Erst Hosen- dann Herzversagen

9. Juni 2010
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Männer mit erektiler Dysfunktion haben ein erhöhtes Risiko für koronare Herzkrankheiten. Eine Analyse zeigt: Bei Patienten mit Erektionsstörungen treten binnen zwei bis drei Jahren nach Beginn der Beschwerden oft erste kardiovaskuläre Symptome auf.

Dass zwischen erektiler Dysfunktion (ED) und koronaren Herzkrankheiten (KHK) eine Assoziation besteht, wird bereits länger thematisiert. Eine kürzlich publizierte Metaanalyse eines internationalen Forscherteams hat diesen Zusammenhang nun erstmals mit validen Daten untermauert – sie belegen eindeutig, dass eine Allianz von ED und KHK existiert und welchen gesundheitlichen Sprengstoff sie birgt. Laut dem Londoner Kardiologen Dr. Graham Jackson, Leiter der 11-köpfigen Wissenschaftlergruppe, sind organisch bedingte Erektionsstörungen und KHK eng miteinander verbunden: »Beide resultieren aus der gleichen endothelialen Pathologie, die zu Einschränkungen im Blutfluss führt«. Entsprechend wurden für beide Erkrankungen auch gleiche Risikofaktoren identifiziert, wie unter anderem Bluthochdruck, Übergewicht und Fettstoffwechselstörungen. »In unserer Studie«, so Dr. Jackson, »wollten wir die Hypothese prüfen, ob Erektionsstörungen ein Prädiktor für koronare Herzkrankheiten sind und wenn ja, wie sich die Risiken für die betroffenen Patienten managen lassen«.

Vorbote der koronaren Herzkrankheit

Wie Dr. Jackson´s Team herausfand, ist die erektile Dysfunktion eindeutig als »entscheidender Prädiktor« für koronare Herzerkrankungen anzusehen – allen voran bei jüngeren Männern im Alter zwischen vierzig und 69 Jahren. Nach den Worten des Londoner Kardiologen »fand sich hierfür in den Studiendaten eine klare Evidenz«: Bei zwei Drittel der Patienten gehen der Manifestation einer KHK Erektionsstörungen voraus. Die Mehrheit der ED-Patienten hat frühe Symptome einer KHK wie eine reduzierte koronare Fließgeschwindigkeitsreserve, Vasodilatation und Kalzifikation der Koronararterien. Die Schäden an den Penisgefäßen gehen zudem mit »signifikanten Veränderungen bei kardiovaskulären Risikoparametern wie Glukose, Homocystein und C-reaktivem Protein einher«. Weiterhin zeigte sich, dass ED-Patienten generell eine schwerer ausgeprägte KHK entwickeln als ihre gesunden Geschlechtsgenossen und dass die Schwere der ED mit jener der KHK korreliert. Das Intervall zwischen dem Auftreten der Erektionsstörungen und den Symptomen einer KHK beträgt durchschnittlich zwei bis drei Jahre, bis zum ersten kardiovaskulären Ereignis wie einem Myokardinfarkt oder Apoplex dauert es im Median drei bis fünf Jahre. »Das Risiko für eine KHK erhöht sich bei ED-Patienten zwischen dreißig und 39 um 14 und bei jenen zwischen sechzig und 69 um 21 Prozent«, so Dr. Jackson.

Besonders beeindruckend sind die Daten der Massachusetts Male Aging Study (MMAS), die 1709 Männer erfasste. Jene mit Erektionsstörungen hatten ein um 26 Prozent erhöhtes allgemeines Mortalitätsrisiko. Die Sterblichkeit durch koronare Herzkrankheiten war bei ED-Patienten sogar um 43 Prozent höher. Als ebenso prädiktiv für kardiovaskuläre Mortalität erwies sich die erektile Dysfunktion in der ONTARGET/TRANSEND-Studie.
Dass sich die endothelialen Schäden an des Mannes besten Stück früher zu erkennen geben, hat anatomische Gründe: Die Arterien im Penis sind kleiner als jene im Myokard. Demzufolge machen sich hier atherosklerotische Veränderungen eher bemerkbar. Dafür spricht laut Dr. Jackson auch die Tatsache, dass Männer mit Erektionsstörungen nur selten über kardiovaskuläre Beschwerden klagen. Dagegen berichten KHK-Patienten sehr häufig von vorausgehenden Problemen mit ihrer Erektion.

