Diabetes Typ 3: Zucker im Kopf

4. Juni 2010
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Erstmals nehmen Pharmazeuten den Typ-3-Diabetes genau unter die Lupe und bereiten die Branche auf einen kommenden Boom vor. Denn die betroffenen Patienten erkranken zusätzlich vor allem an Demenz und Alzheimer – und Medikamente könnten den Teufelskreislauf unterbrechen.

An den Griff seiner Kandidaten zum Insulin-Nasenspray wird sich Günther Jauch in Zukunft womöglich gewöhnen müssen. Eine Applikation links, eine rechts, und dem Erinnerungsvermögen der Millionengewinner in spe stünde kaum noch etwas im Wege, denn die nasale Insulinaufnahme zur Förderung der Hirnaktivität verwandelt die Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses in einen Supercomputer. Was auf den ersten Blick nach Zukunftsmusik aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung als mögliches Szenario. Denn die an der Washington State University lehrenden Pharmaforscher Lindy Wood und Stephen M. Setter beschreiben im Fachblatt „US Pharmacist“, warum Insulinsprays neben Gesunden auch Alzheimer– und Demenzpatienten helfen, wenn diese zur Gruppe der sogenannten Typ 3 Diabetiker gehören.

Die Diskussion um Diabetes Typ 3 begann vor rund fünf Jahren, als Wissenschafter an der Brown Medical School diese Form der Erkrankung entdeckten. Doch die Malaise geriet schnell aus dem Fokus der Forschung, den sie schien keinerlei Auswirkungen auf den peripheren Blutzuckergehalt zu haben. Lediglich die Insulinwerte im Gehirn der Patienten waren niedriger als jene der gesunden Probanden. Ein Rätsel blieb bestehen: Diabetiker (Typ 2) trugen ein signifikant höheres Alzheimerrisiko – nur warum?

Die aktuelle Veröffentlichung der beiden Amerikaner Wood und Setter lüftet das Geheimnis. Der zerebrale Glukosestoffwechsel, erklären die Autoren, ist zwar auf Insulin nicht angewiesen. So benötigt der Körper, um die nötigen Zuckermoleküle zum Gehirn zu befördern, eigentlich kein Insulin. Trotzdem weisen Hypocampus und Hypothalamus hohe Konzentrationen des Moleküls auf. Dass ausgerechnet diese Lern- und Gedächtniszentren auf viel Insulin angewiesen sind, liegt den beiden Pharmakologen zufolge an einem weiteren Mechanismus: Das Molekül erleichtert die Glukoseverwertung des Gehirns, was die kognitiven Leistungen steigert. Menschen mit Vorstufen von Typ 2 Diabetes aber produzieren zu wenig Insulin, was letzten Endes die Konzentration im Gehirn durcheinanderwirbelt. Genau diese Unregelmäßigkeiten, meinen nun die Pharmakologen, dürften die verstärkte Bildung von beta-Amyloid und Tau-Proteinen auslösen – Alzheimer und Demenz bei Diabetikern wären die Folge.

Insulin, Alzheimer, Diabetes – alles eins?

Dass neurologische Erkrankungen mit den hormonellen Regelkreisen von Diabetes gekoppelt zu sein scheinen, ist eine neue Erkenntnis – und eröffnet neue Therapieansätze. Gelänge es nämlich, die unliebsamen Insulinschwankungen im Gehirn zu stoppen, käme es vermutlich nicht zu den fatalen neurodegenerativen Folgeerscheinungen. Die Chancen stehen gut. Neben nasal verabreichten Insulinpräparaten als Turbozugabe fürs Gehirn könnten der Studie zufolge auch PPAR-Gamma Agonisten die unliebsame Verkettung zum Diabetes Typ 3 aufhalten. So ließ sich beispielsweise der Wirkstoff Rosiglitazon nach oraler Aufnahme im Gehirn der Patienten nachweisen – die Substanz scheint die Blut-Hirnschranke entgegen der bisherigen Erwartungen doch in ausreichender Menge zu überwinden. Gleichwohl sind die Arzneien auf Grund fehlender klinischer Langzeitdaten für diese spezielle Indikation weder in den USA, noch hierzulande bei Patienten mit Alzheimer zugelassen, zudem hat sich Diabetes Typ 3 als eigene Erkrankung noch gar nicht in den Leitlinien der Deutschen Diabetes Gesellschaft etabliert.

