Mit seinem interdisziplinären und interprofessionellen Versorgungs- und Forschungsansatz ist das Projekt bundesweit bislang einzigartig. Sein Ziel sind laut Dr. Kathrin Herberger vom CWC die kompetente, fachübergreifende und patientengerechte Diagnostik und Therapie komplizierter, chronischer Wunden auf universitärem Niveau: »Für diese Wundtherapie auf neuesten wissenschaftlichen Stand arbeiten alle Beteiligten hoch motiviert«. Das zahlt sich aus – Patientenzufriedenheit, Versorgungs- und Lebensqualität haben sich durch die interdisziplinäre Vernetzung signifikant erhöht.

Alternative Verfahren zur Wundreinigung

Um die Wundreinigung und so den Heilungsprozess – gerade bei stagnierenden Situationen – zu stimulieren, etablieren sich derzeit einige Methoden. Darunter die Elektrostimulation, die sich nach den Erfahrungen von PD Dr. Axel Larena-Avellaneda, Klinik und Poliklinik für Gefäßmedizin am UKE, insbesondere auch bei therapierefraktären Wunden mit freiliegenden Knochen oder Gelenken bewährt: »Selbst bei schwierigen Wunden haben wir eine hervorragende Heilungsrate. Die Elektrostimulation stellt eindeutig eine Alternative zu ausgedehnten chirurgischen Maßnahmen dar«. Das gilt auch für den operativen Wundverschluss bei Verbrennungen.

Im Rahmen der Elektrostimulation macht man sich die elektrophysiologischen Vorgänge zu Nutze, die bei der Wundheilung ablaufen: Mit niederfrequenten, kontrollierten Gleichstromimpulsen werden die stagnierten Strom- und Ionenflüsse im Wundgebiet aktiviert. Dies erfolgt mittels einer speziellen semiokklusiven Hydrogel-Verband-Elektrode, die zweimal täglich für jeweils dreißig Minuten an das Elektrotherapiegerät angeschlossen wird. Damit verbessert sich in dem behandelten Bereich die kutane Mikrozirkulation und -nutrition. In Folge dessen beschleunigen sich die Wundreinigung und Bildung von Granulationsgewebe, die Fibroblastenmigration und Epithelisierung werden gefördert und der Wundschmerz reduziert. »Mit dem Verfahren kann eine bis zu 2,8-fach schnellere Wundheilung erzielt werden«, so Dr. Larena-Avellaneda.

Die ultraschallassistierte Wundreinigung (UAW) ist eine weitere effiziente Methode, die Wundheilung zu beschleunigen. Dabei werden feste Fibrinbeläge und Nekrosen mit Hilfe von niederfrequentem Ultraschall gelöst – ohne dabei das umliegende, gesunde Gewebe zu beschädigen. Laut Dr. Herberger »eine zeit- und kostensparende sowie schonende Alternative zum chirurgischen Débridement«. Die Ultraschallwellen können zudem laut Dr. Anke Bültemann vom Wundzentrum Asklepios Klinik Hamburg-Harburg, »besonders gut den oftmals bestehenden Biofilm lösen«.

Maden und Wundkleber – Exotik in der Wundversorgung

Gewöhnungsbedürftig, zumal für den medizinischen Laien, aber dennoch ein fester Bestandteil der Wundbehandlung: Die Larven der Goldfliege Lucilia sericata, gemeinhin bekannt als Maden. Das Verdauungssekret, das sie in die Wunde absondern, daut Nekrosen und Beläge an. Die dabei entstehende Flüssigkeit dient den krabbelnden Wundtherapeuten als Nahrung – was sie davon wieder ausscheiden, regt zugleich die Wundheilung an. Bis vor einigen Jahren setzte man die Maden noch frei in den Wunden ein. Inzwischen stehen spezielle Beutel zur Verfügung, in dem die sterilen Maden eingeschweißt sind. So ist sichergestellt, dass auch keines der Tierchen ausbüchsen kann – was bei den so genannten Freiläufern durchaus vorkam. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft empfiehlt inzwischen in ihren evidenzbasierten Leitlinien die Madenbehandlung als »Biochirurgie« zur Therapie von diabetischen Fußulzera.

Wundkleber zählen ebenso eher zu den »Außenseitern« in der Wundbehandlung. Sie gelten als schlecht zu applizieren sowie teurer als Nadel und Faden. Zudem haben sie eine nur kurze Lagerstabilität. Doch die Methode »Kleben statt Nähen« bietet auch eine Reihe von Vorteilen. Mit medizinischen Acrylatwundklebern gelingt ein infektionssicherer Wundverschluss ohne Stichkanäle und Zug durch Nahtmaterial. Entsprechend ist auch die Narbenbildung besser und es treten kaum Keloide auf. Weiterhin ist bei Wundklebern keine Anästhesie erforderlich, ebenso wie der Termin zum Ziehen der Fäden entfällt. Der Patient kann zudem sofort wieder seine täglichen Aktivitäten aufnehmen und seine gewohnten Hygienemaßnahmen durchführen. Darüber hinaus können mit modernen Acrylatwundklebern nicht nur die üblichen Wunden, sondern auch Hautmeshes und Hautersatzmaterial nach Verbrennungen an den Wundrändern oder Donor sites angeklebt werden.

