HPV: Impft endlich auch die Jungs!

10. November 2017
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Elf Jahre nach Einführung des ersten HPV-Impfstoffs ist es Zeit, ein Resümee zu ziehen. Während die Zahl geschützter Frauen langsam aber sicher steigt, werden Männer zur neuen Risikogruppe. Experten fordern, beide Geschlechter konsequent zu impfen.

Rund 80 Prozent aller Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit Humanen Papillomaviren (HPV). Je nach Genotyp löst HPV das Wachstum gutartiger oder bösartiger Tumoren aus. „Low Risk“-Viren wie Typ 6 und 11 führen zum Condylomata acuminata, besser bekannt als Feigwarzen. Im Unterschied dazu bringen Wissenschaftler „High Risk“-Viren mit Krebserkrankungen wie Zervixkarzinomen, Analkarzinomen oder Oropharynxkarzinomen in Verbindung. Dazu gehören u.a. Typ 16, 18, 31 und 45. Ärzte haben sich lange Zeit auf Frauen konzentriert und Männer schlichtweg übersehen.

Verzicht auf die Jungenimpfung „fahrlässig“

Zum Hintergrund: Experten der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut raten Ärzten, nur Mädchen im Alter von neun bis 14 Jahren gegen HPV zu impfen. „Ein Argument für die alleinige Impfung der Mädchen war bisher immer, auf diese Weise die HPV-Last bei sexuell aktiven jungen Frauen so stark abzusenken, dass sich die jungen Männer als Sexualpartner der geimpften Frauen ebenfalls nicht mehr anstecken können“, kommentiert Professor Dr. Kurt Miller. Er ist Direktor der Klinik für Urologie an der Charité. „Dieser Herdenschutz funktioniert allerdings nur, wenn über die HPV-Impfung mehr als 85 Prozent der jungen Mädchen erfasst würden.“ In der Realität bewegen sich die Impfquoten bei unter 40 Prozent.

Als weitere Einschränkung des Herdenschutzes kommen Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), noch mit hinzu. Millers Fazit: „Da der Penis der Haupt-Transmitter für HPV darstellt, ist der Verzicht auf die Jungenimpfung fahrlässig.“

Das männliche Geschlechtsorgan scheint eine besondere Rolle zu spielen, wobei hier noch Forschungsbedarf besteht. Leiden Männer unter einer Vorhautverengung (Phimose), erkranken sie häufiger am Peniskarzinom. Diese Krebsart ist ebenfalls mit HPV assoziiert. „Beschnittene Männer haben ein niedrigeres Risiko, ein Peniskarzinom zu entwickeln, weshalb in Ländern oder Kulturkreisen, in denen Beschneidungen im Kindesalter üblich sind, Peniskrebs seltener auftritt”, erklärt Professor Dr. Oliver Hakenberg. Er leitet die Urologische Klinik und Poliklinik an der Uni Rostock.

Blowjob mit Folgen

Hier geht es aber nicht nur um Läsionen am Penis. „Die Inzidenz von HPV-assoziierten Oropharynxkarzinomen hat sich seit den 1980er Jahren erhöht und in den letzten zwei Jahrzehnten speziell bei Männern verdoppelt“, sagt Gypsyamber D’Souza von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore. Sie hat Daten von 13.089 Personen zwischen 20 und 69 Jahren ausgewertet. Basis ihrer Arbeit waren Daten aus NHANES (National Health and Nutrition Examination Survey). Bei 9.425 Probanden im Alter von 20 bis 59 Jahren lagen Informationen über Sexualpraktiken vor. Daten aus Krebsregistern kamen mit hinzu.

D’Souza und Kollegen fanden bei 3,5 Prozent aller Erwachsenen zwischen 20 und 69 Jahren onkogene HPV-DNA im Mund-Rachen-Bereich. Frauen, die mit maximal einem Mann Oralsex praktizierten, hatten die geringste Prävalenz. Nur 1,8 Prozent aller Raucherinnen und 0,5 Prozent aller Nichtraucherinnen waren infiziert. Der Wert erhöhte sich auf maximal 3,0 Prozent bei zehn oder mehr Sexpartnern.

Bei Männern (MSM) zeigten sich in der Studie deutlich höhere Werte. Hatten sie niemals oder mit maximal einem anderen Mann oralen Sex, betrug die Prävalenz 1,5 Prozent. Bei maximal vier Oralsex-Partnern waren es 4,0 Prozent (Nichtraucher) oder 7,1 Prozent (Raucher). Wer Blowjobs mit fünf oder mehr Männern machte, kam auf 7,4 (Nichtraucher) beziehungsweise 15,0 Prozent (Raucher).

