Wenn Piercer Chirurg spielen

20. Oktober 2017
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„Fleischtunnel“ oder „Flesh Tunnel“ waren lange Zeit in Mode. Jetzt bieten zahlreiche Studios an, die geweiteten Piercings zu entfernen und das lädierte Ohr zu vernähen. Was heilberufliche Leistungen angeht, bewegen sich Piercer mit diesem Service in einer Grauzone.

Der Trend zu Flesh Tunnels begann vor mindestens zehn Jahren. Viele Jugendliche mit diesen Piercings haben längst ihre Ausbildung oder ihr Studium abgeschlossen. Sie merken, dass ihr Körperschmuck nicht bei allen Arbeitgebern auf Wohlwollen stößt. Häufig führt der Weg zurück ins Studio, um unliebsam gewordenes Metall wieder entfernen zu lassen. Die Zahl an Kunden sei in letzter Zeit „ganz enorm gestiegen“, erklärt Ansger Fritze vom Studio Classic Tattoo Berlin gegenüber ze.tt. Er sticht nicht nur Löcher, sondern schließt diese auch mit kleinen Eingriffen – wie ein Chirurg. DocCheck ging der Frage nach, wo die Grenze zwischen Medizin und Piercingkunst zu ziehen ist.

Wer bestimmt, was eine heilkundliche Tätigkeit ist?

Juristisch gesehen stellt der Piercingvorgang eine Körperverletzung dar. Kunden müssen deshalb vorab aufgeklärt werden und ihre Einwilligung abgeben. Weist der Behandelnde nicht auf mögliche Folgen wie Entzündungen oder Nervenschädigungen hin, kann er juristisch belangt werden (hier ein Beispiel: Amtsgericht Neubrandenburg, Az.: 18 C 160/00).

„Wie schon beim Piercen selbst befindet sich der Piercer auch bei der Rückgängigmachung des Eingriffs in einer rechtlichen Grauzone“, erklärt Rechtsanwalt Jan Wilking aus Oldenburg gegenüber DocCheck. „Es spricht aber viel dafür, die Durchführung von Ohrrekonstruktionen rechtlich als Ausübung von Heilkunde einzustufen.“

Als Quelle zur weiteren Beurteilung nennt Wilking das Heilpraktikergesetz: Ausübung der Heilkunde ist „jede berufs- oder gewerbsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen, auch wenn sie im Dienste von anderen ausgeübt wird“. Der Experte erklärt: „Dabei ist der Begriff verfassungskonform dahingehend auszulegen, dass eine Ausübung der Heilkunde immer dann vorliegt, wenn von der Behandlung eine mittelbare oder unmittelbare Gesundheitsgefährdung ausgeht.“ Eine Piercer, der weder Heilpraktiker noch Arzt ist, befindet sich demnach in einer rechtliche Grauzone.

„Ohne Frage ein chirurgischer Eingriff“

In der Regel will man sich nicht nur von seinem Tunnel trennen sondern auch von dem ausgedehnten Hautring, der zurückbleibt. Um die Folgen eines „Flesh-Tunnels“ zu beseitigen, entfernen Piercer Gewebe und vernähen anschließend die Hautenden so, dass das Endergebnis ästhetisch und dem zweiten Ohr so ähnlich wie möglich ist. „Dies stellt ohne Frage einen chirurgischen Eingriff dar, bei dem es zu Nervschädigungen oder Blutungen kommen kann“, kommentiert Wilking. Infektionen und andere Komplikationen wie Nachblutungen und Wundheilstörungen seien nicht auszuschließen.

„Es ist also kaum von der Hand zu weisen, dass von der Behandlung eine mittelbare oder unmittelbare Gesundheitsgefährdung ausgeht und daher eine Ausübung von Heilkunde vorliegt im Sinne des § 1 Abs. 2 HeilPrG vorliegt.“ Heilkunde darf aber nur von Personen erbracht werden, die über eine ärztliche Approbation oder Heilpraktikererlaubnis verfügen. Wilking: „Verfügt der Piercer hierüber nicht, darf er die Rekonstruktion nicht durchführen.“

Chirurgen halten wenig von ihren „Kollegen“

„Ohrläppchenrekonstruktion ist keine Aufgabe eines Piercers“, so Professor Dr. Riccardo Giunta von der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen auf Nachfrage. „Daher würde ich als plastischer Chirurg warnen, solche operativen Eingriffe nicht von einem ausgebildeten Arzt durchführen zu lassen.“ Die im Blog dargestellten Verfahren seien Lappenplastiken und damit Teil der Plastischen Chirurgie.

28 Wertungen (4.82 ø)
Bildquelle: Lubir, Wikimedia commons / Lizenz: CC0

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15 Kommentare:

Gast
Gast

Zu #10 : Nein, chirurgische Nahttechniken sind nicht Bestandteil des ersten Semesters, auch nicht des 2., 3. oder 4. Semesters. Vorklinik ist Ihnen ein Begriff?