Ausreichend Spielraum zum umfassenden Handeln

Aus den Befunden der Metaanalyse ist eine Reihe von Konsequenzen zu ziehen – zumal das Intervall zwischen der Manifestation von Erektionsstörungen und einer KHK eine rechtzeitige Intervention ermöglicht. Vor diesem Hintergrund appelliert die Gruppe um Dr. Jackson dringend dafür, ED-Patienten ausnahmslos intensiven medizinischen Untersuchungen zu unterziehen. Dabei müssen die Betroffenen hinsichtlich ihres kardiovaskulären Risikos stratifiziert werden. Männer mit einem erhöhten KHK-Risiko sollten weitergehend, unter anderem mit Elektrokardiographie oder Computertomographie, untersucht werden. Ebenso sollten diese Risikopatienten solange eine sexuelle Karenz einhalten, bis sich ihr kardiovaskulärer Status stabilisiert hat.

Unerlässlich ist nach Ansicht der Expertengruppe auch eine Bestimmung der Testosteronwerte: »Alle ED-Patienten müssen auf ihre Level an gebundenem und freiem Testosteron gescreent werden«. Das Testosteron-Defizienz-Syndrom (TDS) ist eine bekannte Ursache für Erektionsstörungen und geht wachsender Evidenz zu Folge mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einher. Da TDS zudem mit Typ-2-Diabetes, metabolischem Syndrom, Fettstoffwechselstörungen sowie abnormaler Koagulation assoziiert ist, besitzt es »eindeutig den gleichen Stellenwert wie andere kardiovaskuläre Risikofaktoren«, so Dr. Jackson. Wurden zu niedrige Testosteronwerte festgestellt, empfiehlt sich eine Testosteronersatztherapie – diese fördert auch die Wirkung von PDE5-Hemmern.

Essenziell: gesunder Lebensstil und individualisierte Medikation

Eine bedeutende Rolle spielen Verbesserungen des Lebensstils. Sie sind nach den Worten von Dr. Jackson sehr wirkungsvoll, »um zukünftigen kardiovaskulären Ereignissen vorzubeugen«. Eine reduzierte Kalorienzufuhr und vermehrte körperliche Aktivität senkt die Konzentration inflammatorischer Substanzen wie unter anderem CRP und verbessert die Erektionsfähigkeit. Nicht umsonst, so Dr. Jackson, »ist die Inzidenz von Erektionsstörungen bei normalgewichtigen Männern mit einem aktiven Lebensstil signifikant niedriger als bei weniger gesundheitsbewussten Geschlechtsgenossen gleichen Alters«. Neben einer Umstellung auf eine gesündere Lebensweise sind kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Hypertonie, Typ-2-Diabetes und Störungen im Fettstoffwechsel durch die geeignete Medikation zu managen. Die Therapie sollte dabei sorgfältig auf die individuellen Beschwerden des Patienten zugeschnitten werden, »da einige kardiovaskulär wirksame Arzneimittel die erektile Dysfunktion verschlimmern«. Laut Dr. Jackson haben sich bei ED-Patienten mit Hypertonie Angiotensin-II-Rezeptorblocker als Mittel der ersten Wahl erwiesen. Bei zugleich bestehenden Fettstoffwechselstörungen empfiehlt sich der Griff zu Statinen: »Sie korrigieren wirksam die Blutfettwerte und verbessern die erektile Funktion«.

Phosphodiesterase5-Inhibitoren sind First-Line-Therapie

Die Erstbehandlung von Patienten mit ED und KHK sollte entsprechend der klinischen Evidenz in jedem Fall mit PDE5-Inhibitoren erfolgen: »Ihre Wirksamkeit und Sicherheit zur Verbesserung der Erektionsfunktion bei Patienten mit manifester KHK oder kardiovaskulären Risikofaktoren ist in zahlreichen randomisierten klinischen Studien belegt worden«, so der Londoner Kardiologe. Zudem hat sich gezeigt, dass Sildenafil und Tadalafil nicht mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse assoziiert sind.
Auch bei Typ-2-Diabetikern mit erektiler Dysfunktion empfiehlt sich laut Dr. Jackson die First-Line-Therapie mit PDE5-Inhibitoren. Männer mit leicht bis mittelschwer ausgeprägter Herzinsuffizienz oder stabiler KHK sollten Sildenafil erhalten, denn dieser PDE5-Hemmer hat nur wenige kardiovaskuläre Nebenwirkungen. Von ED-Patienten, die verschiedene hypertensive Wirkstoffe einnehmen, werden Vardenafil sowie ebenso Sildenafil gut vertragen. Vardenafil empfiehlt das Team um Dr. Jackson darüber hinaus bei jenen Patienten, die neben Bluthochdruck auch unter Fettstoffwechselstörungen leiden. Tadalafil wiederum ist gut für hypertensive ED-Patienten geeignet, die mit Thiaziddiuretika behandelt werden. Kontraindiziert sind PDE5-Inhibitoren bei einer Therapie mit Nitraten, da sie deren Effekte potenzieren. In solchen Fällen sollte der Patient laut Dr. Jackson »auf eine alternative anti-ischämische Behandlung gesetzt werden«. Zwischen dem Absetzen der Nitrate und der ersten Einnahme von PDE5-Hemmern muss allerdings eine Therapiepause von mindestens einer Woche liegen.

