Mikrobentransfer: Was für ein Kaiserschmarren

23. Oktober 2017
Teilen

Nach wie vor kommen drei von zehn Kindern per Sectio caesarea auf die Welt. Ärzte versuchen, die biologischen Nachteile durch Mikrobentransfers zu kompensieren. Das Verfahren ist nicht frei von Risiken, da auch pathogene Keime übertragen werden können.

Die anhaltende Diskussion um Sinn oder Unsinn von Kaiserschnitten ohne medizinische Indikation trägt langsam Früchte. Vor wenigen Tagen hat das Statistische Bundesamt (DESTATIS) neue Zahlen vorgestellt. Demnach ging der Anteil aller Frauen, die per Kaiserschnitt entbunden haben, von 32,2 Prozent (2015) auf 30,5 Prozent (2016) leicht zurück. Schnittentbindungen haben nach aktuellem Stand der Forschung nicht nur für die Mutter, sondern auch für das Kind etliche Nachteile.

Mehr Infektionen, mehr Übergewicht

Beispielsweise sind per Kaiserschnitt entbundene Kinder anfälliger für Infektionen, insbesondere der Atemorgane. Zu diesem Ergebnis kommt die Techniker Krankenkasse im Geburtenreport 2017. Basis waren Daten von 38.857 Müttern und ihren Kindern. Zusammenhänge mit dem Allergierisiko sind ebenfalls wahrscheinlich. Interessante Daten gibt es auch aus den USA: Ohne vaginale Geburt waren Kinder mehr als doppelt so häufig adipös, berichten Ärzte aus dem Children’s Hospital Boston. Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte tierexperimentelle Studie bestätigt diese Resultate. Der Gewichtsunterschied lag bei bis zu 70 Prozent.

Fragwürdiger Mikrobentransfer

Erstautorin Maria Dominguez-Bello von der New York University erklärt dies mit Unterschieden im Darmmikrobiom. Bei vaginalen Geburten gelangen unweigerlich Bakterien in den Körper des Fötus. Die Tatsache ist wissenschaftlich länger bekannt. Manche Ärzte schlagen deshalb vor, nach Kaiserschnittgeburten einen vaginale Mikrobentransfer durchzuführen. Dabei werden sterilen Kompresse in der Vagina platziert, vor der OP aber entfernt und bei Raumtemperatur steril gelagert. Nach der Entbindung wird das Kind mit der Kompresse eingerieben.

Risiko für das Kind

Das Interesse am Verfahren ist groß: Mehr als 90 Prozent aller Gynäkologen sprechen mit ihren Patientinnen darüber, sollte ein Kaiserschnitt anstehen. „Ich verstehe wirklich, es ist ein faszinierender Gedanke, dass man die Natur imitieren kann, aber das basiert auf theoretischen Überlegungen, und wir haben derzeit keine Beweise“, sagt Tine D. Clausen von der Uni Kopenhagen. Sie verweist nicht nur auf die schlechte Datenlage beim Mikrobentransfer. Vielmehr warnt die Expertin vor klaren Risiken für das Baby.

Dazu gehört zum Beispiel die Übertragung von B-Streptokokken und E. coli. Clausen will nicht ausschließen, dass sexuell übertragbare Erkrankungen (STD) so den Weg zum Neugeborenen finden. Viele Frauen gehören nicht zu Risikogruppen und wissen nichts von der eigenen Erkrankung.

Angst vor dem Skalpell?

Die Wissenschaftlerin fordert deshalb, Schnittentbindungen kritisch zu hinterfragen. Viele vorher geplanten OPs werden auf Wunsch der Eltern durchgeführt. Sogenannte relative Indikationen kommen mit hinzu. Das heißt, die werdende Mutter leidet an Geburtsangst oder an Depressionen. Übergewicht oder chronische Darmerkrankungen sind hier ebenfalls zu nennen. In vielen Fällen sei die vaginale Geburt trotzdem möglich, konstatiert Clausen.

16 Wertungen (4.25 ø)
Bildquelle: Salim Fadhley, flickr / Lizenz: CC BY-SA
Gynäkologie, Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

12 Kommentare:

Gast
Gast

Hoffentlich sind Sie nicht Geburtshelfer geworden, Herr Groh. Ihr Kommentar ist unangebracht, unsensibel und stärkt meine Meinung, dass Männer in der Geburtshilfe NICHTS verloren haben.
Ohne freundliche Grüße, eine angehende Gynäkologin und Mutter

#12 |
  1

Es gibt massenweise Studiendaten, besonders gerne in vitro im Labor: Aber im Leben draußen in vivo fehlen praktisch nutzbare Studienergebnisse und Konsequenzen für den klinischen Alltag. Da ist mir noch viel zu viel Raum für Spekulationen und zu wenig therapeutische Konsequenz.
Anke Brodmerkel in Medscape Deutschland berichtete über das “vaginal seeding” unter dem Titel “Umstrittene Bakterienkur: Wie riskant ist es, Säuglinge nach Sectio mit dem mütterlichen Scheidensekret einzureiben” – “in der Hoffnung, das Immunsystem der Neugeborenen auf diese Weise zu stärken und so dem Entstehen von Allergien, Asthma oder Typ-1-Diabetes vorzubeugen”
https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4904646
Die Zusammensetzung der Darmbakterien solle dadurch bei Kindern, die mit Sectio caesarea geboren wurden, bei Kindern, die vaginal geboren wurden, angeglichen werden. Die Unterschiede sind naheliegend: Während natürlich geborene Kinder als erstes mit den mütterlichen Scheidenbakterien konfrontiert werden, sind es bei Kaiserschnitt-Babys in der Regel die Haut- und Umweltkeime der Umgebung.
Aber soll wirklich, während bei manchen Naturvölkern die Nabelschnur postpartal durchgebissen und das kindliche Ende zusätzlich mit Erde bestäubt wird, weil diese Rituale die Abwehrkräfte des Kindes stärken und zugleich das “Survival of the Fittest”-Prinzip festigen sollten, jetzt alle Sectio-Kinder gezielt mit Vaginalflora kontaminiert werden?
In einer aktuellen Studie taucht sogar die Hypothese auf, ein elektiver Kaiserschnitt, noch bevor die Wehen eingesetzt haben, begünstige das kindliche Risiko, später an einer akuten lymphatischen Leukämie zu erkranken. Obwohl die Ursachen der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) noch völlig im Dunkeln liegen, wird jetzt statt der höheren ovariellen Mutationslast bei späten Erstgebärenden die dann häufigere elektive Sectio caesarea verantwortlich gemacht. Vgl.
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/65887/Studie-Elektiver-Kaiserschnitt-koennte-Leukaemie-Risiko-erhoehen

#11 |
  1
Dr. med. Michael Walter Groh
Dr. med. Michael Walter Groh

Schade, dass es die Parazervikalblockade nicht mehr gibt. Nach Applikation war es im Kreissaal immer ruhig. Ich habe nie Frauen schreien hören. Und die rechtzeitig gesetzte Pudendusblockade vor dem Durchtritt hat mir dann geholfen, die junge Mutter nicht auch noch mit einer Infiltrationsanästhesie belästigen zu müssen, wenn es doch zum Riss kam oder nach einem Dammschnitt.
Leider gab es zuviele Zwischenfälle mit dieser Methode. In der Zeit, als ich gynäkologischer und geburtshilflicher Assistent war, allerdings nicht in unserer Klinik (Dr. Wienker in Cloppenburg).

#10 |
  6
Tierheilpraktikerin

Meine beiden Kinder (13 und 10 Jahre alt) sind per Kaiserschnitt (ungeplant) zur Welt gekommen. Ich habe sie ca. 9 und 13 Monate lang gestillt, aber nicht ausschließlich. Sie haben bis jetzt zum Glück weder Asthma noch Diabetes 1, noch Übergewicht, noch Störungen des Verdauungstraktes entwickelt. Womöglich haben sie sogar einen Vorteil durch das fehlende Microbiom, da ich selbst übergewichtig bin. Da bin ich doch froh, dass ich ihnen diese Veranlagung nicht weitergegeben habe ;-). Ach so, ich habe auch keine Depressionen entwickelt, sondern war einfach nur froh, dass wir die Geburt gesund überstanden haben. Allerdings hätte ich gerne auf die lange Wundheilung verzichtet, habe sie aber umständehalber gerne in Kauf genommen.
M.Stoll
THP

#9 |
  3
Heilpraktiker

Das MIKROBIOM gerät in den letzten Jahren immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Wir verzeichnen in den letzten 30 Jahren ja einen rapiden Anstieg kindlicher (nicht ansteckender) Krankheiten wie Asthma, Diabetes 1, Übergewicht, Störungen des Verdauungstrakt und anderer.
Bei diesen Erkrankungen und bei vielen weiteren geht man heute davon aus, dass das veränderte Biom eine entscheidende Rolle spielt.
Ein wesentlicher Aspekt, der zur Veränderung des Bioms führt, ist –neben Antibiotika-Einsatz- die gegenwärtige Geburtspraxis, denn das Biom wird über die mütterliche Linie weitergegeben:
Bei der vaginalen Geburt erfährt das Neugeborene eine Art Impfung (=Seeding) mit dem mütterlichen Biom. Wir finden deshalb eine ähnliche Besiedlung bei der Großmutter, bei der Mutter, bei den Kindern usw.
Ganz anders sieht es bei Sectio -Geburten aus: Das Biom, dass sich in der Ahnenlinie seit Generationen entwickelt hat- sich also bewährt hat… wird NICHT weitergegeben. Ein verändertes Biom ist die Folge. In unserer Generation haben wir –teils aus Unwissenheit- vielen Kindern diesen „Schatz ihrer Ahnenlinie“ vorenthalten. Darüber werden Mütter bei der „Aufklärung“ zur Sectio in der Regel NICHT informiert.
Vaginal Geborene die auch gestillt werden, kommen durch den Kontakt mit der Mutterbrust und aufgrund der Zusammensetzung der Muttermilch (diese enthält Biom-nährende Oligosacharide) besser weg.
Optimal für ein gesundes Biom ist die vaginale Geburt + Stillen (wie von der Natur vorgesehen…)
Auch bei Encephalomyelitis disseminata (MS) wird ja mittlerweile über eine Beteiligung des Bioms diskutiert, das macht die Angelegenheit nicht weniger brisant.
Ob die gegenwärtige “Sectio-Aufklärung” nicht fahrlässig sei, wurde ich kürzlich von einer Mutter gefragt.
Wieviele Frauen würden sich noch für eine (medizinisch unbegründete) Sectio entscheiden, wenn sie befürchten, dass damit das Risiko für MS steigt?
Selbst wenn die individuelle Geburt natürlich nicht der einzige Auslöser für die diversen Symptome ist, wird uns doch die Bedeutung der Geburt (und der vorgeburtlichen Zeit) mehr und mehr bewusst.
Gute Information zum Mikrobiom und auch zum SEEDING finden Sie
in dem Film MICROBIRTH.

In Bezug zur Geburtspraxis wird derzeit meist nur der Aspekt des Microbioms diskutiert, genauso bedeutend ist jedoch der Bindungs-Aspekt, insbesondere auch die vorgeburtliche Bindung. Je nach Geburtsintervention kann Bindung sehr leicht irritiert werden! Ein Großteil ALLER Symptomatiken und Krankheiten mit denen Patienten später in unsere Praxen kommen, kann man im weitesten Sinne auf eine Dysregulation des autonomen Nervensystems zurückführen: Das ANS erhält seine ersten Prägungen eben schon prä- und perinatal, das sollte uns –die wir mit Schwangeren/Neugeborenen arbeiten- nachdenklich machen.

#8 |
  7
Gast 5
Gast 5

@Frau Cortes: bei der Geburt während der Wehen zu schreien ist gut und wichtig. Deswegen nennt man es auch Kreißsaal (von Kreischen). Dem Impuls bei Schmerz die Luft anzuhalten und in Stille zu ertragen darf man hier keinesfalls nachgeben denn Mutter und Kind brauchen die Luft dringend. Jeder Schrei ist eine wichtige Portion Sauerstoff für das Baby.

#7 |
  1
Gast 5
Gast 5

Dass eine Geburt so oder so wehtut dürfte wohl jeder Frau klar sein. Ja, es tut weh. Irrsinnig. Aber es gibt schlimmeres. Dass die Schmerzen nicht mit der Geburt aufhören sondern die Heilungsphase und das Wochenbett ebenso schmerzhaft und kräftezehrend sein kann hat sich wohl auch herumgesprochen. Das betrifft sowohl Spontangebärende als auch Sectiopatientinnen. Dagegen kann man nicht viel machen. Aber an einem wichtigen Punkt muss sich dringend etwas ändern: bessere Bezahlung für Spontangeburten damit wichtige Geburtsstationen nicht schließen müssen und in jedem Kreisssaal auch genug Personal beschäftigt werden kann. Ohne Hebammen geht nichts. Ein Skandal. Die bittere Wahrheit ist doch dass viele die Sectio nicht wegen der Schmerzen wählen sondern weil sie Angst haben im Kreißsaal allein gelassen zu werden oder in der Besenkammer entbinden müssen weil kein Kreisssaal frei ist.

#6 |
  5
Nichtmedizinische Berufe

Vielleicht sollte man sich den Wunsch nach sectio dochmal genau angucken, bevor man die Freizeitplanung dafür verantwortlich macht. Ich komme aus einem Land, da ist Kaiserschnitt die Wunschgeburt und ab Mittelschicht dann auch die Regel. Aber auch wenn ich meine Freundinnen in Deutschland frage, warum sie das wollen, nennen sie Angst vor Schmerzen. Ja, eine Geburt tut heftig weh. Viele Frauen brüllen vor Schmerzen. Und die PDA – die wirkt nicht immer., was man auch immer sagen möchte, ich kenne einige Frauen, bei denen hat nichts an Schmerzlinderung angeschlagen ( ich eingeschlossen). Hilflos vor Schmerzen brüllen , umgeben von rabiaten Hebammen , und ausgeschimpft werden weil man schreit – das ist halt eine Horrorvorstellung. Das nächste Mal sectio, das schwören sich doch dann einige.
Dass sich Frauen, bei denen sectio medizinisch nötig war, sich (unnötig) Sorgen und Vorwürfe machen, ihrem Kind mit drohenden Infektionen und Übergewicht zu schaden, das kommt beim Tenor solcher Artikel auch noch dazu.

#5 |
  15
Gast
Gast

Mir ist ehrlich gesagt nicht klar weshalb unnötigerweise auf Risiken beim Transfer des Mikrobioms hingewiesen wird wenn eine Übertragung bei Spontangeburt ohnehin stattfindet. Ein Abstrich mit Test auf Steptokokken wird ohnehin bei jeder Schwangeren durchgeführt. Ich frage mich vielmehr warum man erst jetzt damit anfängt.

#4 |
  2
Nichtmedizinische Berufe

@ Miriam Hornung
Das habe ich nicht so verstanden. Die Muttermilch enthält (anfänglich) Abwehrstoffe, aber keine Erreger, um das Immunsystem zu regulieren.
Ich selbst habe nach den Sektios fast 11 bzw. 20 Monate gestlllt.

#3 |
  2
Miriam Hornung
Miriam Hornung

#1, wieso gehen Sie davon aus, dass nach Sectios automatisch nicht gestillt wird?

#2 |
  1
Dipl.-Stom. Reimar Zetzmann
Dipl.-Stom. Reimar Zetzmann

Es ist seit vielen Jahren bekannt, daß Schnittgeburten Mängel im Immunsystem
zeigen, da weder über die Muttermilch noch über den Geburtskanal die notwendige Flora übertragen wird. Die üngenügende Entwicklung des Immunsystems des Neugeborenen ist die fatale Folge. Meines Wissens wird
in Deutschland nur unzureichend bzw. gar nicht darüber aufgeklärt. Wunschsectios und Freizeit an Wochenenden und Feiertagen sind die Ziele.
Leider zu Lasten des Neugeborenen.

#1 |
  9


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: