Mit ASS noch kurz die Welt retten

20. Oktober 2017
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Vor 120 Jahren begann mit der großtechnischen Herstellung von Acetylsalicylsäure ein wahrer Siegeszug. ASS schützt Patienten Studien zufolge vor koronaren Ereignissen sowie Krebs und wirkt gegen Depressionen. Kann man mit Aspirin (fast) alles heilen?

Wunderpillen gibt es nicht. Dem Wunsch, mit einer Tablette viele Krankheiten zu besiegen, könnte Acetylsalicylsäure (ASS) aber recht nahekommen. Forscher sehen aufgrund entzündungshemmender Effekte sogar Einsatzmöglichkeiten bei der Behandlung therapieresistenter Depressionen.

Feuer und Flamme im Gehirn

Das kam so: Andrew Miller und Kollegen der Emory University School of Medicine vermuteten schon länger, dass chronisch-inflammatorische Prozesse neben anderen Faktoren eine Major-Depression auslösen. Sie fanden im Blut vieler Patienten Entzündungsmarker wie das C-reaktive Protein (CRP), die Interleukine IL-6 und IL-1beta sowie den Tumornekrosefaktor TNF-α. Millers erster Versuch, den TNF-Antagonisten Infliximab einzusetzen, enttäuschte eher. Patienten mit Depressionen hatten im Vergleich zu Placebo keinen signifikanten Mehrwert von der Therapie.

 

ass-molekuel

Acetylsalicylsäure © 28Smiles / CC SA 4.0

Die Idee, ASS aufgrund seiner antiinflammatorischen Effekte einzusetzen, war geboren. Bis zur ersten klinischen Studie mit dem Molekül sollte aber noch etwas Zeit vergehen, denn es ging erst mal mit Grundlagenforschung weiter. Per Magnetresonanztomographie fand Miller Hinweise, dass Entzündungen mit einer fehlerhaften Kommunikation zwischen zwei Gehirnregionen assoziiert sind. Es handelt sich um das ventrale Striatum (VS) und den ventromedialen präfrontalen Kortex (vmPFC):

vmPFC-VS improved

© Felger et al, Molecular Psychiatry

Depressive Mäuse mit Entzündungen

Um die Entzündungshypothese zu verifizieren und um möglichen Pharmakotherapien den Weg zu ebnen, hat Harald Engler vom Uniklinikum Essen freiwilligen Probanden geringe Mengen Endotoxin oder Placebo gegeben. Endotoxin löst Entzündungen aus. Die Spiegel an IL-6 (Interleukin 6) erhöhten sich erwartungsgemäß. Je mehr IL-6 Engler fand, desto depressiver waren seine Studienteilnehmer.

In einer anderen Studie zeigte sich, dass sich der Effekt von stressbedingt ausgeschüttetem IL-6 durch Antikörper aufheben lässt – zumindest bei Mäusen. Das berichtet Kenji Hashimoto. Er arbeitet am Chiba University Center for Forensic Mental Health, China. Der Wissenschaftler schränkt jedoch ein, noch sei unklar, ob sich die Ergebnisse auf Menschen übertragen ließen.

Genau diese Frage untersuchen Forscher jetzt im Rahmen mehrerer klinischer Studien. Sie setzen bei Depressionen ASS versus Placebo ein. Neben dem Salicylsäurederivat eignen sich auch andere Wirkstoffe, die entzündungshemmend wirken, etwa das Antibiotikum Minocyclin. Erste Resultate werden im kommenden Jahr erwartet.

ASS als Herzensangelegenheit

ASS wirkt nicht nur antiinflammatorisch, sondern auch als Thrombozytenaggregationshemmer. Diese Eigenschaft schätzen Ärzte bei der Sekundärprävention von Herz- und Hirninfarkten. Gastrointestinale Blutungen machen den Einsatz allerdings riskant. ASS schädigt wie andere nichtsteroidale Antirheumatika (NSAID) die Magenschleimhaut. Es kommt zur Ulzeration und auch zu Blutungen. Das liegt an der verminderten Synthese von Prostaglandin E2 (PGE2), einem Molekül mit protektiven Eigenschaften. Es reduziert die Sekretion von Magensäure und kurbelt die Sekretion von Magenschleim an.

Für Ärzte bleibt zu klären, welche Patienten bei einer prophylaktischen ASS-Einnahme besonders gefährdet sind. Dieser Frage ging Linxin Li von der University of Oxford auf den Grund. Sie schloss 3.166 Patienten mit unterschiedlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ASS-Prophylaxe in ihre Kohortenstudie ein. Protonenpumpenhemmer (PPI) als Magenschutz gehörten nicht zur Standardmedikation. Sie begleitete alle Teilnehmer über zehn Jahre hinweg. Manche Probanden schieden aus, andere starben. Innerhalb von 13.509 Patientenjahren traten 405 Blutungsereignisse auf. Das Risiko schwerer bis tödlich verlaufender Blutungen stieg mit dem Alter. Meist war der Gastrointestinaltrakt betroffen.

