Luftverschmutzung: Mit Autismus Hand in Hand

26. Juli 2013
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Eine Harvard-Studie schlägt Alarm: Frauen, die während der Perinatalphase an Orten mit hoher Luftverschmutzung leben, haben ein doppelt so hohes Risiko, dass bei ihrem Kind Autismus diagnostiziert wird.

Die bisher durchgeführten, kleineren Studien zeigten diesen Zusammenhang auf regionaler Ebene auf; die nun vorliegende Studie liefert Resultate für die gesamte USA. „Die starke Ähnlichkeit unserer Ergebnisse mit den bisher vorliegenden Studien erhöht die Beweiskraft der bisherigen Evidenz, dass Luftverschmutzung für Autismus bei Kindern verantwortlich sein könnte“, betont Andrea Roberts, Forschungsassistentin der Harvard University und Hauptautorin der Studie „Perinatal Air Pollutant Exposures and Autism Spectrum Disorder in the Children of Nurses’ Health Study II Participants“, die im US-Fachjournal „Environmental Health Perspectives“ veröffentlicht wurde.

Dieselpartikel und Quecksilber besonders gefährlich

Die neue Studie basiert auf der umfangreichen, im Jahr 1989 gestarteten „Nurses´ Health Study II“ mit Daten von 16.430 Kinderkrankenschwestern. Außerdem flossen auch offizielle Daten der US-Umweltbehörde (Environmental Protection Agency: EPA) aus allen US-Staaten in die Untersuchung mit ein. Darüber hinaus wurden Daten von 325 Kindern berücksichtigt, bei denen ab 1987 Autismus, Asperger-Syndrom oder andere Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) diagnostiziert wurden. Davon waren 279 männlich und 46 weiblich. Die Forscher teilten diese Kinder in fünf Gruppen ein, abhängig davon, wie hoch der Grad der Luftverschmutzung war, dem die Mütter während der Perinatalphase ausgesetzt waren, und verglichen diese mit einer Kontrollgruppe von 22.098 nicht autistischen Kindern, die zwischen 1987 und 2002 geboren wurden. Ebenfalls berücksichtigt wurden das Einkommen und der Ausbildungsgrad der Familien, weil diese Informationen auch mit der Luftverschmutzung in Zusammenhang gebracht werden können. Das Ergebnis: Mütter, die infolge von Dieselpartikeln und Quecksilber der stärksten Luftverschmutzung ausgesetzt waren, hatten demnach ein doppelt so hohes Risiko, dass ihr Kind an Autismus erkrankt, als Mütter, die in einer Region mit sauberer Luft lebten.

Bei Exposition von Blei, Nickel, Mangan und Methylenchloriden war das Autismusrisiko um bis zu 50 Prozent erhöht. Insgesamt besteht bei 26 von 180 untersuchten Schadstoffen ein signifikanter Zusammenhang mit Autismusfällen. „Da eine so hohe Anzahl von Schadstoffen mit höherem Autismus-Risiko in Zusammenhang steht, können wir aus der Studie nicht ableiten, was die genauen Ursachen sind“, bedauert Roberts. „Auf jeden Fall sei das Studienergebnis bedenklich, denn 20 bis 60 Prozent der Frauen in unserer Studie lebten – abhängig vom jeweiligen Schadstoff – in einer Region mit erhöhtem Autismus-Risiko“, berichtet Roberts. Warum in der vorliegenden Studie Buben sechsmal häufiger von Autismus betroffen waren (279 versus 46 Mädchen), sei nicht bekannt. Der  Anteil der weiblichen Autisten sei mit 14,2 Prozent zu gering gewesen, um daraus einen signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschied ableiten zu können, so die Studienautoren. Als weiteren Schritt empfehlen die Forscher, das Blut von Schwangeren und Kindern zu untersuchen, um genauer bestimmen zu können, welche Schadstoffe das Autismus-Risiko erhöhen. Allerdings können nicht alle Schadstoffe im Blut nachgewiesen werden, was eine genaue Messung schwierig macht.

Fall-Kontroll-Studie zeigt Beziehung zwischen Umwelteinflüssen und Autismus

Eine im Januar in „Jama Psychiatry“ veröffentlichte Fall-Kontroll-Studie der University of Southern California zeigt, dass eine erhöhte Feinstaub- und Stickstoffdioxidbelastung während der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr das Autismus-Risiko signifikant erhöht. Das Forscherteam um Prof. Dr. Heather Volk verglich insgesamt 279 autistische Kinder mit 245 Kindern ohne Entwicklungsstörung und untersuchte, welchen Schadstoffbelastungen durch verkehrsbedingte Umweltverschmutzung die Probanden ausgesetzt waren. „Wir haben die geschätzten und gemessenen Schadstoffbelastungen für die Kinder mit und ohne Autismus in einem logistischen Regressions-Modell miteinander verglichen“, berichten die Forscher. Beim Vergleich der Gruppe mit den geringsten Stickstoffdioxid- und Feinstaubbelastungen mit der Gruppe mit erhöhten Belastungen (Partikelgröße von 2,5–10 Mikrometer: PM 2,5 – PM10) zeigte sich, dass das Autismus-Risiko in der Gruppe mit der stärksten Luftbelastung während der Schwangerschaft um den Faktor zwei und im ersten Lebensjahr um den Faktor drei erhöht war. Zwar lasse sich eine eindeutige Beziehung zwischen den Schadstoffen und Autismus herstellen, es bleibe aber unklar, ob diese tatsächlich für das erhöhte Autismus-Risiko verantwortlich sei. Beispielsweise könnten auch sozioökonomische Faktoren oder die Ernährung eine Rolle spielen. „Weitere epidemiologische und toxikologische Untersuchungen sind notwendig, um einen kausalen Zusammenhang herstellen zu können“, so Volk abschließend.

