Balsam vom Balkan

10. Juni 2010
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Der Balkan liefert ein enormes Arsenal an bislang unentdeckten Heilpflanzen - Apotheken könnten damit punkten. Denn eine jetzt im österreichischen Fachblatt Scientia Pharmaceutica veröffentlichte Studie zeigt die Einsatzpotenziale der hierzulande unbekannten Kräuter, Balsame und Tinkturen am Beispiel Bosnien Herzegowinas auf.

Wer nach mühseligem Aufstieg den See auf 1670 Meter erreicht, blickt auf die umliegenden Gipfel des bosnischen Vranica Massivs. Asphaltierte Zufahrtsstraßen gibt es hier keine. Vor nunmehr genau drei Jahren aber beendete ein Tross aus Ärzten, Pharmazeuten und anderen Wissenschaftlern die Ruhe im Gebirgsidyll. Bewaffnet mit Notizblöcken und Aufnahmegeräten startete eine Forscherarmada um die Pharmaethnologen Broza Saric-Kundalic und Elisbeth Fritz vom Department für Pharmakognosie der Universität Wien eine Offensive: Sie befragten örtliche Hirten und Greise nach den seit Jahrhunderten bestehenden „Mehlems“, geheimen Rezepturen also, die in Form von Salben, Tinkturen oder gar als Infusion zum Einsatz gegen alle möglichen Leiden kommen.

Was altmodisch klingt, begeistert westeuropäische Pharmazeuten zunehmend, wie die jetzt im österreichischen Fachblatt Scientia Pharmaceutica veröffentlichte Studie belegt. Denn die Arbeit zieht nach drei Jahren intensiver Auswertung der „Mehlems“ Bilanz. Fazit der Pharmakologen: Die Einsatzpotenziale der hierzulande unbekannten Kräuter, Balsame und Tinkturen in Bosnien und Herzegowina sind groß – und reichen von der Behandlung hartnäckiger Atemwegserkrankungen bis hin zur Linderung urologischer Leiden nicht nur der Hirten auf den Gipfeln des Massivs.

Gleich 82 seit 1817 verwendete Rezepturen und dazu gehörige 43 Pflanzenspezies machen das Pharmaarsenal der Balkan-Enklave aus. So wirkt ein Sud aus Blättern von Achillea collina gegen Psoriasis, die Blüten von Aesculus hippocastanum wiederum machen hartnäckigen Hämorrhoiden den Garaus. Centaurium erythaea soll bei Influenza helfen, während Frangula alnus Krämpfe lindert. Gegen Rheuma, das wussten vermutlich bereits die im Balkan einfallenden Ottomanen, hilft Picea albies, während Picea glauca Hautverletzungen heilt. An sieben weitere Arten hätten selbst westliche Druiden ihre Freude: Arctium, Calina, Euphrasia, Hypericum, Plantago, Teucrium und Urtica liefern jene Bestandteile, aus denen Bosniens Heiler ihre „Mehlems“ mixen. Dass die Salben, in kleinen tönernen Gefäßen untergebracht, zum Balkan-Alltag zählen, ist die eine Sache. Dass sie selbst in modernen Zeiten und im fernen Abendland ebenso wirken können, scheint nach der Publikation der Wiener Forscher ebenso festzustehen.

Der Balkan: Einfach näher dran

Die Suche nach regionalen Heilpflanzen wäre an sich nicht neu. Bereits im Jahr 2002 wurde im Rahmen des BIOLOG-Projekts am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie gemeinsam mit pflanzenkundigen Dorfältesten und Wissenschaftlern Heilpflanzen taxonomisch bestimmt und phytochemisch dokumentiert. Vor Ort angefertigte Chromatogramme gaben Aufschluss über mögliche, medizinisch interessante Inhaltsstoffe – allerdings handelte es sich um ein Vorhaben im Salonga-Nationalpark der Demokratischen Republik Kongo. Der Balkan, so die schlichte Erkenntnis der Österreicher nach dem Besuch in Bosnien, liegt in dieser Hinsicht einfach näher – und bietet womöglich ebenso viel wie die geheimnisvollen Regenwälder Afrikas.

