Übergewicht: Saccharide aktivieren Suchtzentren

17. Juli 2013
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Warum fällt der Verzicht auf eine übermäßige Kalorienzufuhr so schwer? Forscher fanden nun eine Antwort, bei der eine bestimmte Hirnregion und raffinierte Kohlenhydrate wichtige Rollen spielen.

Viele kennen es: Obwohl der Hosenbund immer mehr kneift, das Treppensteigen deutlich schwerer „als früher“ fällt und Kreativität beim Schuhe zubinden gefragt ist, weil beim Bücken der Bauch im Weg ist, wird nicht aufgehört: Gerne gönnt sich „die Naschkatze“ im Laufe des Tages die zweite Tafel Schokolade sowie das dritte Stück Kuchen und sondiert ab 22 Uhr mit dem Löffel ausgiebig das verführerische Glas Nuss-Nougat-Creme. Warum ist das so? Warum fällt der Verzicht auf übermäßiges Essen so schwer, gelingt es vielen Menschen also nicht, die Kalorienaufnahme einzuschränken? Schließlich weiß der (stark) Übergewichtige bei rationaler Betrachtung ja, dass er sich gesundheitlich gesehen überhaupt keinen Gefallen tut.

Diesen Fragen ist Dr. Belinda Lennerz aus der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin (Ärztlicher Direktor Prof. Dr. Klaus-Michael Debatin) des Universitätsklinikums Ulm nachgegangen. Das Ergebnis ihrer am Harvard Children’s Hospital Boston (USA) durchgeführten Studie: So genannte raffinierte Kohlenhydrate aktivieren Suchtzentren im Gehirn. Vermeidet man diese Kohlenhydrate, kann das dazu beitragen, die suchtartigen Heißhungerattacken einzuschränken.

„Wir haben 12 gesunden, übergewichtigen Männern Milchshakes mit hohem glykämischem Index oder niedrigem glykämischem Index gegeben. Dieser Index ist ein Maß zur Bestimmung der Wirkung eines kohlenhydrathaltigen Lebensmittels auf den Blutzuckerspiegel“, erläutert Dr. Belinda Lennerz und ergänzt: „Weißmehl, Zucker und Süßgetränke führen beispielsweise zu einem hohen Blutzuckeranstieg und haben somit einen hohen glykämischen Index. Allerdings fällt der Blutzucker im Anschluss auch rasch wieder ab, was zu verstärktem Hunger führt. Nach dem Verzehr von Gemüse und Hülsenfrüchten steigt der Blutzucker hingegen kaum, diese Lebensmittel haben einen niedrigen glykämischen Index.“

Starke Aktivierung im Nucleus Accumbens

Vier Stunden nach Aufnahme der jeweiligen Milchshakes wurden die Gehirnaktivität und der Blutzuckerspiegel der Probanden gemessen. „Wie erwartet zeigte sich, dass Männer, die den Milchshake mit hohem glykämischem Index zu sich genommen hatten, einen raschen Blutzuckeranstieg und -abfall bis in die Unterzuckerung aufwiesen. Außerdem stellten wir fest, dass im Vergleich zu den Shakes mit einem niedrigen glykämischen Index eine starke Aktivierung im Nucleus Accumbens stattfand“, so Dr. Lennerz. Das ist eine Hirnregion des so genannten mesolimbischen Systems – dem „Belohnungssystem“ – das auch eine zentrale Rolle bei Suchtverhalten spielt.

Die Forscherin weist in Bezug auf die Versuchsanordnung darauf hin, dass die Milchshakes – abgesehen vom glykämischen Index – einen identischen Kalorien-, Fett-, Eiweiß- und Kohlenhydrat-Gehalt aufwiesen. „Auch geschmacklich gab es keinen Unterschied“, versichert Dr. Lennerz. Ihr Fazit: „Raffinierte Kohlenhydrate aktivieren Suchtzentren im Gehirn. Vermeidet man Lebensmittel mit hohem glykämischem Index, bleiben auch suchtartige Heißhungerattacken weitgehend aus. So lässt sich eine Gewichtsreduktion leichter und auch dauerhafter realisieren.“

Bereits geringe Gewichtsreduktion senkt Risiken

Das ist ein wichtiger Aspekt, insbesondere für die junge Generation, wie Prof. Dr. Martin Wabitsch, Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie, betont: „Allein in Deutschland wiegen rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen zu viel, etwa 6 Prozent sind sogar stark übergewichtig oder fettleibig. Ihr Risiko für Erkrankungen wie Bluthochdruck, Fettleber oder eine gestörte Glukoseregulation bis hin zum Diabetes ist hoch. Schon eine geringe dauerhafte Gewichtsreduktion senkt diese Risiken.“

Originalpublikation:

Effects of dietary glycemic index on brain regions related to reward and craving in men1,2,3,4
Belinda S. Lennerz et al.; Am J Clin Nutr, doi: 10.3945/ ajcn.113.064113; 2013

55 Wertungen (4.58 ø)

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7 Kommentare:

Chemiker

Raffiniert oder unraffiniert – es handelt sich um den gleichen Stoff; bei unraffinierten Produkten sind lediglich noch Verunreinigungen drin, die keine Rolle spielen.