„PPI können das Risiko minimieren“, resümiert Li. Sie gibt als statistischen Wert für die Pharmakotherapie die number needed to treat (NNT) an. Darunter versteht man die Zahl an behandelten Personen, um eine Blutung zu verhindern. Bei Patienten, die jünger als 65 Jahre waren, lag der NNT bei 338. Das heißt, Ärzte geben 338 Personen PPI, um eine Blutung zu verhindern.  Bei Patienten, die älter als 84 Jahre waren,  lag der NNT bei 25. „Deshalb lohnt sich speziell bei älteren Patienten der Magenschutz“, schreibt die Wissenschaftlerin.

Auf eigenes Risiko: Viele machen Pillenpause

Die Problematik rund um Nebenwirkungen bleibt nicht ohne Folgen. Schätzungsweise jeder fünfte bis zehnte Patient setzt niedrig dosierte ASS in den ersten drei Jahren nach seinem Herzinfarkt ab. Hinzu kommt, dass sich Betroffene gesund fühlen und nicht verstehen, warum eine prophylaktische, dauerhafte Arzneistoffgabe sinnvoll ist.

Johan Sundström von der Universität Uppsala wollte wissen, welche Effekte die Non-Compliance nach sich zieht. Basis seiner Arbeit war eine Kohorte mit 601.527 Patienten mit unterschiedlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Kardiologen hatten in allen Fällen zur Vorbeugung von Herzinfarkten oder Schlaganfällen niedrig dosierte ASS verordnet. Manche Personen nahmen ihre Medikation ernst, andere setzten die Pillen eigenmächtig ab.

Während des Follow-ups von drei Jahren traten insgesamt 62.690 Ereignisse auf. Je nach Therapietreue gab es erhebliche Unterschiede. Setzten Patienten ihr Pharmakon innerhalb von 36 Monaten ab, erhöhte sich ihr kardiales Risiko um 37 Prozent. Um dies zu vermeiden, sollten Ärzte und Apotheker besser beraten, konstatiert der Erstautor.

Mit Aspirin Darmkrebs ausbremsen?

ASS schützt aber nicht nur vor kardiovaskulären Ereignissen, sondern spielt auch in der Darmkrebsprävention eine Rolle. Peter M. Rothwell von der University of Oxford zeigte, dass selbst niedrige Dosen von 75 mg pro Tag das Risiko eines Kolonkarzinoms um 76 Prozent senkten. Basis seiner Arbeit waren mehrere Kohorten mit 14.033 Teilnehmern ohne Kolonkarzinom in der Vorgeschichte und einem Follow-up von 18,3 Jahren. Andere NSAR, beispielsweise Celecoxib und Sulindac, schützen effektiver als ASS, gehen aber auch mit deutlich stärkeren Nebenwirkungen einher.

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Molekülmodell des KRAS-Proteins © Thomas Splettstoesser / Wikipedia, CC BY SA 4.0

Darüber hinaus eignet sich ASS zur Rezidivprophylaxe. Polly Newcomb, Forscherin am Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle, nahm Daten von 2.419 Darmkrebs-Patienten unter ihre Lupe. Wer ASS oder andere NSAID schluckte, verringerte sein Gesamtsterberisiko um 25 Prozent. Das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, nahm sogar um 56 Prozent ab.

Überraschenderweise fand Newcomb heraus, dass die Pharmakoprophylaxe nur wirkt, falls frühere Tumore die unmutierte Form von KRAS exprimiert hatten. Dieser Abschnitt im Erbgut steht mit der Proliferation von Krebszellen in Verbindung. Protoonkogene wie KRAS werden erst durch Mutationen im negativen Sinne aktiv. Dann stellen sie veränderte Proteine her, die Zellen proliferieren und länger überleben lassen.

Wie es dazu kommt, dass sich nur „Wildtyp“-KRAS als pharmakologische Zielstruktur eignet, kann Newcomb nicht sagen. Auch 120 Jahre nach Beginn der industriellen Synthese von ASS versuchen Wissenschaftler, dem Molekül weitere Geheimnisse zu entlocken.

