NEM für Stillende: Teuer und überdosiert

24. Oktober 2017
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Nahrungsergänzungsmittel für stillende Mütter enthalten oft zu viel des Guten. Das ergaben stichprobenartige Untersuchungen der Verbraucherzentrale Hamburg. Apotheker würden nur in Ausnahmefällen auf Gefahren hinweisen, kritisiert eine Expertin.

Junge Eltern geben gerne viel Geld aus, damit ihr Nachwuchs gesund bleibt. In diese Kerbe schlagen Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln (NEM). „Zwischen fünf Cent und weit über einem Euro pro Tag ist alles möglich. Bei einer Stillzeit von sechs Monaten können demnach Kosten von bis zu 340 Euro beim teuersten und nur neun Euro beim günstigsten Produkt anfallen“, sagt Karin Riemann von der Verbraucherzentrale Hamburg. Kunden sind mit der preislichen Vielfalt überfordert, wissen aber auch nicht, welche NEM sinnvoll sind.

Substitution: Wenn dann gezielt

In einem Vortrag fasste Professor Dr. Hildegard Przyrembel vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wichtige Empfehlungen für Stillende zusammen:

  • Der Vitamin-A-Verbrauch sollte in diesem Zeitraum fast verdoppelt werden.
  • Die Zufuhr von Vitamin B1, B2, B6, B12, E, Niacin, Jod, Magnesium, sollte 30 bis 50 Prozent höher sein als bei Nicht-Stillenden
  • Die Zink-Zufuhr sollte um mehr als 50 Prozent vergrößert werden.
  • Der Eisenkonsum sollte bei stillenden und nicht stillenden jungen Müttern um 30 Prozent angehoben werden.
  • Einer stillenden Mutter wird eine tägliche DHA-Zufuhr von 250 mg empfohlen.

Welche Mengen an Supplementen Frauen zusätzlich einnehmen sollten, hängt vom individuellen Speiseplan ab. Przyrembel warnt vor „hochdosierten Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen mit Überschreitung des sicheren Dosierbereichs“. Eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Hamburg ergab jetzt, dass potenziell riskante Produkte häufiger auf dem Markt zu finden sind als bisher vermutet.

Häufig überdosiert

Experten nahmen 14 Produkte unter die Lupe. Die Präparate enthielten teilweise drei bis vier Mal mehr Zink als von Fachgesellschaften empfohlen wird. Größere Mengen führen zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Selen und Folsäure überschritten den Rahmen des wissenschaftlich Sinnvollen ebenfalls deutlich. Langfristik kann das Spurenelement zur Selenose mit Übelkeit, Müdigkeit, Muskelschwäche und Durchfall führen. Folsäure-Vergiftungen treten eher selten auf. Hier werden Symptome wie Depressionen und epileptische Anfälle genannt. Die Einnahme von Multivitaminen sei generell nicht sinnvoll, weil zu unspezifisch und damit wirkungslos. Haben Ärzte tatsächlich einen Mangel diagnostiziert, verordnen sie gezielt ein hochdosiertes Monopräparat. Basis der Begutachtung waren BfR-Empfehlungen für Vitamine und Mineralien.

Kryptische Hersteller-Informationen

Suchen Verbraucher auf der Verpackung oder auf Produktseiten nach weiteren Informationen, laufen sie ins Leere. „Hier verunsichern die Hersteller eher mit blumigen Formulierungen ohne Mehrwert oder widersprüchlichen Angaben zum Nutzen über die Ernährung hinaus“, weiß Riemann. Als Beispiele nennt sie Formulierungen wie „Babywunsch. Babybauch. Babyglück“, „Für Sie, Ihr Baby und die Umwelt!“ oder „Die enthaltenen Nährstoffe decken den erhöhten Bedarf bei Kinderwunsch, in der Schwangerschaft und Stillzeit“. Dies gilt jedoch nicht nur für Produkte in Drogeriemärkten: „Selbst in Apotheken wird nur in Ausnahmefällen auf mögliche Gefahren hingewiesen“, kritisiert Riemann. Hat sie Recht?

29 Wertungen (2.79 ø)
Bildquelle: David D, flickr / Lizenz: CC BY-SA
Pharmakologie, Pharmazie

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11 Kommentare:

Gast
Gast

Selten so einen Unsinn gelesen. Das trifft für den Artikel zu aber auch auf einige Kommentare. Wir können die Vollblutanalysen durchführen und zB den Omega-3-Index messen und Defizite ausgleichen, möglichst 3-6 Monate vor (!) geplanter Empfängnis. Ein optimales Ferritin liegt weit über der Schwelle zur Anämie, Vit.B12 wird nicht im Serum bestimmt sondern Metabolite oder die Aktivität mit Bakterienkulturen ermittelt. Jod im Urin ist ein wertvoller Test. Etc. etc. Etc. Wir gleichen nie nur einen einzigen Mangel aus sondern sehen das ganze „Konzert“!