Last not least nicht unerwähnt bleiben soll ein Projekt von »Jugend forscht«. Dabei gingen Nachwuchswissenschaftler aus dem mittelrheinischen Boppard der Frage nach, in welchem Ausmaß moderne Schaumverbände Wundexsudat aufnehmen. Um die Versuche detailgetreu nachzustellen, griff man zu – ganz im Ernst – Curryketchup. Ob die Untersuchung mit normalem Ketchup nicht ebenso durchzuführen gewesen wäre, ist ungeklärt… Wohl aber, dass grobporige Schaumverbände das Exsudat um nahezu fünfzig Prozent besser aufnehmen als feinporige.

Quellen:
Vorträge im Rahmen des Deutschen Wundkongress & 6. Bremer Pflegekongress, 05. – 06.05.2010 in Bremen.

121 Wertungen (4.21 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

14 Kommentare:

Karin Neumann
Karin Neumann

Den Kommentar Nr. 12 von Herrn Marcus Neumärker als Altenpfleger kann ich nur unterstreichen, so geht es nicht nur in Altenpflege- Einrichtungen aus Sparmaßnahmen zu und Menschen sind z.T. Bakterien und Pilzsporen ausgeliefert, man denke nur an die MRAS- Bakterien und die Hygiene- Mängel allgemein, aus welchen Gründen auch immer.
Meine Mutter als Diabetikerin mit Ulcus- Wunden bekam aufgrund dieser Sparmaßnahmen wie Herr Neumärker anmerkt, eine Blutvergiftung und ist gestorben.

Aus heutiger Sicht empfehle ich, sich doch einmal mit folgender Methode auseinander zu setzen und die wurde hier noch nicht erwähnt, vielleicht, weil diese zu einfach geht oder zu banal klingt oder weniger medizinisch mit Patenten belegt werden kann:
und das ist die Kaltlicht- Impuls- 904 nm- Laser- Therapie. Sie scheint m.E. die erfolgreichste und auch sicherste Methode ohne Risiko zu sein, ist einfach und schnell einsetzbar und die wohl langfristig auch günstigste Therapie.

#14 |
  0
Dirk Reske
Dirk Reske

Den Zynismus meiner Vorredner kann ich nach 15 Jahren ambulanter pflegerischer Versorgung unterschreiben. Moderne Wundversorgung wird aus Kostengründen nicht angewandt, kontraindizierte Produkte werden vom Arzt verschrieben, teils wegen fehlendem Wissen und teils wegen dem sogenannten Budget. Dann packen wir noch die Expertenstandards dazu und haben das was keiner will, noch höhere Folgekosten bei zunehmender Bürokratiesierung. Alles zum Wohl des Patienten, der sich in den meisten Fällen nicht wehrt weil er Repressalien fürchtet. Quo vadis Wundversorgung?

#13 |
  0
Altenpfleger

Aus meiner Erfahrung im Altenheim ist es so, dass immer noch sehr, sehr viele Ärzte Jod und Mullkompressen verordnen. Durch das Schreckgespenst der Bugetierung bekommt man nicht einmal hier das notwendige Material aufgeschrieben. Der Eintrag in der Pflegedokumentation für die weitere Anforderung von Mullbinden wurde von einem älterem Hausarzt folgt kommentiert: “Rezept über 2 Binden – sparen!”
Oder es ist so, dass man einen Verband aller 3 Tage wechseln soll, aber nur 5 Wundauflagen aufgeschrieben bekommt. Da steht die Pflegekraft dann da und schugt bleed.

Ganz zu schweigen von den Anweisungen, dass steriles Material zu teilen wäre, weil der Arzt aus Kostengründen große Auflagen aufschreibt und Anweisung zum auseinander schneiden gibt. Oder die Anweisung, dass die Einmalpackungen von Hydrogel solange herzunehmen sind, bis alles heraussen ist. Wundspülungen sind zum größten Teil nicht erstattungsfähig und sprengt das Buget des Taschengeldes eines einzelnen Bewohners. Also wird auch hier die 1000 ml Infusionsflasche von isotonischer Kochsalzlösung so lange hergenommen, bis diese leer ist. Und mit jedem Milliliter wird gespart!
Ich kenne die kleinen Stückeln von Varihesive R., welche dann durch Reibung an der Kleidung herunterfallen, wunderbar sinnvoll.