Zudem winkt ein pragmatischer Aspekt: Vom Boom der balkanischen Ethnobotanik dürften auch deutsche Apotheken profitieren. Denn über 2 Millionen Menschen in Deutschland sind Migranten, deren Herkunftsländer auf den Balkan liegen. Wer als deutscher Apotheker oder Apothekerin unvoreingenommen auf die Heilkraft der Wurzeln, Kräuter und Blüten blickt, sollte verstehen: Ob Türken, Serben, Kroaten, Rumänen, Bulgaren oder Bosnier, sie alle ließen sich in deutschen Apotheken zusammenführen, um jene Präparate zu beziehen, die schon ihre Urahnen erfolgreich nutzten. Denn die Balsame versprechen, anders als die oft so wechselhafte Geschichte ihrer Länder, vor allem Beständigkeit, wie Autorin Fritz und ihre Kollegen schreiben. Die Rezepturen wurden trotz Kriegen über Jahrhunderte weitergegeben, „von Generation zu Generation“.

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Allgemein

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10 Kommentare:

Weitere medizinische Berufe

Was darf ein Apotheker? Eine interessante Frage von der Apothekerin Ingeborg Krenberger! Aus der Zusammenfassung (Wikipedia), die dem Gesetz scheinbar entspricht: “Nach dem deutschen Arzneimittelgesetz sind Rezeptur- und Defekturarzneimittel nicht zulassungspflichtig. Eigenherstellung von Arzneimitteln bezeichnet die Herstellung von Arzneimitteln in Apotheken. Rezepturarzneimittel werden dabei von Apothekern nach Verschreibung durch einen Arzt oder auf Verlangen eines Patienten individuell zubereitet. Als Defekturarzneimittel werden Arzneimittel bezeichnet, die in Mengen bis zu einhundert abgabefertigen Packungen pro Tag in Apotheken selbst hergestellt werden, ohne dass es dafür nach dem deutschen Arzneimittelgesetz einer Herstellungserlaubnis oder Arzneimittelzulassung bedarf.” Kurz gesagt: Was Arzt verschreibt, darf man. Was Kunde wünscht, darf man auch. Was öfters verschrieben oder gewünscht wird, darf bis 100 Stück pro Tag hergestellt werden. Und ein gutes altes Rezept auf eigene Initiative vom Apotheker darf man nicht oder doch? Weiß jemand die Antwort?

#10 |
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Angestellte Apotheker

In Deutschland sind viele Phytopharmaka wegen zu hoher Zulassungskosten und fehlender Verschreibungsfähigkeit
aus dem Arzneimittelangebot verschwunden. Wie schwer es ist,
pflanzlichen Arzneimitteln wieder zur Anerkennung zu verhelfen, kann man bei Ibrahim Abouleish nachlesen( Die Sekem-Vision), der in Ägypten Kamille und Co. wieder hoffähig gemacht hat.

#9 |
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DR. Axel Müller-de Ahna
DR. Axel Müller-de Ahna

Der Meinung von Frau Dietl stimme ich zu. Gerade am Beispiel der Influenza ist es doch auch fraglich ob dieses Pflänzchen “bei uns” die gewünschte Wirkung hat.Zum Beispiel hilft ein von Afrikanern gern eingenommenes und wirkungsvolles Medikament gegen Malaria den lieben Touristen recht wenig.
Dennoch sträube ich mich nicht,ausländisches Pflänzchen,die ja auch schon gang und gebe sind ,einzusetzten.
Die Klassiker unter den heimischen Pflanzen werden meiner Meinung nach immer Bestand haben.

#8 |
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Das klingt doch alles sehr gut!
Nur, die verdammten QMS-Knebelvorschriften werden eine eigene Herstellung in der öffentlichen Apotheke verhindern.
Ein Hirte darf mixen, ohne QMS, ein Apotheker darf das nicht, oder täusche ich mich da?
Und ich denke, dass die Effektivität in der Verarbeitung der Frischpflanze liegt. Also Herstellung zum alsbaldigen Verbrauch und ohne Zusatz von Konservierungsmitteln.
Bin gespannt, was Kollegen oder Kolleginnen dazu meinen.
Gäbe es eine Chance für die öffentliche Apotheke, hier endlich wieder einmal uraltes Können und Fachwissen zu demonstrieren? Was meinen Sie? Ist das zu machen?

#7 |
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Weitere medizinische Berufe

“So wirkt ein Sud aus Blättern von Achillea collina gegen Psoriasis, die Blüten von Aesculus hippocastanum wiederum machen hartnäckigen Hämorrhoiden den Garaus.” Was soll in diesen Rezepturen geheim oder unbekannt sein?
Und jeder Phythotherapeut kann individuell eigene Rezepturen für jeden Leidenden erstellen, und zwar genau, was diese Person braucht.
Was bringen alte Rezepturen von Balkan, wenn sie niemand herstellen wird? Es gibt so viele alte Rezepturen in Deutschland! Wie viel davon kennen wir? Und wie viel bekannte Rezepturen werden von Pharma hergestellt?
82 Rezepturen klingen lächerlich neben die Anzahl der Rezepturen z.B. von Hildegard von Bingen, Madaus, Hippokrates, Dioskurides etc. Ich habe nichts gegen alte Rezepturen, im Gegenteil, aber im Artikel sind die Forschungsergebnisse lächerlich dargestellt.

#6 |
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Selbstst. Apothekerin

Was suchen wir auf dem Balkan? Die gleichen Pflanzen wachsen auch bei uns und deren Wirksamkeit ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Hipocrates:der Herr lässt die Arzneien wachsen und ein Vernünftiger verschmäht sie nicht.

#5 |
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Apotheker

Politik und vermeintlich evidenzbasiertes Denken haben die Phytotherapie
auf breiter Front entwertet. Fast alles nicht verschreibungspflichtige wird
nicht mehr von der Kasse bezahlt,ist also u.a. auch aus Arztsicht
nichts wert. Sparende Patienten haben dies dankend aufgenommen.
Entsprechend schwer ist es sinnvolle neue Ansätze zu prüfen.Da industrielles Interesse wegen mangelnder Patentierbarkeit nicht gegebenist,bleibt die Frage: Wer prüft das? Mit den Methoden der B12 Psoriasiscreme ? Fordert es nicht heraus,die Evidenzbasierung in Frage zu stellen und sich wieder am Ergebnis zu orientieren? Hierzu gehört
der Mut wieder zu probieren-auch wenn andere Völker die Erfahrung
gemacht haben,die wir -wie unsere eigene-ablehnen.

#4 |
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Beamter im Gesundheitswesen

Schöner Artikel, aber die arzneiliche Wirkung der Pflanzen wie z.B. der Rosskastanie oder des Tausendgüldenkrauts ist hierzulande auch schon seit langem bekannt und damit kaum als Neuigkeit einzustufen!

#3 |
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Weitere medizinische Berufe

“Der Balkan liefert ein enormes Arsenal an bislang unentdeckten Heilpflanzen”! Wiefern unentdeckte Pflanzen? Alle genannten Pflanzen sind in Deutschland bekannt und in der Phytotherapie längst eingesetzt. Hier ist die Liste der im Artikel genannten Pflanzen: Schafgarbe, Fichte, Rosskastanie, Tausendguldenkraut, Faulbaum, Große Klette, Gewönlicher Schneeball, Augentrost, Johanniskraut, Gamander, Wegerich, Brennnessel. Es wäre interessanter, wenn ein Paar endemische Pflanzen genannt werden. Einzige Unterschied – dort wächst andere Art von der Schafgarbe. Alles andere ist europaweit verbreitet.

#2 |
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Apotheker

Ich bezweifele keine Sekunde, dass die Phytotherapie per se noch ein gewaltiges, ungenutztes Potential bietet!
Beanspruchte Therapieerfolge sollten wissenschaftlich verifiziert und dadurch nutzbar gemacht werden.
M.E. schlumert ein noch größeres Potential in der Volksmedizin des asiatischen Raumes, auch hierauf sollte man das Augenmerk richten.
Aber, sehr richtig: Der Balkan ist einfach näher dran!

#1 |
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