Erweisen sich orale Medikamente als ineffektiv zur Behandlung der ED, sind Therapiestrategien wie beispielsweise Vakuumpumpen, intracavernöse Injektion oder die Implantation einer Penisprothese angezeigt.

94 Wertungen (4.18 ø)

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7 Kommentare:

Altenpfleger

@ Pharmazeutix

Was ich da glauben würde? Dass Sie sich wegen “geschäftsschädigendem Verhalten” nach einem anderen Job umsehen müssten. Ein anderer würde dann an ihre (gutbezahlte) Stelle treten und alles wäre wie gehabt. Ich bin mir dieser Sachlage durchaus bewusst. Meine rhetorische Frage zielte eher auf das unbequeme Thema “Gewissen” ab. Dass die Therapiefreiheit im Ermessen des Arztes läge, ist auf dem Papier zwar richtig, de facto aber falsch. Stichwort Krebstherapie: Es gibt genügend wissenschaftliche Belege dafür, dass Chemotherapie in vielen Fällen zu keiner Besserung des Krankheitsverlaufes führt, sondern im Gegenteil die Heilungschance vermindert. Und Chemotherapie ist zudem (vulgär ausgedrückt) sau_teuer. Ein guter Arzt, der sich dem Wohl des Patienten gegenüber verpflichtet fühlt und deshalb nicht zur Chemo rät – verliert sehr schnell seine Approbation. Die darf er nur behalten, wenn er selbst vom Krebs betroffen ist und sich selbst einer solchen Prozedur verweigert. Man werfe nur einen Blick auf die Statistik und der “Aha-Effekt” lässt nicht lange auf sich warten. Mit anderen Worten: Die Therapiefreiheit des Arztes (auch im Rahmen der evidenzbasierten Medizin) ist sehr begrenzt, sodass man von Freiheit nicht wirklich reden darf. Die Pharmakonzerne geben hier eindeutig den Ton an. So blauäugig kann kein studierter Mensch sein, um das nicht zu erkennen.

Was nun den nachlassenden Testosteronspiegel im Alter betrifft, so bezieht dieser sich nicht signifikant auf den Gesamttestosteronwert. Und dieser korreliert mit der Produktion des Hormons. Ältere Menschen mit hormonbedinten Erektionsstörungen weisen in der Regel einen niedrigen Wert an freiem (!) Testosteron auf. Bedingt durch verstärkte Eiweißbindung bzw. Aromatisierung (Umwandlung in Östrogen). Es handelt sich hier um einen pathologischen Prozess, der allenfalls mit zunehmendem Alter korreliert, nicht aber als “natürliche” Alterserscheinung zu werten ist. Es ist schon eine skurrile Argumentation, wenn wir auf der einen Seite stillschweigend registrieren, dass sich der “moderne Mensch” in seiner Lebensweise zunehmend von der Natur entfernt und auf der anderen Seite dann die Folgen dieser Lebensweise mit natürlichen Prozessen in Verbindung gebracht werden. Finden Sie das nicht selbst auch etwas widersprüchlich?

Mit freundlichen Grüßen

#7 |
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Altenpfleger

@ Pharmazeutix

Wollen Sie in Ihrem ersten Satz zum Ausdruck bringen, dass erhöhtes Alter zwangsläufig mit nachlassendem Sexualvermögen korreliert? Dass es ein Merkmal des Alters ist, Sexualität nicht mehr (oder wenn, dann sehr eingeschränkt) erleben zu können? Ich meine, wir müssen hier zwischen zwei unabhängigen Fragestellungen einen Trennstrich ziehen:

1.) Welche Risiken birgen PDE-Inhibitoren? Wo ist ihr Einsatz vertretbar, wo eindeutig kontraindiziert? Gibt es bessere Alternativen?

2.) Ist der Wunsch nach sexueller Erfüllung ein Privileg der Jugend und verliert man das mit zunehmendem Alter? Wer hat die Prokura zu sagen, was für wem bedeutsam ist und mit was sich andere Menschen abzufinden haben?

Diese beiden Fragestellungen gilt es zu trennen.

