Shanghai: Syphilis and the City

2. Juni 2010
Teilen

40 Milliarden hat China für die EXPO ausgegeben - womöglich hätte ein Teil davon in die Verteilung von Kondomen fließen müssen. Denn Epidemiologen stellen die massive Verbreitung der Syphilis in Shanghai fest. Zunehmender Wohlstand sorgt für das Comeback einer Seuche.

Fünfzig Jahre ist es her, dass die Volksrepublik China unter Mao Tse-tung die größte von Menschen ausgelöste Hungersnot der Geschichte erlebte – zwischen 20 bis 40 Millionen Menschen starben. Im Sog dieser Katastrophe unbemerkt blieb indes eine echte Errungenschaft Maos: Der “Große Sprung nach vorn” machte in China den Syphilis-Erregern den Garaus – ein Ereignis, an das sich in Shanghai heute nur noch die Alten erinnern.

Aktuell muss in China zwar niemand mehr hungern – aber die Bazillen sind in noch nie dagewesenem Ausmaß wieder da. Massiver Wohlstandszuwachs, konstatieren nun die Epidemiologen Joseph D. Tucker, Xiang-Sheng Chen und Rosanna W. Peeling im Fachblatt New England Journal of Medicine, habe der Syphilis zum ultimativen Comeback verholfen.

Auch Kinder betroffen

Tatsächlich lieferte die Auswertung offizieller Daten des National Center for STD Control in Nanjing Hinweise auf eine Lage, die außer Kontrolle zu geraten scheint. Allein im Jahr 2008 kam in China jede Stunde ein durch die Mutter mit Syphilis infiziertes Baby zur Welt, 9480 erkrankte Kinder wurden auf diese Weise geboren. Auf alle Altersgruppen bezogen stieg die Inzidenzrate sogar um den Faktor 12 an – und das innerhalb von nur fünf Jahren.

Die Vorstellung, dass der winzige Erreger der Wirtschafts-Supermacht gefährlich werden könnte, avanciert zum realen Horrorszenario. Denn wer an Syphilis erkrankt, schreiben die Autoren der NEJM-Publikation, kann mit weiteren Komplikationen rechnen. So infizieren sich Syphilis-Patienten erfahrungsgemäß häufiger und schneller mit HIV, und übertragen die Aids-Viren alsbald an die nächsten Geschlechtspartner. Bis zu 50 Prozent der mit Syphilis-Erregern infizierten Neugeborenen können an Spätfolgen während der Kindheit versterben. Und die Hälfte aller infizierten Schwangeren verliert das Kind noch im Mutterleib.

China-Plot für den Erreger

Die Expansion der chinesischen Syphilis-Epidemie sei ein Lehrstück über den Einfluss von Wohlstand auf sexuell übertragbare Erkrankungen, folgern Tucker und seine Kollegen. Eine aufkeimende Sexindustrie, Geschäftsleute mit Geld und die zunehmende Lust auf ungeschützten Sex sind offenbar die Mixtur, die den Bakterien zum Siegeszug verhalf. Die Expo verdeutlicht dabei das Problem. „Better City Better Life“ lautet das Leitmotiv der Weltausstellung 2010 in Shanghai und begeistert nach wie vor die deutsche Politik. “Neue Perspektiven des Gleichgewichts zwischen dem natürlichen Lebensraum und dem pulsierenden Leben in Metropolen” zeige die Weltausstellung bis zum 31. Oktober 2010, lässt die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen wissen, und verweist in gleichem Atemzug auf die „Berlin Days, die außerhalb der EXPO in Shanghai und Shenzhen stattfinden”. Doch die totale globale Party birgt sexuelle Risiken. Was die Autoren des NEJM-Artikels nämlich besorgt, ist ein zusätzlicher Aspekt des kunterbunten Treibens: Die Mechanismen aus China sind auf andere Länder übertragbar, und erreichen die westliche Welt.

