Grippeschutz: Miesgelaunte impfe ich nicht

27. Oktober 2017
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Während der letzten Grippe-Welle gingen 6 Millionen Deutsche wegen Influenza zum Arzt. Dennoch sind die Impfquoten bei Risikogruppen weiterhin gering. Eine Beobachtungsstudie zeigt nun, dass eine positive Stimmung am Tag der Impfung zu einer besseren Immunantwort führt.

„Leider sind gerade bei den Senioren die Impfquoten mit rund 35 Prozent besonders niedrig“, sagt Professor Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts. Vor wenigen Wochen hat er den Influenza-Saisonbericht 2016/17 vorgestellt. Besonders häufig seien ältere Menschen von der Krankheit betroffen gewesen.

Früh und heftig

Der Experte präsentiert aus der Vielzahl an Daten einige Besonderheiten. Bereits Ende Dezember, in der 51. KW 2016, bemerkten Experten deutlich mehr Influenza-positive Proben, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum. Ihren Höhepunkt erreichte die Grippewelle in den Kalenderwochen fünf und sechs des neuen Jahres 2017. Als Endpunkt geben Experten die elfte Woche an. Das ist ein Monat früher als im Vergleichszeitraum. Im gesamten Zeitraum gingen schätzungsweise sechs Millionen Menschen in Deutschland aufgrund von Grippe zum Arzt. Kollegen stellten 3,4 Millionen Krankschreibungen aus und wiesen 30.000 Patienten in Krankenhäuser ein.

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Anzahl der eingesandten Sentinelproben und Positivenraten der fünf untersuchten viralen Atemwegserreger in der Saison 2016/17. Sentinelproben im Nationalen Referenzzentrum (NRZ): Gesamtzahl; RSV: Respiratory Syncytial Virus; hMPV: humane Metapneumovirus © RKI

Das RKI erhielt Meldungen zu 114.000 bestätigten Grippefällen und zu 723 Todesfällen mit Influenza-Infektion. Eine hohe Dunkelziffer ist wahrscheinlich. Dazu heißt es im Report: „Die Entscheidung, ob ein Fall als an oder in Folge einer Influenzaerkrankung verstorben übermittelt wird, treffen die Gesundheitsämter aufgrund der ihnen vorliegenden Informationen. Das können Einschätzungen der betreuenden Ärzte des Falles sein oder zum Beispiel Angaben auf dem Totenschein.“

Einmal mehr raten Experten deshalb zur saisonalen Impfung. Die Vakzine haben Zulassungen für unterschiedliche Altersgruppen. „Trotz der schwankenden Impfeffektivität ist die Impfung die wichtigste Maßnahme zum Schutz vor einer Erkrankung“, erklärt Wieler.

Schwieriger Schutz

Nicht nur die Immunoseneszenz, sprich das langsame Nachlassen unseres Immunsystems im Alter, führt zu Problemen. Auch bei Kindern muss sich das Immunsystem erst noch entwickeln. Deshalb testen Forscher unterschiedliche Adjuvantien. Hier handelt es sich um Hilfsstoffe ohne eigene pharmakologische Wirkung, die immunologische Vorgänge unterstützen. MF59 ist beispielsweise eine Öl-in-Wasser-Emulsion. Sie gelangt nach der Injektion schneller als wässrige Lösungen in unser lymphatisches System, dem wichtigsten Teil unseres Immunsystems.

Timo Vesikari von der University of Tampere Medical School in Finnland hat untersucht, welchen Effekt MF59 bei Kindern hat. Für seine Phase III-Studie rekrutierte Vesikari 10.644 Kinder zwischen sechs Monaten und fünf Jahren. Sie erhielten randomisiert eine Influenza-Vakzine mit oder ohne Adjuvans. Von dem Wirkverstärker profitierten nur Probanden im Alter von sechs bis 23 Monaten. Ältere Kinder profitierten nicht von MF59.