Was ist Autismus?

Laut Deutschem Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus ist die autistische Störung (syn. frühkindlicher Autismus) eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die in den ersten drei Lebensjahren beginnt. Die Symptome zeigen sich in drei Bereichen besonders deutlich: im sozialen Umgang mit Mitmenschen, in der Kommunikation und in sich stets wiederholenden Handlungen. Das Asperger-Syndrom unterscheidet sich vom frühkindlichen Autismus in erster Linie dadurch, dass oft keine Verzögerung bzw. kein Entwicklungsrückstand in der Sprache oder der kognitiven Entwicklung vorhanden ist. Dafür sind in der psychomotorischen Entwicklung und der sozialen Interaktion Auffälligkeiten festzustellen. Für Deutschland liegen keine genauen Zahlen vor, wie viele Menschen von Autismus betroffen sind. In den USA wird bei einem von 50 Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren Autismus diagnostiziert.

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6 Kommentare:

HP Ingeborg Schauer
HP Ingeborg Schauer

Ingeborg Schauer

Wie steht es denn mit dem Einfluß von Aluminium auf das Erkrankungsrisiko für Autismus? Wäre sehr interessant….

#6 |
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Stephanie Schmidt
Stephanie Schmidt

Ich bin sprachlos über derartige Studien.

Menschen vom Land sind genau so von Autismus betroffen, wie Menschen aus der Stadt.

Es gibt sicher jede Menge Faktoren, welche autistische Verhaltensweisen hervorrufen können, da der menschliche Stoffwechsel sehr komplex ist. Hierbei handelt es sich jedoch meist um vorübergehende, nicht dauerhaft bestehende Verhaltensveränderungen.

Autismus ist bis jetzt nicht heilbar und für die Betroffenen ein lebenslanger Wegbegleiter.

In vielen Familien waren rückblickend auch zurückliegende Generationen in ihrem Verhalten auffällig. Oft sind Eltern und Geschwister ebenfalls betroffen, so dass von einer genetischen Veranlagung auszugehen ist.

Darum ist es wichtig, dass seriöse Studien unterstützt werden, um einen möglichen Gendefekt identifizieren zu können.

#5 |
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Diese “Studie” ist unseriös, mit viel zu geringen Fallzahlen, die dann auch noch aufgeteilt werden. Was haben die Daten von Kinderkrankenschwestern mit dieser Untersuchung zu tun? Wie war die prä-, peri- und postnatale Situation dieser Kinder? usw. Und wenn in den USA die Diagnose “Autismus” bei einem vom 50 Kindern gestellt wird, ist das nur ein Hinweis auf den inflationären Gebrauch dieser Diagnose, denn Autismus etc. sind seltene! Erkrankungen bzw. Abweichungen vom “Normalen”.

#4 |
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Hanns-Peter Faber
Hanns-Peter Faber

ist wirklich beknackt, diese Studie. Wenn man aus der Info ” Berücksichtigt wurde auch das Einkommen, weil diese Info auch mit der Luftverschmutzung in Zusammenhang gebracht werden kann”. Der Umkehrschluss daraus: In gegend mit guter Luft umziehen, und Du hast ein höheres Einkommen.

#3 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

“Zwar lasse sich eine eindeutige Beziehung zwischen den Schadstoffen und Autismus herstellen, es bleibe aber unklar, ob diese tatsächlich für das erhöhte Autismus-Risiko verantwortlich sei. Beispielsweise könnten auch sozioökonomische Faktoren oder die Ernährung eine Rolle spielen. „Weitere epidemiologische und toxikologische Untersuchungen sind notwendig, um einen kausalen Zusammenhang herstellen zu können“, so Volk abschließend.”

im übrigen “ausnahmen bestätigen die regel” schon mal von dem quatsch gehört ;)

#2 |
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Dr. med. Jens Freiburg
Dr. med. Jens Freiburg

ich bin Asperger Autist und meine Mutter hat auf dem Land gewohnt!

So eine Studie kann nur aus den USA kommen, wo arbeitslose Ärzte ein paar Dollar extra für beknackete Studien bekommen.

Nichtsdestotrotz, der Text war gut aufbereitet.

#1 |
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