Häufiger Hochrisiko-Viren bei Männern

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Kalyani Sonawane von der Universität von Florida, Gainesville. Sie stellte kürzlich Zahlen für männliche US-Amerikaner vor, wobei NHANES ebenfalls die Grundlage war. Für orale HPV-Infektionen gibt Sonawane eine Prävalenz von 11,5 Prozent bei Männern und 3,2 Prozent bei Frauen an. Das entspricht US-weit 11 Millionen Männern und 3,2 Millionen Frauen. Hochrisiko-Genotypen traten bei Männern häufiger auf als bei Frauen (7,3 versus 1,4 Prozent).

Bei Männern und Frauen, die gleichgeschlechtliche Sexualpartner hatten, betrug die Prävalenz einer Hochrisiko-HPV-Viren 12,7 beziehungsweise 3,6 Prozent. Hatten Männer Oralsex mit mehreren anderen Männern, lag die Prävalenz sogar bei 22,2 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit einer oralen HPV-Infektion Hochrisiko-Viren war am größten bei schwarzen Teilnehmern, bei Personen, die täglich mehr als 20 Zigaretten rauchten, Marihuana konsumierten, oder eine große Zahl unterschiedlicher Sexualpartner hatten.

Was bringt das Wissen?

Ärzten bringen diese Studien zum Risiko derzeit recht wenig. „Gegenwärtig gibt es keine Tests, die zur Früherkennung von Oropharynxkarzinomen eingesetzt werden könnten“, erklärt Carole Fakhry von der Johns Hopkins University School of Medicine. Bei Risikopatienten seien keine Rückschlüsse auf spätere Krebserkrankungen möglich. Alternativ bleiben HPV-Impfstoffe, falls diese ein möglichst großes Spektrum an Infektionen abdecken.

Seit 2006 sind Vakzine zur präventiven Anwendung verfügbar. Der Zweifachimpfstoff enthält Antigene der Typen 16 und 18. Beim Dreifach-Impfstoff sind es HPV 6, 11, 16, und beim Neunfach-Impfstoff sogar 6, 11, 16, 18, 31, 33, 45, 52 und 58.

Kondome schützen unabhängig von der Sexualpraktik, das steht außer Frage. Wer auf Oralsex verzichtet, minimiert sein Risiko ebenfalls. Das gilt speziell für MSM und für Frauen, die Männer oral befriedigen. Wenig thematisiert wird bisher, wie es sich auf Männer auswirkt, wenn sie Frauen oral befriedigen.

Ansonsten darf ein Aspekt nicht vergessen werden: Rund 70 bis 80 Prozent aller Menschen stecken sich wähend ihres Lebens mit HPV an. In fast allen Fällen gelingt es dem Immunsystem, Infektionen abzuwehren. Nur persistierende onkogene Viren erhöhen das Krebsrisiko. Und genau hier greifen Impfungen, bevor es zur ersten Infektion kommt.

Impfung für alle

Am Sinn lässt sich nicht rütteln. Bei Frauen macht sich langsam der Effekt von Schutzimpfungen bemerkbar, wie Yvonne Deleré vom Robert Koch-Institut berichtet. Sie hat zwischen 2010 und 2012 genau 787 Frauen zwischen 20 und 25 Jahren rekrutiert. Alle Teilnehmerinnen mussten neben Angaben zur Person auch einen Zervix-Abstrich zur Verfügung stellen. Von ihnen waren 512 nicht gegen HPV geimpft.

In der ungeschützten Population betrug die HPV-Prävalenz unabhängig vom Virustyp 38,1 Prozent. Als häufigsten Genotyp identifizierte Deleré HPV 16 (19,5 Prozent). Die Prävalenz mindestens eines Hochrisikotyps lag bei 34,4 Prozent. Bei 223 geimpften Frauen kamen HPV 16/18 im Vergleich zu nicht geimpften Studienteilnehmerinnen signifikant niedriger vor (13,9 versus 22,5 Prozent).

