Intersexualität: Aller guten Dinge sind drei

16. November 2017
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Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, ein drittes Geschlecht für intersexuelle Menschen einzuführen. Betroffene erhoffen sich dadurch, dass Intersexualität nicht länger als Krankheit wahrgenommen wird und geschlechtsanpassende Operationen nicht mehr empfohlen werden.

Im deutschen Geburtenregister gab es bislang nur Frauen und Männer, aber keine weiteren Geschlechter. Das schafft nicht nur bürokratische, sondern auch medizinische Probleme. Damit soll jetzt Schluss sein.

Der kleine, große Unterschied

Themen rund um Transsexualität, Transgender oder Intersexualität sind inzwischen allgegenwärtig. Nicht immer werden die Begriffe jedoch korrekt verwendet. Dazu ein Blick auf Definitionen:

  • Intersexuelle Menschen sind genetisch und/oder hormonell und/oder anatomisch nicht eindeutig den beiden Geschlechtern zuzuordnen.
  • Transsexuelle Menschen wissen und fühlen, dass sie nicht das bei ihrer Geburt zugewiesene Geschlecht haben. Oft ist vom Unterschied des „physischen“ und „psychischen Geschlechts“ die Rede. Anatomische oder biochemische Besonderheiten gibt es nicht.
  • Transgender-Personen sind Menschen, die sich weder mit dem weiblichen noch mit dem männlichen Geschlecht ausreichend beschrieben fühlen. Der Übergang zur Intersexualität ist fließend.

Biologische Geschlechtszuweisung

Biologische Gründe für Intersexualität sind vielfältig. Neben dem typischen Chromosomenmuster der Frau (XX) und des Mannes (XY), kann es während der Entwicklung des Embryos zu weiteren Varianten kommen. Besonders bekannt ist das Turner-Syndrom (XO) mit phänotypisch weiblicher Ausprägung. Anstelle von zwei Geschlechtschromosomen gibt es nur ein funktionsfähiges X-Chromosom. Typisch sind degenerierte Ovarien. Die Pubertät verzögert sich oder bleibt komplett aus.

Menschen mit Klinefelter-Syndrom (XXY) sind phänotypisch eher männlich. Häufig sind kleine Hoden mit verminderter Testosteronproduktion zu finden.

Durch Mutationen im Y-Chromosom kommt es beim Swyer-Syndrom zu nicht funktionsfähigen Keimdrüsen. Statt Penis und Hoden entwickeln sich eine männliche Vagina, ein männlicher Uterus und ein unterentwickelter Penis.

Auch hormonelle Ursachen können eine eindeutige biologische Geschlechtszuweisung erschweren. Mutationen im Erbgut können bei Männern zu defekten Androgen-Rezeptoren führen. Es kommt zur Androgenresistenz; die männlichen Hormone zeigen keinen Effekt. Die Ausbildung typischer Geschlechtsmerkmale bleibt bei einer kompletten Androgenresistenz (Goldberg-Maxwell-Morris-Syndrom) aus.

Normal um jeden Preis

Es handelt sich bei der Intersexualität also nicht um eine klar umrissene Diagnose im medizinischen Sinne. Die Häufigkeit lässt sich schwer schätzen. Je nach Quelle ist von 0,1 bis 0,2 Prozent, aber auch von bis zu 0,5 Prozent der Bevölkerung die Rede.

Früher wurden anatomische Besonderheiten wie eine vergrößerte Klitoris noch im Kindesalter umoperiert. Auch Michael Reiter, ein Aktivist der Intersexualität, musste sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen. Er wurde als Junge in das Geburtsregister eingetragen, später jedoch aufgrund seines Chromosomensatzes zum Mädchen umoperiert. Er kämpfte zusammen mit anderen Betroffenen gegen derartige Operationen.

Solche Eingriffe kritisiert auch Amnesty International scharf. „Werden diese Behandlungen ohne akute medizinische Notwendigkeit vorgenommen, verstoßen sie gegen internationale Menschenrechtsstandards wie die Rechte auf Gesundheit und auf Selbstbestimmung“, so Maja Liebing. Die Amnesty-Expertin für Rechte von intergeschlechtlichen Menschen kritisiert, Ärzte würden den Eltern Eingriffe häufig empfehlen, um deren Kinder zu „normalisieren“.

Offiziell als drittes Geschlecht anerkannt

Jetzt sorgt das Bundesverfassungsgericht für mehr Klarheit (1 BvR 2019/16). Der Senat hat entschieden, dass aktuelle Regelungen des Personenstandsrechts mit Anforderungen des Grundgesetzes nicht vereinbar seien, da es neben dem Eintrag „männlich“ oder „weiblich“ keine dritte Möglichkeit gebe. „Das allgemeine Persönlichkeitsrecht schützt auch die geschlechtliche Identität derjenigen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen“, heißt es in einer Mitteilung. „Darüber hinaus verstößt das geltende Personenstandsrecht auch gegen das Diskriminierungsverbot, soweit die Eintragung eines anderen Geschlechts als „männlich“ oder „weiblich“ ausgeschlossen wird.“ Bis Ende Dezember 2018 muss der Gesetzgeber Neuregelungen schaffen.

