Arzneimittelreport: Die Pillen-Hitparade

18. Juni 2010
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Der neue Arzneimittelreport der Gmündener Ersatzkasse, seit der Fusion „Barmer GEK-Report“, belegt endgültig, dass Antikörper, Small Molecules & Co zu den großen Kostentreibern im Gesundheitswesen geworden sind. Nur: Welche Konsequenzen sollte das haben?

Er ist eine Pflichtlektüre für die gesundheitspolitische Szene in Deutschland: Keine andere Quelle gibt regelmäßig so detaillierte Informationen darüber, was sich in Deutschlands Arzneimittelmarkt so tut als der Barmer GEK-Report, ehemals Arzneimittelreport der Gmündener Ersatzkasse. Die Version 2010 dieses Reports, die sich mit der Entwicklung der Arzneimittelausgaben im Jahr 2009 beschäftigt, liegt jetzt in einer Kurzversion und in der ausführlichen Komplettversion vor. Verfasst wurde das Papier wie gehabt von Professor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen.

Was man sich so üblicherweise als erstes ansieht bei den Barmer GEK-Reporten ist die Liste der zwanzig ausgabenstärksten Arzneimittel. Und das ist schon eindrucksvoll. Die Zeiten, in denen dort kostengünstige, aber vielverkaufte Blockbuster-Präparate für Volkskrankheiten auftauchten, sind definitiv vorbei. Auf Platz eins bis fünf finden sich ausschließlich Medikamente für die rheumatoide Arthritis und für multiple Sklerose, also für recht seltene Erkrankungen. Ganz vorne hat sich der Antikörper Adalimumab festgesetzt, der als Humira von Abbot vertrieben wird. Für ihn hat die Barmer GEK alleine knapp 63 Millionen Euro ausgegeben, 26 Prozent mehr als im Vorjahr. Es folgt ein weiteres Biological, der rekombinante Rezeptor Etanercept, den Wyeth/Pfizer als Enbrel vertreibt. Ausgabensteigerung: 20 Prozent. Die drei MS-Präparate Rebif, Copaxone und Avonex legen auf den Plätzen drei bis fünf ebenfalls jeweils zwischen 12 und 24 Prozent zu. Das Krebsmittel Imatinib (Glivec) wächst um 17 Prozent. Das ist Platz acht. Was den relativen Zuwachs angeht, ist schließlich Olanzapin (Zyprexa) der große Gewinner: Ein sattes Plus von 252 Prozent reicht für Platz elf in der Hitparade.

Nun sind die Zahlen einer Einzelkasse naturgemäß nie völlig repräsentativ für den Rest der Welt. Aber so grob haut es schon hin. Glaeske präsentierte zum Vergleich Zahlen zum Industrieumsatz in Deutschland, die eine ähnliche Reihung erkennen lassen: Humira mit 310 Millionen Euro Jahresumsatz in Deutschland auf Rang 1. Es folgen Enbrel, Glivec, Symbicort (Platz sechs in der Barmer GEK-Liste), dann Spiriva, Rebif, Copaxone und so weiter. Dass kaum eines der umsatzstärksten Arzneimittel auch in der Liste der am häufigsten verordneten Arzneimittel auftaucht, verwundert angesichts der Spezialindikationen, um die es geht, nicht. Bei den Verordnungen dominieren die traditionellen Generika: Metamizol, Metoprolol, L-Thyroxin, Omeprazol und Simvastatin sind die Blockbuster auf Doktors Rezepten.

Sind wir wirklich so depressiv?

Wie in jedem Jahr stellt sich natürlich auch in diesem Jahr die Frage: Was tun mit diesen Daten? Sind Jahrestherapiekosten von 16000 bis 24000 Euro, wie das bei den beiden Rheuma-Präparaten an der Spitze der Ausgabenliste der Fall ist, zu rechtfertigen? Am Beispiel der Krebsmedikamente Glivec und Herceptin versuchte sich Glaeske an einer Einordnung, indem er die Preise in Deutschland mit denen anderswo verglich. Da gibt es zumindest Unterschiede. Glivec kostet in Großbritannien knapp 1800 Euro Herstellerabgabepreis, in Deutschland knapp 2700 Euro, jeweils ohne Mehrwertsteuer. Auch der Apothekenverkaufspreis für Herceptin ist in Deutschland mit gut 800 Euro fast doppelt so hoch wie in Großbritannien. Hier ist die Mehrwertsteuer dann enthalten. Beim Preis sieht Glaeske demnach noch Spielräume nach unten. Eine andere Stellschraube sind die Diagnosen. Den Barmer-GEK-Zahlen zufolge gab es bei jeder dritten Frau über 80 und bei immerhin jeder vierten zwischen 70 und 80 im Jahr 2009 mindestens eine Verordnung eines Antidepressivums. Muss das sein?