#7 |
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Norbert Manteuffel
Norbert Manteuffel

@5 Warum? Sind wir unsterblich?

#6 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

@4 das war wohl nichts!

@3, @1: richtig!

Was mich immer wundert, ist, dass in der Praxis und den populären Medien nichts über AGEs (Advanced Glycation End Products) zu lesen ist, obwohl über 20 Jahren eine Menge Forschung passierte: glyolysierte Eiweiße (besonders betroffen sind Diabetiker), die inflammatorisch und auf andere Weisen toxisch wirken und Alterungsprozesse beschleunigen. (Einzig die Kosmetikindustrie scheint hier praktisch aktiv zu sein, um die Folgen für die Haut abzuschwächen!)

In der Tat, man könnte da auf Verschwörungstheorien kommen,
auch, wenn die DGE dann immer noch 55% KH in der Nahrung empfiehlt.
Man weiß z.B., dass Fructose 10x aggressiver AGEs bildes als Glucose, dennoch wird dieses Maissirup-Produkt überall hineingekippt, was wir essen sollen. Die alters-diabetischen Kinder sind nicht die einzigen Opfer.

#5 |
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Norbert Manteuffel
Norbert Manteuffel

Irgendwann sterben wir Alle!!!!

#4 |
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Gast
Gast

Es kommt gar nicht so sehr darauf an, ob die Kohlenhydrate raffiniert sind oder nicht, sondern darauf, welche Blutzuckerreaktion sie auslösen. Kartoffeln und Nudeln sind in diesem Zusammenhang leider genauso kritisch zu sehen.

#3 |
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@ Dr. Gschwender: Gar so tiefgreifend würde ich die Verschwörung gar nicht vermuten. Es spielen auch die Herstellkosten eine Rolle: Zucker bzw. gehärtete Fette sind schließlich ein einfache Mittel zum “Schönen” billiger Lebensmittel. Am kontraproduktivsten finde ich die Tatsache, dass einseitig mal dieser, mal jener Nährstoff verteufelt wird.

Noch vor einigen Jahren war “der Böse” das Fett, und die modische fettarme Ernährung hat den Konsum von Kohlehydraten stark in die Höhe getrieben. Nun mag nicht jeder Linsen und Zucchini, mancher kauft sich eben eine Pizza mit Fett-Ersatz…

Solange man versucht, dem Verbraucher eine einfache Patentlösung zu verkaufen, und nicht klar wird, dass die artgerechte Ernährung des Menschen ein wenig komplizierter ist als nur das pedantische Weglassen eines einzelnen Nährstoffs, werden die Menschen schlecht ernährt sein. So habe ich in den 90er Jahren einmal in einer Apotheken-Umschau gelesen, Kohlehydratmast sei beim Menschen nicht möglich und solange man kein Fett esse, könne man essen, wieviel man wolle, und würde nicht zunehmen. Sicherlich werden sich irgendwann auch einige der heute verbreiteten Weisheiten als genauso haarsträubender Blödsinn herausstellen.

Wer immer die Schuld trägt – die Medien, die Hersteller, oder wirklich die breite Masse, die ein einfaches Rezept nach dem Muster “Wenn ich ______ weglasse, kann ich soviel essen wie ich will” sucht – am Ende kommt man nicht um die wenig spektakuläre, möglichst naturbelassene Mischkost in mäßigen Mengen herum – an der keiner reich werden kann und über die sich niemand auch nur ein Kochbuch kaufen würde.

Ich finde es gut, dass in den letzten Jahren die Eigenschaften der Kohlenhydrate etwas genauer untersucht werden, und vielleicht lösen wir alle uns einmal von diesem primitiven Denken, das an eine Vier-Säfte-Theorie erinnert.

#2 |
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Endlich wird das Problem erkannt!!
Sei langm ist bekannt, daß raffinierter (weißer) Zucker das höchste Suchtpotential besitzt und auch noch so geringe “Suchtveranlagung” weckt und aktiviert! Deshalb wird dieser Zucker bereits der Banynahrung beigemischt und ist auch in allen industriell hergestellten “Nahrungsmitteln” enthalten!
Die selben Konzerne verkaufen uns den Alkohol und die Zigaretten. Die Verfilzung (nicht nur der bayerische Staat!) mit der PhRmaindustrie sorgt für geren Gewinne mit allen bekannten Krankheiten, die durch diese kriminnwllen Handlungen erst entstehen.

#1 |
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