Sie sagen: >> Keiner der Patienten, die bei Ihnen (rezeptlos) Viagra kaufen wollen käme auf die verwegene Idee, eine riskante Sportart zu betreiben oder sonstwie sein Leben zu riskieren.< < Und wie steht es mit Ihnen als Berater? Wenn Sie ein Rezept entgegennehmen, welches ein oder mehrere Herz-Kreislauf-Medikamente enthält, deren NW-Liste um ein Mehrfaches länger ist als die der Indikation. Sagen Sie diesen Patienten nicht: >>Das Risiko steht in keinem günstigen Verhältnis zum Nutzen. Ihr Arzt hätte Ihnen lieber ein Arginin-Präparat, OPC, Magnesium, Koenzym Q10 und Ginkgo biloba verschreiben sollen. Das stärkt sowohl ihre Herzfunktion, verbessert die Durchblutung und weckt womöglich sexuelle Potenziale, die Sie für verloren hielten. Und wenn letzteres nicht zufriedenstellend passiert, fallen Sie nicht mehr in die Liste der Risikopatienten, für die PDE-Hemmer tabu sind.<< Das wäre eine korrekte Aufklärung. Wie oft haben Sie derartiges getan? Selten? Nie? Mit freundlichen Grüßen

#6 |
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Altenpfleger

@ Dr. Darius Khorsandian

Sie haben Recht: Man sollte sich erst informieren, bevor an etwas schreibt. Viagra wirkt entgegen Ihrer Aussage leider nicht selektiv. Zudem hemmt es auch PDE 6. Den roten Kopf, der nach Einnahme von Sildenafil oft in Erscheinung tritt, sollten sie nicht als Ausdruck empfundener Scham interpretieren.

@ Dr. Axel Allera

Was verstehen Sie unter “organisch bedingte ED”? Wenn ein komplizierter Regelmechanismus (an dem mehrere Organe und Funktionseinheiten beteiligt sind) pathologisch abweicht, stellt sich doch die Frage, wo man glaubwürdig und nachvollziehbar zwischen organischer und anderer (Umwelteinflüsse, psychologischer Disposition usw.) Verursachung des Krankheitsbildes die Grenze zieht. Fühlen Sie sich dazu in der Lage?

Was spricht im Übrigen dagegen, wenn “alte und sehr alte” Männer mit Erektionsstörungen noch Sex haben wollen? ??? Sexualität ist ein wichtiger Indikator für Lebensqualität.

Der schnelle Griff zur Viagra-Pille und damit überzogene Vorstellungen, in welcher Weise diese wirkem kann, halte ich indessen auch für problematisch. Aber werden die meisten Menschen in dieser Hinsicht fachärztlich gut beraten? Erfahrungsgemäß lässt sich das glatt verneinen.

Sie schreiben: Man sollte Viagra völlig verbannen. Nun gut – allen Anschein nach hat es (trotz damit verbundener NW) vielen Menschen geholfen. Etwas zu “verbannen” ist die eine Sache – einen besseren Vorschlag zu unterbreiten die andere. Welchen besseren Vorschlag haben Sie?

Mit freundlichen Grüßen

#5 |
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Dr Darius Khorsandian
Dr Darius Khorsandian

Von der PDE gibt es viele Untertypen. Viagra u.a. hemmen nur die PDE5, die im Penisendothel vorkommt und die anderen PDE Typen NICHT. Erst mal informieren, dann schreiben.

#4 |
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Ein sehr interessanter und hilfreicher Artikel. Obwohl diese Fakten ja wohl schon längst bekannt sind zeigt es auf, wie wichtig anamnestische Angaben sind. Das Thema sollte aktiv angesprochen werden, die Patienten sind dann auch meist recht dankbar und gesprächsbereit. Die PDE-Inhibitoren sind aus meiner Sicht hilfreich und nicht mehr weg zu denken. Allerdings gibt es sinnvolle Alternativen, wie z.B. die NO-Donatoren, mit denen man ebenfalls sehr gute Ergebnisse erzielen kann. Sie haben möglicherweise zudem eine prognostische Bedeutung.

#3 |
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Eine grottige Überschrift, Hosen-Versagen ist wohl eher ein Fall für den Schneider, oder die Kleiderspende!

#2 |
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Biochemiker

Bei organisch bedingter ED sollte die Verabreichung von Viagra strikt vermieden werden

Es stellt sich grundsätzlich die Frage, wie sinnvoll, genauer, wie gesundheitsschädlich der PDE-Inhibitor Viagra ist
PDE ist ein sehr wichtiges, an vielen Funktionen beteiligtes Enzym. Dieses zu hemmen, nur weil alte und sehr alte Männer mit Erektionsstörungen noch Sex haben wollen (die meisten Laien glauben ja zudem, Viagra sei ein Aphrodisiakum), dafür aber u.U. erhebliche Risiken eingehen, ist eigentlich unverantwortlicher Unfug.

Überspitzt formuliert: man sollte Viagra völlig verbannen

#1 |
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