Medizinstudium: Die Babystudenten kommen

12. Dezember 2012
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Mit fünf Jahren eingeschult, unter den Jahrgangsbesten im Abi, ab zum Medizinstudium. Klingt nach einer nahtlosen Karriere, stellt aber Hochschulen und Studenten vor neue Herausforderungen: Die so genannten Babystudenten drängen an die Unis. Dort erwartet sie häufig eine Vollmacht anstelle der Freiheit.

Denn mit dem Abitur nach acht Jahren Gymnasium und der abgeschafften Wehrpflicht sind viele Absolventen am Ende der schulischen Laufbahn nicht mehr unbedingt volljährig – sofern zwischen Schule und Uni keine freiwilligen Pausen eingelegt wurden. 
Bis 2016 wollen alle Bundesländer ihre höheren Bildungswege auf das System “G8” – Gymnasium in acht Jahren – umgestellt haben. In den meisten Ländern ist das schon geschehen und hat zu einer nie erlebten Studentenschwemme an deutschen Unis geführt: fast eine Million Studenten schrieben sich 2011 und 2012 bundesweit neu ein. Auch für medizinische Fakultäten und Studiengänge im Gesundheitsbereich wurde der Andrang im Jahr 2012 spürbar, die Unis schafften neue Studienplätze und drängten immer mehr Studenten in die immer gleichen Hörsäle.

Doch wo das Angebot knapp ist und die Nachfrage steigt, da wird über Verteilung und Gerechtigkeit diskutiert. Immer häufiger geht es dabei um minderjährige Studenten und die Frage: Dürfen die das? Eine von ihnen ist Sandra*, die in Münster studiert und im ersten Semesters volljährig wurde. “Es war schon merkwürdig, mit Leuten ein Studium zu beginnen, die zehn Jahre älter sind”, sagt sie und meint damit Kommilitonen, die für den Studienplatz fleißig Wartesemester gesammelt haben.

Ein Hauch von Klassenzimmer

Ein Kommilitone, der es über die Wartezeit ins Studium geschafft hat, hegt den Minderjährigen gegenüber andere Bedenken: “Ich frage mich, wo die Lebenserfahrung herkommen soll, die als Arzt wichtig ist. Das Studium ist selbst so verschult und kopflastig, dass wenig Zeit bleibt, um nach rechts und links zu gucken. Solche Leute können doch nicht alle reine Diagnostiker werden.”

Eine andere Studentin unterstreicht die Aussage: “Ich habe schon gesehen, wie sich Leute in Vorlesungen gemeldet haben, weil sie einen Text nicht gelesen hatten oder auf die Toilette gehen wollten. Es kommt ein Hauch von Klassenzimmer in die Uni zurück.” 
Die jetzt volljährige Sandra sieht solche Argumente gelassener. “Inzwischen führen viele Unis Auswahlgespräche. Und da spielt doch bei der Bewertung die geistige Reife eine entscheidende Rolle. Wer es dort schafft, kann nicht ganz am Leben vorbeilaufen.” Außerdem gebe es mit Sicherheit genauso unreife 22-jährige wie reife 17-jährige. Sandra macht den Eindruck, als würde sie sich und andere nicht zum ersten Mal verteidigen.

Sensible Themen als Herausforderung

Die meisten medizinischen Fakultäten legen ihren Jungstudenten nach der Einschreibung keine Steine mehr in den Weg. An vielen Hochschulen müssen die Eltern eine einmalige Erklärung unterschreiben, die wie eine Generalvollmacht wirkt. Danach ist der minderjährige Nachwuchs für die Uni praktisch volljährig. 
In München beispielsweise herrscht darin eine gewisse Routine. Im Wintersemester 2012/2013 seien 23 Medizinstudenten jünger als 18 Jahre, solche Jahrgänge habe es allerdings auch schon vor den doppelten Abitur-Jahrgängen gegeben, berichtet die Pressestelle der Ludwig-Maximilian-Universität. Der Studiendekan der medizinischen Fakultät kann sich jedenfalls nicht an Probleme im Zusammenhang mit minderjährigen Studienanfängern erinnern.

Freunde findet man trotzdem

In Münster, wo Sandra mit 17 Jahren zu studieren begann, heißt es aus dem Dekanat, sensible Themen wie Tod und Sterben seien für alle Altersgruppen herausfordernd. 
Die Altersgrenze für Studienanfänger richtet sich darum auch an der Westfälischen Wilhelms-Universität nicht nach einem Paragraphen im Bürgerlichen Gesetzbuch, sondern danach, welche Bewerber die Schulsysteme produzieren. Problematisch bleiben die Semester als “Babystudent” dennoch. Ein Knackpunkt ist die “Geschäftsfähigkeit”. Minderjährige dürfen keine Unterschriften ohne entsprechende Vollmacht der Eltern leisten. Und das heißt: Bibliotheksausweis, Mietvertrag, Internetvertrag und Studienkredit sind ohne die Genehmigung von Mama und Papa tabu. Im Falle des Studienkredits muss zum Schutz des Kindes sogar ein richterlicher Beschluss her.

Schwierig wird auch die Wohnsituation. Minderjährige bevorzugen Wohnheime als erste Bleibe, wohl deshalb, weil Wohnraum dort für Ersties einfacher zu bekommen ist, als auf dem WG-Markt, wo es Absagen hagelt. Das zumindest hat das Deutsche Studentenwerk beobachtet.
 Nervige Extras erwarten die jungen Kommilitonen auch in der Freizeitgestaltung. Um 24 Uhr ist die Erstie-Woche offiziell vorbei. “Es war unentspannt, sich bei solchen Veranstaltungen immer am Rande der Illegalität zu bewegen”, sagt Sandra im Rückblick. Anschluss zu finden war für sie dagegen kein Problem. “Studium verbindet, irgendwo ergeben sich Schnittstellen. Außerdem sind Schulabsolventen in anderen Ländern auch unter 18. Und in Amerika gibt’s Bier erst mit 21. Freunde findet man da trotzdem.”