„Wir zeigen eine hohe Prävalenz von Hochrisiko-HPV-Genotypen bei nicht geimpften Frauen in Deutschland, die durch Impfung potentiell verhindert werden können“, fasst Deleré ihre Ergebnisse zusammen. Wahrscheinliche Effekte durch Impfungen auf die HPV-Prävalenz habe man bei Frauen beobachtet, die in jüngerem Alter geimpft wurden. „Dieser Befund verstärkt die Empfehlung, Mädchen in der frühen Adoleszenz zu impfen“, schlussfolgert die Erstautorin.

Ärzte sollten jetzt reagieren

Auch Männer profitieren. Mehrere Studien (u.a. Giuliano et al., Palefsky et al.) zeigen, dass kommerzielle HPV-Vakzine Männer zumindest gegen Genitalwarzen und Vorstufen des Penis- sowie des Analkarzinoms schützen. “Die STIKO unter­sucht momentan die bisher vorliegende Evidenz zur HPV-Jungen­impfung, um die Einführung einer Routine-Impf­empfeh­lung neu bewerten zu können”, heißt es vom Robert Koch-Institut. Ein genauer Zeitplan ist nicht bekannt. Bis dahin haben Ärzte bei Jungs mehrere Möglichkeiten:

  • Sie sollten in eigenen „Jungensprechstunden“ zu sexuell übertragbaren Krankheiten, speziell HPV, informieren.
  • Auch ohne Empfehlung der STIKO können sie Jungs gegen HPV impfen. Die Vakzine wurden für beide Geschlechter zugelassen.
  • Die Sächsische Impfkommission (SIKO) empfiehlt HPV-Impfungen gleichermaßen für Mädchen und Jungs. Damit ist eine Abrechnung zu Lasten der GKV möglich.
  • Ansonsten haben sich mehrere GKVen bundesweit zur Kostenübernahme bereiterklärt.
  • Selbstzahlerleistungen bleiben die Alternative.
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Bildquelle: Rich Brooks, flickr / Lizenz: CC BY

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13 Kommentare:

Gast
Gast

Ich gehöre zu denjenigen, die zu alt waren, als die Impfung auf den Markt kam, ließ mich aber impfen. Vorher konnte eine HPV – Infektion ausgeschlossen werden. Würde ich wieder genauso machen, auch wenn ich die Kosten selbst trug. Meine Kinder werde ich auch impfen lassen, auch wenn die Kosten für Jungs nicht übernommen werden. Ich erkaufe dadurch die Chance, eher gesund zu bleiben. Wo ist dann das Problem

#13 |
  10
Gast
Gast

@#2: Selbst wenn der langfristige Nutzen noch nicht belegt ist,was ja auch erst passieren kann, wenn genügend geimpft sind und man daraus ein Ergebnis ablesen kann. In wie weit soll die Impfung denn schaden? Und eine Chance keine Erkrankung durch die Impfung zu bekommen ist doch besser, als das Risiko eine Erkrankung zu bekommen, weil man sich nicht geimpft hat.

#12 |
  9
Gast
Gast

#10 sollte an den Kommentar mit der Aussage: “Jetzt sollen auch noch die Jungs vergiftet werden…”, der gerade noch #9 war, jetzt aber scheinbar gelöscht ist. Für den aktuellen # 9 Daumen hoch.

#11 |
  8
Gast
Gast

@#9: Impfungen sind Gift? Wie schön waren doch die Pocken, Kinderlähmung, Diphterie, Tetanus und co, nicht wahr? Neben ihren Anti-Impf-Propaganda-Büchern sollten Sie sich vielleicht darüber informieren, was eine Impfung überhaupt genau ist und wie sie funktioniert. Weiterhin hat die STIKO nichts mit der Pharmaindustrie zu tun. Und dank der Pharmaindustrie haben wir fast immer genug Impfstoffchargen. Ich hoffe, Sie haben keine Kinder, denen Sie dann die Impfungen versagen. Ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken, wenn Sie Ihr Kind möglicherweise an Tetanus verrecken sehen, denn daran stirbt man nicht, sondern verreckt wirklich elendig.

#10 |
  15
Gast
Gast

Nach den AWMF-Leitlinien ( vertreten Paul Ehrlich Institut, Urologen, etc) wird die HPV Impfung für Jungs empfohlen, laut dieser Leitlinie ist auch die STIKO in Erwägung diese bundesweit zu empfehlen.
Glücklich die Sachsen welche schon frühzeitig die Ungleichbehandlung von Mann und Frau aufgehoben haben und die Impfung bezahlt bekommen.
Auf Nachfrage bei meiner KK der Techniker Krankenkasse bezahlt sie die Impfung
nur wenn wir unsere Jungs mit Wohnort in Sachsen anmelden, in Bayern auch wenn wir 5 km von der “Grenze” wegholen würden gäbe es keine Kostenerstattung, dafür bekommen Frauen die Impfung bei der TK über das 18 Lebensjahr die Impfung als Sonderleistung bezahlt.