26 Wertungen (4.12 ø)

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9 Kommentare:

Gast
Gast

Transgender ist ein genereller Überbegriff – bitte besser recherchieren! Was hier spezifisch beschrieben wird, sind nicht-binäre trans* Menschen, genauso gibt es welche, die sich sehr wohl als weiblich/männlich definieren. Der Übergang zur Intergeschlechtlichkeit ist nicht fließend, es gibt Überschneidungen genauso wie Unterschiede. Die Medizin zählt viele Variationen der Geschlechtsentwicklung und der Geschlechtsmerkmale nicht zu Intersexualität, ich lege jedem die Studie “Zur Aktualität kosmetischer Operationen ‘uneindeutiger’ Genitalien im Kindesalter” von Ulrike Klöppel nahe, die sich damit und den aktuellen Eingriffen befasst!

#9 |
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Gast
Gast
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Danke Herr Kollege Schätzler für Ihre ausführliche Darstellung. Jetzt verstehe ich diese ganze Problematik etwas besser.

#7 |
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Ergänzung:
Statistische Erhebungen zu Inzidenz/Prävalenz bzw. Beobachtung/Vorkommen von Intersexualität gibt es weltweit deshalb nicht, weil es bei intersexuellen Menschen nicht allein um Variationen der Geschlechtsmerkmale geht, sondern um deren fehlende Zuordnungs-Fähigkeit.
Die fiktiven Zahlen von bundesweit 100.000 bis 160.000 Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung, die keinem Geschlecht eindeutig zuzuordnen sind, ist manipulative Meinungsma(s)che!
Angeborene Fehlbildungen der Genitalorgane wie Turner- und Klinefelter-Syndrom ohne zweifelbehaftete Zuordnung der Geschlechtsidentität fallen nicht darunter, ebenso Transgender-, Transsexualität-, “Wrong-Body-” oder “Gender-Dysphorie Syndrom”-Betroffene, wie ich sie in 10-jähriger Beratungs-Arbeit und in meiner hausärztlichen Praxis gesehen habe.
82 Millionen Einwohner in Deutschland und eine Prävalenz der Intersexualität von 1 auf 2.500 bis 5.000 Geburten bedeutet zwischen 16.400 und 32.800 betroffene Personen. Nur für diesen Personenkreis mit einem “Dritten Geschlecht” hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in seiner Entscheidung 1 BvR 2019/16 vom 10.10./8.11.2017 entschieden.

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Vgl. dazu:
Schätzlers Blog auf DocCheck – “Intersexualität – raus aus der Tabuzone!”
“Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) verlangt mit der aktuellen Entscheidung 1 BvR 2019/16 entgegen allen Vorinstanzen die positive Benennung eines dritten Geschlechts. Der Gesetzgeber sei gefordert, nach den Persönlichkeitsrechten im Grundgesetz (GG) bis 2018 im Personenstandsrecht ein 3. Geschlecht zu schaffen. Die Geschlechtszuordnung sei von ‘herausragender Bedeutung’ für jeden Menschen.
Es reiche als positive bio-psycho-sexuelle Identitätsbildung also nicht hin, lediglich die Kategorien “weiblich/männlich/weiß nicht” zu schaffen, das Personenstandsrecht müsse eine dritte konkret zu benennende Möglichkeit bekommen. Bis Ende 2018 habe der Gesetzgeber eine Neuregelung zu schaffen, da durch das geltende Recht das allgemeine Persönlichkeitsrecht Betroffener verletzt werde.
Das Anliegen des/r Beschwerdeführers/-in war klar: Er/sie war von Geburt an als “weiblich” eingetragen worden. Die weitere bio-psycho-soziale Entwicklung ließ aber keine eindeutige Geschlechtszuordnung zu. Das Standesamt lehnte den Antrag auf Eintragung als “inter/divers” oder nur “divers” mit dem Hinweis ab, das deutsche Personenstandsrecht lasse nur die Einträge “weiblich” oder “männlich” zu. Wenn eine Zuordnung nicht möglich sei, könne nur ganz auf die Eintragung eines Geschlechts verzichtet werden…”
http://news.doccheck.com/de/blog/post/7613-intersexualitaet-raus-aus-der-tabuzone/

#5 |
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Gast
Gast

Herr Blöcker warten Sie erstmal darauf, dass die neue NSDAP noch mächtiger wird. Dann dürfen Schwule wie ich, egal ob Hausmeister, Arzt oder Apotheker, wieder einen rosa Wipfel tragen.

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Medizinisch-Technischer Assistent

Es wird wieder die Union mitregieren, in deren Weltbild nur klar männliche bzw. weibliche, heterosexuelle Cis-Menschen Platz haben. Wie oft musste das Verfassungsgericht beim Lebenspartnerschaftsgesetz nachlegen, weil die Union verhindert hat, es gleich richtig auszuführen? Da wurde die Minimalstversion nach dem nächsten Urteil minimalst erweitert.
Der Kampf wird 12/18 nicht zu Ende sein, dieses Urteil ist gut, aber die konservative Politik wird es schaffen, ein zufriedenstellendes Ergebnis noch Jahre zu verzögern, entgegen der psychischen Gesundheit der Betroffenen, rein der Diskriminierung wegen…

#3 |
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Eine ehrliche Frage ohne jegliche Wertung oder Kritik: Ist es das, was die Betroffenen wirklich wünschen und was ihnen wirklich hilft?

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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Gut finde ich, dass heraus gestellt wird, dass viele Abweichungen von der Norm bereits im Genom manifestiert sind (Turner, Klinefelter …).

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