Freiheiten über Bord werfen

Viele Fragen zur Debatte, die sich vor allem in Internetforen und auf den Hochschulseiten großer Tageszeitungen abspielt, warten auf eine gesetzliche Lösung. Ist es Eltern zuzumuten, zur Einschreibung quer durch Deutschland zu reisen? Müssen sie wirklich für jeden Vertrag Vollmächte ausstellen? Und ist es den Studenten zuzumuten, sich ständig unter die elterliche Kontrolle zu begeben und damit viele Freiheiten über Bord zu werfen? Einige Bundesländer, zum Beispiel Nordrhein-Westfalen, denken darüber nach, in solchen Fällen größere gesetzliche Freiheiten und ein gehöriges Maß an Eigenverantwortung einzuräumen. Denkbar wäre eine Regelung, vergleichbar mit der für Auszubildende unter 18 Jahren. Die dürften dann zwar immer noch nicht nachts in Kneipen sitzen, immerhin aber Kleinkredite aufnehmen und sich in solchen Kernfragen von den Eltern absetzen.

“Man sollte nicht vergessen: Bei den meisten geht es in der ganzen Diskussion um ein paar Monate und einen Paragrafen”, sagt Sandra. “Es wäre ja ungerecht, Minderjährigen nach der Schule das Leben schwer zu machen, wenn in der Bildungspolitik alles dafür getan wird, dass Abiturienten immer jünger werden.” 
Ob die Verjüngungskur in den Hörsälen neue Probleme mit sich bringt, werden die nächsten Jahre zeigen. Die Studentenwerke sorgen anscheinend schon mal vor.

*Der Name der Interviewten wurde, auf deren Wunsch, geändert.

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6 Kommentare:

Heilpraktiker

Man kann die Forderung von Prof. von Kügelgen aus den 70er Jahren gar nicht oft genug wiederholen, auch wenn schon damals niemand auf ihn hörte:
Jeder Mediziner sollte zwingend eine Krankenpflegeausbildung absolvieren müssen, deren Prüfungsergebnis dann über die Zulassung zum Studium entscheidet.
Das fördert nicht nur ärztliche Sozialkompetenz und erleichtert das Studium, sondern hilft gleichzeitig gegen den Pflegekräftemangel.

#6 |
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Studentin der Humanmedizin

Ich finde es politisch sehr praktisch:
Es sind immerhin noch mehr Jahre pro Arbeitskraft, die die Steuern einbezahlt, ist dabei etwas länger belastbar, erkämpft sich hoffentlich irgendwann ihren Mittelschicht-Status und geht deswegen nicht so schnell auf die Barrikaden.
Sehr gut gedacht. Soziale Kompetenz kommt schon irgendwie von selbst. Wird es nicht so politisch gewollt?

#5 |
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Student der Humanmedizin

In dieser Diskussion werden Studenten komplett außer Betracht gelassen, die keine Wartsemester wegen zu schlechter Durchschnittsnote sammeln mussten und trotzdem erst später mit dem Studium begonnen haben.

Zudem “macht” das Studium nicht erwachsen.

Wie soll es auch?

Lebenserfahrung baut sich durch das auf, was nicht im Rahmen des Studiums oder dem Praktizieren der Medizin erlernt und erlebt wurde.
Berufserfahrung ist in keinem Falle mit Lebenserfahrung gleichzusetzen.

Letztere baut sich vor allem durch Interaktion mit möglichst vielen, möglichst unterschiedlichen Menschen (und Kultur(kreis)en) auf – nicht im Gespräch in der Mensa, sondern indem erlebt, erfahren, ausgetauscht und was vermutlich das wichtigste ist, Fehler gemacht werden.
Fehler, aus denen gelernt, Schlüsse gezogen und die reflektiert werden.

An einer Universität und insbesondere im Medizinstudium ist aber für genau das am allerwenigsten Platz: für Fehler (jeder Art).

Man kann Lebenserfahrung nicht an der Universität erlangen.

#4 |
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Student der Humanmedizin

Vergleichen wir einen 31-jähren Absolventen, der 6 Jahre lang gewartet hat, mit einem 31-jähren, der bereits seit 5 Jahren in der Klinik arbeitet. Wer ist wohl reifer und erfahrener?
Lieber 6 Jahre reisen, feier, unterbezahlt jobben oder doch lieber einfach länger Erfahrung als Arzt sammeln??
Außerdem ist es relativ unwichtig, ob man vor der Vorklinik reif an Lebenserfahrung ist. Patientenkontakt gibt es in den ersten beiden Jahren doch eh nicht und das Studium macht einen schon erwachsen.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass einige Leute sich ihr Wartesemester schönreden müssen…

#3 |
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Nur könnte da zu einem sinnvoll genutzten Pflegepraktikum der Jugendschutz im Wege stehen… ich sehe das genauso, lieber eine Altersmindestgrenze als immer jüngere Studenten… ein wenig Lebenserfahrung ist schon notwendig und sinnvoll!

#2 |
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Student der Humanmedizin

Persönlich halte ich absolut nichts vom Studienbeginn (Medizin) mit 17 oder gerade 18. Idr. fehlt den (meisten) Kommilitonen in diesem Alter in der Tat noch die nötige Reife. So meine Beobachtungen. Da sei es den “Jungstudenten” doch angeraten bspw. ihr Pflegepraktikum vor Studienbeginn zu absolvieren um anschließend mit etwas mehr Erfahrung – und hoffentlich auch Reife – an die Uni zu kommen.

#1 |
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