#15 |
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Niels Christ
Niels Christ

Ich möchte anmerken, dass die Aussage: jede Körperverletzung ist kriminell. Rechtlich nicht haltbar ist. Fast jeder medizinische Eingriff stellt eine Körperverletzung dar, weshalb auch immer eine Einwilligung notwendig ist. Genau eine solche Einwilligung holt auch der Piercer ein und damit entfällt der Straftatbestand. Eine Einwilligung in einen Verstoß gegen das Heilpraktikergesetz dagegen, ist nicht möglich und somit muss es endlich Grundsatzurteile geben, welche die Arbeit von Piercern in einem verantwortungsvollen Rahmen halten.

#14 |
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Gast
Gast

Zu #12 Gast: Nicht ist schon richtig. Er warnt ja davor, es nicht von einem Arzt machen zu lassen.

#13 |
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Gast
Gast

Sind sie sicher das Professor Dr. Riccardo Giunta, DAS gesagt haben soll?
„Daher würde ich als plastischer Chirurg warnen, solche operativen Eingriffe NICHT von einem ausgebildeten Arzt durchführen zu lassen.“

Da sollte wohl ‘nur’ stehen.

#12 |
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Gast
Gast

Abgesehen davon, dass so etwas meiner Meinung nach ausschließlich in Medizinerhände gehört, muss man Herrn Fritze lassen, dass er (kosmetisch) eine wirklich ordentliche Arbeit abliefert.
Da das aber sicher in den wenigsten Studios der Fall ist, darf es diesbezüglich keine Diskussionen geben.

Wenn ich an die vielen Patienten in der Notaufnahme denke, welche mit eitrigen “Piercings“ und sonstigem Schmuck ankamen, möchte ich mir nicht ausmalen was passiert, wenn diese Rekonstruktionen jedes Studio mal nebenbei anbietet..

#11 |
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Gast
Gast

Also ich weiß ja nicht in wie fern die Herren Doktoren sich jetzt angegriffen fühlen,aber eine simple naht zu machen lernt man bereits im 1 Semester des Studiums

#10 |
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Gast
Gast

Herr Rehbein: gleiche Diskussion wie bei den Tattoos. Andererseits bezahlen wir ja schließlich auch die Folgekosten des Rauchens, die des Alkoholkonsums und der zuckerreichen Ernährung. Hier werden weder Verbraucher noch Industrie in die Pflicht genommen… warum sollte das ausgerechnet bei Tattoos und Piercings anders sein?

#9 |
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Anselm Jonas Rehbein
Anselm Jonas Rehbein

Mir wirft sich die Frage auf, warum die zunächst gewünschten “Verstümmelungen” von jemandem ohne medizinische Ausbildung durchgeführt werden dürfen, die kosmetische Korrektur dann aber ärztlich zu Lasten der GKV erfolgen “muss”.

Ich würde mich ja fast so weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass es ein volljähriger Mensch selbst entscheiden soll, von wem er was mit seinem Körper abstellen lässt. Aber das ist sicherlich etwas naiv…

#8 |
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Wenn man auf die Kundschaft sieht, wundert einen ohnehin nichts mehr. Da scheint die Körperverletzung zum “Schönheitsideal” zu gehören.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tattoo_Week_2015_(20017394961).jpg

#7 |
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Gast
Gast

Erst Dorchlöchern und dann Verstümmeln. Branding oder irgendwelche Fremdstoffe unter die Haut plazieren. Das alles in einem Tättoostudio wo der Behandler keine med. Ausbildung hat?
Was soll das Herr Gröhe???? Tun Sie was dagegen!!!
MRSA Keime oder andere Infektionskrankheiten sind überall.
Ohrläppchen haben auch eine Funktion und es sind sehr viele Akupunkturpunkte dort vertreten.

#6 |
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Ja, die Glücksritter finden immer wieder eine neue Geldquelle. Was wird aus all den Betreibern von Sonnen-, Nagel- und sonstigen Studios? Die Mode und der Geschmack ändern sich, nicht aber die, die damit leicht Geld verdienen.

Und wie immer gilt: Je geringer die Sachkenntnis, desto schneller und unbeschwerter das Urteil/das Unwesen.

#5 |
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Gast
Gast

Das ist nicht nur Tätigkeit in der Grauzone, sondern eine Körperverletzung und damit schon kriminell.

#4 |
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Gast
Gast

Möchte meinen beiden Vorgängern beipflichten. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass die Heilpraktiker immer wieder und gerade zur Zeit verstärkt durch Verfehlungen Einzelner am kollektiven Pranger stehen, während solche wie hier beschriebene “Grauzonen” durch die Behörden nicht nachhaltig unterbunden werden.

Hp

#3 |
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Gast
Gast

Verzeihung aber für mich ist das definitiv keine rechtliche Grauzone, sondern eine verbotene Ausübung der Heilkunde! Das gehört sofort verboten.

#2 |
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Heilpraktiker

Dazu möchte ich ergänzend hinzu fügen, daß eine solche Rekonstruktion auch von Heilpraktikern nicht durchzuführen ist, es sei denn, es geschieht ohne Betäubung, was ich jedoch nicht für praktikabel halte. Das AMG erlaubt uns die Anwendung von Betäubungsmittel nur i.c., damit scheidet diese chirurgische Maßnahme für uns aus. Ganz abgesehen davon, daß man so etwas erlernen und üben muß und welcher plastische Chirurg bildet Heilpraktiker darin aus. Deswegen gehört Pircing auch nicht in das Tattoo-Studio.

#1 |
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