„Apotheker spielen daher eine entscheidende Rolle, um Patienten auf neue Formen der Erkrankung und mögliche Therapien hinzuweisen“, erklärt Wood, und: „Diabetes Typ 3 ist eine solche neue Form“. Tatsächlich kommt der beratenden Funktion der Apotheker eine wichtige Rolle zu: So lange Typ 3 Diabetes in keiner evidenzbasierten Guidline der Ärzteschaft auftaucht, bleibt die Apotheke die Aufklärungsstelle. Wer bei seinen Stammkunden eine unerklärliche Vergesslichkeit feststellt sollte, so lässt sich die Publikation im „US Pharmacist“ unmissverständlich deuten, mangelndes Insulin im Gehirn des Kunden als mögliche Ursache denken.

Für die Betroffenen käme die Diagnose durch den Apotheker einer Erleichterung gleich. Denn nicht nur Insulinsprays oder PPAR-Gamma Agonisten, die Ärzte für diese Indikation nicht verschrieben können, scheinen bei Diabetes Typ 3 zu helfen. Auch körperliche Aktivität bringt die Insulinzufuhr wieder in Gang, wie Wood und Setter attestieren.

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Pharmazie

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7 Kommentare:

OphR Konrad Riedel
OphR Konrad Riedel

Ich kann mich nur den Gedankengänge und Äusserungen des Kollegen Dr. Beck anschliessen; wurde doch die inhalierbare Insulinmedikation in den USA produziert und nicht zugelassen, dafür von dort importiert für Deutschland zugelassen und deshalb auch für die Krankenkassen erstattungspflichtig. Nur gut, dass es nicht verschrieben wurde und somit wieder vom Markt ist.Ich würde mir als Apotheker keine Diagnose wagen, sicher auch nicht dürfen.

#7 |
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Erika Zinkl
Erika Zinkl

Sehr interessant, Aufklärung tut Not!

Warum werden diese Infos einfach zurückgehalten?

#6 |
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Ulrich Riekert
Ulrich Riekert

“Für die Betroffenen käme die DIAGNOSE durch den Apotheker…”

Ein Schelm der Arges dabei denkt?!

#5 |
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Apotheker

Interessant hört sich das immer alles an, aber eine Studie macht noch keinen Sommer (für die Industrie).
Wie meine Vorkommentierer richtig erwähnten, wurde von der größeten Pharmafirma der Welt das inhalierbare (KEIN Nasalspray!) Insulin = Exubera (R) vom Markt genommen. Der Grund war die miserable Bioverfügbarkeit (um die 10 %), der Verdacht einer tumorpromovierenden Wirkung, etliche Ausschlußgründe (nicht für Raucher, nicht für Kinder), ein Applikator der auch als Totschläger tauglich gewesen wäre.
Die Kosten wären mittlerweile auch interessant geworden, man denke nur an die kurz- bzw. langwirksamen Insulinanaloga und die entsprechenden Diskussionen zur Kostenübernahme.
Aber gut, ich inhaliere also Insulin in die Nase – was passiert dann?
Das ist ein recht großes Molekül – was macht die Nasenschleimhaut damit? Wird es eventuell abgebaut? Was kommt im Blut an? Stop! Wir sind noch nicht im Gehirn … wie kommt das Insulin ins Gehirn? Gibt es einen aktiven Transporter für dieses Molekül (wie zum Beispiel für Dopamin aus Levodopa)? Oder kommen nur geringe Mengen an und der Rest blibt in der Peripherie und bringt mich einer Hypoglykämie nahe? Was für Rosiglitazon gilt, muss für Insulin noch lange nicht gelten.
Die Blut-Hirn-Schranke ist ja nicht umsonst so “undurchlässig”, das hat alles einen Sinn und soll das Hirn schützen für Xenobiotika.
Also warten wir es mal ab, was aus Diabetes Typ 3 wird und denken mal an COX 3 und Paracetamol – da hört man auch nicht mehr sonderlich viel!

Einer geht noch:
Sehr geehrter Herr Küpper, als Altenpfleger sind Sie ja vom Fach … eventuell bestellen Sie Ihre Medikamente mal nicht im Internet und suchen Sie eine reale Apotheke auf, dort kann man Sie (wenn Sie das möchten und datenschutzrechtlich zustimmen) ordentlich beraten und Sie haben darauf nach § 20 Apothekenbetriebsordnung sogar einen Rechtsanspruch. Oder wollen Sie garnicht beraten werden, weil Sie alles selbst wissen und Sie wollen auch nicht, das jmand auf Sie “aufpasst”

#4 |
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Solange die Existenz des Typ 3 nur in einer Studie beschrieben wird, besteht kein Handlungsbedarf. Ich kann schließlich als Apotheker kein neues Krankheitsbild “erfinden”

#3 |
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Apothekerin

Hat zwar noch keine praktische Relevanz, ist aber äußerst interessant.
Wird nasal verabreichtes Insulin die neue Studentendroge ?!

#2 |
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Altenpfleger

Tool, der Apotheker passt auf mich auf. Wusste ich gar nicht.

#1 |
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