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Der Impfstoff aIIV4 mit Adjuvans im Vergleich zu einer Vakzine ohne Wirkverstärker: Nur Kinder zwischen 6 und 23 Monaten profitieren. rVE: relative Vakzin-Effektivität © Timo Vesikari

„Wir waren vom Ergebnis etwas enttäuscht: Der adjuvantierte Impfstoff zeigt gegenüber herkömmlichen Impfstoffen keinen Vorteil bei Kindern, die älter als zwei Jahre sind“, kommentiert RKI-Experte Gerhard Falkenhorst. Außerdem könne man nur für das Influenza A/H3N2-Virus belastbare Aussagen treffen. Andere Influenzaviren seien während der Studiendauer zu selten aufgetreten.

Gute Laune, gutes Ergebnis?

Scheinbar gibt es nicht nur externe chemische Adjuvantien. Auch die Gemütslage ist mit dem Erfolg von Impfungen assoziiert, fand Kieran Ayling von der University of Nottingham heraus. Er untersuchte den Einfluss verschiedener Immunmodulatoren bei 138 Senioren, die an jährlichen Grippeschutzimpfungen teilnahmen. Dazu befragte sein Team alle Probanden im Zeitraum von zwei Wochen vor und vier Wochen nach der Impfung mehrmals zu ihren Lebensgewohnheiten, aber auch zum Allgemeinbefinden. Per Schrittzähler erfasste Ayling auch die körperliche Aktivität. Gegen Ende seiner Studie bestimmte er den Antikörpertiter.

Während Bewegung, Ernährung und Schlaf keinen Effekt zeigten, war die Stimmungslage statistisch signifikant mit der immunologischen Reaktion assoziiert. Dies führte zu immunologischen Unterschieden von acht bis 14 Prozent. Entscheidend sei die Stimmung am Tag der Impfung, heißt es im Fachartikel.

Ayling kann mit seiner Kohortenstudie keine Kausalität belegen, liefert aber Hinweise für weitere Arbeiten. Von der Hand zu weisen ist der Gedanke jedenfalls nicht. Wie DocCheck berichtet hat, ändert sich durch Entspannung die Expression zahlreicher Gene. Ähnliche Aspekte könnten auch hier eine Rolle spielen.

Oseltamivir: Der Streit geht weiter

Neben Impfungen stehen Ärzten Neuraminidase-Hemmer zur Verfügung. Diese Wirkstoffe hemmen ein spezifisch in Grippeviren vorkomendes Enzym. Welchen Mehrwert Pharmaka wie Oseltamivir in der klinischen Praxis tatsächlich haben, war Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen. Dabei geht es um die Frage, ob entsprechende Präparate Patienten tatsächlich einen nenneswerten Vorteil bieten oder ob pharmazeutische Hersteller vielmehr eine neue Einnahmequelle erschlossen haben. Anfangs hatten neutrale Forscher keinen Zugriff auf Rohdaten.

Ungeachtet der weltweiten Kritik am allzu offensiven Einsatz der Wirkstoffe hält das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) in seinem aktuellen Gutachten an früheren Empfehlungen fest. In ihrer Übersichtsarbeit werten Virologen drei große systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen aus. Dazu gehören ein Bericht der Cochrane Collaboration (Matthew J. Thompson et al.), die industriefinanzierte MUGAS-Studie und die PRIDE-Studie. In ihrer Zusammenfassung zeigen die ECDC, dass alle drei Gruppen inhaltlich gar nicht so weit voneinander entfernt sind:

