Textildoping: Saum statt Spritze

23. Juni 2010
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Die Fußball-WM rückt ins Visier der Sportärzte weltweit. Die testen derzeit spezielle Entwicklungen bei Funktionsbekleidung. Die Kleidung soll in Zukunft Extremsituationen auf dem Rasen überwindbar werden lassen.

Für Brasilien begann die WM 2010 frostig: Temperaturen nur knapp über Null Grad verwandelten das Stadion in Johannesburg in eine Eiskammer, die Seleção agierte gegen Nordkorea „unterkühlt“, wie Sportreporter kommentierten. Furchtbar kalt sei es gewesen, erklärte anschließend auch Abwehrspieler Maicon. Womöglich hätte das Dream-Team des globalen Fußballs vor dem Anpfiff noch schnell die Meinung Schweizer Sportmediziner einholen sollen. Denn welchen enormen Belastungen die Helden des Rasens ausgesetzt sind, weiß Bruno Damann, Clubarzt des FC St.Gallen, seit Jahren zu berichten. Jetzt stellte er, passend zur WM in Afrika seine neusten Ergebnisse an der Materialforschungsbehörde EMPA vor. Fazit des Fachvortrags: Textiles Doping hilft gegen das kollektive Bibbern und Kollabieren auf dem Fußballfeld. Und führt auf Grund der gesteigerten Leistungsfähigkeit mitunter zum Sieg.

„Die Konkurrenz ist nicht der Spieler der anderen Mannschaft, sondern der eigene Mitspieler“, erklärte Damann einem verdutzen Publikum – und lieferte fußfeste Beispiele. Um sich etwa einen Stammplatz im Team zu erobern, müssten die Spieler bereits im Training extrem hart einsteigen. Genau in dieser Phase ereignen sich die meisten Verletzungen. Allein die winzige Schweiz bringt es auf jährlich 191.000 Unfälle im Fußballsektor. Die Liste des sportmedizinischen Grauens hat es in sich: Verstauchungen am Sprunggelenk, Zerrungen an den Knien, Muskelzerrungen an Oberschenkeln setzen den Spielern zu, und beschäftigen die Ärzte. Um das Risiko zu senken, musste eine Lösung her. Das vom Medizinprofessor Jiri Dvorak in Zusammenarbeit mit Fachleuten des FIFA Medical Assessment and Research Centres (F-MARC) ausgearbeitete Trainingspropgramm “Die 11” dürfte dabei nicht nur Ottmar Hitzfeld begeistert haben. Denn die wissenschaftliche Auswertung zeigte, dass die Verletzungen im Spiel nach Etablierung des Trainings allein zwischen 2004 und 2008 um 12 Prozent zurückgingen. Während in Südafrika die meisten Teams schwitzen, arbeiten und stemmen, um vor dem Spiel den Körper auf Trab zu bringen, setzen die Schweizer auf ihr Know-how. „Um einen Rückgang der Verletzungen zu erreichen, genügt es nicht, irgendwelche Kräftigungs-, Koordinations- und Sprungkraftübungen durchzuführen“, beschreibt der staatliche Versicherer SUVA, der neben zwei Millionen Schweizern auch die Armee des Alpenlandes gegen Unfallfolgen absichert.

Doch trotz intelligenter Muckipower herrscht bei den meisten Mannschaften in Sachen Ausrüstung nach wie vor Unwissen. Denn ausgerechnet die von vielen Trainern befürworteten technologischen Innovationen führen Damann zufolge zu „neuen Verletzungen“. Beispiel Schuh. Was in Südafrika in schillernden Farben an den Füßen der Helden daherkommt, outen Sportmediziner als vermeidbare Katastrophe. „Weil die Schuhe heute enorm stabil sind, verleihen sie zwar bessere Bodenhaftung; gleichzeitig nimmt aber die Belastung auf die Knie zu, was mehr Verletzungen in diesem Bereich zur Folge hat“, kommentiert die EMPA die Crux.

Schwimmklamotten für Klose – sportmedizinisch sinnvoll

Wie aber sollten dann Messi, Klose oder Ronaldo beschwingt und vor allem sorglos rennen? Die Finesse des textilen Dopings beginnt nicht am Fuß, sondern bei den Klamotten, wie Ärzte zu erklären wissen. Bislang freilich brachten sich vor allem Schwimmer bei den Olympischen Spielen in Peking vor zwei Jahren mit glatten High-Tech Ganzkörperanzügen wirksam ins Rampenlicht. Noch auf der Jahrestagung 2009 in Goch am Niederrhein schwärmte die Deutsche Schwimmtrainer Vereinigung (DSTV) von den Vorzügen des textilen Dopings – der Begriff fand sich sogar im Tagungsprogramm der elitären Runde. Dass aalglatte Schwimmanzüge im blauen Becken Hundertstel Sekunden retten ist durchaus spektakulär – brächte aber als Kompressionsbekleidung aus ganz anderen Gründen die Fußballjungs voran. Denn der Druck, der durch die Kleidung auf bestimmte Körperstellen wirkt, erhöht den Blutfluss um rund zwei Prozent, zudem werden die Muskelvibrationen verringert. Selbst der Laktatabbau in der Erholungsphase der Spieler scheint mit Doping Textilien besser voranzuschreiten – die Sportler leiden weniger und sind schneller fit. Ob solcher Befunde, scheint Miro Klose im High-Tech Schwimmanzug ebenso möglich wie ein unter Kompressionsdruck stehender Schweisteiger vor dem gegnerischen Tor.

Gegen Temperaturschwankungen und Bibbern wiederum hat Empa-Wissenschaftler Markus Weder eine Sportbekleidung im Visier, die für die optimale Regulierung der Körpertemperatur sorgt. Vor allem Südafrika zeigt, wo die Probleme liegen. Einerseits dürfen die Körper während des Spiels nicht überhitzen, andererseits dürfen laut Weder die Muskeln bei niedrigen Temperaturen keinesfalls unterkühlen, wenn die Spieler stehen. Wie viel die Wahl der richtigen Textilien ausmacht, demonstrierte ein Vergleichstest mit drei verschiedene Trikots: ein altes „Armee-Gnägi“, das Trikot des FC St.Gallen und ein von der EMPA neu entwickeltes T-Shirt für die Armee. Kaum überraschend: Das neu entwickelte Material hält den Körper kühler und verhindert starkes Schwitzen – und trocknet zudem in Windeseile, was Unterkühlung der Sportler während der Stehphasen stoppt.

Bibbern in Johannesburg muss nicht sein

Ob Joachim Löw seine Männer für die 30 Grad-Temperaturunterschiede in Südafrika sportmedizinisch richtig ausgestattet hat, werden die Zuschauer selbst erkennen – denn fatale Textilfehler kann man sehen. Beim offiziellen Trikot des FC St.Gallen beispielsweise fiel im Empa-Test die starke Schweißentwicklung im Bereich des Sponsoren-Logos auf der Brust auf. Trockene Erkenntnis der textilen Materialprüfer: Dort ist die Atmungsaktivität der konventionellen Klamotten gleich null.

48 Wertungen (3.6 ø)
Medizin

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6 Kommentare:

Prof. Dr. Dieter Böning
Prof. Dr. Dieter Böning

Sehr oberflächlich, nichts Konkretes.

#6 |
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Jenseits vom Sport hilft SPIO “Bekleidung” muskelkranken Menschen.

#5 |
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CEO Evaldo Maeder
CEO Evaldo Maeder

Der Fussballschuh ist längst zum Mode- und Massenumsatzartikel mutiert mit entsprechend raschen Modell- und Farbwechseln. Ein “musthave” weil Starkicker-Vorbilder sie tragen. Aber gerade die in Plastik gegossenen Oberteile verlieren nach wenigen Einsätzen die Form und bilden keine passende Einheit mehr zur aggressiv strukturierten Sohle.
Ein gut trainierter Body schwitzt sehr schnell. Mit der Ermüdung sinkt die Körpertemperatur und der Schweissfluss. Diese normale Reaktion können und müssen textile Hilfsmittel nicht verändern.

#4 |
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Dass man sich zum Sport richtig anziehen muss, ist doch ein alter Hut. Schon vor hundert Jahren trug man als Radrennfahrer Woll- und eben keine Baumwolltrikots die sich vollsaugen und noch lange nachkühlen. Und was den Effekt der Kompressionsstrümpfe angeht, kann ich mich meinem Vorredner nur anschließen-Sportler mit Krampfadern mal ausgenommen.
Fazit: schwacher Artikel

#3 |
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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

Heisse Luft…

Kompressionsbekleidung ist in den Ausdauersportarten , gerade Laufen, oder Triathlon “in” – Studien konnten aber bislang nicht nachweisen, dass die Kompression die Leistung steigert – es sieht vielmehr danauch aus, dass eine Kombination aus Placeboeffekt und “wohlfühlen in der Kleidung” vorliegt..

Vielleicht soll auch nur das Geschäftsfeld auf den grossen Markt Fussball ausgedehnt werden???

#2 |
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Der Artikel ist aber nicht drauf eingegangen, was denn im Detail Fuballer tragen sollen. Etwa Fußball-T-Shirts analog zur Schweizer Armee? Die sind zwar atmungsaktiv, verhindern wohl aber kaum das Frieren der Brasilianer in der Aufwärmphase. Oder sollen es etwa Michael Phelbs Ganzkörperswimsuits sein? Na was für eine Lachnummer. Fazit: Der Artikel ist sehr oberflächlich, lockt mit interessantem Beginn, was in Luft endet.

#1 |
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