So berichtete ein Team um Thomas L. Patterson vom UCSD Department of Psychiatry and the Veterans Administration Health Care System in San Diego über die Zunahme der Infektionen auch an der Grenze zu Mexiko. Die am 27. April im Fachblatt Addiction veröffentlichte Arbeit nahm die Grenzstädte Tijuana und Ciudad Juarez unter die Lupe, die in unmittelbarer Nähe der Großstädte San Diego und El Paso liegen. Ungeschützter Sex mit Prostituierten, Drogenkonsum und gemeinsam genutzte Spritzen machen den US-Ärzten ebenfalls zu schaffen – und wieder ist der Syphilis-Erreger Sieger des globalen Geschlechtsverkehrs. Für das Reich der Mitte kommt ein ganz spezielles Problem hinzu. Ein Drittel der Männer, die Sex mit Männern praktizieren, führen ein perfektes Doppelleben. Auch die Kunden des horizontalen Gewerbes leben nach diesem verhängnisvollen Plot: Der kondomlosen Lust folgt das solide Familienleben, ungeschütztes Liebesleben mit der Partnerin inklusive. Genau das, stellen die Epidemiologen im NEJM jetzt fest, führt zu Kindern, die bereits bei der Geburt an der Seuche erkrankt sind. Die Weltausstellung in Shanghai wird diesen Trend nicht mindern – im Gegenteil. Über 600.000 Chinesen leiden mittlerweile an der unheilvollen Erkrankung – unter Mao betrug ihre Zahl noch Null.

124 Wertungen (4.38 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

5 Kommentare:

Josef Huppertz
Josef Huppertz

Ich lebe schon ein paar Tage in diesem Land und kann mich der Meinung nur anschliessen das die ” Durchseuchung ” hoeher als 0,05% sein muss. Dies wird sich aber auf Grund des paraktizierten Sexuallebens zuerst in den gut betuchten Kreisen auswirken. Denn hier wird vorwiegend ungeschuetzter Sex genossen. Wobei Touris auch zu den gutbetuchten zaehlen. Ansonst wer Kohle hat geht zum Arzt zahlt cash und taucht nicht in der Statistik auf.

#5 |
  0
Dr.med Adrian Mondry
Dr.med Adrian Mondry

Veroeffentlichte Statistik in China ist immer unter politischen Gesichtspunkten zu interpetieren.
Mao: Null Syphilis, weil dem Westen moralisch ueberlegen (was nicht sein darf, kann nicht sein)
Hu: 600,000 Faelle- Warnung vor moralischem Verfall, Grundlage fuer die naechste Budget Diskkussion.
In abgelegenen Regionen duerfte die Inzidenz mehr als 0.05% betragen, nur wird da nicht so genau hingeguckt. NGOs in Shezuan schaetzen, dass in manchen Regionen bis zu 50% der Bevoelkerung Hepatitis C positiv sind, aus den gleichen Gruenden, die der Artikel fuer die Syphilis anfuehrt. Nur darf das niemand laut sagen, und verlaessliche Zahlen werden nie veroeffentlicht.

#4 |
  0
Dr. med. Karlfranz Koehler
Dr. med. Karlfranz Koehler

Früher war es die “Spanische Seuche”, jetzt könnte die Syphilis zur “gelben Gefahr” werden. Ist schon bekannt, welche Gegenmaßnahmen der chinesische Staat zu ergreifen gedenkt ? Wie ist die Resistenzlage des Erregers?

#3 |
  0

Der Artikel zeigt in schöner Weise einmal mehr die soziokulturelle Dimension infektiöser Krankheiten auf.Auch wenn die Begrifflichkeiten tatsächlich ein wenig falsch dimensioniert angewandt wurden, so ist es kein Grund, die Zeilen derart schlecht zu reden.In einer den Akademikern eignenen typischen Weise, die auch nicht zielorientierter wirkt, sondern vielmehr Ausdruck eines sich krampfhaften “Abhebekomplexes “ist.Der Artikel ist gut!

#2 |
  0
dr.dr. Juergen Koelzsch
dr.dr. Juergen Koelzsch

die vorstellung, in einem reich wie chino, habe es unter Mao keine Syphilis gegeben, ist ein märchen wie viele aus diesem reich. so etwas gibt es nicht!! Null war etwas anderes.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: