Chagas-Krankheit: Infektion durch Superfood

7. November 2017
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Açaí-Beeren gelten als Wundermittel: Sie sollen die Haut verjüngen und die Fettverbrennung anregen. Beim Verzehr der Frucht kann aber auch der Parasit Trypanosoma cruzi mitverspeist werden – der Erreger der Chagas-Krankheit. Die Infektion wird oftmals nicht erkannt.

Die Chagas-Krankheit ist vor allem in Süd- und Mittelamerika verbreitet. Raubwanzen übetragen mittels Hämatophagie den Erreger Trypanosoma cruzi. Beim Blutsaugen sondern sie den infektiösen Kot ab, der über Schleimhäute, die Bindehaut der Augen oder Hautverletzungen in den menschlichen Körper eindringen kann. Die akuten Symptome sind wenig spezifisch: Ödeme, Fieber, Bauchschmerzen oder geschwollene Lymphknoten.

Wird die Infektion nicht entdeckt oder als grippaler Infekt fehlinterpretiert, kann sie zu chonischen Symptomen führen. Häufig sind das schwere Erkrankungen des Darms oder des Herzens. Jahre nach der Infektion kann es beispielsweise zu einer chronischen Herzvergrößerung kommen. Die Zerstörung von Nervenzellen im Gastrointestinaltrakt führt zur Vergrößerung der Speiseröhre (Megaösophagus) und des Dickdarms (Megacolon). Unbehandelt stirbt jeder zehnte Patient durch einen Ileus oder eine Peritonitis. Infizieren sich schwangere Frauen, kann es zu Fehlbildungen beim Kind kommen.

Infektionsrisiken minimieren

Derzeit ist keine zugelassene Impfung auf dem Markt verfügbar. Nifurtimox und Benznidazol helfen als Arzneistoffe vor allem während der akuten, oft übersehenen Phase. Umso wichtiger sind Ansätze zur Prävention.

Maria Aparecida Shikanai-Yasuda von der Universität São Paulo warnt davor, lediglich Maßnahmen gegen Raubwanzen zu treffen. In Brasilien gehen 100 bis 150 Fälle pro Jahr der Chagas-Krankheit auf das Konto verunreinigter Lebensmittel, erklärt die Tropenmedizinerin.

Erreger bleibt lange stabil

Während der trockenen Saison zwischen Juli und Dezember komme es auch zu mehr Chagas-Fällen durch Açaí-Beeren und durch Bacabas. In beiden Fällen handelt es sich um Palmenfrüchte. Der Kot der Raubwanzen findet sich auf den Beeren und wird samt Erreger mitverspeist. Dauerformen von T. cruzi überleben im Kot lange Zeit auf den Pflanzen. Einzelnen Fallberichten zufolge kam es in Nachbarländern Brasiliens auch schon durch Palmherzen, Zuckerrohr oder Zitrusfrüchte zu Chagas-Infektionen.

Eine Studie mit Açaí-Palmenmark zeigte, dass T. cruzi extrem stabil ist. Weder Kühlung noch Tiefkühlung inaktivierten den Erreger. Andere Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass Trypanosomen nach 20 Minuten bei 43°C abgetötet werden.

Gut gemessen, Gefahr erkannt

Bislang sei es schwierig gewesen, T. cruzi in Lebensmitteln nachzuweisen, schreibt die Forscherin. Im Rahmen einer Konferenz stellte sie ihr innovatives Messverfahren vor. Shikanai-Yasuda arbeitet mit der quantitativen Realtime-PCR.

Dabei werden Gensonden, also kurze DNA-Stücke mit gegenläufiger Sequenz zum parasitären Erbgut eingesetzt. Sie tragen Fluoreszenzfarbstoffe und Fluoreszenzlöscher, sodass normalerweise kein optisches Signal auftritt. Liegt in der Probe Erbgut von T. cruzi vor, lassen sich dann Fluoreszenzsignale nachweisen.

„Heutzutage ist die orale Übertragung der Chagas-Krankheit in ganz Lateinamerika Realität, und beschränkt sich nicht auf endemische Gebiete“, resümiert Shikanai-Yasuda. Zahlen für die USA oder für Europa liegen momentan zwar nicht vor. Mit Hinweis auf den globalen Handel spricht die Forscherin aber von weltweiten Risiken.

47 Wertungen (4.81 ø)

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9 Kommentare:

Manfred L. DIETWALD, Apotheker
Manfred L. DIETWALD, Apotheker

Da die diesjährige Ernte wegen Kälteeinbruch und Insektenmangel gering ausfiel, ist mit einem großen Angebot von Mischungen zu rechnen, die eine Infwktion trotz Pasteurisierung oder Tiefkühlung problematisieren. Dann doch lieber ein schorfbefallenes Obst.

#9 |
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Gast
Gast

@ Herr Hoffmann
Ich habe inhaltlich nichts beizutragen, wollte mich aber bei Ihnen gerne für den Lacher am Morgen bedanken! Genau mein Humor.

#8 |
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Barbara
Barbara

Es wäre gut, wenn zu aktuellen Studien zeitnah über die europäische Verbreitung berichtet werden könnte.
Aber ich muss auch sagen, es ist eine der Geißel der Globalisierung, die wir bestimmt im Laufe der Zeit medikamentös in den Griff bekommen

#7 |
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Gast
Gast

Na dann besteht kein Grund zur Sorge. Das Acai-Pulver stimuliert alle Prozesse im Körper und hilft sogar bei Krebs. Da muss man sich um Infektion mit Trypanosomen nun wirklich keine Gedanken machen.

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Doris Hofheinz
Doris Hofheinz

Hauptsächlich kommt es auf das Immunsystem des Verzehrers an. Ein gesundes Immunsystem wird mit Parasiten und Erregern fertig.
Selbstverantwortung!

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Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann
Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann

Ich schlage vor, auf Bioheidelbeeren mit Fuchsbandwurm umzustellen, da haben wir wenigstens was Einheimisches…
Diese exotischen “Nahrungsergänzungsmittel” braucht kein Mensch.

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Dr. Christian Möws
Dr. Christian Möws

Die in D angepriesenen Produkte sind, soweit angegeben, gefriergetrocknet. Dadurch ist gemäß des obigen Artikels nicht mit der Inaktivierung des Erregers zu rechnen. Es bleibt also nur, den Verkäufer um eine verbindliche Zusicherung zu ersuchen, ob regelmäßige und umfängliche Tests durchgeführt werden. Angesichts der Dynamik bei Nahrungsergänzungsmittel habe ich Zweifel, ob derartige Zusicherungen glaubhaft abgegeben werden können.

#3 |
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Gast
Gast

@#1: Warum sollte eine Raubwanze eine Bio-Acaibeere nicht als gemütliche Toilette ansehen? Und je schonender die Trocknung erfolgt, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass Erreger und Parasiten überleben.

#2 |
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Apothekerin

Frage: kann das auch bei Bio Acai Pulver passieren?

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