Dekubitus: Keinmal Pudern und Föhnen, bitte

29. Juli 2013
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Ulcus cruris und Dekubitus gehören zu den häufigsten chronischen Wunden alter Patienten, doch neue Erkenntnisse schaffen es nicht immer vom Lehrbuch in die Praxis. Immer noch wird gepudert, gesalbt, geföhnt. Zeit, mit Mythen, Riten und alten Zöpfen aufzuräumen.

Nach vorsichtigen Schätzungen entwickeln in Deutschland jährlich mehr als 500.000 Menschen einen Dekubitus.  Bereits in Geschichtsschreibungen des alten Ägyptens wird auf die Behandlung eines Druckgeschwürs bei einer jungen Prinzessin hingewiesen. Sie hatte einen faustgroßen Dekubitus in Sakralbereich, der durch Hauttransplantationen „geheilt“ werden sollte. Das transplantierte Gewebe wurde jedoch abgestoßen und die Prinzessin verstarb.

Dekubitus als Todesursache

Todesursache: Dekubitus. Das steht zwar nicht auf dem Totenschein, ist aber in Einzelfällen traurige Realität. Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Hamburg untersuchte in einer Querschnittserhebung 10.222 Verstorbene auf Dekubitus und Druckstellen. Die erschreckenden Ergebnisse veranlassten Rechtsmediziner in Hannover und Berlin, ähnliche Erhebungen durchzuführen, die zu vergleichbaren oder noch schlimmeren Befunden führten. Nach diesen Untersuchungen scheint gesichert, dass rund 10 Prozent der verstorbenen Mitbürger Dekubitus wegen falscher Pflege, unzureichender Wundversorgung und Mangelernährung aufweisen.

Das Interesse der Öffentlichkeit an der Dekubitusproblematik wird durch Presseberichte über Pflegeskandale geweckt. Dekubitus gilt in der gesundheitspolitischen Diskussion als Qualitätsindikator für die Pflege. Auch pflegenden Angehörigen ist meist bewusst, wie ein Druckgeschwür entsteht. Leider wird nicht selten mit den falschen Mitteln versucht, den Druck vom Patienten zu nehmen. Alte Hausmittel richten häufig mehr schaden an als sie nutzen. Der Arzt sollte sich für das Gespräch mit den Angehörigen Zeit nehmen und gekonnt kommunizieren. „Wissen Sie, wie man ein Druckgeschwür verhindert?“ ist eine falsch formulierte Frage, denn dem Angehörigen ist ja nicht bewusst, dass er Pflegefehler begeht.

Risikofaktoren

Das individuelle Risiko, einen Dekubitus zu entwickeln, kann durch intrinsische Faktoren beeinflusst werden, die bei einer Risikoabschätzung zu berücksichtigen sind:

  • eingeschränkte Mobilität oder Immobilität
  • sensorische Einschränkungen
  • akute Erkrankungen
  • gestörte Bewusstseinslage
  • sehr hohes oder sehr niedriges Lebensalter
  • Gefäßkrankheiten
  • schwere chronische oder terminale Erkrankung
  • druckinduzierte Schädigung in der Vorgeschichte
  • Malnutrition und Dehydratation

Folgende extrinsische Risikofaktoren tragen zur Gewebeschädigung bei und sollten zur Verhinderung einer Schädigung minimiert oder beseitigt werden: Druck, Scher- und Reibekräfte.

Weg mit alten Zöpfen

Die meisten Fehler in der Prophylaxe und der Therapie des Dekubitus entstehen nicht durch das Weglassen richtiger, sondern durch das Anwenden von falschen Therapien. Trockene Haut braucht Pflege, aber nicht alle Ölprodukte sind geeignet. Ölbäder sind sinnvoll, sollten aber als Emulsion vorliegen, damit sie sich mit Wasser mischen können. Reines (Baby)Öl ins Waschwasser ist nutzlos, da es auf der Wasseroberfläche schwimmt und nicht in die Haut einzieht. Emulsionen sind nur dann sinnvoll, wenn sie vom W/O-Typ (Wasser in Öl) sind. Bei O/W-Produkten überwiegt der Wasseranteil deutlich. Das Wasser dringt rasch in die oberste Hautschicht ein, lässt sie aufquellen und vergrößert die Oberfläche. Dadurch wird die Verdunstung der Feuchtigkeit gesteigert, die Haut trocknet aus. Deshalb sollten diese Produkte nur bei der Pflege fettiger Haut eingesetzt werden. Mehl auf Brandwunden war früher ein propagiertes Mittel und ist absolut obsolet. Den gleichen Stellenwert in der Dekubitusprophylaxe hat Franzbranntwein. Aber auch diese „Weisheit“ hält sich hartnäckig. Das Naturprodukt enthält große Mengen austrocknenden Alkohol und ist deshalb absolut ungeeignet. Besonders ältere Patienten schätzen aber den erfrischenden Effekt und den Latschenkieferduft und beharren auf die Anwendung. Sollte dies der Fall sein, muss mit pflegenden W/O-Emulsionen nachbehandelt werden.

Genauso hartnäckig hält sich das Gerücht, Melkfett sei ein Geheimtipp. Was bäuerlich-natürlich klingt, mag für die Zitzen einer Kuh sinnvoll sein, nicht aber für die Pflege strapazierter und dekubitusgefährdeter Haut. Das Produkt besteht zu 99,5% aus dem Mineralölprodukt Vaseline, der Rest ist Konservierungsmittel. Das Fett dichtet die Hautporen ab und macht einen Wärmetausch unmöglich. Der Unsinn lässt sich nur noch durch die Zugabe von allergisierenden Korbblütlern wie Kamille oder Ringelblume steigern. Was für den Kinderpo sinnvoll ist, muss alte Haut nicht mögen. Zinkpaste deckt optisch ab und macht eine Hautinspektion unmöglich. Zinkoxid trocknet die Haut aus und steht deshalb auf der „out-Liste“.

Fire and Ice ist out

Jahrelang wurde das „Eisen und Fönen“ praktiziert, denn diese Kalt-Warm-Wechselwirkung versprach, die Blutzirkulation im Gewebe zu verbessern. Untersuchungen belegen, dass dies ein Irrtum ist. Die Kälte des Eises schädigt die Haut, der Fön trocknet sie aus. Zur Kausaltherapie zählen stattdessen im Wesentlichen vollständige Druckentlastung, Ernährungsverbesserung, Schmerztherapie und die Verbesserung des Allgemeinzustandes. Insbesondere Mobilisation und reichliche Flüssigkeitszufuhr sind sinnvoll.

Kein Fall für Felle

Folgende Hilfsmittel sollten gemäß den Dekubitusleitlinien nicht zur Druckreduzierung eingesetzt werden:

  • mit Wasser gefüllte Hilfsmittel
  • synthetische Schaffelle
  • echte Schaffelle
  • Ringkissen

Ringkissen beeinträchtigen den Lymphabfluss und fördern deshalb eher die Dekubitusentstehung als dass sie sie verhindern. Wassergefüllte Unterlagen unter den Fersen sind nutzlos, da bei der kleinen Fersenoberfläche der Druck durch diese kleinflächigen Unterlagen nicht wirksam verteilt werden kann. Schafsfelle werden von manchen Patienten als angenehm empfunden; sie sind jedoch keine Druck mindernden oder Druck verteilenden Hilfsmittel. Wenn Schafsfelle zum Komfort der Patienten und nicht als Dekubitusprophylaxe eingesetzt werden, muss auf eine mögliche Infektionsgefahr und auf eine korrekte Reinigung der Felle geachtet werden.

Zur Dekubitusprophylaxe obsolet sind:

  • Hyperämisierende Substanzen, wie Salben mit Nicotin- oder Benzylsäureestern
  • hautabdeckende Pasten und Puder, z. B. Pasta zinci, Babypuder
  • porenverstopfende Fettsubstanzen, z. B. Vaseline, Babyöl, Melkfett
  • Seife
  • hautreizende, allergisierende Mixturen, z. B. Franzbranntwein, Alkohol
  • Desinfektionsmittel
  • farbige, quecksilberhaltige Mixturen
  • Massage der gefährdeten Hautstellen

Aktivkohle-Silber-Wundauflagen

Silberhaltige Aktivkohle-Auflagen eignen sich besonders für infizierte chronische Wunden. Wichtigster Bestandteil dieser Wundauflage ist ein auf einer Aktivkohle-Auflage homogen verteilter Film mit elementarem Silber. Die starke antiseptische Wirkung von Silber beruht auf der blockierenden Wirkung der in der feinen Oxidschicht des Silbers enthaltenen Silberionen auf die Thiol – Enzyme und  Aminosäuren der Mikroorganismen. Deren Stoffwechsel wird blockiert und es kommt zur Abtötung der Keime. Das aufgetragene Silber ist fest mit der Oberfläche der Aktivkohle verbunden. Die Auflagen zeichnen sich durch eine hohe Adsorptionskraft für Exsudat und Mikroorganismen aus. Keime werden an der Oberfläche gebunden und abgetötet. Nachgewiesen werden konnte eine gute antimikrobizide Wirkung bei St. aureus, P. mirabilis, E. coli, E. cloacae, Ps. aeruginosa und B. fragilis.

Mit 20 Kammern zum Erfolg

Neben der Pharmakotherapie mit Dermatika ist die zweite Säule der Dekubitusprophylaxe die Anwendung von Lagerungshilfen. Gemeinsam mit drei Kooperationspartnern hat das Department für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke ein „mitdenkendes“ Antidekubitussystem entwickelt. Die Software erkennt die Lage des Patienten, stellt das System optimal ein und gibt den Pflegenden Hinweise, zu welchem Zeitpunkt ergänzende Maßnahmen zur Umlagerung erfolgen müssen.

Die Hardware besteht aus 20 unabhängigen Luftkammern, in denen ein kontinuierlicher Luftstroms einen bestimmten Druck aufbaut. Dadurch wird eine Druckentlastung erreicht. Außerdem dokumentiert das System die örtliche Druckbelastung und die Restmobilität des Patienten. Wird der Druck zu hoch, schlägt das System Alarm. Die Entwicklung des Antidekubitussystems wurde im Rahmen des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand (ZIM) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gefördert und als ZIM-Erfolgsprojekt ausgezeichnet

Sechs Säulen aus Basel

Das Sechs-Säulen-Konzept des Spitals in Basel hat sich als pragmatische Dekubitusprophylaxe bewährt.

1. Säule: konsequenten Druckentlastung (Patientenlagerung auf Low-Air-Loss-Betten)
2. Säule:  frühzeitiges operatives Débridement und eine Behandlung eines bestehenden Infekts mit Antibiotika
3. Säule: Konditionierung der Wunde mit Feuchtverbänden oder VAC®
4. Säule: Quantifizierung und Korrektur einer Mangelernährung
5. Säule: Plastisch-chirurgische Deckung der Wunde
6. Säule: Postoperatives, konsequentes Entlastungs- bzw. Mobilisierungskonzept

Dieses Behandlungskonzept von Rieger et al. hat sich am Universitätsspital Basel seit vielen Jahren bewährt. Hierdurch konnte in Kombination mit einer konsequenten Prävention die Dekubitusrate deutlich gesenkt, Dekubitalulzera geheilt und die Zahl der Rezidive vermindert werden.

Überblick der Verbandarten

Aktivkohleverbände bestehen aus einem Faserverbund von zuvor verkohlten Zelluloseprodukten, die Geruch absorbieren, bakterizid wirken und Endotoxine aufnehmen. Aktivkohleverbände können insbesondere bei bakteriell kontaminierten und stark sezernierenden Wunden verwendet werden.

Alginate werden in Form von Calcium- oder Calcium-Natriumalginaten als Wundkompressen oder Wundtamponade verwendet. Sie haben eine Absorptionskapazität und bilden durch die Absorption von Wundsekret formstabiles Gel, welches ein feuchtes Wundmilieu erhält. Angewendet werden Alginate hauptsächlich bei Wunden mit starker Exsudation, sowie bei stark nässenden und tiefen Wunden. Werden Alginate als Tamponade verwendet, dienen Hydrokolloidverbände als Sekundärverbände. Aufgrund der hämostyptischen Wirkung sind Alginate auch für die Behandlung von blutenden Wunden geeignet.

Hydrokolloide bestehen aus sehr quellfähigem Material, welches durch Wundexsudat ein Gel bildet, so ein feuchtes Wundmilieu aufrecht erhält und die Wunde luftdicht verschließt. Das Gel bindet auch Keime und abgelöste Wundpartikel. Das Gel verbleibt beim Verbandwechsel in der Wunde und muß mit Ringer- oder NaCl-Lösung ausgespült werden. Die Hydrokolloide unterstützen die natürliche Wundreinigung, die Epithelisierung und die Bildung von neuem Granulationsgewebe. Angewendet werden können Hydrokolloidverbände in allen Phasen der Wundheilung. Der Verband sollte den Wundrand um ca. 2 – 3 cm überlappen, um einerseits eine ausreichende Haftung zu gewährleisten und andererseits die umgebende gesunde Haut nicht zu mazerieren.

Polyurethane besitzen eine hohe Saugkraft gegenüber Exsudat und nekrotischem Gewebe. Besonders bei schlecht heilenden Wunden werden sie eingesetzt, da der Schaumstoff in die Wunde einwachsen kann und beim Verbandwechsel durch das Abtragen der neuen Haut die Wundgranulation stimuliert werden kann. Hingegen werden die früher oft für die Wundgrundkonditionierung eingesetzten offenporigen Schaumstoffkompressen, in die Granulationsgewebe einwächst, aufgrund der schmerzhaften Verbandwechsel heute als obsolet gesehen.

Hydropolymer-Verbände absorbieren das Wundsekret in ein strukturbeständiges Schwammgerüst, dadurch quillt das Material auf, allerdings ohne flüssig zu werden. Aus diesem Grund kann es beim Verbandwechsel ohne Rückstände von der Wunde entfernt werden. Anwendungsgebiete sind epithelisierende und granulierende Wunden mit geringer Wundsekretion.

Hydrofaser-Verbände stechen durch ihr hohes Absorptionsvermögen hervor. Die Flüssigkeitsaufnahme erfolgt bei Hydrofasern bis zu dem 40-fachem des Eigengewichtes innerhalb weniger Minuten und ausschließlich vertikal, sodass Mazerationen im Wundrandbereich verhindert werden. Durch die Sekretaufnahme bildet sich ein formstabiles Gel, welches die Wunde feucht hält und ohne Rückstände entfernt werden kann. Angewendet werden Hydrofaser-Verbände bei stark sekretierenden Wunden.

Silberverbände sind in Form von silberbeschichteten Wundauflagen heutzutage in breiter Anwendung. Allerdings ist die unkritische Applikation von silberbeschichteten Wundauflagen nicht empfehlenswert, denn eine Resistenzentwicklung und die Entstehung von Lücken im bakteriellen Spektrum sind bei prolongierter Anwendung unvermeidbar. Kurzfristig ist die Anwendung silberbeschichteter Wundauflagen bei kritisch infizierten Wunden zu empfehlen.

351 Wertungen (4.68 ø)

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30 Kommentare:

Jacqueline Richter
Jacqueline Richter

WUNDSCHWESTER konsultieren!!!

Ich habe meine Dipl.arbeit zum Thema “Ulcus cruris” geschrieben und kann nur empfehlen, sich mit einer Wundschweter in Verbindung zu setzen. Da wird weder gepudert noch geföhnt.

#30 |
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Dr. med. Christina Kieback
Dr. med. Christina Kieback

sehr hilfreich-vielen Dank!!!

#29 |
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Gast
Gast

KrPfl seit 1989

LAGERUNG IST ALLES

Seit wir auf unserer Intensivstation konsequent Wechseldruckmatratzen verwenden und dazu noch konsequent lagern, sowie eine normale ‘Standardhautpflege’ anwenden, entstehen bei uns keine Dekubiti mehr (KEINE!).
Auch das Abheilen vorhandener Dekubiti wird dadurch sehr begünstigt.

#28 |
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Dipl.-Med. Maik Ebert
Dipl.-Med. Maik Ebert

Am peinlichsten an diesem Artikel ist leider die unqualifizierte Diskussion meiner ärztlichen Kollegen (#18, 19, 22). Diese ist allerdings geradezu bezeichnend für die Mühe und Sorgfalt, die die meisten Ärzte dem Thema zugestehen.
Der Artikel ist gut recherchiert und gibt die derzeitig geltende Auffassung – entsprechend der Studienlage, auch wenn sie nicht konkret angegeben wurde – wieder. Deshalb hier ein Beispiel: http://www.epuap.org/guidelines/Final_Quick_Treatment.pdf.
Evidenzlevel 5+ (persönliche Meinung) bringt uns da nicht weiter.

#27 |
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Stefan Walter
Stefan Walter

Menschliche Haut hat KEINE Poren. Auch das ist ein “unausrottbarer alter Zopf” ohne jede anatomische Grundlage.

Überdeckt werden könnten theoretisch die Ausführungsgänge der Schweißdrüsen, und das könnte zur Behinderung der physiologischen Funktion der Schweißdrüsen führen, damit unter andere auch zu einem lokalen Wärmestau.

Ob das aber in einem nennenswertem Umfang stattfindet, wäre zu prüfen, z.B. wohl (leider) mit einem geeignete Tiermodell. Hier fehlt ein tatsächliches Argument.

Hier fehlt ein tatsächliches Argument.

#26 |
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Dr. med. Sylvia Edenhofer
Dr. med. Sylvia Edenhofer

Sehr guter Artikel, alle Sternchen “wert”

#25 |
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Dr. med. Thomas Täuber
Dr. med. Thomas Täuber

Ich bin davon überzeugt, dass die Neigung zum Dekubitus genetisch programiert ist. Denn auch wenn man alles richtig macht, entstehen Dekubiti. Es ist weder ein Pflegefehler noch eine Versäumniß des Arztes.
Wenn ich über die Behandlung von Dekubitus nachdenke, fallen mir zwei Dinge ein: der Teufel(mit den drei goldenen Haaren in mir, sagt zum Dekubitus, mach`s dir selbst, denn das kannst du am Besten!?
Die Ratte(Engel) in mir, sagt zum Dekubitus, wie kann ich dir dabei helfen, denn ich bin ein goldener Engel?

Mein Fazit: entweder hilft sich der Körper selbst oder man nimmt alle zur Verfügung stehenden Unterstützungen, natürlich im Team(Arzt und Schwester im Idealfall) in Anspruch.

Ute Täuber

#24 |
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Naturwissenschaftler

Sehr interessanter und guter Artikel!
Einschränlungen sehe ich im Widerspruch “keine Antiseptika” und Behandlung ggf. mit “Antibiotika”, wobei nicht erwähnt wird, ob topisch oder systemisch (gelangt wegen Minderdurchblutung – wie richtig unten von jemandem angemerkt – meist nicht an den Wirkort. Wenn Silber in der Prophylaxe gut sein soll, gilt das für wenig hautschädigende Antiseptika wie bspw. Polihexanid (PHMB auch. Topisch angewandt sind Antiseptika ja breiter wirksam als Antibiotika, verursachen keine Resistenzmutationen und sind i.A. wesentlich preiswerter.

#23 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Zwei wichtige Punkte:
1. Als Krankenpfleger mit einiger Erfahrung in der Dekubitustherapie (sowohl stationär in der Klinik als auch im ambulanten Dienst) kann ich sagen, dass nur ein verhinderter Dekubitus ein guter ist! Die wichtigste Maßnahme ist die Prophylaxe, was leider unseren Kostenträgern immer noch nicht bewusst zu sein scheint.
Kommt es doch zu einem Dekubitus, so sollte eine auf die jeweilige Wunde zugeschnittene Therapie mit z.B. Alginaten, PU, Hydrokolloiden etc. erfolgen. Diese ist nicht teurer, im Gegenteil! Langfristig gesehen ist sie deutlich preiswerter als die übliche Salben- und Kompressen- “Therapie”, auch wenn die Mittel erst mal teurer sind. Da sie aber weniger häufig gewechselt werden müssen und der D. auch meist schneller heilt, kommt unterm Strich eine positive Bilanz für die neuen Therapien heraus. Bitte liebe Ärzte, rechnen Sie nicht nur die Kosten für einen Verband zusammen, sondern für alle!

2. In meiner zweiten Eigenschaft als Lehrrettungsassistent bin ich ebenfalls stark bemüht, sowohl den Angehörigen der Patienten, die ich fahre, als auch den Kollegen im RD einen Überblick über die Möglichkeiten der Prophylaxe zu geben. Was hilft die beste Vorbeugung in der Klinik, wenn auf der zweistündigen Fahrt in die Reha der Patient ungepolstert am Metall der Trage aufliegt oder zu Hause von den Angehörigen dann eben nicht mehr gelagert wird?
Auch hier ist noch viel Bedarf an Information und Weiterbildung, sowohl für Fachleute aus Ärzteschaft, Pflege, Rettungsdienst aber auch die pflegenden Angehörigen gegeben.

#22 |
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Ich schließe mich der zutreffenden Kritik von Dr. Bayerl und Dr. Schuster an. Nicht alles ist “Gold” nur weil es neu auf dem Markt ist und von der Pharma angepriesen wird. Zudem sind die neuen Wundauflagen unglaublich teuer! Ebenso die aufgelistete VAC-Therapie, die sehr gute Ergebnisse erzielt, aber von den Kassen ambulant kaum übernommen wird. Solche teueren Therapien sind zur Zeit nur (noch) von den Universitäts-Ambulanzen rezeptierbar, da den nierdergelassenene Kollegen immer das Regress-Schwert im Rücken schwebt. Ganz gute Erfahrungen gibt es auch mit Repithel-Gel, wenn keine Jodallergie oder andere KI bestehen. Die gute alte Zinkpaste zur Wundrandabdeckung als Schutz vor der nässenden Wunde (Maszeration) ist immer noch eine Standardbehandlung und ich verstehe nicht warum sie hier schlecht geredet wird. Ein von der Pharma gesponserter Artikel oder saßen zu viele von denen im Leitlinien-Gremium??? Bei der Prophylaxe wird oft die schlechte Allgemeinsituation mit (Eisenmangel-)Anämie, Malnutration (Hypalbuminämie) und schlechter Hautdurchblutung vergessen, oder einfach nicht beachtet.
Bei schwerstkranken und präfinalen Patienten (was bettlägrige Patienten ja meisten sind) finde ich die sehr stark chirurgisch geprägten 6-Säulen aus Basel nicht angebracht!

#21 |
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Weitere medizinische Berufe

Das erstaunt mich, dass diese Methoden offenbar noch verwendet werden.
Ich habe meine Pflegeausbildung ( Psychiatrie, CH ) von 1971 bis 1974 gemacht und habe noch gelernt, Dekubitusse ( von aussen nach innen ) mit Mercurochrom auf Watteträger zu desinfizieren und dann trocken zu föhnen, bis das Mercurochrom glänzte, das so eine gewisse Schutzschicht bilden sollte.
Als ich 1995 nach einer Familienpause wieder in den Beruf einstieg, (für ein paar Jahre Nachtwache in einem Pflegeheim) sagte man mir, das alles sei out.
Für besonders gefährdete Patienten hatte man Elektro-Matratzen mit alternierend gefüllten Kammern und alle bettlägerigen Bewohner wurden zweimal täglich mit Ringelblumensalbe einmassiert,, kurz und kräftig , der ganze Rücken und Gesäss, natürlich nur auf intakter Haut. Nachts musste ich alle zwei Stunden umlagern.

Ich habe dort keinen einzigen Dekubitus gesehen.

#20 |
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“Alte Zöpfe” werden gerne behauptet und gerne “abgeschnitten”, wenn die Industrie wieder etwas neues an den Mann bringen möchte, das natürlich teurer ist als das alte.
Ist Herr Bastigkeit ein “Wundspezialist”? Oder von wem stammen die vielen Weisheiten, vor allem dessen, was man angeblich NICHT machen darf?
Kritik hört sich immer gut an, aber sie scheint mir nicht gut begründet.
Zunächst kann man ein Druckgeschwür (Dekubitus) nicht mir einem Ulkus cruris in einen Topf werfen. Und man muss die Pflege geschlossener Haut, auch wenn sie gereizt ist, selbstverständlich von offenen Wunden unterscheiden.
Lokale Keimbekämpfung hat immer hohe Priorität, aber sie sieht bei offenen Wunden ganz anders aus wie bei geschlossener Haut.
Zinksalbe oder Paste pflegt die vorher gereinigte geschlossene Haut ganz ausgezeichnet und zwar sehr langfristig, das Zink wirkt dabei antiseptisch, diese Salbe ist nur zu billig.
Dagegen scheint mir das “Silber” auf offener Wunde ein alter Zopf, der zwar antiseptisch wirkt, aber die Wundheilung stört. Hier benötigt man ein Desinfektionsmittel, das die Wundheilung NICHT behindert, was man auch simpel daran erkennen kann, dass es nicht weh tut und angenehm empfunden wird, wie jede gute Reinigung, also auch ohne Alkohole, z.B. Polyhexanid.
Man hätte sich besser beschränken sollen auf ein konkretes Thema statt diesem Durcheinander völlig unterschiedliche Ideen.
Das Thema Desinfektion, Antisepsis und Antibiotikaeinsatz alleine ist schon buchfüllend.
Prophylaxe scheint mir beim Dekubitus (=Behandlungsfehler!) der wichtigste Aspekt, sie ist erheblich weniger aufwendig als die Therapie des eingetretenen Schadens. Und wenn z.B. die sehr sinnvollen Ringkissen für die Ferse verboten sein sollen, dann bitte eine bessere Alternative nennen.
Ich kenne keine bessere z.B. für die Narkoselagerung im Op.

mfG

#19 |
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Dr.med Friedrich Schuster
Dr.med Friedrich Schuster

Von den 6 Säulen aus Basel zur Dekubitus- “Prophylaxe” sehe ich nur 2 die denn tatsächlich der Vorbeugung dienen, nämlich Punkt 4: Ausgleich von Maglernährung – und Punkt 1 Druckentlastung. Beides ein uuuuralter Hut und schon seit ehe und je Standard.
Dann kommt die ganze Batterie der Verband und Behandlungsmöglichkeiten. Das zeigt m.E. nur dass es auch in Basel reichlich Dekubituse zur Behandlung gibt???
Die ganze Latte der Anpreisungen der Verband- und Pflegemittel wird den Dekubitus nicht verhindern. Einer mangelhaften Immunabwehr wird man weder durch einen Silberverband noch durch Antibiotika aufhelfen können, bestenfalls etwas unterstützen; Antibiotika kommen im Wundgebiet oft gar nicht zur Wirkung, wenn’s an der Durchblutung mangelt. Auch eine lokal hohe Sschwermetall-ionen- Konzentration (Silber) ist für die Wundheilung auch nicht gerade ein besonderer Vorteil. Warum soll zB das betupfen mit Eis der Haut schaden? (wie behauptet,- wo sind die Belege?) Wenn etwas schadet muß man einen Schaden erkennbar sein,- ich habe noch nie gesehen dass durch Eiswürfelbetupfung oder Massage ein Hautschaden entstanden wäre? Was soll also der Unsinn! Das alles klingt wie ein gesponserter Artikel aus diktiert von der Verband und Heilmittelindustrie!
mE bekommen einfach manche Personen einen Dekubitus, andere trotz wochenlanger Liegedauer eben nicht.
Ein entscheidender Faktor ist zweifellos das Alter, der Stoffwechsel (uA. Diabetes) und die Herzkreislauffunktion insbesondere die Hautdurchblutung und auch wenn auch geringer das Gewicht. Da hilft es auch keineswegs bisher bewährt Mittel zu verteufeln weil sie nicht mehr „modern“ sind die Industrie zu wenig dran verdient oder gar Pflegekräfte zu beschuldigen der Patient habe einen Dekubitus weil sie keine Silberauflage, Kohle oder sonst was gerade so angepriesen wird verwendet habt. Das sind bestenfalls Randbedingungen. Und mit Prophylaxe hat das alles nichts zu tun.

#18 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Der Kollege Reske hat Recht: die Kostenträger verhindern oftmals mit den medizinischen Diensten das gute Produkte angewendet werden können – und nicht zuletzt einige niedergelassene Ärzte, die so tun als müssten Sie die Produkte selbst bezahlen! Der Qualitätsindikator liegt schon lange nicht mehr bei den Pflegefachkräften nein Sie werden zum Opfer – der Qualitätsindikator liegt bei dem jeweiligen Kostenträger und den behandelnden Ärzten – einige verordnen immer noch Produkte wie z.B. Betaisadonna kaum zu glauben aber wahr! Und mal ehrlich nur ein geringer Anteil der Patienten kann die Produkte selbst finanzieren und die es könnten denen fehlt es an Einsicht.
Da kann man endlos diskutieren warum z.B. viele Produkte überteuert sind.
Ich habe nachweislich gute Erfahrungen mit medizinischen Honig bei Patienten mit Wundheilungsstörungen gemacht – empfehlenswert!

#17 |
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Gunna Heisterberg
Gunna Heisterberg

Vielen Dank für den ausführlichen Artikel. Durch meine Tätigkeit im medizinischen Dienst der Pflegeversicherungen habe ich relativ oft mit Problemen rund um die Dekubitusprophylaxe zu tun. Meistens sind die Patienten ja gut und den modernen Möglichkeiten entsprechend versorgt. Aber manchmal erlebt man schon noch bizarre Szenarien.
Wie wird denn heute die Bedeutung des Themaperaturverlustes bewertet? Ich habe mal gelernt, dass ein Dekubitalulcus nicht abkühlen darf, weshalb man von Spülungen Abstand nehmen sollte. Das wird aber beim Gebrauch von Hydrokolloiden als notwendig beschrieben.

#16 |
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Weitere medizinische Berufe

Ich hoffe, das lesen viele, die immer noch mit den falschen Mitteln arbeiten.
Das gilt dann in gleicher Weise auch für andere Wunden. Der Dec. ist nur einer. Ich denke hier an Betaisodonna und unguis incarnatus. Eine fatale Mischung, die mir leider immer wieder begegnet.
Danke für den Artikel.

#15 |
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Steffen Jurisch
Steffen Jurisch

Der Artikel ist in der Tat sehr umfangreich geschrieben und beschreibt sehr anschaulich die gängigen Methoden einem Dekubitus in den Griff zu bekommen.
A B E R, wo bleibt die Behandlung der Ursachen?
Ein Dekubitus entsteht immer auch aufgrund einer Minderdurchblutung des Gewebes – diese muss eine Ursache haben und die Ursache liegt in der Mehrzahl in einer ungesunden Ernährung begründet. eine sofortige, möglichst schon vor der Bildung eines Dekubitus, angewandte und durchgeführte vegane Ernährung mit vielen Ballaststoffen (zur Förderung der Darmtätigkeit) und Vitaminen ohne Cholesterinzufuhr kann die Gefässe entlasten und deren Durchlässigkeit auch bei älteren Patienten entscheidend verbessern…

Steffen Jurisch
Heilpraktiker in Prittriching

#14 |
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Heilpraktiker

Außer der o3-Beutelbegasung gibt es meist noch Chancen, hämorheologisch eine restitio ad integrum herbeizuführen, besonders in Kombi ext. Alginaten. Das ist sehr kostspielig und zeitintensiv, ein Versuch ist es allemal wert.Selbst bei AVK Stad. 4 . Amputationen sind immer noch vermeidbar!

#13 |
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Dirk Reske
Dirk Reske

Pflegefehler??? Schade eigentlich das der Autor nicht auf die Problematik unseres Systems eingeht, denn hier liegt der Hase im Pfeffer begraben. Prophylaxe bekommt man im ambulanten Bereich nicht bezahlt. Hinweise werden vom Klienten oder seinen Angehörigen ignoriert, Hilfsmittel gibt es nicht oder in unzulänglicher Qualität zu Lasten der ( Pflege,- oder Krankenkasse). Versuche qualitative Lagerungsmatratzen zu erhalten scheitern an der Genehmigung der Kasse, und hier schiebt die eine der anderen den schwarzen Peter zu. Krankenkasse- ist ja noch nichts passiert, also, kein Dekubitus- somit sind wir nicht zuständig. Pflegekasse- das ist eine Leistung der Krankenkasse nicht aus unserem Topf.
Das ist die Realität in Deutschland, als Pfledienstleister darf ich die Interessen meiner Klienten nicht in einem Widerspruchsverfahren vertreten, Anwälte haben aufgrund der miesen Bezahlung im Sozialgerichtsverfahren wenig Interesse neue Mandanten zu vertreten und somit bleibt auch ein Jahr nach dem Jahr der Pflege alles beim Alten.
Wir Pflegenden wüßten schon um die Vermeidung der Dekubiti, und ob man will oder nicht, es besteht kein Interesse daran solche ” Pflegefehler” zu verhindern.
Und um dem ganzen noch einen drauf zu setzen was meinen sie wohl wie viele Ärzte die notwendigen modernen Wundversorgungen rezeptieren?
Meine Lösung zu diesem Problem, Pflegfachkräfte mit entsprechender Ausbildung oder Erfahrung rezeptieren, zu Lasten der gesetzlichen Kranken,- oder Pflegekassen, dafür erhalten sie ihre Aufwendungen auch bezahlt und sind auch dafür verantwortlich. – Ich sehe bereits den Aufschrei vor mir die bestehenden Zöpfe bloß nicht abzuschneiden, schließlich partizipiert jeder Behandler von einem Dekubitus.
Hoffentlich lesen viele, insbesondere niedergelassenen Ärzte ( nicht böse sondern nur informativ gemeint) diesen Artikel da die Erklärungen zu den Verbandarten super sind und vielleicht endlich Betaisodona Salbe und Kompresse mit Mullbinde der Vergangenheit angehören.

#12 |
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Monika Geissler
Monika Geissler

Um gefährdete Patienten davor zu bewahren, müssen vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden. Bedauerlicherweise besteht heute keine einheitliche Handlungsweise in puncto Dekubitusprophylaxe. Für solche Maßnahmen müssen pro Tag im Durchschnitt etwa 30 minuten angesetzt werden. Die Behandlung eines Dekubitus nimmt mehr als die doppelte Zeit (ca.70 min) in Anspruch und kostet fast das Zwanzigfache. In USA werden in sogenannten Resident Surveys von allen Heimen Zahlen über das Auftreten von Druckgeschwüren regelmäßig veröffentlicht. Das Risiko solch einer Erkrankung spielt bei der Entscheidung über die Heimwahl dort bereits eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Äußerungen der deutschen Aufsichtsstellen dazu sind noch viel zu zahm.

#11 |
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HP Beatrixe Haußmann
HP Beatrixe Haußmann

Sehr gut beschrieben. Danke

#10 |
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Heilpraktikerin

..ich vermisse hier die Ozontherapie, die mit der Ozon-Beutelbegasung schon manch eine Amputation verhindern konnte….

#9 |
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Angela Leyrat
Angela Leyrat

Danke für die ausführliche Information

#8 |
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Ärztegemeinschaft Amedis
Ärztegemeinschaft Amedis

Hab damit in der täglichenn Praxis nichts mehr zu tun. Als Pflegepraktikant vor vielen Jahren kann ich mich aber an all die “falschen Mittel” erinnern. Gut geschrieben!!!!

#7 |
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Andrea Bevc
Andrea Bevc

Werde mich gerne dran erinnern!

#6 |
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Heilpraktikerin

Danke!!

#5 |
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V.a. die verschiedenen Verbandsmaterialien sind sehr gut erklärt!

#4 |
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Sehr gute Übersicht ….

#3 |
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Dr. Christoph Truckenbrodt
Dr. Christoph Truckenbrodt

Supi!!!

#2 |
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Klasse. !

#1 |
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