Fazit: moderne Wundtherapie ist im Pflegeheim, trotz evidenzbasierten Erkenntnissen und Forderungen vom MDK kaum durchführbar.
Schmerztherapie bei chronischen Wunden ein Mythos.

Wann reagiert die Pharmaindustrie und stellt PVP- Jod in der 10-Kilogramm Tube her?

Soviel zum Unterschied zwischen Theorie und Praxis, man entschuldige meinen Zynismus

Übriges: Iruxol – Salbe, so sie denn verschrieben wird, ist wirklich eine versuchbare Alternative!

#12 |
  0
Herr Bernd Simon
Herr Bernd Simon

Vielleicht kann man ja die Elektrostimulation als Ergänzung zur Lymphdrainage und Kompressionsbehandlung beim sekundären Lymphödem, z.B. nach Mamma-Amputation, erfolgreich einsetzen.
Gibt es hierzu schon Erfahrungen?

#11 |
  0
Marco Neumann
Marco Neumann

In meiner drei Jährigen Erfahrung als Medizinischer Produkteberater mußte ich leider erfahren, es gibt immer noch Hausärzte die aus Kostengründen gegenüber der Krankenkasse die Moderne Wundversorgung ablehnen. Oder sich nicht damit beschäftigen und weiter Jodhaltige Salben oder Feuchte Kompressen verordnen. Für mich war in diesen Artikel nichts neues einige Verfahren gab es schon und gerieten wieder in Vergessenheit. Schade eigentlich

#10 |
  0

Mir fehlt in der Darstellung zur Behandlung von sauberen Wunden, beispielsweise Ulcus cruris, die Behandlung
mit manueller Lymphdrainage vom Wundrand weg und Kompression über der abgedeckten Wunde mit abnehmendem Druck von distal
nach proximal(Stauungen vermeiden).

#9 |
  0
Medizinjournalistin

Birgit Frohn
Frau Hartmann, danke Ihnen für die Hilfe bei der Elektrostimulation! Und an Herrn Pflüger: In der Einleitung habe ich leider das Wörtchen »auch« vergessen. »Präsentiert wurde auch manches, das exotisch anmutet« trifft es dann besser…

#8 |
  0
Matthias Pflüger
Matthias Pflüger

Die obengenannten Methoden als neu oder exotisch zu benennen kann nur Pflegern und Medizinern kommen, die immer noch chronische Wunden mit jodhaltigen Salben, täglichen Mullverbandswechseln, Honig oder sonstigem Humbug behandeln.
Madenbehandlung wird von den betroffenen Patienten akzeptiert. Wundkleber finden seit Jahren schon Anwendung. Aber einen Vorteil gegenüber herkömmlichen Wundvrschlus im Bereich der Infektionsprophylaxe bieten Wundkleber nicht.
In der Regel beruht eine Wundinfektion auf einer Infektion mit patienteneigenen Keimen bei geschwächter Immunabwehr.
Einzig interessant sind die Informationen zur Wiederentdeckung der Elektrostimulation.

#7 |
  0
Joy Zierer
Joy Zierer

Elektrostimulation zur beschleunigten Wundheilung (ulcus cruris) wurde vor 60 – 70 Jahren erfolgreich eingesetzt, dann aber “vergessen” (Carey, L and Lepley, D, effect of continuous direct current on healing of wounds, Surg. Forum, 13:33, 1962; oder LICHT, Sidney (1967) Therapeutic Electricity and Ultraviolet Radiation, Waverly Press, Baltimore, USA; habe gute Erfahrungen mit “galvano-spa-bath” gemacht bei der Wundheilung unter der Verwendung von Detoxator Elektroden, gerade gut bei infizierten Wunden im Fussbereich.

#6 |
  0
Gesundheits- und Krankenpflegerin

Im Rahmen meiner Weiterbildung zur Wundexpertin konnte ich die Elektrostimmulation kennenlernen.
Der Name ist: WoundEL – der Wund-Schrittmacher von der Fa. GerroMed
Leider blieb der erhoffte Erfolg bei dieser Patientin aus, aber ein Versuch war es wert.

#5 |
  0
Dagmar Hasler
Dagmar Hasler

Maden zur Wundreinigung logisch aber sehr gewöhnungsbedürftig insbesondere für den Patienten!

#4 |
  0
Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Mein “Geheimtip” für den Hausgebrauch:

IRUXOL N Salbe!

= Aufgearbeitetes Infiltrat aus Clostridium histolyticum zur enzymatischen Wundreinigung. Das Zeug ist einfach genial!

#3 |
  0
Birgit Hörger
Birgit Hörger

Welchen Namen hat die Elektrostimulation? Ich kenne die Mikroenergie, die mit µA arbeitet und schon lange bekannt ist als Beschleuniger von allen möglichen Arten der Wund-Heilung.

#2 |
  0
Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

Sehr interessant und aufschlußreich

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: