Alzheimer: Die Casablanca-Diagnose

15. Juni 2010
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"Schau mir in die Augen, Kleines" – das könnte künftig die frühe Erkennung von Alzheimer-Demenz ermöglichen. Denn Forscher haben entdeckt, dass die für Alzheimer charakteristischen Amyloid-Proteine sich auch in den Linsen von Down-Syndrom-Patienten anreichern und dort zu Katarakten führen. Mit diesem Wissen können Augentests entwickelt werden, die die Hirnleistungsstörung frühzeitig diagnostizieren.

Amyloid- 40 und Amyloid- 42 – das sind jene beiden Proteine, die zur häufigsten Form der Altersdemenz, der Alzheimerschen Erkrankung führen. Die beta-Amyloide lagern sich im Gehirn ab und verklumpen zu großen Plaques, die neurotoxisch wirken: Sie schädigen die Fortsätze von Neuronen und bedingen letztlich deren Untergang.

Was in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten akkumuliert, findet sich auch in den Augen von Menschen mit Down-Syndrom. Der führende unter den genetischen Auslösern geistiger Behinderung und die häufigste Hirnleistungsstörung haben mithin einen gemeinsamen Nenner. Diese Erkenntnis, kürzlich präsentiert in Fort Lauderdale auf der Jahrestagung der US-amerikanischen Association for Research in Vision and Ophthalmology, bedeutet einen großen Fortschritt für die frühe Diagnose der Alzheimerschen Erkrankung.

Dreifache Dosis vom APP-Gen

Die Schlüsselrolle bei den neurotoxischen Prozessen hat das Amyloid-Vorläuferprotein, kurz APP, inne. Denn erst wenn dieses enzymatisch gespalten wird, entstehen die beta-Amyloide mit ihren fatalen Effekten. Nun befindet sich das Gen, dass APP codiert, exakt auf jenem Chromosom, dass bei Menschen mit Down-Syndrom dreifach vorhanden ist: dem Chromosom 21. »Die chromosomale Triplikation schließt das APP-Gen, lokalisiert auf 21q21, mit ein«, so Prof. Dr. Lee E. Goldstein, von der Boston University School of Medicine und dem Boston University Alzheimer´s Disease Center. Damit liegt die Information zur Ausprägung von APP in dreifacher Dosis vor. Was laut Prof. Goldstein »zu einer außerordentlichen Beschleunigung der cerebralen Ablagerung von beta-Amyloid führt«. Die Folge dessen ist das frühe Nachlassen der neurokognitiven Fähigkeiten und die frühzeitige Manifestation der Alzheimer-Neuropathologie beim Down-Syndrom. »In unserer Studie konnten wir zeigen, dass die Abnormalitäten in den Linsen dieser Patienten auf einer verstärkten Amyloid-Ansammlung beruhen«. Damit, so Prof. Goldstein weiter, ist die bislang offene Frage nach der Herkunft der für das Down-Syndrom charakteristischen supranuklearen Katarakte geklärt.

»Fenster in das Gehirn…«

Die beta-Amyloid-Ablagerungen in den Linsen finden sich bei keiner anderen dementiellen Erkrankung und auch nicht bei Gesunden. Sie unterscheiden sich darüber hinaus eindeutig von altersbedingten Katarakten, die meist in der fünften Lebensdekade auftreten. Nach den Worten des Bostoner Wissenschaftlers ist die Akkumulation von Amyloid vielmehr ein zweifelloses Indiz für die Alzheimersche Erkrankung. Das sich bei den Betroffenen bald zu erkennen gibt: »Wir haben festgestellt, dass die Proteine sich bereits sehr früh in den Linsen ansammeln, oftmals schon im Kindesalter«, berichtet Prof. Goldstein. Ein Umstand, der auf den Zellstoffwechsel in den Linsen zurück zu führen ist. Dieser ist vergleichsweise träge. Die Zellen haben dadurch eine begrenzte Kapazität, die abgelagerten Proteine zu katabolisieren, erklärt Prof. Goldstein. Sprich, die beta-Amyloide können nicht »entsorgt« werden und machen sich entsprechend frühzeitig bei den Betroffenen bemerkbar.

Der pathogenetische Zusammenhang, den die Bostoner Forschergruppe gefunden hat, erlaubt im wahrsten Sinn des Wortes Einblicke in das Gehirn. Denn die pathologischen Vorgänge in den Zellen der Linsen gehen den cerebralen neurotoxischen voraus – die Katarakte stellen mithin aussagekräftige Marker dar, anhand derer sich eine Demenz vom Alzheimer-Typ ermitteln lässt. Und dass bereits in vivo, zu Lebzeiten des Betroffenen. Die Linsen, so Prof. Goldstein, »sind gewissermaßen Fenster zum Gehirn«.

Dieses soll nun zur frühzeitigen Erkennung der Hirnleistungsstörung genutzt werden. »Wir entwickeln derzeit einen Augen-Scanner, der die Konzentrationen von beta-Amyloid in den Linsen messen kann«. Der Test eröffnet aussichtsreiche Möglichkeiten: Bekanntlich ist eine frühe Diagnose der Schlüssel zum Erfolg therapeutischer Interventionen. Hierzu zeichnen sich laut Prof. Goldstein inzwischen einige wirksame Strategien am Horizont ab. »Diese könnten dank unseres Augentests frühzeitiger zum Einsatz kommen« – ein enormer Ansporn für die Forschungsarbeit der Bostoner Wissenschaftler.

98 Wertungen (4.62 ø)
Medizin

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13 Kommentare:

Dr.med Fritz Gorzny
Dr.med Fritz Gorzny

Das Auge ist nicht das Fenster zum Gehirn sondern aus dem Zwischenhirn entwicklungsgeschichtlich entsprungener und beweglich vor die Schädelkalotte gelagerter Hirnteil. Also das Fenster des Gehirns und mit allen Hirnteilen- auch der Dura mater und dem Gefäßsystem nahtlos verbunden. Damit wäre ein Zusammenhang von Amyloidablagerungen in der Augenlinse und nachfolgend dem Hirn durchaus nachvollziehbar und sollte , wenn es denn schon Meßkriterien gibt, den Ophthalmologen bekannt gemacht werden.
Dr. Fritz Gorzny ,Augenarzt, Koblenz

#13 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Sehr geehrte Frau Jürgens,ich stimme Ihnen voll zu:
zwei genetisch verschiedene Störungen mit einer gemeinsamen
Beobachtung zu verknüpfen erlaubt noch lange nicht Äpfel mit
Birnen eines gemeinsamen Ursprungs zu verdächtigen weil sie
beide süß sein können.Der Casablanca-Film entbehrt zusätzlich
zu den hier erwähnten Krankheiten jedweder Einsicht es sei denn,daß auch Liebe dumm machen könnte.-
Mit freundlichen Grüßen
Ernst H.Tremblau (SKEPTICUS)

#12 |
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Altenpfleger

Nachtrag:

Zunächst Korrektur: >> es existiert nur die frontal sichtbare Welt << (Scheuklappenblick auf akademischem Niveau) Falls einer die Frage stellt, wer freiwillig Aluminiumfluorif zu sich nimmt, der sei höflich auf die gefährliche Allianz von Aluminium und Fluor hingewiesen. Aluminiumbelastungen gehören zum "guten Ton" der modernen Küche und Fluor ist in fast jeder Zahncreme und nahezu jedem Billigsalz enthalten. Gemeinsam schlagen sie dann der Blut-Hirn-Schranke ein Schnippchen. Frau Druey meint, es gäbe noch keine Medikamente gegen Alzheimer. Meinen Sie: abgesehen von vernünftiger Lebensweise? Die Frage ist durchaus ernst gemeint.

#11 |
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Altenpfleger

Guter Vorschlag, Dr. Hemsing. Allerdings hält sich mein Optimismus in Grenzen, dass sich Ihre werten Kollegen auf ein derartiges “Plauderstündchen” einlassen werden.
Ebenso aussichtslos, wie das Bemühen eines Pferdeflüsterers, der seinen Scheuklappen tragenden Lieblingen die Schönheit der Natur erklären möchte. Sie ist für sie nicht vorhanden – es existiert nur der die frontal sichtbare Welt, bestehend aus Asphalt. Einfach aussichtslos.