  • Oseltamivir verringert je nach Studie die Dauer von Erkrankungssymptomen um 16,8 bis 25,2 Stunden.
  • Es kam zu weniger Pneumonien, Infektionen, Krankenhauseinweisungen und Todesfällen, wobei dieser Teil methodische Schwächen aufweist.
  • Übelkeit und Erbrechen waren die häufigsten Nebenwirkungen.
  • Generell müssen Neuraminidase-Hemmer möglichst bald nach Auftreten der ersten Symptome eingestezt werden.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist weitaus skpeptischer. Sie hat Oseltamivir Anfang 2017 von der „Kernliste“ entfernt und auf ihre „komplementäre Liste“ essentieller Arzneistoffe verschoben. Der Wirkstoff solle bei „schwerer Erkrankung aufgrund einer bestätigten oder vermuteten Influenzavirusinfektion bei schwerkranken Patienten im Klinikum“ eingesetzt werden, schreiben WHO-Gutachter. Soweit muss es in vielen Fällen erst gar nicht kommen, falls sich Patienten impfen lassen.

57 Wertungen (3.91 ø)
Bildquelle: Barney Moss, flickr / Lizenz: CC BY

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16 Kommentare:

Gast
Gast

@ Rainer Rothermund: Es könnte bei Ihnen im letzten Jahr eine Reaktion auf die Pneumokokkenimpfung oder schlicht ein zufälliges Zusammenkommen von Impfung und Infektion gewesen sein. Ich würde mich nicht bange machen lassen und es noch einmal versuchen. Ansonsten Dank für den Hinweis: Jeder, der im Gesundheitswesen tätig ist, sollte sich gegen Influenza impfen lassen, wenn nicht um seiner selbst, dann zumindest um seiner Patienten willen!

#16 |
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Gast
Gast

“Oseltamivir verringert je nach Studie die Dauer von Erkrankungssymptomen um 16,8 bis 25,2 Stunden” animiert nun nicht gerade dazu, sich den evt. Nebenwirkungen auszusetzen.
“Es kam zu weniger Pneumonien, Infektionen, Krankenhauseinweisungen und Todesfällen, wobei dieser Teil methodische Schwächen aufweisen.” Überzeugt mich auch noch nicht.

#15 |
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Miriam Hornung
Miriam Hornung

#15, der letzte Unterpunkt der Aufzählung lautet doch: “Generell müssen Neuraminidase-Hemmer möglichst bald nach Auftreten der ersten Symptome eingestezt werden.”. Ich verstehe Ihre Kritik nicht ganz.

#14 |
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Reinhold Eysel
Reinhold Eysel

Mich wundert,
dass wieder einmal keinerlei Erwähnung findet,
dass gerade zu Beginn (!!!) der Erkrankung die Wirkung von Tamiflu besonders gut ist. Meine Beobachtung ist, dass nicht selten recht spät erst zu T. gegriffen wird. Erst dann also, wenn das Medikament – systembedingt – nur noch einen Teil seiner möglichen Wirkung entfalten kann. –
Auch habe ich den Eindruck, dass in den Wirksamkeits-Studien nicht (zumindest nicht hinreichend) unterschieden wird zwischen “fruher Gabe” und später Gabe. –

#13 |
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Nichtmedizinische Berufe

ich hatte 2015 eine echte Influenza. Ich lag nicht nur 10 Tage mit Fieber ( 39 Grad) flach, das wäre ja wegzustecken, sondern litt noch 5 Monate hinterher unter einer unerklärlichen Müdigkeit – und einem unerklärlichen Haarausfall. Das muss ich nicht nochmal haben, daher ging ich 2016 zur Grippeschutzimpfung, sehr gut vertragen. Dieses Jahr auch, muss aber noch nachfragen, ob das überhaupt geht, weil ich gerade Cortison gespritzt bekomme .

#12 |
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Gast
Gast

Niemals bin ich schlimmer an einer echten Grippe erkrankt, wie in diesem Jahr nach der einzigen Impfung, die ich je hatte. Einmal und nie wieder. Und ich war beim Impfen ziemlich fröhlich, meine Ärztin und ich hatten ein gutes Verhältnis.