#11 |
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Gast X
Gast X

Zusammenfassend und logisch mitgedacht lassen sich Artikel und Diskussion dahingehend aufdröseln dass es durchaus sinnvoll ist als Stillende Nahrungsergänzungsmittel zu kaufen. Solange man etwa die Hälfte der auf der Verpackung angegebenen Menge einnimmt und gleichzeitig auf ausgewogene Ernährung achtet ist man rundum versorgt aber nicht überdosiert und bezahlt auch nicht so viel. So jedenfalls habe ich dieses Dilemma für mich gelöst ;-)

#10 |
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Gast
Gast

Unsere Vorfahren… wenn ich das schon höre. Etwa die Vorfahren die eine Lebenserwartung von 50 Jahren hatten? Deren Kinder in vielen Fällen eben nicht gesund waren sondern an Rachitis und anderen Mangelerkrankungen gelitten haben? Die nicht zeitgerecht entwickelt waren oder gestorben sind? „Früher“ gab es auch NEMs zum Beispiel Lebertran. Und die Ernährung ist seitdem (abgesehen von damaligen Hungersnöten) eher schlechter geworden und nicht besser. Meine Oma hat damals statt einem Knoppers ein anständiges Frühstück mit Haferbrei bekommen, mittags Kartoffeln und Kraut statt Nudeln mit Ketchup und abends Suppe oder Eintopf und ein Glas frische Milch statt einem Fruchtzwerg. Statt Duplo und Hanuta gab es zum Naschen frische Beeren oder Obst… und meine Urgroßeltern waren keine reichen Leute.

#9 |
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Dr. med.univ. Helmut Benda
Dr. med.univ. Helmut Benda

Der Diskussion scheint die Basis zu fehlen: Normwerte sind weitgehend unsicher; gemessen werden Blutspiegel, die die Verhältnisse intrazellulär und inzwischen den Kompartments nur ebenso unsicher wiedergeben. Vitamine pflegen – wie Alles im Stoffwechsel – zusammenzuspielen. Die Substitution von einzelnen Stoffen muss in ihrere Wirksamkeit und in den Wirkungen hinterfragt werden. Die Anhäufung eines Produktes an einer Stelle, kann einen Mangel an einem nachgeschalteten Syntheseweg verursachen und damit unproduktiv sein. Im Grunde wissen wir nicht, was wir eigentlich tun. Aber wir wissen, dass sich die Ernährungsgrundlagen entscheidend industrialisiert haben. Die humane Biologie allerdings nicht. Cyborgs mögen vielleicht das kunstoffverpackte Industrieessen. Für den Durchschnittsmenschen ist das zu hinterfragen. Weder Luft noch Wasser sind dem Begriff nach sauber. Sie sind nicht gesundheitsbedenklich nach dem Gesetz. Wald ist kein Wald, sondern eine Plantage. Wir leben nicht in der Natur, sondern in der Naturlandschaft. Und wir müssen deshalb mit den Folgen leben. Genetisch passen wir uns aller Wahrscheinlichkeit nach an. Zum Beispiel an die Kaiserschnittgeburten, die zu einem durchscnittlich größeren Kopfumfang führen (Becken-Kopf-Mißverhältnis). Was sonst noch passiert, wissen wir nicht. Wir ahnen es bloß, wie den Zusammenhang von Fertilität und Plastik oder die Zunahme von Verhaltensveränderung veilleicht auch durch Farbstoffzusatz im Essen. Sicher ist nur, dass es dem Weltall völlig wurscht ist, ob es auf der Erde Leben gibt.

#8 |
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Ärztin
Ärztin

Da muss ich Ihnen widersprechen. Im Laufe der Zeit begegnen einem etliche Patienten die trotz heftiger Beschwerden weder ausreichend diagnostiziert noch behandelt werden. Einfach nur zu behaupten dass durch einseitige Ernährung mit Fastfood und Fertiggerichten keinerlei Mangel entstehen kann ist einfach nur kurzsichtig und -mit Verlaub- faul. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ich hatte schon so manche junge Frau vor mir sitzen die teilweise von anderen Ärzten weggeschickt oder ausgelacht wurden, sie solle sich doch nicht so anstellen wegen dem bisschen Haarausfall… das Blutbild sei schließlich in Ordnung … und siehe da: schwerer Eisenmangel bei niedrig-normalem Hb. Desweiteren begegnet einem auch immer wieder moderater ausgeprägter Folsäure- und/oder Vitamin B12-Mangel. Davon bekommt man freilich nichts mit wenn man die entsprechenden Tests nicht durchführt, nicht wahr?