#9 |
  6

Ist doch logisch dass von HPV und Folgeerkrankungen beiderlei Geschlecht betroffen ist. Und was heiß Pharma-Mafia? An den 2 bzw. 3 Impfungen wird deutlich weniger “verdient” als an der Behandlung der Folgen von HPV. Aber für Sachsen ist das eh ein alter Hut. Da ist es schon länger empfohlen, genauso wie bereits Routine bei der Rota-Schluckimpfung besteht, wo andere noch überlegen.

#8 |
  8
Dr. med. Marc Heydenreich
Dr. med. Marc Heydenreich

Wirkt die Impfung auch bei Erwachsenen? Zumindest ein relativer Schutz sollte hier doch auch postuliert werden. Und an alle Impfgegner: haben Sie mal Patienten mit Condylomen oder gar Oropharynxcarcinomen erlebt? Dann würden Sie hier nicht schon wieder Ihren Unfug verbreiten.

#7 |
  9
Verunsicherte Mutter
Verunsicherte Mutter

Als Mutter zweier Jungs dachte ich bisher, ich wäre aus dem Thema fein raus. Habe noch nie gehört, dass die Impfung für männliche Jugendliche in Erwägung zu ziehen ist. Nicht beim Kinderarzt und nicht anderswo.
Nach Lesen des Artikels und der Kommentare weiß ich jetzt nicht, was ich davon halten soll…

#6 |
  9

Die HPV-assozierten Oropharynxkarzinome sind die Tumorentität mit der derzeit höchsten Wachstumsrate. Dies liegt an der zunehmenden Verbreitung von Oralsex in den letzten Jahrzehnten. Eine Impfung schützt davor.
M. E. ist es dringend Zeit zu handeln und die Jungs ebenso zu impfen, wie die Mädchen, bei denen ein positiver Effekt bereits zu sehen ist.

#5 |
  16
Tönnies Katz
Tönnies Katz

Oje, noch mehr Gifte in den Körper: Was ist mit den Impfnebenwirkungen? Es gibt einige verzweifelte Mütter mit HPV Impfgeschädigten Mädchen.

#4 |
  62
Hebamme

Vielleicht sollte man zunächst den tatsächlichen Nutzen dieser Impfung belegen, bevor man zur flächendeckenden Impfung aller Jugendlicher aufruft?
(Wann wird die HPV-Impfung wohl Bestandteil der Grundimmunisierung wie bei Hepatitis B bereits geschehen?)

#3 |
  36
Gast
Gast

Der langfristige Nutzen der Impfung ist für Frauen und Männer weiterhin sehr unklar, auch eine frühzeitige Impfung KANN bei Frauen nur 40-70 Prozent der Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses verhindern. Bei Männern gibt es derzeit keinen Hinweis auf einen Vorteil durch die Impfung.
Für jüngere Altersgruppen fehlen nach wie vor aussagekräftige Daten, da die (Zulassungs-)Studien nur an älteren Jugendlichen bzw. Erwachsenen durchgeführt wurden. Außerdem wurde in den Studien ausschließlich der Antikörperspiegel gegen die HP Viren gemessen. Und das wiederum birgt das Problem, dass ein gemessener Antikörperspiegel keine Aussage darüber treffen kann, inwieweit eine Erkrankung später (oder überhaupt) auftritt, bzw. ob sie überhaupt schützt.
Früherkennungsuntersuchungen bleiben trotz Impfung für alle Frauen unverzichtbar.
Ein wirksamer Schutz vor HPV-Infektionen bieten beispielsweise Kondome.

Also bitte Vorsicht mit der Weiterverbreitung von Halbwissen.

Aktueller Stand ist, es gibt momentan noch keine ausreichende Evidenz zur Aussage, die HPV-Impfung schützt geimpfte Mädchen und Jungen vor einer späteren Erkrankung. Hinzu kommt, dass vorher infizierte Personen nicht von einer Impfung profitieren.

#2 |
  30

Wo ist die Langzeitstudie, die den Impfstatus mit der Krebsprävalenz vergleicht? Relativ zu den “grossen” Krebstypen sind diese hier fast zu vernachlässigen.

#1 |
  11


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