#11 |
  14
Dr. K. Fischer, Kelkheim
Dr. K. Fischer, Kelkheim

Die Impfung hat mir bis 80, bis heute gut getan. Ich rechne damit, dass durch eine solche Impfung die Abwehr des alternden Körpers aktiviert wird. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Trotzdem habe ich mit der Impfung meine reichhaltigen
Schnupfen/Grippezeiten vor vielen Jahren beendet und hoffe, dass dieses Ende weiter anhält.
Obwohl so etwas zur Beurteilung sicher Quatsch ist, ich ging immer optimistisch zur Grippeimpfung. Aber ach, vielleicht gab es durch unterschiedliche Stimmungen unterschiedliches Empfinden bei vorsichtigen Grippesymptomen direkt nach der Impfung? Die ‘mal schon hatte.

#10 |
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dr. med. andrej kaltstein
dr. med. andrej kaltstein

Es fehlen im Artikel die wirkungen/Nebenwirkungen der impfzusatzstoffe,über die leider immer erstaunlich wenig zu hören ist!

Dr.a.kaltstein,internist

#9 |
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Medizintechniker

Mein Vertrauens Arzt,(Landarzt)bietet jeder der Lust hat ein Schnäppchen an. Wohlgesagt und Betzahlt aus eigenen Tasche. Die impfwillige kommen in Scharen. Und die Laune unter den Leuten ist bestens. Das Nascheffect is spürbar.
Mfg.WW , Medizin Ing.

#8 |
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@ Stefan Kaa #5: Nein, kein Placebo-Effekt, sondern Psychosomatik: Entzündungsmediatoren, Zytokine und Interleukine sind bei schlechter Laune erhöht bzw. hemmen die Immunantwort.

#7 |
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Zur Neuraminidase-Hemmer Therapie mit Oseltamivir (Zanamivir) vgl.
http://news.doccheck.com/de/blog/post/3299-paracetamoloseltamivir-influenzastudie-klein-aber-unfein/
http://news.doccheck.com/de/155365/influenza-201617-auf-in-die-naechste-runde/
– Antivirale Arzneimittel bei saisonaler und pandemischer Influenza – Ein systematisches Review – Antiviral medications in seasonal and pandemic influenza—a systematic review
Dtsch Arztebl Int 2016; 113(47): 799-807; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0799 von
Lehnert, Regine et al.
– “Oseltamivir treatment for influenza in adults: a meta-analysis of randomised controlled trials” publiziert, gefördert von der Pharmaindustrie-unabhängigen MUAGS [“Funding – Multiparty Group for Advice on Science (MUGAS) foundation”], bringt Licht in die verworren-widersprüchliche Datenlage um Oseltamivir als Neuraminidase-Hemmer.
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(14)62449-1/fulltext
– “Comment – Influenza: the rational use of oseltamivir” von H. Kelly und B. J. Cowling http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(15)60074-5/abstract

#6 |
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Stefan Kaa
Stefan Kaa

Aha, wenn Patienten besser gelaunt sind wirkt die Impfung besser. Placeboeffekt lässt grüßen.

#5 |
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Gast
Gast

@2 – aber nicht immer reagiert man so heftig und somit bleibt die Frage, trotzdem impfen. Wenn ich einmal einen Hänger von vier Wochen hätte, würde ich es mir auch überlegen.

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Gast
Gast

Das nennt man eine “gute Immunantwort”. Heißt aber nicht, dass das Immunsystem gestärkt wird ;-)

#3 |
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Nichtmedizinische Berufe

Bodo, das haben Impfungen an sich

#2 |
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Bodo Panitzki
Bodo Panitzki

Ich reagiere auf fast jede Impfung ziemlich heftig. Nach meiner bisher einzigen Grippeimpfung vor vielen Jahren (? vor 10 Jahren mit 65) bin ich vier Wochen nicht richtig auf die Beine gekommen…
Frage an die Experten: Trotzdem impfen?

#1 |
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