Unterschiedliche Meinungen zum Nutzen des AMNOG

Insgesamt bestehe der wichtigste Regelungsbedarf derzeit bei den Spezialpräparaten, so Glaeske. Das in der Verabschiedung befindliche Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) biete für diese Arzneimittelgruppe, die 2,5 Prozent der Verordnungen, aber 26 Prozent der Ausgaben verursache, derzeit keine überzeugende Regulierungsoption an, so Glaeske. Ganz unzufrieden sind die Krankenkassen mit dem Referentenentwurf des AMNOG freilich nicht. Barmer GEK-Vizechef Rolf-Ulrich Schlenker begrüßte, dass bei dem geplanten Schiedsverfahren zur Festlegung von Erstattungshöhen im Rahmen der Verträge mit der Pharmaindustrie die Abgabepreise in anderen europäischen Ländern zu berücksichtigen seien: „Die europäische Perspektive muss bereits vorher Maßstab für die direkten Verhandlungen zwischen dem Spitzenverband der Krankenkassen und den Pharma-Unternehmen sein. Das wäre der Durchbruch für faire Preise und gute Verträge“, so Schlenker.

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Pharmazie

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4 Kommentare:

Die Politik und die Kassen trietzen Patienten, Apotheker und Ärzte mit Rabattverträgen, die (geheim gehaltenen) Einsparungen werden aber locker durch die Zuwachsraten bei ein paar Spezialpräparaten verfrühstückt.
Das zeigt, dass grundsätzliche Fragen diskutiert werden müssen, und keine Rabatte oder Reimportquoten:
1. Das Gesundheitswesen ist kein Selbstbedienungsladen.
2. Das Gesundheitswesen darf nicht nur als Kostenfaktor, sondern als volkswirtschaftlich relevanter Bereich der zu stärkenden Binnenwirtschaft gesehen werden.
3. Sollen Wachstumsraten im Gesundheitswesen begrenzt werden, so muss die Politik dazu stehen, dass es sich dabei auch um eine Rationierung von Angeboten handelt.
Die Betrachtung, dass das Arzneimittel X im Land Y um z Prozent billiger angeboten wird, leitet die Diskussion in eine falsche Richtung.

#4 |
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Apotheker

Die Preise sind unterschiedlich-welche Überraschung! Auch die Industrie
unterliegt den Zwängen der Mischkalkulation.Auch die Apotheken! Auch die Ärzte! Allen dreien werden zu hohe Preise vorgeworfen.Nur habe ich keine Analyse wirklicher Kosten (inclusive Unternehmerlohn) gesehen.
Aus Sicht der Apotheke subventioniert der OTC-Markt den GKV-Anteil.Bei den Ärzten sind es die Privaten. Und bei der Industrie sind es dies verschrieenen Markenartikel zum Teil Generika deren Ertragsminimierung die Ursache extrem hoher Produktkosten ist.
Das Prinzip der kommunizierenden Röhren. Ich möchte nicht erleben,
dass die Preise zB fürKonsumgüter europa- oder weltweit gleichgeschaltet werden. Wer stört sich an unterschiedlichen Autopreisen? Um nicht missverstanden zu werden,ich finde die Preisgestaltung der Industrie oft genug kritikwürdig. Nur soll man sich
nicht wundern,wenn man sie selbst hervorruft.Oder ein anderes
System! Wo ist das Vorbild der billigen (Teil)- Innovationserzeugung?

Wir haben uns die strukturelle Enteignung gefallen lassen,soll das für
alle gelten? Wer kann investieren,wenn der dazu nötige Gewinn nicht gegeben ist?

#3 |
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Dr. Gottfried Weise
Dr. Gottfried Weise

hervorragende Drastellung und Kommentierung
von Kosten und Nutzen in der Therapie.
Als Bkk- Mietglied kann ich nur hoffen, dass
die Verordner das Wirtschaftliche berücksichtigen.

#2 |
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Apotheker

Vor einiger Zeit habe ich einmal eine Kostenvergleichstabelle von Aromatase-Hemmern erstellt und die Preise von identischen Präparaten in GB und D erstellt. Die BEK , TK und die Knappschaft habe ich schriftlich davon informiert. Mein Fazit : sehr grosse, belegte Preisunterschiede, auch wenn man den MWST Anteil herausrechnet und auf eine einzelne Tablette umrechnet . Ich habe noch nicht einmal eine Antwort erhalten, was ich auch nicht erwartet hatte. Die Preistreiber sind eindeutig der Hersteller-Abgabepreis sowie der MWST- Anteil. An wirklichen Einsparungen haben die KK kein wirkliches Interesse. Warum gibt es bis heute keine Zentralstelle, wo man als praktisch tätiger Arzt/ApothekerIn konstruktive Verbesserungsvorschläge machen kann? Man hält uns offensichtlich für intellektuelle U-Boot-Fahrer, die man für so klein hält, dass sie unter dem Teppich fallschirspringen können. Auch das Abpacken von Rx-Arzneimitteln aus Bulkware und eine patientengerechte Abpackung inkl Beipackzettel aus dem PC ist uns verboten, da die Industrie Angst davor hat, daß das Warenlager einer Apotheke um locker 50% verkleinert werden könnte. Hier liegt ein wirkliches Einsparpotential
vor, aber eine Lobby von mehreren Tausend Politikflüsterern weiß dies erfolgreich zu verhindern.
Retaxieren ist nun einmal einfacher als sich sachlich auseinanderzusetzen.

#1 |
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