83 Wertungen (4.65 ø)
Bildquelle: settime, pixabay / Lizenz: CC0

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14 Kommentare:

Schön wenn nur die Hälfte von dem erscheint, was man schreibt!
Selbst das Zitat ist unvollständig!
Also warum nimmt denn keiner Prostaglandine als Schutz bzw. Substitution statt PPI einzusetzen? Zu teuer?

#14 |
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>> Das liegt an der verminderten Synthese von Prostaglandin E2 (PGE2), einem Molekül mit protektiven Eigenschaften.

#13 |
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Nichtmedizinische Berufe

Schade, meine Frage , ob die Dauergabe von ASS medikamenteninduzierten Kopfschmerz auslösen kann, wurde von der Zensur gelöscht. :(

#12 |
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Nichtmedizinische Berufe

Dr. Herbert Reese, P.h.D.

Wie wäre es denn mal mit CURCUMA hochdosiert ?

#11 |
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Medizinphysiker

Ich habe auch lange Zeit ASS genommen. Als ich eine SAB hatte wäre ich froh gewesen, wenn nicht!

#10 |
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Nichtmedizinische Berufe

Herr Simon Schweder, grundsätzlich haben Sie Recht, aber es gibt eben sehr viele Menschen, die (erstmal oder für immer) keinen Sport machen können: alte, kranke, mit großen Schmerzen, schwache, bettlägerige etc.
Und einen schwer Depressiven kriegen Sie mit Sport auch nicht wieder ins seelische Gleichgewicht; wenn man in einigen Fällen allerdings Psychopharmaka, die ja oft viele Nebenwirkungen haben wie Gewichtszunahme oder Sedierung durch ASS ersetzen oder reduzieren könnte, wäre das ein wahrer Segen.

#9 |
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Nichtmedizinische Berufe

Es ist immer noch nicht raus, ob PPI evtl. Demenz fördern https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/76563/Keine-Demenz-PPI-verlangsamen-kognitiven-Verfall , (wenn nicht, war es die Höhe, tausende Patienten, die auf PPI angewiesen sind, so zu verunsichern!), aber wenn man sie nimmt, um die Nebenwirkungen von ASS auszuhebeln ,
ist das dann sinnvoll? Tausche Depression gegen Demenz?

#8 |
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Christian Becker
Christian Becker

Frau Walker,
das Problem der NSAIDs ist weniger ihr direkter Angriff auf die Magen- und Darmschleimhaut, sondern, wie im Artikel steht, dass die Synthese des schützenden PGE2 (Schleimproduktion rauf, Magensäureproduktion runter) aufgrund des Wirkmechanismus der NSAID gehemmt wird.
ASS in magensaftresistenter Form gibt es von viele Anbietern… ob das so viel nutzt, ist vor dem Hintergrund nicht ganz klar. Kenne leider keine Studien dazu.

#7 |
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Herr Simon Schweder
Herr Simon Schweder

Wie wäre es denn mal mit Sport?! Hat nachweislich, grade bei Depression, einen deutlichen Effekt durch ausschütten von Serotonin und anderen körpereigenen stimulantien. Ebenso nachweislich einen antiinflammatorischen Effekt. Aber Hauptsache die Menschen immer weiter mit Chemie versorgen! Bayer dankt

#6 |
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Vaith Karl
Vaith Karl

Also, ich habe persönlich Aspirin / ASS tgl. jahrelang eingenommen, um keinen Herzinfarkt oder Apoplex eintreten zu lassen.
Im Jahre 2009 wurde ein Hirninfarkt ausgelöst, im Jahre 2016 wurde ein cancerogener Focus in der Prostata festgestellt.

Also lieber mal einen Check der Hirngefässe und ab und zu die PSA-Werte feststellen lassen.

ASS ja, aber in einer höheren Dosierung wie therapeutisch angegeben.

#5 |
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Rettungsassistent

@Frau Walker
Soweit mir bekannt, ist sowohl Colfarit als auch Micristin nicht mehr am Markt.

#4 |
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Dr. rer. nat. Ingeborg Cernaj
Dr. rer. nat. Ingeborg Cernaj

Zu ASS und Krebs gibt es mehrere interessante Veröffentlichungen; jüngst erschienen z.B. in Cancer Cell International, 2016: “Simultaneous dual targeting of Par-4 and G6PD: a promising new approach in cancer therapy?”
PMID: 27872579
Einfach in medline reingucken…
Dr. rer. nat. I. Cernaj

#3 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Für die Gastritiker gibt es doch ASS mikrovrerkapselt, z. B. Colfarit.
Das wurde leider im Beitrag nicht erwähnt.
K. Walker

#2 |
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Dipl. Soz. päd. Patricia Bust
Dipl. Soz. päd. Patricia Bust

Weniger Stress wäre auch nicht verkehrt

#1 |
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