Stresspickel, Alkohol und Zahnmedizin

18. Juni 2010
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Die Zahmedizinstudenten sind für die Humanmediziner oft fremde Wesen: in der Vorklinik begegnet man ihnen, aber was passiert danach? Wir haben mit einem Zahnarzt über das Studium und seine Anforderungen gesprochen.

Wir haben sie alle schon einmal getroffen, nämlich in der Vorklinik: die Zahnmedizinstudierenden. Manchmal haben wir uns gefragt, warum sie die gleichen Sachen in Anatomie und Physiologie lernen müssen wie wir, wenn sie später ja doch “nur” ihren Patienten in den Mund schauen müssen. Aber ist es wirklich so einfach? Wer sind denn diese “anderen” Studierenden in unseren Kursen? Und wie läuft das Studium bei Ihnen ab?

Wir haben für Euch ein Gespräch mit Herrn Dr. med. dent. Hagen Stickel geführt, der seit einigen Jahren eine eigene Zahnarztpraxis in Pforzheim führt.

Lieber Hagen – vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, uns ein paar Fragen zum Thema Zahnmedizinstudium zu beantworten. Legen wir gleich los: Wann und wo hast Du denn Zahnmedizin studiert?

Dr. Stickel: Ich habe zum Wintersemester 1991/92 in Freiburg mit dem Zahnmedizinstudium begonnen und 1997 mein Staatsexamen gemacht. Seit April 1998 arbeite ich als Zahnarzt und habe mich im Sommer 2000 selbstständig gemacht.

Wie hast Du die Zeit an der Uni empfunden?

Dr. Stickel: Das Zahnmedizinstudium ist äußerst stressig; die Anforderungen sowie der mentale Druck (Versagensängste usw.) in den praktischen Kursen sind enorm. Überspitzt ausgedrückt bekommen die Frauen regelmäßig Stresspickel im Gesicht oder aber Nervenzusammenbrüche – und die Jungs fangen irgendwann an zu saufen.
Der Freizeitwert der Stadt Freiburg ist allerdings enorm – es ist die wärmste Region Deutschlands, und es gibt zu jeder Jahreszeit Dinge, die man in der Region unter-nehmen kann. Das ließ uns den stressigen Alltag in der Klinik dann wieder verschmerzen.
Die Zeit an der Uni ist schon ganz nett gewesen, da wir ja im Zahnmedizinstudium klassenähnliche Zustände haben. Pro Semester waren es gerade mal ca. 35 neue Studenten, die das Studium begonnen haben. Auf der anderen Seite sind da aber auch die Versagensängste: Wenn ein Kurs nicht bestanden wurde, war das wie “Sitzenbleiben” in der Schule. Die anderen sind einen Schritt weiter und man selbst bekommt “neue” Kommilitonen aus dem Semester darunter. Aber auch das geht vorbei.

Zahnmedizin gilt bei einigen Studierenden als “Sprungbrett” für ein späteres Humanmedizin-Studium. Ich selbst kenne etliche Kommilitonen, die sich aufgrund einer Absage für das Medizinstudium zunächst für Zahnmedizin eingeschrieben haben und nach der gemeinsamen Vorklinik das Fach gewechselt haben. Hast Du solche “Hintertür-Studierende” auch im Studium kennen gelernt?

Dr. Stickel: Nein, solche Leute kannte ich nicht, eher das Gegenteil war der Fall. Wir hatten zahlreiche Mediziner, die sich nach ihrem Medizinstudium für die praktischen Kurse in der Zahnmedizin angemeldet hatten, da sie später MKG-Chirurgen werden wollten und man dafür ja beide Studiengänge benötigt.

Zahnmedizin ist nach der Vorklinik ein recht “handwerkliches” Studium. Haben Dir irgendwelche anderen klinischen Fächer gefehlt oder denkst Du, dass Du einen ausreichenden Überblick über andere medizinische Disziplinen erhalten hast (z.B. Chirurgie, Orthopädie, HNO…)?

Dr. Stickel: In jedem Studienort für Medizin gibt es andere “Hammerfächer”, an denen Medizin- bzw. Zahnmedizinstudenten regelmäßig scheitern. An anderen Unis kenne ich die schweren Fächer nicht, aber wenn Du Studenten aus Freiburg fragst, werden sie Dir wahrscheinlich alle dieselben Antworten geben. In Freiburg waren es in der Vorklinik die Fächer Chemie und Physiologie, die regelmäßig eine Durchfallquote von über 50% produzierten. Wer also diese beiden Fächer mit Erfolg beendet hatte, der wusste Bescheid. In der Klinik zum Staatsexamen hin waren es dann regelmäßig die Pharmazeuten, die den Medizinern bzw. Zahnmedizinern in die Examenssuppe spucken wollten. Die Pharmakologie hat mich nie so richtig interessiert, aber Physiologie ist doch recht spannend. Daher denke ich, dass wir Zahnmedizinstudenten in diesem Fach doch sehr umfangreich ausgebildet wurden. Auch die angrenzenden Disziplinen wie HNO wurden eigentlich ausreichend vermittelt.

Wie sieht Deine tägliche Arbeit aus? So, wie Du Dir es während des Studiums vorgestellt oder erhofft hast oder ganz anders?

80% der täglichen Arbeit sind Routine, ca. 10% sind problematische Fälle, die einem schon mal Kopfzerbrechen bereiten, und die letzten 10% sind wirklich schwere Fälle, die auch Konsultationen anderer Allgemeinärzte oder aber zahnmedizinischer Kollegen erfordern. Aber im Grunde genommen habe ich mir meine Arbeit schon so vorgestellt.

Hast Du irgendwelche Tipps für junge Zahnmedizin-Studierende? Auf was muss man besonders achten? Welche Fallen oder Fehler sollte man umgehen und vermeiden?

Man sollte immer cool bleiben, die Assistenzzahnärzte, die einem den Stempel für das nächste Testat geben sollen, sind auch erst seit ca. einem Jahr mit ihrem Studium fertig. Also nicht fertig machen lassen!
Wichtig ist auch, dass an der Uni – wie überall sonst auch – nur mit Wasser gekocht wird. Auch wenn Ihr das am Anfang vielleicht nicht gleich so empfindet, entspricht es doch der Realität. Insofern ist also wichtig: Ruhe bewahren.
Ganz wichtiger Tipp am Schluss: Verzettelt Euch nicht zu sehr und schiebt die Testate und anderen Prüfungen nicht auf die lange Bank. Bleibt so gut wie möglich am Ball, um keine “Altlasten” anzuhäufen, die Euch später das Leben nur unnötig schwer machen können!
Es haben schon so viele vor Euch den Weg beschritten und erfolgreich absolviert – warum Ihr nicht auch?!

Vielen Dank für das Gespräch!

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Zahnmedizin

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