#7 |
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Gast
Gast

Zu ergänzen ist, nachdem im letzten Jahr Juni der EuGH geurteilt hat, dass alle NEM-Hersteller keine Fachinformation auf den Hompages sowie den Ärzten als auch Therapeuthen mehr herausgeben darf. – Und die Herausgabe der Fachinformation mit Quellenverweis bzw. Quellennachweis nur der Pharmaindustrie vorbehalten ist. – Begründung man könnte sonst die Therapeuthen sowie die Ärzte als auch Patienten, welche sich mehr mit NEM indentifizieren als mit chemischen Arzneimittel mit entsprechenden Nebenwirkungen identifizieren, in die Irre geführt werden.
Ein klassisches Lobby-Urteil, was die Macht der Pharmalobby repräsentiert.

#6 |
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Schwangere und stillende Mütter brauchen keine Nahrungsergänzungsmittel. Es gibt keine Mangelernährung beim Kind in unseren Breitengraden, wenn das Kind gestillt wird – auch wenn die Mutter “unvernünftig” isst. Unsere Vorfahren haben alle gestillt – ohne Nahrungsergänzungsmittel, weil es sie nicht gab bzw. dafür gar kein Geld da war. Wir sind alle gesund und ohne Mangel groß geworden. Selbst mit Fast food und Fertiggerichten kommt es nicht zum Mangel beim Kind. Wir sehen stillende Mütter und gestillte Kinder jeden Tag. Sie sind gesund – da gibt es nichts zu “ergänzen”.

#5 |
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Ärztin
Ärztin

Sie haben recht. Stillen macht hungrig aber dass durch vermehrte Nahrungsaufnahme automatisch auch der Bedarf aller essentiellen Nährstoffe gedeckt wird ist ebenso Wunschdenken. Die meisten meiner Patienten schaffen es doch nicht einmal ihre Ernährung bedarfsgerecht zu gestalten wenn sie nicht schwanger sind oder stillen. Vermehrte Nahrungsaufnahme führt meistens nur zu vermehrter Kalorienaufnahme, mehr Salz und mehr Zusatzstoffen. Der Konsum industriell verarbeiteter „Lebensmittel“ verbessert die Nährstoffversorgung eher nicht. Die ausreichende Aufnahme von Vitaminen, Spurenelementen und essentiellen Aminosäuren gelingt bei der Standard American Diet kaum jemandem, wieso sollte es dann plötzlich klappen wenn ein Kind unterwegs ist? Nein, nein liebe Kollegen. Einfach nur von Naheungsergänzungsmitteln abzuraten reicht nicht aus. Man muss sich vorher davon überzeugen dass auch begriffen wurde was „ausgewogene Ernährung“ bedeutet und eventuell muss vorab auch eine Testung erfolgen. Ich weiß dass ist teurer und aufwendiger als einfach nur zu fragen „denken Sie dass sie genug Folsäure zu sich nehmen?“

#4 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

auch bei NEM gilt :
nicht Eisen ist gut, Jod ist gut , Zink ist gut ——
nein,individuelle Prüfung/ Diagnose : was fehlt mir u. was brauche ich –dann die Therapie .
“neuere NEM ” beziehen sich auf die Funktionsfähigkeit der Mitochondrien u. erfordern mehr Kenntnis als als manche Gäste verstehen .

#3 |
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Gast
Gast

NEMs sind in den meisten Fällen reine Geldmacherei. Ergo empfehle ich sie auch nicht.
Stillen macht hungrig. Die Nahrungsaufnahme erhöht sich und dadurch werden mehr Nährstoffe und Vitamine aufgenommen.
Danke an dieser Stelle auch für die Speisesalzjodierung . Hashimoto lässt grüßen.

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Ärztin
Ärztin

„… haben Ärzte einen Mangel diagnostiziert verordnen sie gezielt ein Monopräparat…“ das wäre ja großartig! Aber das ist Wunschdenken. Die Realität sieht leider ganz anders aus. Selbst bei eindeutigem Verdacht wird so gut wie nie der Spiegel von Vitaminen und Anderen wichtigen Substanzen bestimmt. Selbst bei bekanntem Eisenmangel wird immer nur das Blutbild überprüft obwohl die Anämie erst bei schwerem Mangel nachweisbar wird, das ist ungefähr so effektiv wie durch Palpation der Schilddrüse einen Jodmangel ausschließen zu wollen. Wenn wir wirklich den Patienten die NEMs ausreden wollen müssen wir anfangen Mängel gezielt zu prüfen. Mein Gynäkologe hat mir nach der Entbindung auch Eisen und Jod empfohlen ohne auch nur einen einzigen Blutwert überprüft zu haben… was soll man da noch sagen.

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