Ergänzend möchte ich noch den Verzicht auf Aluminiumfluorid nahelegen. Macht irgendwie Sinn und kostet nichts.

Mit besten Grüßen

#10 |
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Rettungssanitäterin

Wem bringt die Diagnose in Jugendalter etwas, solange es keine Medikamente gibt, die die Krankheit heilen. Die einzigen die davon profitieren sind die Versicherer, da die Diagnostik sicher nicht ganz billig sein dürfte.

#9 |
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Dr. med. Wolf Hemsing
Dr. med. Wolf Hemsing

Praevention Alzheimer-Demenz: wie wärs , wenn wir mal plaudern über Mitochondropahtie (Kremer) und Mikroimmuntherapie (Jenaer)-Immundiagnostik und Therapie?

#8 |
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Bernd Westbomke
Bernd Westbomke

Ich kann den hier versprühten Optimismus nicht ganz nachvollziehen und möchte Herr Splett beipflichten: Nach meinem Kenntnisstand ist die Forschung sehr weit davon entfernt, M. Alzheimer heilen zu können. Was und wem nutzt dann eine frühzeitige, vielleicht schon im Jugendalter gestellte Diagnose? Solange das alles keine therapeutisch-entscheidende Konsequenz hat, entstehen dem früh Diagnostizierten nur Nachteile.

#7 |
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Da wird sich aber die Versicherungswirtschaft freuen, eröffnet sich doch eine Möglichkeit “schlechte Risiken” auszugrenzen. – Hier ist die Rede von diagnostischen Fortschritten, die eine Krankeit bereits im Kindesalter diagnostizieren lassen, jedoch fehlt die therpeutische Konsequenz, die die Diagnostik rechtfertigt. Denn eine wirklich wirksame Therapie, mit der man den Ausbruch der Krankehit dank frühzeitiger Diagnose verhndern könnte, fehlt ja. Das rückt das Ganze in die Nähe genetischer Tests, deren Durchführung man sich ebenfalls genauestens überlegen sollte, wenn der praktische Nutzen fehlt, aber der soziale und (versicherungs-) wirtschaftliche Tod des Patienten droht!

#6 |
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Leider fehlt dem Artikel ein Spaltlampenbild der Morphlogie
der Linsenablagerungen. Wenn es sich hier um einen derart interessanten Marker handelt, wäre es wünschenswert, dass ihn jeder Augnearzt erkennen kann. Hat er Ähnlichkeit mit den Ablagerungen beim Pseudoexfoliationssyndrom?
Harnisch, Augenarzt

#5 |
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wunderbar, wenn es einmal möglich sein sollte diese schlimme Erkrankung rechtzeitig zu diagnostizieren. Ich habe in der neurologischen Praxis viel mit Alzheimer-Patienten gearbeitet. Es währe ein Segen wenn diese Erkrankung frühzeitig am Ausbruch gehindert werden könnte.
Viel Glück für die weitere Forschung.

#4 |
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Dr. Marion Jürgens
Dr. Marion Jürgens

Der Zusammenhang mit Down ist mir neu, die Aussagekraft von ß-Amyloid als Alzheimer-Frühzeichen schon seit Jahren bekannt. Daher arbeiten auch deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen bereits an ß-Amyloid-Augenscannern, z.B. im Verbundforschungsprojekt MINDE.

#3 |
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Dr. med. Johannes Weiß
Dr. med. Johannes Weiß

Wie sich dieses falsche Zitat aus Casablanca doch in den Köpfen festgesetzt hat. Wer den Film gesehen hat, weiß, dass es heißt “Ich seh’ Dir in die Augen Kleines”.

#2 |
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Altenpfleger

Wenn die Diagnose schon im Kindesalter gestellt werden kann, wird es sicher einmal möglich sein, die Krankheit am Ausbruch zu hindern. Das gibt uns Hoffnung für die Zukunft.

#1 |
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